Wiesbadener Tsgblatt.
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Berliner Redaktion des Wiesbadener Tagblatts: Berlin-Wilmersdorf. Güntzelstr. 66, Fernspr.: Amt Uhland 450 u. 451. Lagen und Plätzen wird kein- Gewähr
Mittwoch, 24. ZunL 1914.
Oer Nord-Ostsee-UcmaL nach der ErroeiLerrmg.
Ende Juni, gelegentlich der diesjährigen Kieler Woche werden sich die erweiterten Anlagen des Nord-- Ostsee-Kanals (Kaiser-Wilhelm-Kanals) dem internationalen Schiffsverkehr öffnen, nachdem am 24. Juni in Anwesenheit des Kaisers eine Eröffnungsfeier stattgefunden haben wird. Zwar ist die Fertigstellung des Kanals dann noch keine vollständige, doch handelt es sich bei den noch ausstehenden Schluhavbeiten vorwiegend um den dekorativen Ausbau.
Notwendig gemacht wurde die Erweiterung bekanntlich vor 7 Jahren durch die von England ausgehende Revolution im Kriegsschiffsbau und die damit .Zusammenhängende Vergrößerung der Sch iffs- g e f ä ß e. Die alte Linienführung des Kanals ist dabei im wesentlichen innegehalten worden. An drei Stellen sind scharfe Kurven durch neue Durchstiche (Der Umfang der Umbauten ist auf unserem Kärtchen durch die schwarz gezeichneten Strecken gekennzeichnet, die größte Begradigung wurde bei dem Orte Rade vorgenommen. Schrift!.) ersetzt, doch wird sich durch diese Begradigung die bisherige Länge von 98,2 Kilometer nur um wenige. Kilometer kürzen. Die Hauptaufgabe lag in derVe r b r e i t e r u n g und Vertiefung der Fahrrinne. Die Wasferspregelbreste mußte von 67 auf 101,4 Meter, die Wassertiefe von 9 auf 11, die Sohlenbreite des Kanalprofils von 22 auf ' 44 Meter gebracht werden. Der wasserführende Querschnitt erhöhte sich damit von 413 aus 825 Quadratmeter. Auf den Aushub und die Fortschaffung der diesen Ausmaßen entsprechenden Erdmassen (100 Millionen Kubikmeter gegen 83 Millionen bei den Erstanlagen) entfällt der Löwenanteil der auf 223 Millionen Mark bezifferten B a u k o st e n, die beim ersten Kanal 156 Millionen Mark betrugen. (Die Kosten des Suez- Kanals betrugen 493 Millionen Mark bei 161 Kilo- ineter Länge, 100 Meter Breite, 10 Meter Tiefe, 33 Meter Sohlenbreite. Der Panama-Kanal kostete bisher 1600 Millionen Mark; er ist 73 Kilometer lang, 57 Meter breit, 10 Meter tief und hat 46 Meter Sohlen breite.)
Man hört in Laienkrersen häufig die Meinung äußern, daß bei besserer Voraussicht der Entwicklung und größerer Bemessung der Dimensionen der ersten Nord-Ost.see-Verblndnng die Kosten des Er- > weiterungsbaiies znm größten Teil hätten erspart werden können. Nach der übereinstimmenden Ansicht der Techniker ist diese Auffassung durchaus irrig Der wichtigste Faktor bei der Kostenberechnung, die Be wcgung der Erdmassen, hat durch die neueste Entwick lung der maschinellen Baggertechnik eine Änderung er fahren, an die vor 25 bis 30 Jahren noch niemand dachte. Auch Schleusen. Brückenbauten usw. hätten bei gleichen Größenverhältnissen früher nicht billiger her- gestellt werden können und würden heute aus mehrfachen Gründen als .veraltet und umbaubedürftig zu gelten haben. Technisch und ökonomisch war daher die Zerlegung des Baues in zwei zeitlich getrennte Abschnitte das richtige; über die politische Seite dieser Frage ist damit natürlich kein Urteil abgegeben.
Mit der Benutzbarkeit des Kanals für alle Schiffs-
Morgen- Ausgabe.
größenklassen wird sich auch eine bedeutende Zunahme der F a h r t g e s ch w i n d t fl f e 1 1 für iedes einzelne Schiff und eine bis zu 60 Prozent zu bemessende Kürzung der Durchfahrtszeiten verbinden. Früher bedurften die Schiffe je nach Größe für den Weg von der Kieler Förde bis zur Elbmündung 8 bis 14 Stunden, in Zukunft werden einschließlich der Durchschleusung o bis 9 Stunden erforderlich fern. Auch diese Fahrtzeit für eine Strecke von noch nicht ganz 100 Kilometer dürste Uneingeweihten reichlich lang erscheinen. ist aber zu beachten, daß die Böschungen und Userwande auch bei der heutigen Kanalbreite durch den mit Schrffs- aröße und Fahrtgeschwindigkeit zunehmenden Wellenschlag leicht beschädigt werden können und daher em langsames Fahren geboten ist. Wichtig ist die Er-
Nr. 237. . 62. Jahrgang.
mußte. Einige Brücken sind regelrecht befestigt, mit kleinen Forts, Stacheldrahtzäunen usw. umgeben. Ähnliches gilt auch für die neuen großen Schleusen- a n l a g e n. Sie liegen in der Nähe der alten an den Kanalmündungen bei Holtenau und Brunsbüttel, urw zwar zu zweit nebeneinander, so daß Schrste in entgegengesetzter Richtung gleichzeitig durchgcschleust werden können. Die Länge einer Schleusenkammer ve- trägt 330 Meter, die Breite 45 Meter, 25 bezw. W Meter mehr als beim Panama-Kanal. Die drei mächtigen Tore (Schiebetore statt der bisherigen aufklappbaren Stemmtore) sind so angeordnct, daß, wenn Las Außentor zerschossen oder sonstwie zerstört worden ist, die beiden inneren noch eine für alle Schlffsgroßen ausreichende Schleusenkammer bilden können. Auf emer
setzung des sogenannten „eingleisigen" Schiffsverkehrs durch den „z w e i g l e i s i g e n". Dies bedeutet, daß auch größere Schiffe sich auf freier Fahrt begegnen, überholen und nebeneinander bewegen können. _ Sehr große Schiffe werden allerdings nach wie vor in den Ausweichstellen das Auslaufen der in entgegengesetzter Richtung verkehrenden Fahrzeuge abwarten müssen. Doch ist die Zahl der Weichen von 6 auf 11 vermehrt worden, so daß heute von 8 zu 8 Kilometer eine solche eingelegt ist. Bier Ausweichstellen sind zu sogenannten Wendestellen ausgebaut worden, seeartigen Erweiterungen von 1000 Meter Länge und 340Meter Breite im .Kanalwasserspiegel. Sie haben überwiegend m i l i- tärische Zwecke und sollen der Flotte bei Gegen- order die sofortige Rückkehr nach dem Ausgangspunkt der Fahrt gestatten. ^ r . .
Die militärischen Rücksichten treten auch bet den notwendig gewordenen B r ü ck e n u m b a u t e n^ und -N e u o a u t e n hervor, deren architektonische Schönheit hinter die strategische Zweckmäßigkeit zurücktreten
Fingerdruck vom Zentralsteuerhaus aus setzen sich dre auf Schwimmtasten ruhenden und in Mauernischen zurückziehbaren 1000 Tonnen-Tore in Bewegung. Das Prinzip der Auswechselbarkeit, d. h. sofortige Ersetzung zerstörter Anlagen durch Reseweniittel, beherrscht dre ganze technische Organisation des Schleusenwerks. _ In der zukünftigen Betriebführung besteht wre m der bisherigen Lotsenzwang, aber kern Schleppmonopol. Die mit eigener Kraft durch- fahrenden Handelsschiffe, ebenso die fremden Kriegsschiffe bleiben während der ganzen Dauer der Fahrt dem Kommando des Kanallotsen unterstellt. Um den Seglern eine billige Schleppkraft zur Verfügung stellen zu können, unterhält der Reichs fiskus erne Schlepperflotte von 30 Dampfern, deren Vermehrung sukzessive erfolgt. Bisher konnte ein Schlepper bis zu 6 Seglern gleichzeitig befördern. Wieweit sich diese Zahl erhöhen wird, steht heute noch nicht fest; auf jeden Fall werden auch den Kleinschiffern dre Vorteile der Erweiterung zugute kommen. Die'frühere im Der-
Die Flottcnreise nach Westafrika und Südamerika.
XII.
Rückreise. — Bahia Bianca— Jtajahy— Blumenau.
Auf dem Rückwege von dem gastlichen Valparaiso hatten wir am 19. April Punta Arenas, die südlichste Stadt der Erde, wieder erreicht. Es war Herbst geworden. Und ewig unvergeßlich wird uns der erste Morgen wieder rn der Magelhaensftratze bleiben. Nach einigen häßlich kalten, trüben windigen Tagen, in denen wir, an Chiles Küste südwar.s steuernd, kein Gestirn, kein Feuer zu sehen bekommen hatten, halten wir mit allen Künsten der Navigation die „Evangelisten" die mit einem Leuchtfeuer versehenen Inseln westlich vom Ausgang der Magelhaensstraße, gefunden und steuerten beim Morgengrauen in die Felsenge hinein. Mit dem Grauen des Tages zerrissen und verschwanden die Wolken und schon im Eingang der Straße grüßten uns von rötlicher Morgensonne wachgekühte Schneespitzen, über denen stoch hell die Sterne schimmerten. Langsam glitt der Helle Schein an weißen Abhängen herab, im Osten schimmerte tu feinsten roten und gelben Tinten der Himmel, die Steine erbleichten und ein hellblauer, frischer Morgen zeigte uns die prachtvolle Felslandschaft mit von Neuschnee weit hinunter überzuckerten Spitzen in einer überaus klaren, feinen Luft, in der man die fernsten Fernen sah. Der schönste Dom ist armselig gegen das Erwachen eines solchen Morgens.
Von Punta Arenas nach Cuxhaven sind's etwa 7890 Seemeilen. Das scheint im Verhältnis zu der ganzen Reise gar nicht so sehr viel. Denn die ganze Strecke, die von Wilhelmshaven bis zurück nach Kiel in knapp 6 Monaten zurückzulegen war, beträgt zirka 35 300 Seemeilen, also fast ein Viertel mehr als der Erdumfang auf dem Äquator (21600 Seemeilen). Aber nach dem Reisebefehl mußte diese letzte Strecke in sehr großen Sectörns ohne viel Erholung zurückgelegt werden. Der Dienst würde, das war vorauszu- sehcn, auch für das Maschinenpersonal noch intensiver werden durch alle diejenigen Übungen, zu denen im Gefecht die nicht auf Wache befindlichen, d. h. nicht gerade mit Heizen und in der Maschine beschäftigten Heizer und Maschinisten herangezogen werden, Übungen, die nun mit erhöhtem Eifer betrieben werden mußten, wenn die Schiffe ihren Ehrgeiz befriedigen wollten: es denen der Hochseeflotte, die während der ganzen Zeit in der Heimat geübt hatten, an Durchbildung im inneren Dienst gleichtun. Zieht man weiter in Betracht, daß man es „iit Linienschiffen zu tun hat, die durchaus nicht von vornherein darauf gebaut sind, monatelang über den Ozean zu fahren, noch dazu zum größten Teil in tropischem Klima, daß diese Schiffe für ihre Hauptmaschinen nur Kohlen verheizen, so wird man zugeben müssen, daß die Schiffe vor keiner leich- len Aufgabe gestanden haben und daß ihre Erfüllung nicht nur unserem Schiffs- und Maschinenbau das glänzendst'. Zeugnis ausstellt, sondern auch unserm Personal, bei dem man sich darauf verlassen kann, daß es sein alles daran setzt, am jeder Aufgabe gerecht zu werden.
Ein kurzer Besuch sollte zunächst dem. Wilhelmshaven Argentiniens, seinem Kriegshafen, Puerto Militär bei Bahia
Bianca, abgestattet iverden. Argentinien ist mit Häfen kümmerlich ausgestattet. Buenos Aires liegt zu weit den La Plato, hinauf, große Schiffe können es nicht aufsuchen. Ein paar gute Ankerplätze im Süden entbehren des Hinterlandes und der Eifenbahnverhindung mit der Hauptstadt. Für die beiden „Dreadnouyht"-Schiffe, die demnächst in die Hände der argentinischen Marine übergehen sollen, wird das mit allen Hilfsmitteln, Werften, Docks ausgestattete Puerto Militär als einziger Haupthafen in Frage kommen. Aber das Fahrwasser, dem der Jade ähnlich, ist flach und stark strömend; die sandigen Bänke darin unterliegen fortgesetzten Verschiebungen durch den Strom. Die Einfahrt in die weite Mündung, in der man lange Zeit rechts und links kein Land sieht, ist trotz der Bezeichnung des Fahrwassers für große Schiffe von der Größe der Dreadnoughts in den Hafen ge- laufen Deshalb war die Anmeldung von dem Besuch der deutschen Großkampfschifft «in Ereignis für die argentinische Marine; wenn sie glatt bis nach Puerto Militär kamen, war der Beweis geliefert, daß dies ein Hafen für Argentiniens neue Seemacht war.
Für die Befehlshaber der deutschen Schiffe war diese Situation natürlich keineswegs angenehm. Nach den neuesten Lotungen und Vermessungen aber, an denen die argentinische Marine mit Eifer arbeitet und deren Pläne uns zur Ber- fügung gestellt wurden, entschloß sich der Admiral, die Aus- gäbe durchzuführen, wenngleich die Verhältnisse durch Wände- rung von Sünden erheblich ungünstiger lagen als zu der Zeit» wo Bahia Bianca in den Reiseplan ausgenommen worden war. Es herrschte große Befriedigung unter den argentinische« Seeoffizieren, als die großen Schiffe zur festgesetzten Zeit »8
