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Samstag« 27. Juni 1914,
Morgen-Kusgabe.
Nr. 233. ♦ 62. Jahrgang.
Das albanische Problem,
^arum soll man die Augen davor verschließen? Der Kern aller Schwierigkeiten ist doch das wachsende Mißtrauen der beiden A d r i a m ä ch t e gegeneinander. Wenn Österreich-Ungarn und Italien einig in dem festen Entschluß ivären, den Fürsten Wilhelm mit allen Mitteln zu halten, so 1 tvürden sie diesen Willen auch durchsetzen können. Selbst r d>enn sie kein europäisches Mandat erhielten, würden die f beiden Mächte ohne die Befürchtung, daß Komplikationen drohten, militärische Maßnahmen treffen können, die hin- reichen müßten, den Fürsten aus seiner bedrängten Lage zu befreien. Man muß sich doch vor Augen halten, daß Fürst Wilhelm mit der Zustimmung aller Großmächte nach Durazzo gegangen ist, nachdem alle Mächte darin einig Karen, daß ein Fürstentum Albanien geschaffen wurde. Wer es also unternimmt, dies Staatswesen zu halten oder vielmehr zunächst überhaupt existenzfähig zu machen, der handelt im stillschweigenden Aufträge oder mindestens n i cht gegen die ausgesprochenen Intentionen auch der Kabinette des Dreiverbands. Man kann von oiesen Kabinetten ja nicht verengen daß sie Truppen nach Durazzo schicken und diese gegen die Aufständischen marschieren lassen sollen, aber wenn Öster- , reich-Ungarn und Italien, die doch die nächsten dazu sind, diese Aufgabe auf eigene Rechnung übernehmen würden.
! wüßten sie ganz sonderbar ungeschickt und mit ausgesucht schlechter Diplomatie behaftet sein, falls es ihnen mißlingen sollte, Europa in die Rolle des ruhigen Zuschanens hinein zu dirigieren. Warum also unterbleibt das Notwendige, das allein Erfolgverbürgende? Es unterbleibt, weil sich unsere beiden Freunde nicht über den Weg trauen, und sie finden sich nicht über den Weg, weil jeder von ihnen es anders will als s der andere.
Das kann man ruhig anssprechen. Es hat ja auch keinen Zweck, es vor sich und anderen verbergen zu wollen; die T inge bleiben dieselben, ob man sie bemäntelt oder klar hin- stellt. Richtiger gesagt, sie lassen sich nicht bemänteln, si- dringen mit ihrer Eindeutigkeit immer durch jeden derartigen versuch hindurch. Man wiederholt nur oft Gesagtes, aber man m u ß es wiederholen: das Fürstentum Albanien ist ein Verlegenheitsprodukt, entstanden aus der staturnotwendigen Rivalität des Donaureichs und Italien. ^ Österreich-Ungarn kann die Festsetzung Italiens in Valona nicht dulden, und Italien blickt mit schärfstem Argwohn auf die Bestrebungen, die das katholische Bcvölkerungselemmt in Albanien, an die Wiener Politik fesseln möchten und offenbar auch nicht ganz erfolglos geblieben sind. Wenn die italienische md die österreichische Presse einander vorwerfen, daß geheime Treib-reien die Hauptschuld an dem Aufstande tragen, so sind ' M»ie Anfeindungen schon dann ernst zu nehmen, wenn sie ! völlig grundlos sein sollten. Denn sie würden auch d a n n l bereits mit greller Deutlichkeit zeigen, ioie tich das Miß- s hauen hüben und drüben sitzt, und vor allem, wie wohlbegründet es ist, weil es sich, wie gesagt, nicht um Willkür in der Politik der beiden Staaten handelt, also um etwas, was ebensogut unterbleiben oder anders sein könnte. Es handelt stch um die Lebensbedingungen, und da ist ein Ausgleich um so schwerer zu schaffen. ......
Es ist aber noeb dres zu erwähnen: vielleicht hat man sich in Wien wie in Rom bereits davon überzeugt, daß cer [ versuch, ein lebensfähiges Albanien zu gründen, schließlich doch undurchführbar bleiben muß. In diesem Lande Rit drei religiösen Bekenntnissen und mit starkem slaviseoen >!nd griechischen Einschlag, in diesem „Volke , das ja gar keines ist niid dem jede Vorbedingung zu staatsbildender Kraft fehlen muß, . weil es noch im Zustande der Barbarei i steckt, würde wohl auch eine größere Staatskunst als die des
Im Vandämonmm der Arbeit.
Original-Korrespondenz von E. Baron Bindcr-Krieglstcin.
New York, 5. Juni 1014.
Die Atmosphäre ist mit Lärm erfüllt — es rasselt und schnarrt und zischt und donnert ober und unter uns — es murrt und saust. - Es ist die Hölle New York, dieser Arbeiw- sträflina, der in Eisen liegt und dessen milliardenpfundige Kelten klirren. Das Brausen des Weltverkehrs verschlingt Ruf des einzelnen — raubt jede Individualität und rertzt ins willenslos mit sich fort. — Bor einer Stunde hatte man aech im Rauchzimmer des „Imperator" als gemütlich r und wmütvoller Europäer bei leichtem Geplauder die gut poliert n oingernägel bewundert und sich für Abend zu Lüchow in die Pilsener Bierhalle verabredet, — aber jetzt denkt man weder «n Bier, noch Tabakqualm, sondern stürzt sich m den Strudel der dämonischen Arbeitshast, die ringsumher. tobt.
Von ruhigem, ehrbaren Gehen keine Rede mehr! ..ran hlt — man hastet Wallstreet hinauf zur Park Row,^dem Zer- st'ngsviertel, — man verliert die. Richtung. . - - »V>a wo bleibt denn die Staatszeitung? . . - Was sind denn ras für «eue Wolkenkratzer?" In den letzten zehn sichren hat sich ^eta Bork sehr verändert — so verändert, daß es ^.age wahrt, Ehe man es wiedererkennt. Zehn Jahre! ^a, so lange ,st rs her, daß ich von hier abreiste — rasch obfuhr, um über Deutschland nach dem mandschurischen Kriegsschauplatz zu
kommen. „
In den Zeitungen wenig alte Bekannte. Das nervenzerstörende New Yorker Leben hat sie weggerafft, und manche.
Fürsten Wilhelm scheitern müssen. Wen und was könnte man auf die Dauer „stützen" ? Albanien ist immer nur b e - herrscht worden, es müßte die Kunst, sich selber zu regieren, erst mühsam lernen, aber der Wille dazu fehlt ourchaus und er kann auch gar nicht erwartet werden, weil es eine albanische Nation in dem Sinne, den wir mit dem Namen verknüpfen, gar nicht gibt. Sehr möglich also, daß in Wien und in Rom der vorwärts tastende Gedanke, der begreiflicherweise nur an dem eigenen Interesse haftet, über das Zwischcn- stadium einer verfehlten Staatsgründung innerlich schon h i na u s ist und daß jede? Partner für sich herauszuschlagen sucht, was er nur irgend vermag. Sollte das so sein, dann würde die Schwierigkeit, mit der die Lösung des albanischen Problems den Adriamächten und auch dem übrigen Europa auf den Leib rückt, noch größer sein, als sie sich heute schon darstellt. So nahe uns das persönliche Schicksal eures deutschen Fürstensohnes gehen mag, so liegt, von einer historisch-politischen Warte aus gesehen, doch nicht gar viel daran, ob sich Fürst Wilhelm behauptet oder nicht. Wir könnten ihn schließlich nur dazu beglückwünschen, wenn er gut heiler Haut aus dem Abenteuer zurückkehrt. Umso- vielmehr hängt au der Frage, was aus Albanien werden soll, wenn die Verfehltheit des unternommenen Experiments vollends klar würde. Welche Lösung auch immer vorgeschlagen werden mag, jede von ihnen müßte im stärksten und unerträglichsten Widerspruch zu den Interessen entweder des Donaurcichs oder Italiens fein. Das gilt Von der Austeilung des Landes zwischen Serbien und G r u = chenland (weil Österreich-Ungarn Serbien als einen russischen Borposten nicht an das Meer rücken lassen will); das gilt ebenso von dem Vorschläge, Nordalbanien an Österreich-Ungarn, Südalbanien an Italien fallen zu lassen (weil Österreich-Ungarn die Festsetzung Italiens in Valona nicht dulden kann).
Die Zukunft ist hier wirklich mit den allerdichtesten Schleiern verhängt. Bon allen Aufgaben, welche die Liquidation der Balkanfragen bis dahin gestellt hatte, ist keine so dornenvoll wie die, die albanische Rechnung zu begleichen.
Oie Politik 6er Woche.
Mit dem Herzog Georg II. von S a ch s e n - M eint n,gen, dem Nestor der deutschen Fürsten, ist ein Mann dahingegangen, der sich um das Werk der Reichsgründung anerkannenswerte Verdienste erworben hat und der zugleich ein tatkräftiger, eifriger Förderer der Künste, vor. allem der Schauspielkunst war. Mit der Schaffung der Meininger Hofbühne, die bahnbrechend für den Realismus in der deutschen Schauspielkunst wurde, hat er- sich ein Denkmal errichtet, dauernder als Erz. Sein ältester Sohn und Nachfolger H erzog B c r n h a r d hatte vor jetzt 11 Jahren, als et ko mm an- Mexe nbet Eenexal bes 6. Atmeekoxps butch fernen gegen die Militärmißhandlungen Aufsehen erregt. Aber wenn er damals in militärischen Kreisen großen Anfeindungen aus- gesetzt war, .wenn er sogar im Anschluß daran vom Kommando zurücktrat, so wird man ihm doch heute Dank wissen, daß er damit die Initiative zur Beseitigung eines schweren Mißstandes ergriffen hatte, dessen Eindämmung nur sehr allmählich gelungen ist.
In dieser Woche ist auch zwei Ministern das Toten,glöck- lein, freilich nur das politische, geläutet worden, doch hat es sich in Heiden Fällen um erfolglose Intrigen gehandelt. Von gewissen rückschrittlichen Kreisen war die Meldung. ausge- sprengt worden, daß erstens die Tage des preußischen Justizministers B e s e l e r gezählt seien, weil er sich geweigert habe, gegen die beim Kmserhoch sitzengebliebenen fozialdemokra-
die ich wiedersehe, kann ich kaum mehr erkennen. Damals noch vor Kraft und Lebensfreude strotzend, begrüßen mich jetzt vergrämte, greisenhafte Gesichter mit weißen, vertrockneten Schläfen, und ihr „Hallo, Krieglstein!" klingt matt iind freudlos. — Man begießt das Wiedersehen in der Bar — Erinnerungen werden wach, Episoden aus Jagden durch die Verbrecherviertel. Und dann kommt wieder die alte Hilfs- bereitsckmft zum Durchbruch, dieses auf der Welt einzige: „Was kann ich für Sie tun?" Und dann wird rasch Programm gemacht. — Es ist eine kleine und trotz ihrer Erwerbshast gütige und verstehende, deutsche Welt. Ein Redakteur vom Stabe der Staatszeitung, ein junger Herr Otto Lohr, der an einem großen Werk über die Geschichte des Deutschtums in den Vereinigten Staaten schreibt, übernimmt meine Führung, stets bereit, auf jeden telephonischen Anruf hin seine Arbeit im Stiche lassend, und ein neugewonnener, lieber und treuer Freund. — Brave Deutsche, trotz kleiner Eifersüchteleien und der in dem Deutschen unausrottbaren Eigenbrödelei.
Das Prinzip des Landes lautet: „Hilf du mir — ich helf' dir!" Und jede Stunde kommt es uns frisch zum Bewußt- sein, daß in dieser Republik alles nur durch Zusammenarbeit und gegenseitige Hilfe erreicht wird und daß der einsame Mensch hier unrettbar verloren ist.
„Heute abend Gründung der deutsch-amerikanischen Virchowgesellschaft. Sie treffen dort Dr. Ewald, Vorsitzenden des Alldeutschen Verbandes — bedeutender Chirurg — kommen Sie, wie Sie sind!" Man führt mich ein — Händeschütteln
— unverständliche Namen — ausgezeichnetes Diner — Trinksprüche und Reden — auch ich kann den Schnabel nicht halten
— und dann beim Pilsner: „Was können wir für Sie tun.
tischen Abgeordneten den behördlichen Apparat in Bewegung zu setzen, und daß dasselbe Geschick dem Staatssekretär des Innern Dr. Delbrück beschieden sei, der besagten Kreisen als allzu „sozialpolitisch verseucht" .gilt. Allein mit beiden Alarmmeldungen, bei denen sichtlich der Wunsch der Vater des Gedankens war, ist eS nichts, und daS unzweideutige, offiziöse Dementi folgte ihnen auf dem Fuße. Schon der Umstand, daß sowohl ^der Justizminister Beseler als auch der Staatssekretär Dr. Delbrück an den Festlichkeiten bei der Kieler Woche teilnahmen, wobei der letztere sogar die Festrede zur Eröffnung des ErweiterungsbauLs am Kaiser-Wilhelm - K a n a l hielt, zeigt am deutlichsten, daß beide sich des vollen Einvernehmens mit dem Reichskanzler sowie der kaiserlichen Gunst erfreuen.
Es ist viel bemerkt worden, daß der Staatssekretär in seiner Ansprache auch auf die militärische Bedeutung der Kanalerweiterung hinwies und die Opfcrwilligkeit des deutschen Volkes hervorhob, „die noch nie versagt hat, wenn es di« Sicherheit und Größe des Vaterlandes gilt". . Dr. Delbrück berührte damit dieselbe Seite, die der deutsche Kaiser kurz vorher in seinem T r i n k s p r u ch beim Diner des Nord- deutschen Regattavereins angeschlagen hatte, in dem er darauf hinwies, daß das Anspanner, aller Kräfte in Sport und Spiel doch nur eine Art Vorübung für den Ernstfall darstelle. Me Mahnworte des Monarchen und seine Erinnerung an daS Bismarcksche Wort, daß wir Deutsche Gott und sonst nichts in der Welt fürchten, haben zu manchen Erörterungen Anlatz gegeben. Mögen auch aktuelle Gründe zu ernsten Besorg, nissen nicht vorliegen, so liefern doch der Eifer, mit dem in fast allen Ländern gerüstet wird, und die mit bemerkenswerter Intensität betriebene Spionage greifbare Beweise für die ge» spannte weltpolitische Lage.
Wenn aber die Friedensfreunde sich auf den Besuch der englischen Flotte in Kiel berufen, so wird doch dieser Aktivposten in der Bilanz durch die gleichzeitige britische Äifite in den russischen Häfen und durch die erneuten Versuche einer englisch-russischen Annäherung reichlich aufgewogem Auch wirst die Kontrolltätigkeit, welche der russische Marinegeneral, stabsehef Vizeadmiral Russin zurzeit. in Frankreich ausübt, 'erneutes Licht auf die Rührigkeit, die innerhalb des Zwei« bundes herrscht und die auch in sehr bemerkenswerten Außeimngen des Ministerpräsidenten Viviani zum Ausdruck gekommen ist. Freilich steht dessen Kabinett auf wackligerer Grundlage als der Zwetbund, und während es in der Kammer auf die scharfe Opposition der Rechtem wie der Sozialisten stößt, hat der Streik der Pariser Postbeamten zugleich erneut gezeigt, welche Gefahren der Republik durch die wachsende Macht der Arbeitersyndikate drohen.
Es scheint fast, als ob auch König Peter von Serbien die Arbeit, die Regierungsarbeit, einstellen will. Seine längere Beurlaubung und die Betrauung des Kronprinzen Alexander mit der Stellvertretung machen im Verein mit der chronischen Krisis in Serbien, die fetzt zur Auflösung der Skuptschtina geführt hat, die Abdankungsgerüchte einigermaßen wahrscheinlich. Wird Fürst Wilhelm von Alba, nien diesem Geschick entgehen? Das ist die ernste Frage, die durch die bedenklichen Erfolge der Aufständischen leider nahegelegt wird und auf die schön die allernächste Zeit die Antwort bringen muß. Es kann als fraglich erscheinen, ob auch die Mächte, selbst wenn sie besseren Willen zeigen als bisher, den verfahrenen Staatskarren noch aus dem Sumpf zu ziehen vermögen. In erfreulichem Gegensatz hierzu scheint der vermittelnden Tätigkeit der Diplomaten bei dem griechisch-türkischen Konflikt etwas Erfolg beschieden zu sein. Wenn man zurzeit auch noch durch das bei. derzeitige Säbelrasseln gestört wistd, so dürfte uns doch das schon hie und da befürchtete Unheil eines dritten Dalkankrieges für diesmal erspart bleiben.
„Danke bestens — haben Sie was für mich?" — „Oh ja —• Kriegskorrespondent? — Mein bester Freund ist Herausgeber größter Zeitungen in Chicago — werde sofort ein Nachttelegramm senden und ihn auf Sie aufmerksam machen!" . . . . Und die Leute machen sich Arbeit und bare Auslagen für mich — ich darf nicht einmal das Telegramm bezahlen. . . . „Dont mention it.“ (Nicht der Rede wert!) Und — und was das Großartige dieser Amerikaner ist — es bleibt nicht allein bei Redensarten und Strohfeuer, sondern die Leute halten durch, und ohne daß man es weiß, werden noch andere Telegramme geschickt und rasseln Telephone — alles nur aus dem Gedanken heraus, dem neu Angekommenen behilflich zu sein.
'Und anschließend an diese Erlebnisse möchte ich gleich die Erklärung dazu geben. Leider ist der Deutsche der Mann der Theorien und des Generalisierens. Damit kommt man in den Bereinigten Staaten nicht durch. Hier ist nichts allgemein, sondern alles — alles individuell. . Wie der Mann auf- tritt, wie er sich gibt, das allein entscheidet. Man muß aus sich selbst etwas zu machen verstehen und darf beileibe nicht schüchtern sein.
Diese barten Amerikaner haben im tiefsten Grunde ihrer Dollarhcrzen ein unstillbares Heimweh.
„Dann wird es euch in spätsten Tagen nach eurer Heimatberge Grün,
Nach Deutzchlands gelben Weizenfeldern, nach seinen Rebenhügeln zieh'n."
Warum gehen sie denn, sobald es ihre Mittel irgendwie erlauben, zurück nach der alten Welt, nach den Kleinstädten, nach den Dörfern, in denen sie geboren worden sind? — Nicht
