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S-tte 2, " Morgen-Ausgabe, 1. Matt.

Schweden. Spitzbergen ist heute durchaus nicht mchr das völlig unbewohnte Gebiet, das es noch Vis vor kurzem gewesen ist. In den Hochsommermoriiateu wird es _ von Ver­gnüg u n g s d a m p f e r n besucht, Jagdexpeditionen werden unternommen, Observatorien zur Erforschung der Naturerscheinungen in den arktischen Gebieten sind gebaut, und selbst die Ausbeutung der Kohlen- und Marmor- f ch ätz e hat begonnen. Die hervorragende Qualität von Kohle und Marmor soll trotz enorm hoher Arbeitslöhne den Betrieb von Kohlenbergwerken noch rentabel machen. Da von keinem Staate das Recht in Anspruch genommen wurde, Spitz­bergen politisch zu beherrschen und auch keine privaten Besitz­ansprüche bis vor kurzem geltend gemacht wurden, so galt Spitzbergen als herrenloses Gebiet. Landerwer- bungen stand also nichts im Wege.

Geleigentlich der unter Leitung des Prinzen Heinrich und des Grafen Zeppelin stehenden Expedition zur Erforschung arktischer Verhältnisse wurden Ansprüche deutscher Staats­angehöriger auf Spitzbergen gestellt. Mit den Erwerbungen, die zum Teil, wie sich später herausgestellt hat, mit An­sprüchen Angehöriger anderer Nationen kollidieren, mußten privat- und staatsrechtliche Fragen auftreten, die zwar unter Anlehnung an koloniale Verhältnisse, Abgrenzung von Inter­essensphären usw. zu lösen sind, aber doch, da für Spitzbergen arktische Verhältnisse in Betracht kommen, neue Rechts- fr a gen schufen. Tie ZuerLennuntz eines privaten Rechts auf Spitzbergen durch eine Behörde kann wegen des Mangels einer Staatshoheit zurzeit noch nicht erfolgen. Aufgabe der Spitzbergeukonferenz wird es also unter anderem sein, eine Behörde einzusetzen, die in diesen Angelegenheiten das Recht der Entscheidung hat. Die deutschen Belegungen sind bisher lediglich beim Auswärtigen Amte in Berlin ange­meldet und, nachdem die entsprechenden Vorschriften erfüllt sind, in ein vom Auswärtigen Amte geführtes Landschutz­register eingetragen. Auf der internationalen Konferenz wird sich Herausstellen, toiaroeit die Ansprüche der fremden Er­werber gehen und wieweit sie mit den deutschen An­sprüchen kollidieren. Die gegenwärtig in Spitzbergen herrschen­den Zustände, die durch die mangelnde Publizität dev Besitz­ansprüche hervorgerufen sind, sind jedenfalls unhaltbar ge­worden und erfordern dringend der Abhilfe.

Dsr General und der Kardinal Agliardi.

8. R o m, 18. Juni.

Von dem General Agliardi weiß heute die ganze Welt, daß er zusammen mit zwei Majoren, zwei Hauptleuten und zwei Leutnants auf dem Wege zwischen Ravenna und Rimini inmitten der blutigen Revolten der vsrgangenen Woche der Aufforderung der Revolutionäre, den Säbel abzu­geben, Folge leistete und dafür zur Disposition gestellt wor­den ist. Die italienische Presse, ohne Ansehen der Parteiftel- lung, bekundet dem General die -leibhaftesten Sympa­thien. Er ist e-n Opfer der starren militärischen Dis­ziplin geworden, er, der in drei Kriegen wegen seiner Toll­kühnheit vor dem Fetnde die höchsten Auszeichnungen erhal­ten hat, sicht seinen Ruf durch das letzte Vorkommnis nicht gefährdet. Ganz Italien ist mit ihm betrübt. Und nicht weniger ist es auch der Vatikan. Dort hat der General viele Freunde. Sein Vetter ist Kardinal und hat neben dem Erzbischof von Pisa zurzeit die größte Aussicht, Pius' X. Nachfolger zu werden. Kardinal Agliardi hatte zu Be­ginn des Tripoliskrieges bei einer Hochgeitsseier eine patrio­tische Ansprache gehalten und dieselbe in die Öffentlichkeit bringen lassen. Im Quirinal war man entzückt, im Vatikan verdutzt. Unterdessen aber hat sich in den Beziehungen zwischen Vatikan und Quirinal einiges geändert, und der nationalistische imperialistische Gedanke hat unter den höheren Klerikern Roms immer neue Anhänger gefunden. Agliardi gilt als ihr Führer. Und daher hat dieser Papabile große Chancen.

Deutsches Reich.

* Rücktritt des österreichischen Botschafters in Berlin.

Ein Berliner Telegramm der „Kölnischen Zeitung" !bsstät!gt, daß der österreichische Botschafter in Berlin, Graf von S z ö g y e n y - M a r i ch im Herbst aus Gesundheitsrücksich­ten von seinem Amt zurücktreten wird.

WieskadMer TrrMatL.

* Zur Abänderung des Nahrungsmittelgesetzes. ' Der Deutsche Zentralverkband für Handel und Gewerbe, e. V., m Leipzig hat zu dem Nahrungsmittelgesetz vom 14. Mai 1879 eine Eingabe an den Bundesrat gerichtet, die dahm geht, daß 1. zur Vorbereitung der Verordnungen und zur Mir- wirkung bei der Beschlußfassung, 'sowie zu ihrer Nachprüfung, die Vernehmung von Sachverständigen aus den Kreisen der beteiligten Fabrikanten und Händler zur Pflicht gemacht wird, und daß solche in -angemessener Zahl von den Handelsvertretungen vorzuschlagen sind; 2. die Verord­nungen im Entwurf diesen Vertretungen vorzülegen sind; 3. bei Erlaß von Verordnungen auf die ständig fr t s ch r ei - t >e n d e Entwicklung der Industrie gebührend R ü ck - sicht genommen, insbesondere auch dafür Gewähr geschaffen wird, daß der beamtete Chemiker in Ausnahmefällen ein anderes, als das .amtlich ,vorgeschriebene Untersuchungsver- fahren auwenden darf, wenn es nach feiner wissenschaftlichen Überzeugung und dem amtlichen Verfahren gleichwertig :st, und mit dem Untersuchungsergebnis mitgeteilt wird, und daß zu diesem Zwecke eine bleibende Zentralstelle beim Kaiserlichen ReichAgesundheitSamt geschaffen wird, in welcher Industrielle, Kaufleuie und Chemiker gleichmäßig vertreten sind. Neben diesen Grundsätzen bei der Durchführung der Verordnungen. empfiehlt der Deutsche Zentralverband für Handel und Gewerbe dem Bnndesrat wiederholt den Schutz des Nährungsmittelverkäufers gegenüber Härten bei Aus­führung der Beistimmungen des Gesetzes. Die Forderungen der Eingabe sind in längeren Ausführungen eingehend be­gründet.

ep. Zur Kirchenaustrittsbcwegung. Der Zentralverband proletarischer Freidenker logt in der neuesten Nummer seines Organs „Der Atheist" Rechenschaft über die Ergebnisse ab, welche die von ihm hauptsächlich betriebene Propaganda für den K'rcheüaustritt im verflossenen Winter gehabt hat. Etw>a 100 Versammlungen haben in ganz Deutschland stattgefunden. Ihr Erfolg war — so betont die Zeitschrift — _ ein recht wechselvoller. In einigen größeren Städten war ein Massen­besuch vorhanden, dagegen ließ an den meisten Orten der Be­such außerordentlich zu wünschen übrig. Die Zahl der er­zielten Kirchcnaustritte ist keine allzu große gewesen, ebenso die Zahl der neugewonnenen Mitglieder, so daß nach der Zeitschrift die Meinung über den Erfolg dieser Agitations- bswegung eine geteilte sein wird. Trotzdem soll im kommen­den Herbst und Winter ein neuer Vorstoß versucht werden.

* Das 6. deutsche Reichswaisenhans in der Ostmark. Ein bedeutungsvolles soziales und vaterländisches Werk hat am 14. Juni seinen Abschluß durch die Einweihung des 6. deutschen Reichs-Waisenhauses in der Ostmark gefunden. Die Deutsche Reichsfechtschule, die Unablässig ihrem hohen Ziele, deutsche Waisennot zu lindern, nachftre'bt, hat mit der Errich­tung des Waisenhauses in Bromberg einen neuen hervor­ragenden Nationalen Erfolg errungen.

* Ärztinnen in Deutschland. Wie eine Nachrichtenstelle schreibt, üben zurzeit in Deutschland rund 200 Ärztinnen Praxis aus. Diese Ziffer stimmt ungefähr mit der Zahl der allein in London praktizierenden weiblichen Ärzte überein.

* Die Hochwafferreguliernng der Saale. Der preußische Minister der öffentlichen Arbeiten hat ungeordnet, daß auf preußischem .Gebiet mit den Vorarbeiten für die Durch­querung der rechten Saaleniederung durch den Elster-Saale- Kanal und für -die Hochwaflerregeulierung der Säule be­gonnen werde.

Heer und Flotte.

lOsijähriges Regimentsjubilänm. Das Füsilier-Regiment Generalfeldmarschall Graf Blumenthal (Magdeburg.) Nr. 36 zu Halle und Bernburg begeht im August 1915 die Feier seines 100jährigen Bestehens. Alle ehemaligen Angehörigen des Regiments sind zur Teilnahme aufgefordert. Adressen unter Angabe von Dienstzeit und Kompagnie sind Möglichst bald an das Regiment zu übersenden. Adresse: „100-Jahrfeier". An Füsilier-Regiment 36, Halle a. d. S. Als Festtage sind in Aussicht genommen: Für Halle a.d.S. (1. und 3. Bataillon): Dienstag, 17. August, Mittwoch, 18 August (Hauptfesttag) und Donnerstag, 19. August 1915; für Bernburg (2. Bataillon): Freitag, 20. August und Samstag, 21. August 1915 (Hauptsesttag).

Schiffsbewegungcn. Einqetroffen: S. M. „Kaiser" mit dem Chef der detackierten Division und S. M. S. „König Albert" am 17. Juni in.Kiel. S. M. S. „Planet" am 17. Junr

Samstag, 20. Juni 1914*

Nr. 281.

in Rabcml. S. M. S. ..Goeben" mit dem Chef der MrUAmewt division am 17. Juni in Saida (Syrien), S. SW. :©. «Nycme- am 16. Juni vor Helgoland- (ab 17. Jum).

post unö Eisenbahn.

Die Betriebseinnahmen der preußisch-hessischen Staats, eisenbahnen hüben im Mai 1914 -gegenüber dem gleichen Monat des Vorjahres im Personenverkehr 6,2 Millionen Mark — 8,90 v. H. weniger, im Güterverkehr 5,6 Millionen Mark = 4,23 v. H. mehr, insgesamt unter Berücksichtigung einer Mindereinnahme aus sonstigen Quellen 2,0 Millionen Mark — 0,93 v. H. weniger betragen. Die Zalst der Werktage war in beiden Jahren gleich. Der Mai des laufenden Jahres hatte einen Sonntag mehr und infolge der veränderten Lage des Pfingstfestes einen Feiertag weniger als der gleiche Monat des Vorjahres.

X X Ruhetage für das Zugpersonal. Man schreibt uns: Der preußische Eisenbahnminister hat in einem an die Eisen­bahndirektionen gerichteten Erlaß darauf hingewiesen, daß dem gesamten Betriebspersonal, sowohl den Arbeitern wie den Beamten, ein besonderer Ruhetag vor oder nach den hohen Festen gewährt werden soll, wenn dies ausnahms­weise während der Festtage nicht möglich ist.

Verband deutscher Eiscnbahnhandwerker und -arbeite», Zu dem am Donnerstag in Hamburg begonnenen Dele­giertentag sind etwa 220 Vorstandsmitglieder und Delegierte eingetroffen. An den deutschen Kaiser und an den Minister der öffentlichen Arbeiten wurden Begrühungstelegramme gesandt. Nach der Begrüßung erstattete der Vorsitzende I ck l e r den Geschäftsbericht. Er gedachte zunächst des 20jährigen Bestehens des Verbandes, der heute, nach innen und außen gekräftigt, an der Spitze aller Eisenbahnerorgani­sationen stehe, und widmete dem Gründer Peter Molz ehrende Worte. (Beifall.) Er betonte dann den unabhängigen Charakter des Verbandes. Diese strikte Unabhängigkeit in jeder Beziehung will sich der Verband bewahren. (Lebhafter Beifall.) Der Verband will nichts anderes als Interessen­vertretung der deutschen Eisenbahner sein. Damit hofft er auch der Allgemeinheit der deutschen Arbeiter zu dienen. Eine der Hauptaufgaben soll die Hebung der Bildung unter den Mitgliedern sein. Die Arbeit in den Berichtsjahren war groß, aber auch erfolgreich, trotzdem die wirtschaftlichen Ver­hältnisse nicht immer günstig waren. Lohnaufbesserungen und neue Lohnsysteme wurden erzielt. Eigene Einrichtungen wurden geschaffen. Der Bericht geht des näheren auf die staatlichen Wohlfahrtseinrichtungen ein. Bei den Kranken­kassenwahlen besetzte der Verband in sämtlichen 22 Eisen­bahnbetriebskrankenkassen von etwa 900 Vertretern mehr als zwei Drittel, während sich in das übrige Drittel 10 andere Organisationen und viele Unorganisierte teilen. Das Wahl­system hat sich nicht bewährt (Stürmisches Sehr richtig!), die gebundene Wahl muß eingeführt werden. (Lebhafter Beifall.) Die Reichsversicherungsordnung hat die. Eisenbahner in recht­licher Hinsicht schwer geschädigt, namentlich durch Ablehnung der Sonderversicherungsämter. Die Sozialpolitik darf nicht stille stehen. Auf dem Gebiete der Unfallversicherung holte der Verband Tausende an Renten für Mitglieder heraus. Ebenso wurde der Rechtsschutz des Verbandes segensreich ausgenutzt. Später traten fünf Spartenversammlungen zu­sammen/welche die besonderen Fragen der einzelnen BerufS- zweige behandelten.

Kusland.

Niederlande.

Der Abschluß der Opiumkonvention. Haag, 19. Juni. Die O-prumAonferenA erklärte, Äatz, trotzdem einige Mächte sich nicht angeschlossen hätten, die Konvention von 1912 in Kraft treten könne, sobald die Signatarmächte und die Mächte, die sich anzuschliehen wünschten, sie ratifiziert hätten.

Frankreich.

Die Pariser Unwetterkatastrophe vor der Kammer.

Paris, 18. Juni. Der konservative Deputierte Binder meldete eine Interpellation an über die infolge des jüngsten Unwetters in Paris vorgekommenen Unglücksfälle und ver­langte, daß die Erörterung darüber sobald als möglich statt­finden solle. Der Minister der öffentlichen Arbeiten: Renault erklärte, daß er die Kammer in der nächsten Woche

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von dieser Summe schickte ich pünktlich jeden Ersten meiner Mutter zur Unterstützung 30 M.

Es folgten Jahre schweren, unermüdlichen Studiums. Bayreuth kennt keine Oberflächlichkeit, mit Tonleitern fängt die Arbeit an, die dann mit jenen herrlichen Partien des Siegfried, Wotan und wie die gewaltigen Rollen alle heißen, enden. Frau Wagner hörte mich erst wieder, als Kniese ihr von meinen Fortschritten berichtet und mich aufgefordert hatte, ihr vorzusingen. Diese Stunde werde ich nie vergessen. Es war im großen Musiksalon der Villa Wahnfried, wo ich Frau Cosima das Lied singen mußte: „Leise flehen meine Lieder!" Frau Cosima faltete die Hände, und ihr Urteil lautete: „So hat es einst mein Vater am Klavier gespielt!" Und von Stund' an wußte ich, daß Bayreuth mich zu Großem ausersehen hatte. Frau Cosima hatte, als ich den letzte,.' Ton des Liedes verklingen ließ, tränenfeuchte Augen. Diese Stunde, da ich armer Bauernbursch durch ein einziges Lied die Gattin des Meisters zu Tränen gerührt habe, ist mir un­vergeßlich, allen Ruhm könnte ich missen, doch diese Stunde nimmermehr. Ich war Wahnfrieder geworden. Was waren das für Weihnachten bei Frau Cosima, wenn wir Auser- wühlten unter dem Weihnachtsbaum irgend einen Akt oder einige Szenen aus Wagnerschen Opern sangen.

1894 stand ich bereits als Chorführer bei „Tannhäuler" aus der Bühne des Festspielhauses, 1895 sang ich das kleine Solo des ersten Ritters im „Parsifal". Und 1896 rief mich der Zufall als Siegfried mitten vom Mittagessen ins Theater. Grüning hatte abgesagt; ich war erst für den zweiten Zyklus vorgemerkt. So saß ich denn in der „Eule", ließ mir die Leberkuödel schmecken, da geht die Tür auf, Kniese stürzt herein mit den Worten: „Loisl, du mußt sofort mit ins Fest­spielhaus fahren, du mußt den Siegfried singen." Weder für Angst und Beklemmung, noch für Glücksgesiihle hatte ich Zeit, Kniese schob mich in den Wagen, im Festspielhaus war gerade das Siegfried-Kostüm, ein regelrechter Panzer, entworfen von Hans Thoma eingetroffen, ich kroch in das Eisen und sang den Siegfried der „Götterdämmerung". Mein Glück und meine Zukunft waren gemacht, mein Auftreten, mein plötz­liches Einspringen als Schüler stand in allen Blättern, ich erhielt Anträge um Anträge auf Gastspiele und . . . sang 1898 in Bayreuth den Parsifal. Bis 1886 hat mir Wahnfried Monat um Monat xegelmaßrg 180 M, cmsgezahlt, wenn

manchmal die Kasse knapp wurde, da half Wahnfried gerne aus. Und niemals habe ich später von Wahnfried für meine Mitwirkung etwas verlangt, ich habe nur genommen, was man mir gab. Und die letzten Jahre überwies mir die Fest- spielverwaltung für meine Mitwirkung 6000 M. Stockhausen vollendete meine gesangstechnische Ausbildung, Niemals habe ich mich zu einem festen Engagement entschließen können, denn ich habe die Worte der Frau Cosima befolgt: „Loisl, werden Sie kein Repertoiresänger, bleiben Sie Wagner treu!" Und das bin ich geblieben bis heutigentags!"

Wir stießen'die Gläser zusammen und feuerten mit Portwein innerlich ein. Zaghaft -— denn ich hatte vorhin d'.e innere Erregung wohl bemerkt, die sich des Künstlers bei dem Thema „Amerika" bemächtigte — stellte ich die Frage: „Haben Sie Amerika, in dem Sie doch ungeahnte Triumphe feiern konnten, ganz aus Ihrer Erinnerung ausgelöscht?"

„Amerika!" gab der Künstler mit einem tiefen Seufzer zurück. „Amerika! ... Ich war blutjung, die deutschen In­tendanten und Direktoren umdrängten mich mit Verträgen. Und ich wollte und sollte doch kein Repertoiresänger werden. Da kam ein Antrag aus Amerika auf zehn Gastspiele in der Metropolitan Opera, pro Gastspiel 2000 M. Vor wenigen Jahren hatte ich noch ganze drei Mark Wochenlohn gehabt. Da ich nur Wagner-Partien singen sollte, nahm ich die ameri­kanische Lockung an, schloß 1902 mit Conried einen Vertrag auf 20 Gastspiele, erneuerte den Vertrag für 1903 auf 30 Gastspiele, ließ mich weitere Jahre binden. Nicht nur für New Dort, nein, für ganz Amerika. Und damals habe ich gut­gläubig und nichtsahnend die von Conried vorgelegte Ver­tragsklausel unterschrieben, daß ich jedes Jahr eine neue Wagner-Partie, die Conried vorschreibt, in mein ameri­kanisches Gastspiel aufnehmen muß. Und diese Klausel nützte Conried aus, als er 1904 unter den Entrüstungsrufen her ganzen Welt in New Uork „Parsifal" aufführte und mich zwang, pochend auf den Vertrag, den Parsifal zu singen. Sollte ich kontraktbrüchig werden? . . . Hatte ich nicht Frau und Kind bei mir, für die ich sorgen mutzte? . . . Mein Herz dachte nicht an einen Parsifalraub. Aber ich gestehe Ihnen: Diese Wunde brennt mir immer in meinem Innern, daß gerade mich das Schicksal auscrsehen hatte, der erste Parsifal in Amerika zu sein, mich, der all sein Glück Wahnfried zu .perdanken hatte. Ich schrieb von meiner Gewissensnot nach

Wahnfried und erhielt von Frau Cosima diesen Brief, deck heute zum erstenmal ein fremdes Auge sieht. Lesen Sie selbst hier die Stelle, wo mir Frau Cosima schreibt:

„Lieber Loisl, ich kann es nicht glauben, daß Sie sich wirtlich für Parsifal verpflichtet hätten. Ohne Zweifel können Sie Herrn Conried mit Aussicht auf Erfolg sagen, daß Sie nimmermehr an Parsifal bei der Unterzeichnung der einen Klausel dachten. Ich erwarte von Ihnen, daß Sie dies tun. Aber nicht nur ich, sondern die ganze gebildete Welt. Wenn Sie wirklich als Parsifal in Amerika auf­treten, dann wird Ihr Gewissen ewig belastet sein, für Geld eine Entweihung begangen zu haben und den Verrat des Undanks an Ihrem Meister. Fassen Sie Mut!" . . .

Wie habe ich gekämpft, aber Conried bestand auf dem Vertrag. L Wie mir innerlich an jenem Abend zumute war, da ich itt Amerika zum erstenmal den „Parsifalraub" — so hieß es da­mals allenthalben, mitbeging, das kann ich niemand sagen. Wir alle, auch van Roy, der verwöhnteste aller Bayreuther Zöglinge, den Cosima als den Würdigsten bezeichnet und ihn! ein silbernes Medaillon mit dem Haar Richard Wagners ge­schenkt hat, ließen uns von Conried betören, denn er sagte am Tage der Generalprobe zu dem versammelten Personal: „Ich: ' habe an alle deutschen Theaterdirektoren und Intendanten geschrieben und sie gefragt, ob sie mir ehrenwörtlich versichern können, daß sie nach 1914 auf „Parsifal" verzichten und ihrt lediglich in Bayreuth lassen werden. Wenn auch nur fünf Direktoren mir ihr Ehrenwort gegeben hätten, hätte ich noch in dieser letzten Stunde „Parsifal" abgesagt; aber nicht ein deutscher Theaterleiter hat mir sein Ehrenwort gesandt. Darum bleibe ich bei meinem Vorhaben." So mutzten wir singen und haben in den Jahren den „Parsifal" 800 000 Men­schen zugänglich gemacht. 450 000 M. hatte Conried für die Dekorationen, Kostüme usw. des „Parsifal" geopfert. . . t Wie Amerika dieses Bühnenweihfestspiel aufnahm? Amerika liebt Wagner-Musik über alles. Amerika liebt Wagner-Musik ekstatisch. Der „Parsifal" war in Amerika wohl anfangs jene ungeheure Sensation, die sich eben nur Amerika leisten kann, aber ich konnte feststellen, als wir mit „Parsifal" Amerika bereisten, da wirkte diese weihevollste aller musikalischen Schöpfungen in der Tat wie Gottesdienst-: Allein der Gedanke, 800 000 Menschen es mit ermöglicht KM Haben, ein emzigesmal in ihrem Leben. auch j