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Freitag. 26 . 3uni 1914.

Morgen-klusgabe.

Nr. 291. 62. Jahrgang.

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Russische Politik.

Bon George Cleinow.

Die^ seit einigen Monaten fließenden Erörterungen über die deutsch-russischen Beziehungen, die den zünf­tigen Diplomaten hüben und drüben schon deshalb un­angenehm waren, Werl sie die Blicke der Profanen auf einen sehr empfindlichen Punkt der internationalen Konstellation lenkten, haben das Gute gehabt, daß sie ganz allgemein das Interesse an den russischen Dingen in Deutschland belebten. Sache der nicht zur Zunft ge­hörigen Diplomaten und Publizisten wird es sein, dies Interesse wach zu halten, nicht um das Publikum zu .unterhalten oder gar mit Sensation zu füttern da­zu ist denn doch das Thema zu ernst, sondern um es zu befähigen, den Handlungen der Diplomaten kritisch zift folgen und durch seine Organe rechtzeitig seinen Willen kundzutun und in den Lebensfragen durchzu­fetzen. Die Entscheidung über eine solche Lebensfrage aber steht uns mit den Handelsvertragsver- handlunaen bevor. ,

Die russische Politik ist durchaus aktiv. Das haben uns die jüngsten Auseinandersetzungen gelehrt! Was will sie? Wohin zielt ihre Aktivität? Mit dem Hinweis auf panslawistische Strömungen ist die Frage nicht erschöpft. Im Zeitalter der Weltwirtschaft, am Vorabend einer dritten Haager Konferenz, im Zeitalter schließlich der die Wirtschaftsgebiete fast autokratisch be­herrschenden Riesenbanken gelten die nationalen Be­strebungen vielfach als Hemmnisse und werden darum gern als negative Erscheinungen zurückgedrängt und teils über-, teils unterschätzt. In der russischen Politik vereinigt sich das rein wirtschaftliche Moment seiner Ausdehnungsbestrebungen gegen das offene Meer mit nationalen Träumen und kulturellem Betätigungsdrange zu einem festen politischen Wollen. Hinter der realen Forderung der russischen amtlichen Politik, die Dardanellen und den Bo s p o r u s zu beherrschen, steht gar nicht so weit im Hintergründe und drückt noch außerhalb praktischer Diplomatenarbeit die Möglichkeit einer E i n g l i e Pe­ru ng Abessiniens in die russische Interessen­sphäre, weil in diesem Lande ebenso wie auf der. Bal- ^anhalbinsel die griechisch-orthodoxe Kirche herrscht. Kulturpolitik! Der russische Staat kann sich auf diesem Gebiete, dank der glücklichen Vereinigung von oberster volitischer und oberster kirchlicher Gewalt in der Person des Zaren, vieles leisten, was keinem anderen Staate der Welt möglich ist. was vielleicht einmal das er­neuerte China sich wird erlauben dürfen.

Einen praktischen Schritt in der gekennzeichneten Richtung bedeutet die Regelung und Ausgestaltung der Beiftchungen zu R u m ä n i e n, dessen Bewohner gleich­falls der Mehrzahl nack, orthodox sind, wenn auch der Volksstamm an sich den Lateinern zugehort. In diesen Rahmen gestellt verdient der jüngste Besuch des rnssi'cken Zaren beim König van Rumänien in Kon- stantza, obwohl Monarchenbesuche heute kerne ungewöhn­lichen Erscheinungen mehr sind, doch besondere B e a ch t u n g, Zar Nikolaus II.. . der letzt zwanzig Jahre regiert, ist zum erstenmal bei König Carol ab- nestieaen, der bisher seinen Fuß noch nicht ans russi- Mnn <nr,h P n gelebt hat. Nur sein Enkel war fürs vor

dem diesjährigen Osterfeste auf wenige Tage in Peters­burg, aus Brautschau, wie Wissende sagen. Früher ein­mal besuchte auch der rumänische Kronprinz den Zaren- hos. Diese schnelle und noch dazu so außerordentlich ehrende Erwiderung des Besuches durch den Zaren selbst könnte als Bestätigung derjenigen Meldungen aufgefaßt werden, die von einer nahe bevorstehenden Verlobung und Verheiratung des rumänischenPrinzen mrt einer Zarentochter wissen wollen. Eine solche Verbindung zwischen den russischen und rumänischen Herrscherhäusern, der vorläufig nur das jugendlichsAlter der bckdenFürsten- kinder entgegenstehen würde, gäbe der russischen Orient­politik einen neuen Stimulus: hat Rumänien bisher schon immer eine vorsichtig abwägende Politik zwischen Rußland und den übrigen Balkaninteressenten Tür­kei, Österreich-Ungarn, Bulgarien, Serbien geführt und dabei schon den Weg ins russische Lager gefunden (1877), so könnte die verwandtschaftliche Verbindung Rumänien dauernd ins Lager der Russen führen. Das ist immerhin eine Z u k u n ft s m ög l i chk ei t. die in Deutschland beachtet werden muß, wenn sie viel­leicht auch noch nicht einen sicheren Posten in den Rech­nungen der Diplomaten bedeutet. In Petersburg ist der junge Runräne mit großem Enthusiasmus ausge­nommen worden, und der Besuch des Zaren in Kon- stantza beweist, ebenso wie die Verleihung des russi­schen Feldmarschallstabes an König Carol vor zwei Jahren, wie großen Wert die russische Regierring auf ein intimes Verhältnis mit Rumänien legt.

So wäre also ein neues Beweismoment zu den alten getreten, aus denen wir folgern dürfen, daß Ruß­land wieder, wie vor vierzig Jahren, das S chw e r- gewicht seiner auswärtigen Politik in den nahen Orient, aus die B a l k a n h a I b i n s e I, zu verlegen trackstet, daß Rußland um den Besitz der Dardanellen und des. Bosporus zu kämpfen beabsichtigt und daß es für den Kampf seine diplomatischen Mittel mit Ein­schluß der Imponderabilien ebenso vermehrt wie seine krieaerischen. Das Ziel der russischen Politik wird von russischen Staatsmännern auch unumwunden im 'Gespräch zugegeben. Naturgemäß läuft . eine solche Politik direkt durchaus auf Kosten, wenn nicht gar auf die Zertrümmerung der Türkei hinaus. Damit ist nicht gesagt, daß Rußland heute, kaum ein Jahr nach dem zweiten Ralkankrieae, schon wieder daran denkt, die Türkei selbst zu zerschlagen oder von anderen zer­schlagen zu lassen. Die beiden Balkankriege be­deuten denn dock ein gar zu offenkundiges Fiasko der bisherigen russischen Diplomatie: in dem grieckisck- türk'scken Konflikt zeigt Rußland sick sogar äußerst friedliebend: seine Diplomaten raten sowohl in Athen wie in Konstantinovel zu einer Verständigung auf der mittleren Linie. Die Müblen des Zaren mahlen lang­sam, aber sick,er! Die Vergrößerung Rußlands nach Süden und Osten schreitet, ungeachtet vieler Nieder­lagen auf dem Schlachtfelde, mit elementarer Gewalt vorwärts.

Rußlands gegenwärtige Friedensliebe ist natürlich nickt ganz selbstlos. Wenn sie auch zum Aus­druck bringt, daß der besonnene Staatsmann und feine Divlomat Ssasonow das Übergewicht über den mehr gefühlsmäßig treibenden Jswolski und den Draufgänger Snckontlinow hat, so wird man sick nicht verhehlen

Iv'im'Mu's Mturleben.

Skizzen von Walther Schulte vom Brühl.

DI.

Allerlei vom Flusskrebs.

Pfoten Parade! Gellend war des Vater» Bfiff erklungen und aus allen Ecken des Hofes und Gartens stürzten wir, ;ehr unangenehm berührt von der Störung, herbei und lamme ten uns unter den Linden hinter dem Hause. Auch d-w Kleinste kam gelaufen. Für das Kind war mit der Revision noch keine Gefahr verknüpft. Es ahnte noch gar nicht, was es bedeutete' für saubere und gepflegte Hände zu sorgen, die preuwlchon Landesfarlben an den Nägeln zu vermeiden, dieKrauen a. - ständig zu beschneiden und die Haut an den Nagelwurzeln im­mer hübsch zurückzuschieben, wie uns alles dies zur strengsten Pflicht gemacht war. Aber der Gestrenge schien heute «nmat ziemlich befriedigt. Er moquierte sich bet den Schwestern nur über ihreSpinnenfinger", wofür sie nichts konnten, st^ann kam er an mich, den Ersten und Längsten tn der t^rgetpfelfcn-. reihe. Vorsichtig präsentierte ich nur die inneren Handflächen, die ganz reputierlich aussahen.Umdrehen! kommandierte er. Aber kaum hatte ich zögernd dem Befehl gehorcht, so fchrie er:Junge, schämst du dich denn nicht, mit solchen Fingern

unter die Menschen zu gehen. Das scheint ja beinahe er drückte sich meistens so deutlich aus " a .5

Krätze hättest. Was hast du gemacht?" »Aber Papa, ich habe.doch gestern erst die Krebse gefangen und, du hast sie doch gegessen", sagte ich kleinlaut. Die Erinnerung an den ge­habten Genuß besänftigte ihn.Na ja, ich hatte es ja ganz verseilen. dasi ick vor ein paar Jahren mal Brut aussetzen

lieh", brummte er.Durch dein Herumschnüffeln dort, wo du nix zu suchen hast, ist die Sache wieder aktuell geworden. Aber du hast die Fangerei so bäurisch, als nur möglich, be­sorgt. Bist natürlich, über den Wasserrand geneigt, am Ufer lang gerutscht, hast in die Krebslöcher oder unter Gestein und Wurzelwerk gefühlt und die Kerle trotz ihres Dorns am Kopfe und ibrer Scheren herausgeholt. Das macht denn solch schandbare Pfoten. Na. jeder wie er's versteht. Und nun Zinksalbe auf die Scheußlichkeit!" Zinksalbe war bei und das Universalmittel für alle Wunden.

Wenige Tage darauf sah ich ein, wie unerfahren ich als Krebsfischer gewesen. M'ttelst eines toten, abgehäuteter; Frosches, der auf ein Brettchen genagelt wurde und in eine Art von Reuse kam, wurden in einer Nacht, zu unserem größten Erstaunen viele Dutzende von Krclbsen aller Sorten gefangen und strenge Auslese unter ihnen gehalten. Das kleinere Zeug und die edle Weiblichkeit, die dicke Eiertrauben unter dem Schwänze trug, warf man wieder ins Wasser, Nur die älteren, männlichen Herrschaften von etwa 10 Zentimeter Länge an, Biedcrleute, die int Gegensatz zu dem viel neue Kleidung verbrauchenden leichtsinnigen Jungvolk mit nur einem neuen Anzug im Jahre auskamen, d. h. sich nur noch eine Häutung leisteten, hatten die Ehre, für den Tisch ausge­mustert zu werden. Sie trugen das Unabänderliche mit Fassung, drehten die gestielten Augen nach allen Richtungen, hoben oft die langen Fühler wie prüfend empor, packten auch wohl energisch einen Genoffen mit einer Schere und litten es, daß uns der Papa den Geschicchtsunterschied dahin präzisierte, daß die Schwangringe des Weibchens breiter seien als die des Männchens. Auch wurden wir belehrt, daß die Krebse am besten in den Monaten ohne R seien, daß aber auch im September und Oktober ein Krsbsgericht noch nicht zu ver»

dürfen, daß auch äußere Gründe vorliegen, die es Herrn Ssasonow ermöglichen, seine viel angefeindete Stellung zu halten und seine kluge Politik beim Zaren durchzusetzen. Zeigen die Perspektiven einer russisch- rumänischen Heirat, daß Rußland warten und es der Zeit überlassen kann, zu seinen Zielen aus dem Bal­kan zu gelangen, io lehren die finanziellen Ver­hältnisse in Frankreich, daß es warten muß. Frankreichs Geldmarkt ist durch die Expansionspolitik des Staates und der führenden Banken derart in Un­ordnung geraten, daß es einen Krieg in Europa vor­läufig nicht führen kann. Die Lage ift fo,_ daß, wenn wir wirklich so blutdürstig wären, wie wir von den Chauvinisten hüben und drüben, hingestellt wären, wir seit langen Jahren keinen so günstigen Zeitpunkt hätten, Frankreich zu überfallen und noch einmal niederzu­schmettern. Frankreich liegt in Mexiko, Südamerika, Marokko usw. mit so vielen Milliarden fest, daß es nicht imstande war, Griechenland die kürzlich fällig ge­wordene zweite Anleiherate von 200 Millionen Franken auszuzahlen. Frankreich kann auch Rußland nur ge­rade so viel Geld geben, wie dieses braucht, um bei der französischen Industrie Lieferungen zu bestellen. Gegen­wärtig handelt es sich um einen großen Posten von Güterwagen. So wird Rußland förmlich zu friedlicher Politik gezwungen und seine Staatsmänner sind angehalten, die nationalistischen Regungen auf Gebiete der inneren Politik abzulenken.

Eine ganze Reihe von Tatsachen zeigt uns, daß die russische Regierung tatsächlich von diesem Mittel Ge­brauch macht. So gibt sie wieder stärker den anti­semitischen Strömungen nach: das Wohnrecht der

Juden wird seitens der Lokalbehörden streng gehand- habt: Ausweisungen nicht einzelner Juden, sondern Dutzender von Familien, deren Papiere nicht in Ord­nung stütz, werden aus verschiedenen Städten gemeldet; es ist sogar schon der -Gedanke ganz ernsthaft erörtert worden, denKredit zu nationalisieren", was soviel sagen soll, daß die Reichsbank den den Juden bisher ge­währten Kredit auf ein Mindestmaß, wenn nicht ganz einschränken soll. Auch die Polen, die Stolypin durch entsprechende Verabredungen mit ihrem Führer Roman Dmowski für die russische Staatsidee' zu ge­winnen hoffte, werden rücksichtslos angefaßt und in der Verwendung ihrer Sprache nach Möglichkeit beengt. Am stärksten macht sich aber der Rückschlag aus der äußeren in die innere Politik in den Maßnahmen der Wirtschaft bemerkbar, von wo aus dann wieder der Druck nach außen wirksam werden kann. Da spielen nun die Zentralisationsbestrebungen, die Witte seinerzeit mit E i s e n b a h n v e r st a a t l i ch u n g und Einführung des Branntweinmonopols prak- tisch einleitete, eine bedeutsame Rolle. Ist auch der Ge­danke an die Schaffung eines staatlichen Getreide- Monopols zunächst einmal fallen gelassen, so liegen die Maßnahmen zur Hebung des russischen Holz­handels, die Anlage von Holzhäfen und die Kredrt- gebarnng des Finanzministeriums durchaus auf dem Wege zu sener Zentralisation, die Rußland, gestützt auf seine Rohprodukte, zur größten Kapitalmacht der Welt machen will. Solch eine Politik braucht Frieden: soll sie aber ihr Ziel erreichen, muß sie bereit und imstande sein, jederzeit Krieg zu führen.

achten wäre, daß der ausgewachsene Krebs den Höhepunkt seines Glanzes nach der Häutung im Sommer erreiche und daß man vor solch einem frischgeh an totenButterkrebs ganz besondere Achtung haben müsse. Damals wußte man rwch nicht viel von Schutzfärbung und solchen Dingen, sonst hatts man vielleicht erfahren, daß sich das meist bräunliche Tier im wesentlichen der Untergrundfarbe seines Aufenthaltsortes an- pafle, sei es ans eigener List, sei es aus derWeisheit der , Natur" heraus, und daß infolgedessen die Färbung mancherlei Varianten aufweise. Jedenfalls betrachteten wir die ^uere mit dem allergrößten Jntereffe und fanden es großartig, daß sie so gut auf dem Lande als im Wasser atmen können und daß sie durch schnelle Schwanzbewegnnge-n 'mmer rückwärts schwimmen. Dann erfolgte ein furchtbares Gcibrull, denn! einer hatte freundschaftlich das Fingerchen des allzuwißbe-. gierigen Alinchens ergriffen und ^sackte es aus Leibeskräften.

Selbigen Abends sahen wir mit Bewunderung, wie an der oberen Familientafel die Krebse, hübsch mit Kümmel gekocht und wunderbar duftend, alle prachtvoll rot geworden durch di« durch das Kochen bewirkte Zerstörung einer verdeckenden Farb- schicht, zwischen dem Papa^ und unserem Hauslehrer standen. Die M>ama erklärte, so Getiers möge sie nicht essen. Die Stütze memte, sie warte lieber, bis *8 einmal Hummer bei uns gäbe, dennda hätte man doch was davon", und der Papa sagte, da könne sie Wohl noch lange warten. Dann sahen wir, wie er zulangte, und waren sehr stolz, daß unser Erzeuger dem dicken Doktor erst zeigen mußte, wie man Kvebs« vorteil­haft und appetitlich zerbreche, um zum Fleisch des Schiranzes oder zum feineren der Scheren zu gelangen.Da, Jh« Semmeltürken", sagte dann der Papa und teilte jedem von uns eine Schere zu, aber nur eine kleine, verkümmerte, nach- gewachs-sne, nachdem daS Tier bei einem Kampfe wohl die ur-