VikMemr
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„Tagb!att-Haus".
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Berliner Redaktion des Wiesbadener TagblattS: Berlin-Wilmersdorf, Güntzelstr. 66, Fcrnspr.: Amt Uhland 450 u. 451. Tagen und Platzen wird kein- Gewähr iw-rn-mmen.
Dienstag. 23. guni 1914.
Morgen-Ausgabe.
Hr. 235. ♦ 62. Jahrgang.
Oie englischen ZlottenViftten.
Heute, Dienstag, werden Teile des zweiten englischen L i n i e n s ch r f f s g e s ch w a d e r s, nämlich „King George V..", „Ajax" und „Audacious" sowie das erste leichte Krev.zergeschwa.der, welches aus der „Birmingham", „Nottingham" und dem Flaggschiff 1 »Southampton" besteht, unter dem Kommando des Vizeadmirals Sir George Warrander in der Kieler Bucht vor Anker gehen, während die Meldung, daß auch der Marineminister Winston Churchill sich als Gast bei der Kieler Woche einfinden werde, alsbald dementiert, dann wieder gebracht und wieder dementiert wurde. Solche Flottenbesuche haben die Bedeutung von Höflichkeits- und Freundschaftskundgebungen zwi- - scheu den Nationen, und die englische Flottenvisite zur Kieler Woche darf als ein besonderer Freundlichkeitsakt gegen den deutschen Monarchen bewertet werden. Aber man soll derartige Kundgebungen auch nicht überschätzen, darf von dem Flottenbesuch in der Kieler Förde nicht etwa ein Ende der Flottenrivalität erwarten. Muß man stich doch daran erinnern, daß fast unmittelbar nach dem englischen Flottenbesuch in Swinemünde die Verschlechterung der deutsch-englischen Beziehungen und parallel damit die Flottenverstärkungen einsetzten. Seitdem ist allerdings der Draht zwischen Berlin und London wieder repariert worden, und das soeben erfolgte Zustandekommen des Abkommens über die B a g d a d b a h n und die A n a t o l i s ch e n Bahnen zeigt immerhin, daß das ü Werk der Verständigung zwischen Deutschland und dem i Britenreiche zwar nur ruckweise, aber doch immerhin vorwärtsgeht — wenn nicht unterdessen wieder ein . Rückschlag erfolgen sollte. Diese Einschränkung und ! eine durchaus zurückhaltende Bewertung der englischen Visite find schon deshalb geboten, weil der gleich» j öeitig erfolgende englische Flotten besuch im, Zarenreiche erkennen läßt, daß man im Britenreiche zumindest die Parität gewahrt wissen will. Fa, die russische Presse tut sogar so, als ob die Visite des ersten englischen .Panzerkreuzergefchwaders,. das ebenfalls heute, Dienstag, in K r o n st a d t eintresfen soll, während zwei Panzerkreuzer, die Privcktjcicht des Konteradmirals Beatty und .dessen Flaggschiff direkt nach Petersburg fahren, wo der Zar. dem Flaggschiff einen Besuch abstatten wird, einen Akt von ganz besonders weittragender, von weltpolitischer Bedeutung darstelle Hierbei ist nun freilich der Wunsch , der Vater des Gedankens, und der Wunsch wird unerfüllt bleiben.
Es waren französische Quellen, aus denen die Sensationsmeldung von einem angeblich englisch-, russischen Flotten ab kommen stammte, ent- sprechend den französisch-russischen Abmachungen vom tzahre 1912, die soeben durch den Besuch des Chefs des russischen Marinsgeneralstabs, des Admirals Russin,,
in Frankreich einen weiteren Ausbau erfahren. Der „Temps" verrät, welche Hoffnungen inan jenseits der Vogesen auf dies Abkommen setzt, denn er schreibt, wre wir in der Sonntags-Ausgabe schon berichteten: „Man braucht wohl nicht besonders darauf hinzuweisen, daß die Flotte der Ostsee eine entscheidende Bedeutung stur die russischen Landkräfte an der Westgrenze haben wird; je fähiger sie sein wird, die Sicherheit der russischen Küste zu garantieren, desto niehr Aktionsfreiheit wird sie den Divisionen geben, die von Petersburg aus bis zur polnischen Grenze aufgestapelt sind." Aulge'tapelt natürlich, um eines Tages auf französischen Anruf sich in Bewegung zu setzen!
Es liegt durchaus in der Tendenz jener Revanche- p l än e, von denen man nach dem Rezept Gambettas nie reden, an die man aber immer denken soll, wenn die französischen Politiker _ gleichzeitig ein Flottenabkommen mit England sowie ein solches zwischen dem Britenreiche und Rußland angestrebt hatten. Das erstere ist gescheitert, weil das stolze Albion rund heraus den französischen Vorschlag, den Schutz der englischen Interessen im Mittelmeer zu übernehmen, um die britische Flotte für die Nordsee gegen Deutschland frei zu machen, ablohnte. Der Gedanke eines englisch- russischen Flottcnabkommens aber ist schon deshalb absurd, weil die Marine des Zarenreiches doch fürs erste noch auf dem Papier steht.
Das Dementi Sir Edward G r e y s hat noch einen tieferen Sinn.. Gerade dieser Staatsmann, hat gelegentlich der Mitteilung, daß England jetzt die ge- wattigen L l g n e l l e n in der neutralen persischen Zone'mit Beschlag belegt, höflich aber deutlich auf den hie» vorhandenen Interessen g c g e n s a. tz zwischen Eng- und Rußland hingewiesen: auch gleiche die Versicherung, daß das Britenreich mit dem Zarenreiche entweder Freund oder Feind sein müsse, inehr einer Drohung als einer Schmeichelei. Und der Grund? Man besorgt an der Themse, daß der Besuch des Zaren Nikolaus in Konstäntza der von Rußland immer rückhaltsloser erstrebten Öffnung der Dar d a n eile n für s seine Schwarze-Meer-Flotte galt. Hier aber ist der Punkt, wo die englischen Mfttelmeerintcressen aufs empfindlichste berührt werden. Wenn nun auch der russische Zar das französische. Kabinett Vst viani zur „Ableistung der dreijährigen Dienstzeit" kommandieren darf, so der- sagt doch seine Kommandogewalt im .Britenreiche, wo man weder russische. Interessenpolitik noch französische Revanchepolitik, sondern eben nur englische Politik treibt. Haben wir auch keinen Anlaß, über den englischen Besuch in . Kiel in einen verkehrten Optimismus zu verfallen, so brauchen wir doch ebensowenig von der Flottenvisite in den russischen Gewässern eine Verschiebung der internationalen Machtverhältnisse, wie sie die französische und die russische Presse in Aussicht stellt, zu besorgen/
DZuLsches Reich.
* Hof- und Personal-Nachrichten. Die Genesung des Präsidenten des Abgeordnetenhauses, Graf Schwert n- Löwitz. schreitet allmählich weiter fort. Das ursprüngliche Hauptleiden, die Entzündung der Gallenblase, ist fccit vollständig behoben.
* Der Kaiser an die Deutsche Landwirtschaftsgesellschaft. Aus das Huldigungstelegramm der Hauptversammlung der Deutschen Landwirtschaftsgesellschaft an den Kaiser ging an den Präsidenten der Gesellschaft Fürsten Adolf zu Schaumburg-Lippe folgende Antwort des Kaisers ein: „Der Hauptversammlung der Deutschen Landwirtschaftlichen Gesellschaft uieinen herzlichen Dank für freundliche Begrüßung. Es war eine große Freude und herzlicher. Befriedigung, wieder einmal unter den Mitgliedern der Gesellschaft zu weilen und mich von den neuestenErrungenschasten undFortschritten der deutschen Landwirtschaft zu überzeugen."
* Der neue Nnterstaatssekrctär im preußischen Staats- ministcrium. Der swie bereits in der Sonntags-Ausgabe berichtet) als Amtsnachfolger des jetzigen Oberpräsidenten der. Provinz Posen, von Eisenhart-Rothe, ernannte Regierungspräsident H e i n r i ch s in Lüneburg trat 1882 von der Justiz zur allgemeinen Staatsverwaltung über und wurde 1884 Regierungsassessor in Schleswig. 1885/ wurde er zum Landrat des Kreises Fallingbostel ernannt, wo er 11 Jahre blieb, um dann Regierungsrat beim Oberpräsidium in Hannover zu werden. Im Oktober 1899 wurde er als Oberregierungs- rat dem Regierungspräsidenten, in Hannover zugeteilt und im Februar 1902 in das preußische Ministerium des Innern berufen, wo er nach sechs Monaten zum Geh. Regierungsrat und Vortragenden Rat ernannt wurde. Im August 1905 wurde er Geh. Oberregierungsrat. Bald darauf wurde er zum Regierungspräsidenten von Lüneburg ernannt. Er gilt als energischer Vertreter der konservativen Anschauung, und zwar der agrarischen Richtung dieser Partei. .
* Persoualverändcrungen im Ministerium für Handel und Gewerbe. Wie verlautet, scheidet der Unterstaatssekretär iin Ministerium für Handel und Gewerbe Schreiber aus Gesundheitsrücksichten Ende dieses Sommers aus seiner Stellung aus. Er hat sich bereits von den Beamten des Ministeriums verabschiedet. Unterstaatssekretär Schreiber wurde in seine jetzige Stellung berufen im Zusammenhang mit den Veränderungen in den höchsten Stellen im Reich, die durch den Rücktritt des Fürsten Bülow und die Ernennung des 'Herrn v. Bethmann-Hollweg zu seinem Nachfolger verursacht wurden. Ebenfalls Ende des Sommers wird auch der Ministerialdirektor tm Ministerium für Handel und Gewerbe Dr. Neuhaus aus seinem Amte scheiden. Exzellenz Neuhaus leitete bereits seit vielen Jahren die Abteilung des Ministeriums für sozialpolitische und gewerbepolizeiliche Angelegenheiten.
Up. Die kommende Rennwettgesetzvorlage. Die vorläufig« Nichterledigung der Rennwettgesetznovelle durch den Reichstag hat zwar dem Reich dank der voraussichtlichen Em- führunasverschiebung vom 1. Juli d. I. auf das Frühjahr
.
Hvteltypen.
Lustige Momentaufnahmen aus dem Hotelleben.
Bon Hermann Wagner.
Der Hotelportter.
Wozu ist er da?
Um sich, wenn Gäste ankommen und wenn Gaste abreisen, stumm zu verbeugen.
Außerdem folgt er den Reisenden die «ngegangenen Briefe aus, über immer die falschen, und diese mit tagelanger Verspätung. .
Er hat einen elegant gestutzten Vollbart, eine Mütze mit Goldrand und die stumme Würde eines türksichen Ober- Eunuchen. t
Was hat er noch?
Ein mangelhaftes Gedächtnis.
Er vergißt Aufträge, die man ihm erteilt, gibt falsche Abfahrtszeiten der.Züge an und läßt Gepäckstücke in die unrichtigen Zimmer bringen. ,
Dafür wird er, wenn man abreist, fürstlich entlohnt.
Er dankt mit kühler Erhabenheit — ein Mann, der das Seine reichlich getan hat!
Der Liftboy.
Er steckt in einer enganliegenden kaffeebraunen Uniform Und hat immer das gleiche freche Dummejungen-Gesicht, ob Man ihm nun in Köln, in Wien, in Budapest, m Hamburg, in Triest oder in Bozen begegnet.
Cr hört auf den Namen Frangois.
„Francois", sagt man, indem man ihm einen Brief zur Besorgung übergibt, „geh, nimm diesen Brief und —
Aber schon hat er den Brief an sich gerissen und stürmt fort. Er. leidet an Übereifer.
Allein, er leidet auch an einer Bosheit, die er fälschlich für Dummheit ausgibt und mit der er sich für die Ohrfeigen rächt, die er an Stelle des Trinkgeldes einnimmt.^
Gibt ihm trotzdem jemand zehn Heller, dann ist er maßlos dankbar und revanchiert sich durch bodentiefe Verbeugungen.
Unter den Hotelbediensteten Ist er derjenige, der äußerlich am devotesten, innerlich. aber, am .frechsten ist: er . sieht selbst an reisenden Fürsten die sterbliche und lächerliche Seite!
Sein enger, wenn auch nicht ganz vollwertiger.Freund ist der Pikkolo.: ihn protegiert er und ihm vertraut er seine geheimsten Freuden und seine geheimsten Schmerzen an..
Sein Traum ist es, einmal Hoteldirektor zu werden.
Das Stubenmädchen.
Sie heißt Marie und kommt, wenn man zweimal läutet — vorausgesetzt freilich, daß sie auch da ist.
Natürlich ist sie nur in den seltensten Fällen da.
Hat man das Glück, sie zu erwischen, dann klopft sie mit scheinbarer Bescheidenheit an,- öffnet die Tür bis zu einer kleinen Spalte, steckt die Nasenspitze ins Zimmer und fragt: „Der Herr wünscht?"
„Ein Stück Seife", sagt „der Herr".
„Sofort!"
Man wartet.
Man wartet zehn Minuten , und läutet, man wartet weitere zehn Minuten und läutet wieder.
Sie kommt nicht.
Nachdem eine reichliche halbe Stunde verstrichen ist, erscheint sie endlich und bringt eine Nadel.
„Aber Marie", wendet man verzweifelt ein, „Sie sollten doch ein Stück Seife bringen!"
«Ein Stück Seife —V
Sic wird nachdenklich, besinnt sich dann, nimmt die Nadel wieder an sich, verschtvindet und kommt nach einer weiteren halben Stunde mit einer Schere zurück.
So ist sie.
Als zuverlässig , und gründlich erweist sie sich nur, wenn man sie nach ihren FamilieNverhältnisfen ausfragt.
Da läßt sie sich bereitwillig nieder umd erzählt ihre L'el'ensgefchichte, die Lebensgcschichte ihres Bräutigams und die LcbenSgeschichte ihrer Eltern, ihrer Onkeln und ihrer Tanten.
Wie. oft immer ein verzweifelter Gast dann auch läuten mag — es geniert sie nicht: sie ist nicht da!
Der Hausdiener.
Es gibt einen erstem einen zweiten und einen dritten Hausdiener.
Der erste beaufsichtigt den zweiten, der zweite beaufsichtigt den dritten, der dritte arbeitet.
Der erste erhält 60 Prozent, der zweite 30 Prozent, der
dritte 10 Prozent des Trinkgeldes.
Der erste Hausdiener kommt, wenn man dreimal läutet, und er schickt, sobald man ihm einen Auftrag erteilt hat, den zweiten Hausdiener.
Der zweite Hausdiener führt seinerseits den dritten Haus
diener, ins Treffen. .
Der dritte Hausdiener aber, der schlankweg „Friedrich
gerufen wird, ist „momentan" nicht da. _
Es ist die Aufgabe Friedrichs, des Hausdieners, die Scguhe zu putzen, das Gepäck von und zur. Bahn zu schaffen und die Gäste zu wecken.
Friedrich ist gutmütig, geistig minderwertig, me ganz
>cr und . immer verschlafen. •, , ... ■
Aber Friedrich liebt auch beit Alkohol, die Karten und helmine, das Küchenmädchen.
Letztere Liebe ist unglücklich.
Das Trinkgeld, das man Friedrich gibt, Nimmt er mit m gewissen fatalistischen Trübsinn entgegen, wie etwas, zu entrinnen unmöglich ist.
Er zählt nie, was er erhalt.
Er ist Pessimist und Skeptiker und denkt sich im stillen: nith schon so viel nicht sein!
Der Herr Ober.
Er ist Familienvater, hat einen gefestigten Charakter und verfügt über ein Guthaben von 30 000 M? bei der Sparkasse.
Er teilt die Gäste in solche ein, die. er ehrfurchtsvoll, in solche, die er gemessen, und in solche, die er überhaupt nicht grüßt. Ehrfurchtsvoll grüßt er Ministerial-Sekretäre, Bankdirektoren, Generäle und Hochstapler.
Gemessen grüßt er Kaufleute, Schuldirektoren, Pfarrer und Hochzeitsreisende.
Gar nicht grüßt er Leute in Loden.
