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Bbenö^ Busgabe.

Uv. 234. » 62. Jahrgang.

waltigen Expansionsbedürfnis der deutschen Wirtschaft sieht — mehr Vertrauen, wie gesagt, in die deutsche Politik als in das deutsche Volk. . Unter-deutsches Volk ist, nach seiner Meinung, bedroht durch die auf­reizende Tätigkeit unserer Chauvinisten. Ein Chau­vinismus, der, wie der Verfasser weiter ausführt, ganz anders geartet ist, weit tiefer wurzelt und weit gefähr­lichere Früchte tragen- kann als der Chauvinismus in Frankreich, Rußland oder England.

Es muß leider zugegeben werden, daß der fremde Diplomat hier in der Tat den Finger in eine wunde Stelle gelegt hat, und über diesen berechtigten Kern seiner Ausführungen wird und darf auch das Geschrei einer gewissen Presse, das bereits anhebt, nicht hinweg­täuschen. Es ist gar nicht zu bestreiten, daß der Chau­vinismus, der bis. dahin uns Deutschen ebenso fremd war wie das Wort, seit 20 Jahren auch bei uns in steti­ger, nachgerade bedenklicher Z u n a h m e begriffen ist und daß. er um so bedrohlicher wird, je harmloser, zu­gleich aber auch umfassender die Organisation wird, die man ihm bei uns gegeben hat. Wehr- und Flotten-, Krieger- und Studenten-, Sport- . und JugeNdwehr- vereinc, vor allem aber eine Reihe von Zeitungen, bei denen die Hartnäckigkeit der noch vor wenigen Jahren nur verlachten H etz e Logik und Geschmack, Duldsam­keit und Verantwortlichkeitsgesühl ersetzen muß, sind der Rahmen und die Stützen dieser Organisation. Sie alle wetteifern, sicherlich ohne daß in den meisten Fällen den Mitgliedern dieser Vereine und den Lesern dieser Zeitungen die Absichten und die Gefahren solcher Agi­tation zu klarem Bewußtsein kommen, in einer beson­deren Art von: „nationalem" — oder, tote sie selber es nennen, „völkischem" — Empfinden, die uns anderen unverständlich und fremd bleiben muß, die wir deutsch sein wollen, ohne alldeutsch zu sein.

Vor wenigen Jahren hat man bei uns nur ein mit­leidiges Lächeln gehabt, wenn in Paris -Herr Derou- läde mit seiner großen Geste und seinem großen — Rednertalent, mit seinen Scharen von Männleinund Weiblein, vor allem aber mit den trommelndeü, pföisen- den und singenden Pariser Schülern von 5 bis 18 Jahren vor die Straßburg-Statue am- Eoncordienplatz zog oder vor die goldene „Jungfrau von Orleans" an der Place Rivoli, ran znm Kamps — „quand meine" aufzurufen. Und heute !— tun wir ihm nach! Heute halten in Kriegervereinen kommandierende Generale Ansprachen über den Zukünftskrieg mit dem' Erbfeind, entwickeln in Flottenvereinen, in Deutschland und im Ausland, ehemalige Admirale den Schlachtplan der deutschen Flotte gegen die englische, halten gewisse Kreise--das Schwert, das! das deutsche Volk mit schweren, ungeheuerlichen Opfern scharf und schneidig erhält, nicht fest und treu und wachsam in der Hand, sondern — führen es im Munde! Hier ist ein dankbares Feld für alle die, die wahre: Führer und Erzieher, des deut­schen Volkes sein wollen, für die Regierenden, für un­sere deutschen Fürsten vor anderen! Der, .angebliche Niedergang des deutschen Ansehens kann niemals durch

Reden aufgehalten werden. Es gilt, an unserer guten Art festzuhalten, dem deutschen Volk wie in kultureller sind wirtschaftlicher Beziehung so auch in politischer Beziehung freie Bahn zu schaffen und zu lassen, es gilt, zu solchen Idealen auch unsere Jugend zu erziehen, nicht allein zum — Kriegspielen. Wenn der fremde Diplomat auf solche Gefahren hingswiesen hat, für die man leider in unseren eigenen Reihen bisher vielfach blind gewesen ist,-so hat er damit vielleicht^—hoffent­lich!— nicht nur den Frieden, sondern unserem Volke

einen rechten Dienst erwiesen.

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Eine französische Prcssestirmne.

* Paris, 21. Juni. Zu den Veröffentlichungen eines Gesandten der, Tripel-Entente in einem Berliner Blatte und zu. den deutschen Pressekommentaren schreibt der Berliner Korrespondent des.,,Echo de Paris" seinem Blatte: „Ich bin überzeugt, daß, wenn morgen ein

Krieg ausbricht, Deutschland geschlagen wer­den würde. Die Gründe hierfür habe ich verschiedentlich auseinandergesetzt. Wenn-ein Krieg, so wie er von einem zweiten Berliner Blatte gepredigt wird, der Tripel-Entente erklärt wird, müssen die Franzosen mit der begründeten Überzeugung nach der Grenze auf­brechen, daß die Stunde gekommen ist, wo sie sich Elsaß- Lothringen wiedernehmen. Dieses Vertrauen ist die Grundbedingung für einen Sieg und sie hat auch die zukünftige Garantie für den Frieden. Man braucht sich also durch die Fanfaronuade dieses . Berliner Blattes nicht beeinflussen zu lassen, denn dieselbe ändert nichts an der Tatsache, daß 25 Millionen Deutsche in den Großstädten leben und dort verweichlicht sind. Der Kaiser hat diese Gefahr bereits erkannt und sie in einer Rede staut verkündet. Seit zwei Jahren schon sucht man diesem Übelstande mit allen Mitteln abzu­helfen. Nach solchen Erklärungen aus solch zuständiger Quelle wäre die Stunde übel gewählt, um unsere Armee zu! desorganisieren. ! Bleiben wir-stärk, uni Franzosen zu bleiben! 'Wenn aber! -entgegen unserer Absicht ein Krieg ausbricht, dann wollen wir frisch und. fröhlich hineingehen. Unsere A ü s s i ch t e n sind zurzeit durch­aus nicht s ch. l e ch t. R u ß l a n d ist zum Kriege g e- rüste t. Es ist jung genug, um sich die nötige Energie erhalten, zu haben, und es ist alt genug, um aus allen Erfahrungen der Wissenschaft Nutzen zu ziehen. Wenn Sie wüßten, wie man es (Rußland) hier (Berlin) fürchtet!"

Verta v. Suttner %

Sitten, 22. Juni. Baronin Bcrta v. Suttner, die. bekannte! Vorkäuchserirt der FriedensLewegung und. Vobelpreisträzerin, ist gestern um %12 Uhr in . ihrer Wohnung im Alter non 7P Jahren gestorben.

' Die Trauer über den Tod dieser bedeutenden Frau, deren Leben reich,an Mühsälen, aber auch an.großen. Errungenschaf­ten gewesen .ist, ist allgemein, .Sie war eine.Tochter des FelL- masischalls Kinsky. Ihre Mutter w-ar eine Nachkommin des

Montag, 22. Juni 1914.

Deutscher „ThauvimsmuZ".

L. S. Berlin, 21. Juni.

Zum zweiten Male ist der „Berliner Lokalanzeiger" in der Lage gewesen, aus der Feder eines Berliner Diplomaten, der am dortigen Hofe eine der drei Groß­mächte des Dreiverbandes vertritt, Äußerungen über die politische Gruppierung der europäischen Mächte und über die Friedensliebe und die Aufrichtigkeit der deut­schen Politik zu veröffentlichen. Nun wird vermutlich das Rätselraten von neuem.anheben, wer der Verfasser dieser bemerkenswerten, ja manchmal geradezu sensa­tionell zugeschlifsenen Auslassungen sein könne. Leute, welche die Dinge und die Menschen kennen, behaupten steif und fest, es könne nur Herr Cambon, der fran­zösische Botschafter, gewesen sein. Aus alle Fälle kann, wenn anders die Andeutungen des Berliner Blattes zu- tresfen, nicht etwa ein Mitglied, sondern nur der Leiter einer Botschaft in Frage kommen. Ob des­halb Herr Eambon es ist, der so scharf Stellung nimmt, nicht so sehr gegen die deutsche auswärtige Politik als vielmehr gegen gewisse Strömungen und Stimmungen in der öffentlichen Meinung Deutschlands, oder ob der Botschafter Englands oder Rußlands -der Verfasser sein mag: unter allen Umständen werden diese Äußerungen * lebhafte Beachtung finden und ad notam genommen werden müssen.

Der Diplomat setzt auseinander, die friedliche Hal­tung Deutschlands in den letzten 43 Jahren sei noch lange nicht gleichbedeutend mit einer Friedensbürg­schaft auch für die Zukunft. Noch vor 10 Jahren hatte man eben nicht an die Möglichkeit gedacht, daß ein' poli­tisches Gebilde, wie der heutige Dreiverband, ent­stehen könne.- Vor allen Dingen nicht, daß Frankreich, ' das bis 1885 völlig isoliert gewesen sei,, so, schnell bei dem „traditionellen Gegner" England Anschluß suchen und finden werde. Nach der Meinung HM. Diplomaten bat Deutschland danach Frankreich inzwischen nur des­halb nicht 'angegriffen, weil es ihm — zu schwach war. Dabei vergißt der Herr Botschafter allerdings zweierlcsi. Einmal, daß er selbst an die Spitze seiner Erklärungen das Axiom gestellt hat, man greife immer nur den Schwächeren an, heutzutage gebe, es aber in Europa keinen Stärkeren und keinen Schwächeren mehr. Wäre das richtig, dann hätte ja Deutschland Frankreich bis 1886! oder während der Jahre 1904 bis 1905, da Rußland in Ostasien . festgelegt war, notwendig mit Krieg überziehen müssen. Daß das nicht geschehen ist, beweist gerade das, was der Diplomat, wenn auch nur sehr höflich und ganz leise, m Abrede stellt: die und edingte F r i e d e n s l i e b e u n d das st a r k e Fr i e d e n s b e d ü r t n t s- d e r d c u t s ch e n P o Ii t i k! ? Freilich bat ja auch, der fremde Botschafter, wie er gleich danach auseinandersetzt, m. e h r Vertrauen in unsere offizielle Politik — trotz der Umstände, die uns nach seiner. Meinung- zum Atts-geben unserer Friedens- i Politik zwingen könnten, „Umstände", die er in der ungewissen Zukunft Österreich-Ungarns und dem ge-

Feuilleton.

Rönialiche Schauspiele.

In der Vorstellung von F. Lehärs Operette „D c r G r et f von Luxemburg" gastierte der bekannte Wiener Op.e- retten-Tenor Herr Fritz Werner. Die Zeit seiner schönen Jugend liegt wohl schon einige Jahre zurück, .und auch die Stimme dieses Grafen van Luxemburg erschien schon ein ' bißchett „versucht, jucht, jucht"!, trotzdem übt Herr Werner einen unabweisbaren Zauber auf der Bühne aus: es ist jenes liebenswerte gemütliche „Weancrtum , der echte Wiener Operetten-Griff und -Kniff, dem nur schwer zu widerstehen ist. Herr Werner singt solche Musik nicht; er plätschert vor Wonne darin, und plauscht, sie mit innigem Behagen: seinen Vortrag weiß er so flott zu beleben, mit so viel treffenden Pointen und Akzenten auszustatten, daß der Zuhörer, urn so mehr, als keine Silbe tnt Gesang verloren geht, bei heiterster Stimmung erhalten wird. Auch Spiel und Dialog sind voll Witz und Laune: schon die kleinen, wie achtlos eingestreuten Zwischenbemerkungen bei der -,Ziviltrauung im i. Akt der Operette — dem einzigen, der noch so . eine Spur von „Hand­lung" aufweist — schlugen unfehlbar ein. Herr Werner würde von dem allerdings nur sehr spärlich erschienenen Publikum i (die Abonnementsvorstellungen haben bereits geschlossen) mit herzlichem Beifall begrüßt, an dem auch die einheimischen Darsteller: Frau Fried feldt als elegante „Angtzle", Frau Krämer als charmante „Juliette", und die Herren Reh- kopf und Herrmann als gewandte Vertreter der männ­lichen Hauptpartien ihren vollen Anteil hatten.

Gestern ging E. M. v. Webers „Oberon" in derWies- \ badener Bearbeitung von G. v. Hülsen, I. v. Laufs und Joseph Schlar zum 200.mal in Szene. Bei unverminderter Wirkung aller glänzend-dekorativen, dramatischen, poetischen and musikalischen Eindrücke! Wie bei der ersten Aufführung, so dirigierte auch gestern der musikalische Bearbeiter des

Werkes: Herr Prof. Schlar, der im Laufe dieser 14 Jahre wohl nur ganz selten einmal auf seinem Posten abgelöst wurde. Bei seinem Erscheinen am lorbeergeschmückten Diri­gentenpult wurde er ehrenvoll empfangen. Die König- li.ch.e -Kapelle. spielte unter .seiner. Leitung! auch zum. 200.mal Mit immer gleicher Hingabe: schon) die Ouvertüre war eine Glanzleistung und wurde lebhaft applaudiert. Die Ver­treter der Gesangsparticn haben zwischenzeitlich, oft genug .gewechselt, Herr. G e iiie W intet . als. „Scherasmin" dürfte wohl den. Rekord, an Wiederholungen erreicht haben: man hört ihn immer wieder gern und freut sich seines Ge­sanges, der . aus voller Brust und vollem Herzen strömt. Herr Schubert ist. als „H.üon" annehmbar: wenn auch der edle heroische Schimmer, der die. Partie) ulnstrahst, nicht ganz, zum Austrag kommt, so erfreut Loch. — besonders auch in den schwierigen kolorierten Teilen der Aufgabe — ein sehr, aner­kennenswertes musikalisches und gesangliches Geschick. Frl. E n g.l e-r t h . als. „Rezia"vielleicht nicht gerade die „Gazelle", die der Khalif ankündigt, aber eine leidenschaftlich glühende Orietttalin, voll Feuer und Schwung in der Dar­bietung! Gesanglich besonders auch, zu schätzen: der weich­schwellende:-Ton im Vortrag, der „Vision" und die elastische Behandlung der Passagen im 1. Finqle. Die Phräse „Rezia ist — auf ewig dein", wobei die Sängerin verschiedentlich nach den -Worten „Rezia ist" — absetzen muß, um Atem zu nehmen, sollte aber besser geändert werden in „Rezia dein — auf ewig dein!" „Oberon" ist bekanntlich von Weber in eng­lischer Sprache komponiert: man begeht also mit solcher

Korrektur einer ungeschickten Textübersetzung keine. Pietät­losigkeit. Die „Fatime" wurde gestern von Frl. .Gärtner gesungen — eine junge Wiesbadenerin, die ja hierorts schon mehrfach in Konzerten erfolgreich ausgetreten ist. Ihr. Mezzo­sopran, eine weiche, freundliche Stimme, die, besonders nach, der Höhe zu, frischen hellen Klang entfaltet, kam mehrfach zu hübscher Geltung: so im Duettsatz mit Rezia, wie -in der geschmackvoll vorgetragenen Arietta „Arabiens einsam Kind -

Für den großen Raum unseres Theaters! scheint zwar die Stimme, zurzeit, noch etwas zart) besaitet; doch ist diese talent­volle Sängerin im Auge zu behalten: bei ihrer netten, jugend­lichen Erscheinung und den. erfreulichen Anlagen für Spiel und Dialog darf man sich von ihrer weiteren Entwicklung - Gutes versprechen,- -

Das Haus, in den oberen Regionen ausverkauft, jvar auch sonst recht gut beseht: „Oberon" übte seine erprobte An­

ziehungskraft selbst bei 20 Grad, und dazu wurde noch allen Mitwirkrnden warmer Beifall gespendet. 0- D-

Kurtheaker.

Im Kurtheater feierte die alte Detektiv-Komödie von Conan Dohle „D a s he tz t e.A b e n t e u e r des Sherlock Holmes" Auferstehung, das frühere Zug- und Kassenstück des Residenz-Theaters, der Sherlock Holmes ^eine Glanzrolle von Heinz Hetebrügge. Hier spielte Hans >sonnenthal den Meisterdctektiv, spielte ihn mit Routine, und Eleganz, in Augenblicken des Übermuts und der Überlegenheit mit über­ragender -Natürlichkeii. Er war ein sehr shmpathischer Sherlock und erntete reichen Beifall- Von den übrigen Mitwirkenden wäre Herr L e ch n e r lobend zu erwähnen, der den. Forman unaufdringlich und doch' überzeugend spielte, sowie Herr P i st o l als Dr. Watson. Die Damen .Hildebrandt und S e l d o r f verkörperten mtt Geschick ihre jeweiligen Rollen. So wußte Frl. Selhorf die durchtriebene Mägde sehr echt zu geben, während Frl. Hildebrandt für die gemarterte, dann liebende Alice Faulkner den rechten Ton fand. . Nur Herr Nelson spielte den Professor Moriarth zu sehr als Bösewicht, und Frl. Römer gab den munteren kleinen.Willy mit zu ge­wollter Lustigkeit und. Frische. Da .wäre ' weniger mehr ge­wesen. Trotzdem wer die' Auferstehung der Komödie eine ganz würdige. Weniger' würdig sind die lauten „Gespräche", die während der Pausen hinter der Bühne geführt werden.

Da ließe sich doch gewiß Abhilfe schaffen?! B. v- N- .

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