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„Tagbl-tt-HauS" Nr.6SL0-S3.
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Sonntag» 21. Zuni 1914.
Morgen-Ausgabe.
Ne. 233. * 62. Jahrgang.
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Die Politik der Woche.
Non seinem Jagdbesuche in Konopischt ist der Kaiser wieder zurückgekehrt , und wenn auch das Wetter seine Fahrt nicht sonderlich begünstigt hatte, so dürfte der Monarch doch mit dem Verlause seines Aufenthaltes durchaus befriedigt gewesen sein. Der politische Charakter desselben ist zwar lebhaft bestritten worden, fraglos aber haben die Ereignisse auf dem Welttheater in der Unterhaltung der Fürstlichkeiten eine nicht unwesentliche Rolle gespielt. Der preußische Landtag hat zu Anfang der Woche Schluß der Debatte gemacht, einen recht stürmischen Schluß. Die letzten Sitzungen vor der Vertagung bis zum 10. November waren ausgefüllt durch heftige Kämpfe, in deren Mittelpunkt der betriebsame „Enthüller", der sozialdemokratischeAbgeord- nete Liebknecht stand, welcher sich von dem „6nka.uk lerrible" allgemach zu einem Parteiführer zu entwickeln scheint. Die ganz überwiegende Mehrheit des Hauses hat nach leidenschaftlichen Debatten entsprechend dem Beschluß der Geschäftsordnungskommission den Antrag auf Einstellung des gegen den Abgeordneten Liebknecht vor dem Ehrengericht der Anwälte schwebenden Verfahrens abgelehnt, so daß es also, nach drei Jahren, nunmehr seinen Gang nehmen wird. Die heftigen Redekämpfe, die für die sozialdemokratischen Wort- fiihrer einen Rekord an Ordnungsrufen ergaben, ließen erkennen, wie sehr sich die -Spannung zwischen den düraerlichen Parteien und der Sozialdemokratie ver- schärft hat, wozu auch die Vorgänge beim Schluß des Reichstags ein gut Teil beigetragen Haben.
Der ohnehin vorhandene Zündstoff, der in den gesteigerten Rüstungen aller Nationen seinen, Ausdruck findet, ist durch die noch immer fortdauernde B a l k a n k r i s e verschärft worden, die nicht nur die Spannung zwischen Dreibund und Tripel-Entente verstärkt hat, sondern auch innerhalb der Allianzen — wie die österreichisch.italienischen Differenzen wegen Albanien zeigen — Unfriede zu säen droht. Unter diesen Umständen wird man es immerhin mit Befriedigung begriißen, daß durch die deutsch-englischen V erst ä n d i gu n g s v e r s u ch e vielleicht doch einmal eine 9 f r .i Puffer zwischen Dreibund und Zweibund herge- stellt wird, wenn es auch mit dieser Verständigung nur W,i- langsam vorangeht. Aber das jetzt endlich zu- st-mdegekommene Abkommen über die B a g d a d bahn und Mesopotamien ist doch immerhin ein Schritt. Dagegen hat man um so weniger Zlnlaß dem britischen F io ttenbesu ch zur Kr e I -e r W o ch e eine besondere politische Bedeutung bemimessen, .weil gleichzeitig die Visite des englischen Geschwaders m Kronstadt erfolgt, deren Bewertung . von ruß Ocher -Seite aus leicht begreiflichen Gründen möglichst ^ch geschraubt wird.
Die außerordentlich rührige russische Politik -hat sich für den hierbei , entgangenen Gewinn in Rumänien zu entschädigen versucht, aber die Ankündigungen der Pariser Presse, daß Komg Carol niit fliegenden Fahnen ins Lager Ler TrWeWntente einziehen werde, haben sich.zumindest als-sehr.verfrüht erwiesen. Die Trinksprüche von Koustantza waren durchaus auf den üblichen Festrednerton gestimmt, und
Präsidentendämmerung.
Gustaf Jansan, der kürzlich verstorbene berühmte fchwe- sche Dichter, dessen Novellen aus dem trrpolitanischen Kriege lügen" vor zwei Jahren Aufsehen erregten, hat etn Buch nterlassen, das uns anmutet wie eine vorausgeschriebene -schichte der Republik Mexiko, mit allen Schikanen, mit inen Bürgerkriegen bis hin zum Konflikt rmt Amerika, ansons Buch heißt „Die Spekulation Costa Negra, ein bentcurer-Roman, und ist in der Nordischen Bücherei von cora Merseburger erschienen. Em amerikanische^ ^-ank- m§ hat einem costanegranischen General ein Schiff mit jaffen und Munition geliefert zur Beseitigung des Prasi- nten. Als Entschädigung soll der General dem Bankhause e Staatszölle überweisen. Der General verschwindet rest- s mit seiner Beute und läßt nichts mehr von sich Horen. Der ohn des Geschäftsinhabers, ein smarter innger Amerikaner, acht sich auf die Suche nach dem General und findet ihn in r Republik als wohlbestallten Minister des alten Präsidenten, in Bankee läßt sich aber nicht prellen wre ein simpler Cnro- ier " und so entspinnt sich denn zwischen dem Minister und m Amerikaner ein Kampf auf Leben und Tod der hier mit wn Mitteln der raffiniertesten Erzahlungskunstdurchge- chrt wird. DumaS und Mark Twain in emer Person, sagt n schwedischer Kritiker vom Verfasser. Wir bringen hier it Erlaubnis des Verlages einen Abschnitt, der ebenso gut ne Berichterstattung über den Regierung-abschred des erikanischen Präsidenten sein könnte, wenn auch der dichter elleicht den famosen Kollegen Huerta-, den Venezolaner astro, dessen Land er genau kennen gelernt hat, als Vorbild
^Dcr Amerikaner hat seine kontraktlich zugesicherte Revo- ltion nmimehr selbst ins Werk gesetzt und sich mit den scm-
Zar Nikolaus ist offenbar aus Konstantza mit ebenso leerer Tasche heimgekehrt wie der russische Minister des Äußeren S s a s o n o w aus Bukarest. Selbst wenn sich der fürs erste dementierte Verlobungsplan zwischen dem Sohn des rumänischen Thronfolgers und der Prinzessin Olga doch noch verwirklichen solle, werden die Bukarester Staatsmänenr daraus schwerlich Anlaß nehmen, ihre Politik der freien Faust Zugunsten, des Zarenreiches aufzugeben. Dagegen hat Rußland einen anderen, nicht zu unterschätzenden Sieg erzielt -— über die Parteien -der Linken in der französischen Deputiertenkammer und über das Kabinett Viviani. Dieses hat während des Ribot-Zwischenspiels, nicht dem eig'nen Trieb, sondern dem Gebot des Präsidenten Poincard und des Zaren Nikolaus folgend, seine Stellung zum D r e i j a h r g e s e tz einer so gründlichen Revision unterzogen, daß aus der Fanfare eine Schamade wurde. Mit dem Kabinett aber fielen die Parteien der Linken bis auf die Sozialisten um, und die Optimisten, welche den Sturz des Eintagskabinetts Riibot als die Ouvertüre zu: einer Frisdensära bezeichneten, haben nicht so ganz recht behalten.
Auch mit. der so oft in Aussicht gestellten Friedensära auf dem Balkan scheint es noch gute Wege zu haben.. Zwar wird auch in dem griechisch-türkischen Konflikt nicht alles so heiß gegessen werden, wie es gekocht wurde, die Pforte hat sich zu einer Entschuldigung über die Griechenverfolgnngen in Kleinasien. bestimmen lassen und verspricht, für Ordnung und für Ruhe zu sorgen. Die griechische Regierung würde nun weise daran tun, ihre Sprache zu mäßigen, um der Türkei auch ihrerseits ihren guten Willen zu zeigen, das Kriegsbeil zu begraben. Die endgültige Beilegung der Konflikte am Balkan wird aber wohl kaum ohne den Druck und die Hilfe der Großmächte zu erreichen sein und so wartet der internationalen Diplomatie noch eine schwere Aufgabe. Besonders dornenvoll wird diese Aufgabe in Albanien sein, wo der Fürst einen harten Kannst führt, einen Kampf, dessen Ausgang noch völlig ungewiß ist. Aber ob es ihm nun, wie man gern wünschen und hoffen wird, gelingt, .sich auf seinem Posten zu behaupten, oder ob Wilhelm I. zugleich Wilhelm der Letzte sein soll, so wird man ihm doch einräumen müssen, daß er auf dem Posten das Seine getan, sich als ein Mann erwiesen hat.
Der Pfarrer.
Von Pfarrer Encke in Sinn.
Eine oratio pro domo. Darf man die halten? Wer sie nicht lesen will, Überschläge sie getrost, und wer anderer Meinung ist, halte eine Gegenrede.
Kürzlich mußte ich eine Reise machen, die mich durch einen großen Teil unseres deutschen Vaterlandes führte. Es waren mir bekannte Gegenden, die unser Schnellzug durcheilte, landschaftlich schöne Landstriche neben solchen, die nichts Anziehendes boten, Gebirgsland und Ebene. So sehr ich nun auch darauf ans bin, das Schöne überall in der Natur zu entdecken, auch wenn es nicht sofort in die Augen fällt, mehr noch als die Landschaft interessieren mich die Menschen, die sie be
wohnen und den Lebenskampf auf ihr kämpfen. Bei einer solchen langen Fahrt durch Deutschlands Gaue belebt sich vor meinen Augen die Landschaft, und die wechselvollen Geschicke, die sie betroffen haben, tauchen vor meiner Seele auf. Man wird bei solchen Betrachtungen immer wieder daran erinnert, daß wir heutigen Menschen vielfach von der Vergangenheit leben und das ernten, was unsere Vorfahren gesät haben. Bei jeder Reise sind für mich unsere deutschen Dörfer immer besonders anziehend. Ich betrachte ihre Anlage, die Bauart der Häuser, die Verschiedenheit im Feldbau, in der Anlage von Obstbäumen, die Weganlagen und manches andere. Gknz von selbst aber fällt jedem Beschauer die Kirche mit ihrem Turm ins Auge. Jede Gegend hat ihren besonderen Kirchbausttl, und es ist interessant, Vergleiche anzustellen über die Grundgedanken solcher Baustile und über ihren inneren Zusammenhang mit der Eigenart von Land und Leuten nachzudenken. Redet aber nicht jeder Kirchturm, ^der ins Land hinausschaut, vor allem von dem Zweck, dem die Kirchen dienen sollen, von der Religion, von dem Geheimnis des Lebens, das durch die ganze unendliche Welt hindurchgieht und in der Menschenseele seinen Mittelpunkt hat? Erinnert nicht jede Kirche daran, daß an jedem Sonntag ein Pfarrer darin redet, hier vor vollen, dort vor leeren Bänken? Weckt diese Erinnerung nicht in vielen Menschen allerlei Gedanken, die sich in der Richtung bewegen: Braucht man wirklich Pfarrer? Sind sie nicht unnütze Brotesser? Die Zeit, wo man Priester als Mittelspersonen zwischen den Menschen und der geheimnisvollen Gottheit nötig zu haben glaubte, ist endgültig vorüber. Und die Religion? Ist sie nicht Privatsache, Sache des einzelnen, dem es überlassen bleiben muß, wie er sich damit absindet, ob er sie ablehnt oder sie aus eigenen Wegen sucht? Jst's nicht . ein Widerspruch gegen das innerste Wesen der Religion, daß besondere Beamte dafür angestellt sind? Wer heute sein Daseinsoecht erweisen will, muß wirkliche Werte schaffen. Wer nichts irgendwie für die Menschheit Wertvolles schasst und das Leben nur als eine Art Gasthof für Leute, dieGeld haben, oder als einBergnügungslokal betrachtet, der gehört in die von allen geistig gesunden Menschen mit Recht verachtete Kaste der Tagediebe, wie ' unsere Sprache treffend die. unnützen Menschen bezeichnet. Gehören die Pfarrer auch in diese weitverbreitete Kaste? Ich glaube, daß es nicht wenig Menschen gibt, die diese Frage ohne Zögern mit Ja beantworten. Ich nehme es ihnen gar nicht übel, weil sie die Arbeit des Pfarrers und den Zweck seiner Tätigkeit oft kaum dem Namen nach kennen oder sich ein ganz falsches Mid davon machen. Schasst der Pfarrer wirklich Werte, durch die er seine Daseinsberechtigung erweist? Kann er sie schaffen und worin bestehen sie? Was ist für uns Men- schen wirklich wertvoll? Doch nicht bloß die materiellen Dinge, die uns Brot schassen; auch nicht bloß die Gesundheit, die uns der Arzt bewahren und fördern hilft? auch nicht bloß dos Recht, das der starke, geordnete Staat wie einen schützenden Schild über uns hält — es gibt auch geistige Werte, die zur inneren Gesundheit und zum geistigen Wohlbefinden, zur Erhaltung und Förderung der -echten Daseinsfreude unumgänglich
den des Präsidenten verbündet. Die Revolution ist aus der ganzen Linie geglückt, aber in der Hauptstadt selbst ist man noch ahnungslos über , den Erfolg der Aufständischen: —
Auch dieser Abend war einem glänzenden Fest im Präsidentenpalais gewidmet. Über den strahlender als gewöhnlich: erleuchteten Regierungsplatz strömten die Gäste herbei. Die Mitglieder-des diplomatischen Korps langten gemeinschaftlich mit den Konsuln fremder Mächte an. Rach den sich widerstreitenden Gerüchten hielt man dies sür geraten. Vorsicht war schon deshalb notwendig, als man es mit einem so unberechenbaren Mann, wie dem Diktator, zu tun hatte. Bedeutungsvolle Blicke wurden gewechselt, aber die Lippen waren versiegelt. Die Kunde von dem Todesurteil der am letzten Abend Verhafteten hing wie eine Gewitterwolke am Himmel. Daß Alcosta auf dem Rückzug zwei Minister und vier hochgestellte Beamte erschießen ließ, war ebenfalls bekannt, und ein jeder war gespannt, wen der nächste Blitzstrahl treffen werde.
Das Vestibül, die Garderobe und. die Korridore füllten sich auf einmal mit den Gasten. Das Schweigen der sonst so lebhaften Südländer verlieh der Gesellschaft etwas Gespenstisches. Alte Freunde vermieden es, einander anzusehen, und Feinde warfen sich gegenseitig höhnische Blicke. zu. oder zuckten bezeichnend die Achseln. Eiligst befreite man sich von Überröcken und betrat den großen Saal. Die unausgesprochenen. Fragen, die forschenden Seitenblicke und ängstlich abgemessene Bewegungen zeugten von einer überreizt nervösen Unruhe.
Zunächst bemerkte man, daß die Wachen überall verdoppelt, und wie es bald bekannt wurde, die Gewehre der Polizei geladen waren. Vielleicht gedachte Alcosta ein Blutbad unter wirklichen oder eingebildeten Feinden anzurichten. Die Unruhe wuchs. Alle Vorsicht vergessend, begannen dre Diplomaten eifrig zu flüstern, wo sie saßen und standen.
Es lief ein Säuseln durch den Saal, als Alcosta eintrat. In Gesellschaftstracht, die Brust mit Orden bedeckt, machte ev seine Runde und zeigte sich so liebenswürdig und einnehmend, wie noch keiner ihn je gesehen hatte. Seine strahlende Miene begann sich bald in den Gesichtern der Anwesenden widerzuspiegeln, Die Spannung wich, und die Unruhe legte sich. Man nahm an, daß die Aufruhrarmee noch weit entfernt fern müsse und Woran nichts als der unverbesserliche Haudegen sei, den man nur belächele.
Die Cour sollte um 11 Uhr beginnen. Unmittelbar darauf würde eine Deputation eine Adresse mit Tausenden von Unterschriften überreichen.
Kurz vor seinem Eintritt in den e * ncn
Lancier empfangen, der außer Atem und bestaubt zu chm ge-
fuhrt vourde. affeg abgemacht, Präsident", hatte der
Lancier gesagt. „Als ich hierher aügrng, sahen wir sie im
Abstand einer halben Weile.. -
„Sind Sie sicher, alle: Woran, Qurroga und das Gefolge beisammen gesehen zu haben?
Ich sah sie mit eigenen Augen, Präsident."
Alcosta klatschte vergnügt in die Hände: „Sie können! gehen, mein Freund, ich werde Sie nicht vergessen."
Nachdem er eine Weile den verbindlichen Wirt gespielt, wurde Alcosta abermals unruhig und unterbrach seine Runds auf eins Weise,, wie es niemand, außer ihm, sich erlaubt hätte, übelgelaunt und verschlossen nahm er im Thronsessel Platz und brütete vor sich hin, ohne sich an die Gesellschaft zu kehren. .
Ein Adjutant bahnte sich einen Weg durch die Menge und meldete, daß soeben ein Kurier angelangt sei.
„Endlich!" brach Alcosta aus, indem er aufsprang.
„Gute Neuigkeiten?" bemerkte ein alter General»
