Verlag Langgaffe 21
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Sonntag, 28. Juni ry14.
Morgen'Ausgabe.
Nr. 2)5. » 62. Iahrgcmg.
Der slawische Kurs in Österreich.
(Von unserem Wiener Mitarbeiter.)
K. w. Wien, 25. Juni.
Immer enger schließt sich der slawische Ring um die zehn Millionen Deutschen in Österreich im Norden und lm Süden. _ Der slawische Kurs, der seit Taaffe von der österreichischen Regierungspolitik eingeschlagen wurde, zeigt jetzt seine erschreckenden Wirkungen. Die Saat, die vor mehr als dreißig Jahren ausgesät wurde, ist jetzt in die Halme geschlossen, ist bereits reif und seit der Badenizeit ist den Deutschen in Österreich nicht mit solcher Deutlichkeit zum Bewußtsein gebracht worden, daß sie aus sich selbst angewiesen sind, als setzt. Die Sudetenländer sind bereits ganz den Tschechen ausgeliefert, in Böhmen schaltet und waltet der Voll- blutschcche Fürst Thun, die tschechische innere Amtssprache, um die bei den deutsch-tschechischen Verhandlungen so viel herumgestritten wird, ist in den tschechischen Bezirken via. facti längst eingeführt, dreht sich nur mehr darum, der tschechischen Spracht auch in den deutschen Bezirken Böhmens so viel als möglich Geltung zu verschaffen. Die Deutschen sollen im böhmischen Landtage mit ein paar Gnadenbrocken abgefertigt werden, damit der tschechischen Sprache in Böhmen auch die letzten Positionen, in die sie noch nicht eindringen konnte, eröffnet werden. Das ist kein Ausgleich mehr, das ist der Anfang vom Ende. In Mähre n haben die Deutschen freiwillig abgedankt, die Herrschaft im. Lande haben die Tschechen. Brün n, die Landeshauptstadt, bewahrt nur noch mit vieler Mühe und gestützt auf ein veraltetes Gemeinde- Wahlrecht, den Schein einer deutschen Stadt. Aber schon sind alle Vorstädte tschechisch, immer enger schließt sich der Ring um das deutsche Bürgertum der inneren Stadt; ein paar hundert Stimmen können die Entscheidung bringen. Bis weit hinein nach Niederösterreich und O b e r ö st e r r e i ch dringen bereits die Ausläufer des T s ch e ch e n t u m s, seitdem von den tschechischen Führern die Parole ausgegeben wurde, wozu nach Amerika auswandern, da doch in Österreich selbst noch genügend deutsches Land vorhanden sei. In Wien selbst sind bei der letzten Volkszählung rund 200 000 Tschechen gezählt worden, was auch nur dadurch möglich war, daß die Umgangssprache als entscheidend angenommen wurde. Hätte _ man es jedem einzelnen frei gestellt, sich zu einer Nationalität zu bekennen, die Zahl der Tschechen hätte das Doppelte erreicht. Die Tschechen sind in den letzten Jahren kapitalskräftig geworden, nationale Geldinstitute arbeiten mit ungeheuren Geldmitteln für ihr wirtschaftliches Vordringen, die Regierung steht auf ihrer Seite.
Dieselbe Tendenz besteht im Sü de n. Im Küstengebiete des Adriatischen Meeres hat die Regierung die Wahl gehabt, sich für das Jtalienertum oder das Südslawentum zu entscheiden. Sie entschied sich, nicht ohne Schuld der Italiener, deren offen betriebene Jrredenta mit der Zeit unerträglich wurde, für die S ü d s l a w e n. Die Folgen werden setzt sichtbar. Von- den 636 000 Einwohnern Dalmatiens
sind heute nur 18 000 Italiener, die übrigen Südslawen. In den übrigen Küstenländern — Triest, Görz- Gradiska, Istrien — waren die Südslawen bei der letzten Volkszählung schon mit 60 000 Köpfen in der Mehrheit gegenüber den Italienern und Deutschen zusammengenommen. In T r i e st selbst ist die Zahl der Südslawen in den letzten zehn Jahren von 24 679 auf
86 916 gestiegen. Hält der Zuwachs der Südslawen in Triest in den nächsten zehn Jahren im selben Verhältnis an, so hat Triest bei der nächsten Volkszählung eine südslawische Bevölkerungsmehrheit. Es ist klar, daß ein derartiges rapides Anwachsen einer Nation nur möglich ist, wenn sie von der Regierung unterstützt wird. Tatsächlich werden in den staatlichen Ämtern und Stellen im Adriagebiet fast ausschließlich Süd- ilawen angestellt; der Prozentsatz der südslawischen Staatsange st eilten beträgt gegenwärtig
87 Prozent. Hier liegt also ein durch Tatsachen nachweisbares System vor; die österreichische Adria ist bereits südslawisch gemacht worden, die letzte nichtslawische Position, Triest, wird in den nächsten zehn Jahren ebenfalls fallen. Mit dem Küstengebiet wurde aber auch sein Hinterland vollständig den Slowenen ausgeliefert. Krain ist heute vollständig slowenisch, nicht einmal eine gemischtsprachige Straßentafel zeigt mehr die einstige Position der Deutschen an. Schulen und Amtssprache rein slowenisch, die deutsche Minorität ist auf 30 000 zusammengeschrumpft und vollständig entrechtet. In Unter- st e i e r m a r k gehen die Ausläufer südslawischer Bewegung bereits über Marburg hinaus und nur die stramm deutschnational gesinnte Mehrheit des steirischen Landtages verhütet noch ein rapideres Vordringen der Slowenen. Und jetzt wird K ä r n t e n, wo die 80 000 Slowenen mit den 300 000 Deutschen bisher in bestem Einvernehmen gelebt haben, mit slowenischen Agitatoren aus Krain überschwemmt. Schon hat der Verwaltungsgerichtshof als oberste Instanz ent- schieden, daß die Gemeinden in Kärnten mit slowenischer Mehrheit Anspruch auf Schulen mit rein slowenischer Unterrichtssprache haben und die Regierung geht daran, dieser Entscheidung Geltung zu verschaffen. Damit ist dem bisherigen utraquistischen Schulsystem in Kärnten der Garaus gemacht und das deutsche Kron- land Kärnten geht demselben Schicksale entgegen wie die deutsche Steiermark. Die Südslawen besitzen also nicht nur heute schon das ganze Adriagebiet und in sehr naher Zeit den Hafen Triest, es wurde ihnen auch das Hinterland und dadurch der Zugang zur Adria ausgeliefert. Die österreichischen Den t- s ch e n sind heute schon von der Adria und von Triest abgetrennt. Sie werden int Norden von den Tschechen, im Süden von den Südslawen umklammert und immer kleiner wird das Gebiet in den Alpen- nnd Donauländern, wo sie noch Herren im eigenen Hause sind. Sicherlich entspricht die vollständige Auslieferung der 10 Millionen österreichischen Deutschen an das Slawentum und die Begünstigung des slawischen Vormarsches der traditionellen Hausmachtpolitik des österreichischen Herrscherhauses, die darin eine bessere Sicherstellung der eigenen Position erblickt. Und doch ist diese Politik a u ch von diesem Standpunkt aus kurzsichtig. Sowohl während der Annexions
krise als während des Balkankrieges haben sich die Deutschen als das einzige st a a t s t r e u e Element in Österreich erwiesen. In Bosnien, _ Dalmatien und Kroatien konnten nur durch Proklamierung des Ausnahmezustandes s e r b e n f r e u n b 1t cfj e Demonstrationen und noch Ärgeres hintangehalten werden. Sticht geringer war der Serbenkultus in den tschechischen Teilen Böhmens, wo es sogar zu offenen Meutereien der tschechischen Soldaten gekommen ist. An der Spitze der tschechischen Politik steht aber noch immer der Dr. Kramarsch, der in Rußland reich begütert, aus seinen russenfreundlichen Gefühlen noch niemals ein Hehl gemacht hat, ebensowenig wie aus seinen p a n s I a w i st i s ch e n Bestrebungen. Die Slawen Österreichs gravitieren trotz aller Bevorzugung nicht nach S ch ö n b r u n n, am wenigsten aber die S ü d s l a w e n, als deren Lebenstrau m die Errichtung eines großen südslawischen Königreiches gilt. Aber auch für die europäische Konstellation kann der eminent slawische Kurs, der jetzt in Österreich eingeschlagen wird, nicht gleichgültig bleiben. Österreich-Ungarn gehört zum Dr e i b u n d, solange die Deutschen in Österreich nicht jedes Einflusses beraubt sind. Jeder Fortschritt des Slawentums entfernt Österreich-Ungarn naturgemäß von seinen bisherigen Bundesgenossen, da ein slawisches Österreich seine Orientierung naturgemäß in einer ganz anderen Richtung suchen müßte und suchen würde als bisher. Das sind Binsenwahrheiten, die in Österreich jedermann bekannt sind und die immer wieder sich in erschreckender Nähe zeigen, sobald neue Ziffern und neue Tatsachen neue Beweise für die konse- quertte Slawisierungspolitik der österreichischen Regierung liefern. Diese Binsenwahrheiten verdienen jedoch auch in Deutschland bekannt zu werden, Caveant consules!
Unersetzlich.
Von Pfarrer Spieß (Hatzfeld).
Es wird nur sehr wenige Menschen geben, von denen inart sagen kann, daß sie unersetzlich seien. Mancher mag sich irrt Vollgefühl seiner Fähigkeiten urid der Anerkennung, die seine Arbeit findet, dafür halten; wenn er aber daraus achtet, wie rasch sich über einem, der seinen Posten verläßt, die Lücke wieder schließt, wie groß die Zahl derer ist, die nur darauf warten, einzurücken, und wie unter ihnen mancher ist, der die Stelle besser ausfüllt als der, der vor ihm dagestanden hat, wird er bescheidener auch von sich denken lernen müssen. Selbst unter den Großen der Geschichte sind die nicht allzu zahlreich, die unter den Mitlebenden und Nachfolgenden nicht ihresgleichen fanden und ohne die wir uns unsere heutige Kultur nicht denken können. Und auch für sie gilt das Urteil nur mit Einschränkung. Ein Mann wie Goethe hat mit seiner Wirksamkeit doch immer nur einen kleinen auserlesenen Kreis umfaßt; für viele Tausende unserer Volksgenossen bedeutet er, das wollen wir ruhig eingestehen, nichts. Und all die Millionen in den Fabriken und Schreibstuben, auf den Äckern und an den grünen Tischen können jederzeit ihre Arbeit ruhig in andere Hände legen; der Lauf der Dinge geht auch ohne sie weiter.
Trotz der hohen Wertschätzung, die unsere Zeit der Persönlichkeit entgegenbringt, und trotz des oft abstoßenden
Nachdruck «erböte»
Christel.
Erzählung von Clara Schelper.
Christel war teilweise das Entzücken und zum andern Teil das Entsetzen des Hauses Lindenstraße 17. Ihr sonnen- blondcs Köpfchen, ihre lachenden Blauaugen und ihr munteres Geschwätz machte alle Leute, die ihr begegneten, in sie verliebt, aber Christel hatte einen Fehler — sie sang! Sie sang die wildesten, selbsterfundenen Melodien mit überlauter Stimme in den höchsten Tönen, und zwar immer im Treppenflur des Hauses Lindenstraße 17. Und nicht alle Hausbewohner hatten die Milde und Ergebung von Fräulein Lotte Hein, die im Parterre den kleinen Pntzladen betrieb und die dem sanges- lustigcn Ding dann wolV zurief: „Singst du aber fein,
Christel!" — Nein — es gab Menschen im ersten Stock und in denen darüber, die knallwütend über Klein-Christel wurden. Der alte Major riß oft seine Korridortür auf und schrie erbost: „Was schreist du denn schon wieder, du schrecklicher Brüllaffe?" Aber der Schelm schüttelte sanftmütig seine Locken: „Ich schreie ja gar nich, ich singe ja bloß so fein." Und dann zog der Alte sich brummend zurück.
Heute sang Christel wieder mit lauter, überzeugender Stimme ein Schlummerlied für ihre einarmige Puppe Suse, ind der hohe kahle Treppenflur gab die Töne mit emsiger Geschäftigkeit in verzehnfachter Klangfülle wieder. Keine Mutter mischte sich mit vorwurfsvoller Stimme in dies Konzert, denn Die war mit der schwarzen Ledertasche zum Markt gewandert und vermutete ihre Tochter in dem Putzstübchen von Fräulein Hein; aber das hatte Christel längst mit reichgefüllten Taschen verlassen. Auch der Major unterbrach die Kunstübungen i
heute nicht mit einem heiligen Donnerwetter- und die Puppenmama saug lauter und höher und höher.
Aber jetzt öffnete sich im zweiten Stock eine Tür und eine vorwurfsvolle, tiefe Männerstimme rief halblaut „Christel!" zu dem Blondkopf herab.
„Ja!?" gab die Sängerin fröhlich zur Antwort, aber oben zog man die Tür nur leise wieder ins Schloß.
Nun überlegte Christel ein Weilchen, nahm ihren Gesang nicht, wohl aber ihre Puppe wieder auf und klomm mit ihrer geliebten Suse ins zweite Stockwerk hinan. Dann bumbcrte sie laut und anhaltend an die Tür, zuerst ergebnislos, doch endlich kam man, um zu öffnen.
Es war Herr Weichardt, der mit blassem, überwachtem Gesicht in der Tür stand, ein guter Freund, der ihr oft prachtvolle Reklamemarken mitgebracht hatte.
Jetzt sah er erschrocken und ein wenig verständnislos auf das Kind und fragte mit müder Stimme: „Was willst du denn. Kleine?"
Die hob die strahlenden Blauaugcn zu ihm empor.
„Du hast mir ja gerufen", sagte sie lächelnd.
„Ich? Nein!" Herr Weichardt schüttelte den Kopf.
„Doch", nickte Christel, „du hast mir doch gerufen und nu komm' ich, dir besuchen!" und energisch drückte sie ihren schlanken Kinderkörper an dem jungen Mann vorbei und erzwang sich den Eingang.
„Ich kann dich aber gar nicht brauchen", sagte der Herr, wider Willen ein wenig lächelnd.
„Ach, doch!" meinte Christel begütigend, „ich erzähl' dir was, oder ich bin auch ganz artig."
„Ra, schön", lachte Herr Weichardt, „dann komm' ein Weilchen, kleiner Öuülgeist!" lind seufzend nahm er seinen kleinen Gast an die Hand und ging mit ihm in sein Zimmer, i
Christel war sehr vergnügt. Sie ging gern auf Besuch, und kaum hatte der blasse Herr Weichardt sich hingesetzt, so kletterte sie unternehmungslustig auf sein Knie und streichelte sein Gesicht.
„Bist du krank, Onkel?" fragte sie zärtlich und lehnte ihren Blondkopf an seine Schulter.
„Nein, nein, mein Kind, ich bin nicht krank-
„Bist du denn traurig, Onkel?" forschte sie weiter und streichelte ihn wieder.
Die zärtlichen Kinderhände taten Fritz Weichardt wohl und weh zugleich, und er mußte ein paar heraufdrängende Tränen mannhaft hinunterschluckcn.
„Traurig bin ich — ja, Christel" — er seufzte tief auf und drückte sein Gesicht in ihr weiches, duftiges Kinderhaar — „sehr, sehr traurig."
„Mußt nicht!" sagte das zärtliche kleine Ding Vorwurfs, voll, „was fehlt dir denn?"
„Geld fehlt mir, kleine Christel, viel, viel Geld-"
Das kleine Mädchen machte große Augen.
„Bloß Geld fehlt dir? So'n altes, dummes Geld blaß? Pa, Onkel, dadrum brauchst du doch nich traurig sein! Meine Mutti hat auch kern Geld, weil sie doch die drei großen Jungens und mir hat. Und Kinder kosten doch viel Geld!" setzte sie altklug hinzu, „und du hast doch nich mal Kinder!"
„Nein , sag.e er, durch das lebhafte Geplauder ein wenig von seinem Kummer abgelenkt, „Kinder habe ich nicht."
„Na also! Du bist ja auch noch zu jung, du hast ja noch nich uw* u ~art. Und auch keine Frau ■— wenn du eine Frau heiratest, wirst du auch schon Kinder kriegen."
. ^b'„r Weichardt seufzte und ließ die Kleine von seinen Knien gleiten, um seinen Kopf in beiden Händen vergraben zu können. Das Kind beschäftigte sich ein wenig mit einer
