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oienstag 23. Juni 1914.
klbenö-Kusgabe.
Nr. 236. * 62. Jahrgang.
Entspannung zwischen Athen und Ronstantinopel.
O Berlin, 22. Juni.
Die Pforte hat Freunde von einer Seite her be- i kommen, wo sie sie eigentlich nicht vermuten konnte: man wird sagen dürfen, daß die Kriegsgefahr diesmal von der Türkei abgewendet worden ist, weil es der russischen Politik nicht behagt haben würde, wenn Griechenland neue Erfolge erzielt hätte. Soll das Gebäude des Pfortenreichs weiter erschüttert werden, dann wünscht man in Petersburg dies Geschäft allein und jedenfalls zum Vorteile Rußlands zu betreiben, nicht aber den immer mehr als bedenklich empfundenen panhellenischen Bestrebungen Vorschub zu leisten. An der Newa hat man es schon im vorigen Jahre äußerst mißfällig ausgenommen, daß sich der jetzige Griechenkönig als Konstantin, den Zwölften be- zeichnete und so mit Überspringnng von vierhundertsechzig Jahren den ehrgeizigen Gedanken verriet, die Reihenfolge der letzten oströmischen Kaiser fortzusetzen oder auch wiederzueröffnen, was ja auf dasselbe hin- ' auskommt, Der Traum eines Großgriechenlands, das die Ostküste des Ägäischen Meeres umfaßt und Wohl gar in Konstantinopel seine Hauptstadt erhält, ist zwar nie als unmittelbares politisches Programm in klare Worte gefaßt worden, was freilich unklug genug gewesen wäre, aber der Traum ist mehr als ein Hirngespinst, er gibt der griechischen Politik die Richtung. Wenn jetzt eine abermalige Schwächung der Türkei ge- !> hingen wäre, dann hätte sich also Rußland nicht in letzter Linie betroffen fühlen müssen. Die Gebiete, auf die sich möglichenfalls der Eroberungsdrang Griechenlands gestürzt hätte, gehören doch in den Bereich, den die russischen Hoffnungen und Bestrebungen als eigene Zukunstsbeute ins Auge fassen. Darum also durfte die Vermittlung, die auch vom Dreiverbände aus einsetzte, um den kriegerischen Zusammenstoß zwischen der Pforte und Griechenland zu verhindern, in der Tat als ehrlich ! und aufrichtig angesehen werden. Weil man es in Athen rechtzeitig begriff, wie es gemeint war, und weil infolge der russischen Abneigung gegen einen neuen Krieg auch Frankreich ernsthaft an einer Dämpfung arbeitete, darum zumeist bequemte Griechenland sich dazu. seine Gelüste zu Mildern und seinerseits zur Entspannung mitzuwirken. Es kommt aber noch ein zweites Moment in Betracht, das in dieselbe Richtung dieser etwas überraschenden russischen Friedenspolitik gehört, ) nämlich die offenbare Einflußnahme Rumäniens im Sinne der Friedenserhaltung. Man hat verschiedene Gründe zu der Annahme, daß von. Athen aus in Bukarest angefragt worden ist, wie sich Rumänien wohl dazu stellen würde, wenn griechische Truppen, um an den Feind heranzukommen, bulgari- lches Gebiet betreten würden. Die vielleicht gehegte Erwartung, daß Rumänien in diesem Falle auf Bul- j garten drücken und es am Zusammengehen mit der Türkei verhindern würde, hat sich offenbar nicht erfüllt. Rumänien will nicht, daß an den Küsten des Manischen Meeres erneut die Waffen gekreuzt werden,
und wenn es allerdings auch sonst Beweggründe triftiger Natur dafür gibt, daß König Carol die Ruhe auf der Balkanhalbinsel nicht gestört wissen will, so mögen diese Gründe dadurch noch verstärkt worden sein, daß die neuerdings angeknüpften Beziehungen zwischen Bukarest und Petersburg einen bestimmten Parallelismus der beiderseitigen Interessen in der griechisch-türkischen Streitfrage herbeiführen konnten. Jedenfalls wird sich Rumänien dadurch, daß es den Griechen entschieden abwinkte, das Mißfallen des Zaren und seiner Ratgeber keineswegs erworben haben, vielmehr auf deren Zustimmung rechnen dürfen.
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Türkischer Protest gegen den Verkauf amerikanischer Schiffe an Griechenland.
$ New Dark» 23. Juni. (Eig. Drahtbericht) Die Absicht der Umonregierung, die zwei Panzerschiffe „Missouri" und „Idaho" für 12 Millionen an Griechenland zu verkaufen, führte gestern im Weißen Hause zu lobhaften diplomatischen Auseinandersetzungen. Nachdem der griechische Geschäftsträger den griechischen Marineattachö als Bevollmächtigten der griechischen Regierung dem Präsidenten Wilson vorgestellt hatte, ließ sich wenige Minuten später der türkische Botschafter Rüstern lbei dem Präsidenten melden, um.gegen den Verkauf der Schiffe Protest zu erheben. Präsident Wilson erklärte, die griechische Negierung habe versichert, daß sie die Panzer nicht zum Angriff gegen die Türkei verwenden wolle, sondern nur zur Verstärkung der griechischen Flotte mit dem Zwecke der Erhaltung des Friedens. Der Botschafter versicherte indessen, daß dem Frieden besser gedient sei, wenn der Verkauf nicht stattfände. Der Kongreß dürfte jedoch schon heute den Verkauf genehmigen. Die Kaufsumme soll zum Bau eines neuen llberdreadnought verwendet werden.
Die Ereignisse in Albanien.
Die Forderungen der Aufständischen.
O Wien, 23. Juni. (Eig. Drahtbericht) Aus Durazzo wird gemeldet: Mitteilungen von informierter Seite be-
stäiigen, daß die Aufständischen in Schiak volle Gleichberechtigung der mohammedanischen Religion, deren Anerkennung als Staatsreligion, Freiheit in der Ausübung ihres Kultus, zehnjährige Steuerfreiheit und befristete Befreiung vom Militärdienst fordern. Jni übrigen nimmt man an, daß es den Aufständischen mit den Verhandlungen überhaupt nicht e r nst ist. — Prenk Bibdoda kassiert täglich 16 000 Franken für seine 8000 Mann ein, doch zweifelt auch die Regierung, ob er nicht ein hinterlistiges Spiel treibe.
Heranziehung der Einwohnerschaft Durazzos zu den Befestigungsbauten.
O Durazzo, 23. Juni. (Eig. Drahtbericht) Die Regierung hat gestern eine Bekanntmachung erlassen, nach welcher alle männlichen Personen im Alter von 14 bis 60 Jahren sich heute stellen sollen, uni an der Vervollkommnung der Befestigung der Stadt mitzuarbeiten.
Ein neuer Minister des Äußern.
wb. Durazzo, 22. Juni. Der Fürst ernannte Mehmed- B e i in Konitza zum Minister des Äußern. Mchmed-Bei ist ein Bruder des Nationalistenführers Faik in Konitza. Er vertrat mit dem gegenwärtigen Fin-anzminister Nogga und
Nahst Dino die provisorische Regierung aus der Londoner Bot- schafteükonserenz.
Tod eines Aufständifchenführers.
wb. Uesküb, 22. Juni. Aris Hikmet, der den Aufstand in Mitte'lalbanien seit Monaten vorbereitete, ist schwer verwundet in Serbien vintzetrossen. Er starb im Uesküber Militär- krankenhaus am 16. Juni an den Folgen einer Operation.
Schutz der deutschen Gesandffchaft in Durazzo.
* Rom, 23. Juni. Aus Durazzo wird gemeldet, daß die deutsche Gesandtschaft zu ihrem Schutze um 60 Matrosen vom Kreuzer „Breslau" bat. Diese wurden sofort gelandet.
Empfang deutscher Marineoffiziere beim Fürsten.
* Durazzo, 23. Juni. Das Offizierkorlps des hier einge- troffenen deutschen Kreuzers „Breslau" ist gestern nachmittag vom Fürsten empfangen worden.
Waffenfchmuggcl aus Montenegro.
* Wien, 23. Juni. Aus Autark wird gemeldet: In der letzten Zeit konnte vielfach festgestellt werden, daß aus Montenegro ein umfangreicher Waffenschmuggel nach Albanien zugunsten der Aufständischen getrieben worden ist. Demzufolge wurden strenge Grenzmaßnahmen gegen Montenegro verfügt.
Der Zwischenfall mit Italien gütlich beigelegt.
A. St- Durazzo, 22. Juni. Ministerpräsident TurkHan- Pas ch a hat gestern abend dem italienischen Gesandten folgendes Schreiben überreicht: Ich bin glücklich, feststellen
zu können, daß in den bei dem Obersten Muricchio und Professor C-Hinigo beschlagnahmten Sachen nichts Belastendes gefunden wurde. Da die Unschuld der beiden Herren erwiesen ist, wurde ihnen das Bedauern der albanesischen Regierung über den beklagenswerten Vorfall, der eine Verletzung der Kapitulationen darstellte, ausgedrückt. Es ist überflüssig, hinzuzufügen, daß die Regierung alles tun wird, um die Wiederholung ähnlichep Vorkommnisse zu vermeiden. Der italienische Gesandte ist der Ansicht, daß man den Zwischenfall mit dieser Erklärung als erledigt ansehen kann.
Zur Haltung Österreichs und Italiens.
wb. Wien, 23. Juni. Das „Fremdenblatt"' bespricht die jüngsten Ausführungen der „Tribuna" (vergl. die Abend- Ausgabe vom Samstag) und sagt: Die Versicherungen von der Übereinstimmung der Ansichten der Consulta und des Ball- plahes werden in Österreich-Ungarn gewiß überall angenehm berühren. In unserer Monarchie herrscht rückhaltslos der Wunsch, daß Albanien sich in vollster Unabhängigkeit und Freiheit nach seinen eigenen Bedürfnissen entwickeln möge. Jedermann ist hier überzeugt, daß das Einvernehmen zwischen unserer Monarchie und Italien die Voraussetzung für die Erfüllung dieses Wunsches sei. Wir begreifen daher, daß dort, wo man ein unabhängiges Albanien nicht will, die Kundgebungen mit Freude ausgenommen wurden, die so lauteten, als ob Österreich-Ungarn und Italien uneins werden müßten. Ebenso klangen jene Stimmen natürlich wie Mulsik für die, die immer wieder auf einen Riß im Dreibund warten. Die Wirklichkeit zerstört, wie so oft, alle diese Hoffnungen. Österreich und Italien werden auch weiterhin in Albanien einig Vorgehen. Der Fürst hat bewiesen, daß Stürme seinen Mut nicht beugen. Österreich und Italien treten für den Fürsten ein und finden dabei, wie sich zeigt, das Wohlwollen auch der anderen Mächte. Daß diese Grundtatsachen auch in der italienischen Presse konstatiert werden, wird dazu beitragen, Mißverständnisse zu verhindern und kühne Hoffnungen innerhalb und außerhalb Albaniens niederzudrücken.
Aus den Kunstausstellungen.
Kunftkalon Mtuaryus.
s Zwar wird in der Galerie Banger von einer Frühjahrs- Eliteausstellung gesprochen, aber auch hier hat sich eine Elite zusammengefunden. Die Werke von Lovis K o r i n t h, die bereits eine kritische Würdigung erfuhren, zieren noch immer die Wände, dafür mußten die farbenfrohen frisch erfaßten, frisch gesehenen Stilleben von Professor Adolf Beyer »nd Anna B e her (Darmstadt) Neuankömmlingen weichen. Unter den Einzelwerken erster Meister fällt eine friedvolle Landschaft von Bergmann auf, eine bunte Zeichnung von G e o r g i, eine Landschaft L i e b e r m a n n s. Bon den französischen Meistern wären besonders hervorzuheben: Vesnard, Boudin, Carritzre, Corrot; dann E o t t e t mit seinen kraftvollen bretonischen Bauern, Dkönard mit einem Akt „Dämmerung" benannt, der in sattem Goldton ruht, zärtlichen Dämmerungsfluten, . die in ihrer Weichheit und Wärme an Hochsommer und Frühherbst gemahnen. Kaum einer der großen Namen fehlt, denn es gibt Noch Werke von C o u r b e t, v a n G o g h, M a n e t, R e n o i r in sehen —, wahrhaftig, eine Elite!
^unstfalon Banger.
Es ist nicht leicht, sich in diesem fast erdrückenden Reichtum von Kunst, Energie und Fleiß zurechtzufinden. Freilich,
? Nicmche Bilder erzwingen sich sofort Beachtung. So ^eistikows Landschaft „Sonne im Wald". Dieses kräftige ßuvacken, diese Pinselführung hat nur einer. Ein volles Erlassen des deutschen Waldes. Alte bemooste Stämme und dann ^onnenslecke, die durch das Mättergewirr huschen. Ein ganz deines, im Ton sehr feines Bildchen sandte Kurt Agthe:
, »Auf der Terrasse" nennt er es. Da beugt sich ein italienisches
Kind über die Brüstung und sieht träumerisch in die Ferne, und über dem Ganzen liegt Stimmung. Ein hübsches wertvolles Genrebild ist auch der „Alte Bauer mit Kind" von Berthold G e n z m e r, während Hermann S e e g e r s Genrebilder gar zu süßlich wirken. Welch eine Kraft spricht dafür aus einem Gemälde von Hugo Vogel „Ochsen bei aufziehen- dem Gewitter". Wie die Tiere in sinnloser Angst dumpf anf- zubrüllen scheinen, wie sie das Mädchen kaum meistern kann, und ivie eine dunkle Wolkenwand sich drohend näherschiebt. Eine Schwüle geht von dem Bild aus. Der Kampf der Elemente, der Kampf des Mädchens mit den verängstigten Tieren sst treffend zum Ausdruck gebracht. Paul Schad - Rossa sucht nach neuen Ausdrucksmöglichkeiten, vereinfacht die Zeichnung seiner Figuren so viel wie möglich, bringt sie freskaartig auf die Leinwand und erzielt aparte Effekte. Wirbelig flattern die Röcke der Bäuerinnen aus dem „Bayerischen Tanzboden"; der Künstler weiß die Bewegung gut wicderzugeben.
Leonhard S a n d r o ck übt die schwere Kunst, unmaleri- schc, langweilige Motive malerisch und interessant zu bringen. Seine beiden Bilder „An der Kohlenrampe" und „Im Lokomotivschuppen" sind wahre Meisterstücke. Hartwig v. P l a t e n sandte' einen stimmungsvollen „Vorfrüihlingsabend". Haus K l o h ß eine einfach und doch tief empfundene Landschaft „Märzsonnenschein", Franz Hoffmann-Falle.rS» leben zwei, Bilder, die beide eine innige Liebe zur Natur verraten, Ernst Heus eler ein Bild voll Wärme und Sonne, „Bäuerinnen am Wasser", und Max Fabian ein friedvolles Bildchen, da? Ruhe und Beschaulichkeit atmet, „Besuch" benannt, Stilleben sind wieder mehrere zur Ausstellung gelangt. Die prächtigen Blumenstöcke von Wilhelm B l ä n ck e sind besonders gut gelungen, doch Ivärcn auch noch die „Herbstblumen" van Hans Kober stein zu erwähnen, sowie die „Blaue Uhr" von HanS L o o s ch e u und Max Richters
ganz einfach hingestrichenes Stilleben. Ein pikantes Farben- pröblem stellte sich Franz Paszka und wußte es auch geschickt zu lösen. Starke Farbenkontraste bilden diese bunt- angezogenen ungarischen Bauernmädchen, die gegen einen grüngewürfelten Ofen lehnen. Ganz zart faßte dagegen Walter Mi ehe seinen „Frühling" auf. Im Vordergrund ein Mädchen im weiten Hellen Volantrock, eine lichte Erscheinung, und der Hintergrund zartes Maigrün, verschwommenes Laub, verschwommener Rasen, keine Landschaft, nur eben dieses zarte Grün, das den Kontrast zu der Mädchengestalt im Vordergrund bilden soll und auch bildet. Dieser Künstler erreichte eben den Kontrast durch die zartesten Farben.
Franz Martin Lünstroth schickt flott gemalte und gut bewegte Soldatenbilder, und Karl Kayser-Eichberg so stimmungsvolle Landschaften, in silberne Schleier gehüllt, daß man leicht der Meinung sein könnte, eins der schönen Bilder Ludwig Dills vor sich zu sehen.
wandtheit. Besonders gut sind ihm die Birkhähne gelungen, lndas Digorpaar^ mit seinem streisigen, bunten Fell lveniaer anfpricht. Wolsgang Kr onbein mall streng und hart.' Sein Männerkopf hat etwas Asketisches, Kaltes, verrät aber ein ernstes Ringen mit der Kunst. Rudolf Schulte im Hofe sandte das st-hr^ ähnliche elegante Portrait des Reichskanzlers v. -oethmann-Hollweg. Dieser Künstler ringt nicht, smht, nicht nach aparten Effekten. Mit gleitender, weicher PlNscffuhrung hast er sein Motiv auf der Leinwand fest.
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Kunstwcr en. Tee Plastik nimmt einen kleineren Raum ein • rra 056 -« graziöse, fein erfaßte Bronze auf. Jeden-
ra u » NI Der Besuch dieser überreichen Ausstellung wiede- ,ahnend und genußreich. B v. N.
