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„Tagblatt-Haus" Nr. 6650-53.

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m^ags.^ü?die"Morg'en-AuSg^bis'i Uh?nachmittag^ Berliner Redaktion des Wiesbadener Tagblatts: Berlin-Wilmersdorf. Güntzelstr. 66, Fernspr.: Amt Uhland 45» u. 451. Tagen undPläAh«"rd k-Ä? GewLh-s?b!?nimm?n!

Samstag, 20. Juni 1914.

Morgen'Ausgabe.

Nr. 231. ♦ 62. Jahrgang.

i

Die Bedeutung der Werkdundausstellung.

Bon Dr. Erich Schairer.

Von einer politischen Bedeutung der gegen­wärtigen Kölner deutschen Werkbundausstellung zu reden, hieße den Mund unnötig vollgenommen und kann der Pariser Presse überlassen werden, die in ihrem Angesicht nicht nur „ein künstlerisches Sedan" befürchten zu müssen glaubt, sondern sogar eine „Ge­heimorganisation der deutschen Reichsregierung" da­hinter wittert. Aber wir haben es in vielen Erfahrun­gen gelernt und solche Ausdrücke in ausländischen -Blättern bestätigen es von neuem, daß wirtschaft­liche und politische Interessen und Wirkungen nahe beieinander liegen und an manchen Punkten wirklich zusammenfließen. Von diesem Standpunkt aus wird gerade auch der aufmerksame.Politiker an der großen deutschen Gewerbeschau nicht gleichgültig vorüberblicken dürfen, die seit Mai dieses Jahres auf dem rechten Rheinufer zwischen Deutz und Mülheim, der Stadt Köln gegenüber, ihre Pforten geöffnet hat.

Die Werkbundausstcllung kann von entscheidendem Einfluß werden für einen großen Teil des deutschen Exporthandels und die .dahinterstehende In­dustrie. Seine Stellung auf dem Weltmarkt ist zwar gefestigt, selbst der englischen Konkurrenz mit ihrem anfänglichen Vorsprung gegenüber, wo es sich um technische Vollendung und Leistungsfähigkeit han­delt, also vor allem im Maschinenbau und der Werk­zeugfabrikation oder wo wissenschaftliches Können die Grundlage bildet, wie in unserer welt­berühmten chemischen Industrie. Nicht ganz s o günstig liegen die Verhältnisse bis setzt in den Zweigen, wo zur Güte des Materials die geschmack­volle und edle künstlerische Form treten muß, um dem Produkt den Vorrang im Urteil des Käufers zu schassen: in der Möbel- und überhaupt der holzver­arbeitenden Industrie, in einem Teil der Lederbranche, in der Webstoff- und Bekleidungsindustrie. Hier haben benachbarte Kulturländer, über die der große Um- schwuug der kapitalistischen Betriebsmethode früher oder nicht io radikal und plötzlich gekommen ist wie über Deutschland, lange Zeit einen beträchtlichen Vorsprung genossen Die Kölner Ausstellung wird vielleicht. wird hoffentlich dahin wirksam sein, daß er für immer e i n g e h o l t ist.

„Qualitätsarbeit" beißt das Losungswort des Werk­bunds, unter dem die deutsche Produktion neue Erfolge auf dem internationalen Markt zu ernten gedenkt: Qualitätsarbeit im Sinne nicht bloß von stofflicher Güte und Solidität, sondern ebenso auch darüber hin­aus von förmlich schöner Gestaltung, die nt ihrer zert- entsprossencn Eigenart dem „deutschen Strl dre Welt

Künstler-Lrdrnwallrn.

(Was Aloys Burgstaller, Bayreuths berühmtester Zögling, erzählt.)

Bon Joseph M. Jurinek (München),

Aloys Burgstaller, dessen Ruf und Ruhm als Wagner­sänger die. alte und neue Welt Jahre um Jahre in gleicher Weise erfüllten, steht vor der Tür seines altväterlichen Land­hauses Heidenkamm in Holzkirchcn, schwenkt nach echter Bajuvarcnart sein „greanes Hüatei" und heißt mich will­kommen mit dem biederen Gruß: „Grüaß Eahna Gott. Gengas eini und lassens uns plauschen. Erzählen wollen wir uns, was uns grade g'freut, aber von dene MalefiziNterviews, wo nachat doch alles verkehrt kommt, bin ich noch me ein Freund gewesen. Wenn mich in Amerika die Journalisten in-wer aushorchen wollten, da habe ich ihnen allewml dasselbe vom Zoologischen Garten erzählt und da Habens halt dann enench

a Ruh gegeben." , , 0 . o

„1783 erbaut!" steht an der Stirnseite des Landhause., in dem der berühmteste Bayreuther Zögling, Aloys Burgstaller, wohl schon an die zwei Jahre heimt. Bon außen wohl ein liebes trautes Bauernhaus, doch kaum betritt man die weite, geräumige T iele, da grüßen aus allen Ecken und Winkeln in irgend einer Gestalt die Werke Richard Wagners, dem ach ja Aloys Burgstaller mit seinem ganzen Denken, suhlen und Sein für alle Zeiten unlösbar verschrieben hat. Hier vrangt die Silberrüstung des Gralsritters Lohengrin, dort steht in einem Lorbeerhain der heilige Speer Parst)als, da Rötung, das niedlich-. Siegfriedschwert. In der Diele mitten steht un m'stbtiaer Flügels Und in den Waffenschmuck der Nibelungen­heiden und Gralsritter mischen sich an den Wänden Jagd­trophäen des Künstlers. Ein Junitag ist's, da ich auf Heid'n- karnm eintrcffe und doch prasselt im Kamin ein Holzstoß, denn draußen fegt naßkalter. Sturm über Wiesen^und Felder und an die Fensterscheiben klirrt der Reaen seine seltsame Melodie Nicht weit vonr wärmespendenden Kamin nehmen wir Platz lodernde Holzklötze und alter Portwein feuern von nuf-ni und innen ein Und Burgstaller. der in seiner Rccken- gestalt der geborene Siegfried und Parsifal und Lohengrin

erobern soll. Die ganze Kölner Ausstellung ist eine einzige Sinfonie des Qualitätsgedankens, und der Reichskommissar hat bei der Eröffnung ebenfalls be­tont, daß er sich einen „internationalen Erfolg' tn barer Münze von diesem Konzert verspreche. Aber wir werden nicht vergessen dürfen — und wiederum gerade der Politiker nicht — daß aus einem Sieg dieses Quali- tätsgedankens in der deutschen Produktion, wie ihn die Fanfare von Köln einzuleiten gedenkt, auch n a ch innen hin wirtschaftliche Veränderungen. entsprin­gen können, die nicht ganz ohne Bedeutung sind. Vor allem können daraus neue Hoffnungen für das Hand­werk erblühen, dem der Sturm der Industrialisierung seinerzeit die Flügel zerfetzt hat und das in der Flegel­jahrperiode der Massenfabrikation, die sich ihrem Ende zu nähern scheint, allen Grund hatte, sich bitterlich zu beklagen.

Zwar ist der Werkbundsgedanke zunächst in erster Linie und zu einem guten Teil aus dem erwähnten Exportinteresfe heraus eben von der Industrie auf­genommen worden, die diesen Herbst in einem vom Werkbund herauszugebenden „Warenbuch" zeigen will, daß auch der Massen- und Markenartikel künstlerischer Veredelung keinen unüberwindlichen Widerstand ent­gegensetzt. Aber die künstlerische Erziehung der Konsu­menten, die damit von seiten der Hersteller eingeleitet ist, wird mit naturgesetzlicher Sicherheit ihre Früchte zuletzt auch dem Handwerk in den Schoß fallen lassen. Denn wenn unser Volk es auf diese Weise wie­der lernen sollte, die Gegenstände, die es kaust, mit künstlerisch liebevollem Auge zu betrachten und sich zu ihnen in eine innerliche, gemütliche Beziehung zu setzen: dann wird es ihm eines schönen Tages auch auf­dämmern, daß wirklich tiefer Gemütswert und künst­lerischer Wert nur an einem Dinge haften können, das einzeln existiert. Das schönste Kunstwerk 1 wird ent- wertet, wenn man eine „Siegesallee" daraus macht. Auch ein Gebrauchsgut, wenn es wirklich vollendet sein soll, darf nicht nach einem Modell oder 'Schetna gesägt, gegossen oder gestanzt sein, sondern muß ein Einzelnes und Besonderes sein. Natürlich läßt sich das niemals und heutzutage am wenigsten bis zum Suppenlöffel oder Kleiderhaken durchführen, aber für viele größeren und im Einzelhaushalt einzeln vorhandenen Gebrauchs­und Einrichtungsgegenstände. Das aber heißt: sie wer­den wieder handw e r k l i ch zustande kommen, Wenig­stens in den letzten Stadien ihrer Herstellung. Daß der Grund für künstlerische Handwerksarbeit im gegen­wärtigen Fachschulwesen, besonders soweit es von Leuten wie' K e r s ch e n st e i n e r reformiert worden ist, mit großem Fleiß und zäher Treue gelegt wird, ist ein hocherfreuliches Zeichen davon, wie glücklich das Handwerk selber kommende Zeiten vorausahnt und wie es eingesehen hat, daß aus innerer fachlicher Ertüchti­gung allein eine neue Blüte emporwachsen kann —

ist, erzählt sein Leben, sein Ringen und Streben, sein. . .

Künstler-Erdenwallen —- 1

„ . . . Ach Gott, nun sitze ich wieder in meinem Heimat- d"rllein, das ich 1891 verlassen hatte, um nach Bayreuth zu pilgern und mich dort unter Wahnfrieds sorgender Obhut und Pflege einem einzigen nur für mein Leben zu verschreiben: Richard Wagner! . . . Wenn ich in mancher stillen beschau­lichen Stunde hier am Kamin sitze und zurückdenke, so dünkt mir alles , wie im Traum. Uhrmacherlehrling in Holzkirchen, Uhrmachergeselle in Tölz und den umliegenden Ortschaften, Entdeckung durch Levi, Ruf nach Bayreuth, Studium Mit Frau Cosima Wagner und Kniese, erstes Auftreten im Bayreuther Festspielhaus, Triumphzug durch Amerika .... Habe ich das alles wirklich und wahrhaftig erlebt? . . . Über all dem Glanz und Schimmer steht eine schwarze Wolke: Amerikanischer Parsifalraub! Und well ich in Amerika 1994 den Parsifal gesungen habe, singen mußte, um nicht kontrakt­brüchig zu werden und ein Vermögen zu verlieren, darum hat mich, ich sage das heute mit vollster Überzeugung und mit dem Gefühl der Reue, Walmfrieds Bannstrahl getroffen. Ich mußte zwei Jahre Bayreuth und seinen Festspielen fern bleiben. Was das heißt, zu Bayreuths Zöglingen zu gehören, Wahnfricd all seine Kunst und sein Glück zu verdanken und dem Tempel fern wellen zu müssen: das kann nur der er­

fassen, der jemals in seinem Leben solche Güte erfahren hat, wie sie Frau Cosima denen zuteil werden ließ, die sie für aus­erwählt und berufen gefunden hatte, ihres Gatten, des großen Meisters Kunst in die Lande zu tragen durch die Kraft und den Glanz der Stimme. Und ich, den eine Welt feierte, habe mich nicht geschämt, Wahnfried wie ein Kind um Verzeihung zu bitten. Und Frau Cosima Wagner ergriff meine zum versöhnenden Handschlag hingehaltene Rechte. . . .

Doch ich eile voraus. Aber so geht es, wenn ich an mein Künstlerwallen nur zu. denken anfange, dann jagen sich die Jahre wie flinke Stunden. Ich war ein Tölzer Bauernbursch und lernte das Uhrmacherhandwerk. Als Geselle zog ich nach Tölz und hatte volle drei Mark Wochenlohn. Die Uhr- macherei sagte mir gar nicht zu. Wenn ich nicht sofort so eine alte Spindeluhr in Ordnung bringen konnre, da feuerte • ich . das Ding in die Ecke, daß von Uhr und Uhrwerk nux

unter der von uns prophezeiten Voraussetzung, daß der Konsum, das schließlich den Ausschlag gebende Käufer­bedürfnis, sich ihm wieder zuwendet. Solches anzu­bahnen, das ist die andere und nicht minder wichtige Aufgabe der Kölner Werkbundausstellung.

politische Übersicht.

Das Hideikommitzgefetz.

In bezug auf das Fide-kommißgesctz schienen bei den Verhandlungen der ersten Lesung im Plenum des Abgeord­netenhauses Zentrum und Konservativen recht weiter ausem- anderzugchcn. Mit einer auffälligen sachlichen Schärfe trat hier der konservative Führer v. HeydebraNd den Tendenzen des Zentrums entgehen, die Errichtung von bäuerlichen Fidei­kommissen mit in die Vorlage einzubeziehen, während auf der anderen Seite der ZentrumSredner in Aussicht stellte, wenn diese Wünsche nicht in einer das Zentrum befriedigenden Weise gelöst würden, so werde eventuell das Zentrum gegen das ganze Gesetz stimmen, überblickt man jetzt die ersten Ver- handlunaen der FideikommißkommMon (wir berichteten fort­laufend darüber. Schrift!«), so begegnet man als auffälliger Tatsache der Hilfeleistung, die das Zentrum .den Konser­vativen gewährt, um die Vorlage nicht nach dem ersten Regie- run-gsentwurf, sondern ganz und gar nach den vom Herren­haus natürlich -den Wünschen der Konservativen angepatzten Abänderungen zu gestatten. So sind denn auch bisher die liberalen Anträge fast durchweg abgelehnt wanden zu­gunsten der H e vre n h!« u s b esch l ü s sc. Das Zen­trum schwimmt ganz und gar im Kielwasser der konservativen Fideikommißpolitik. Trotz seiner Haltung bei der ersten Lösung ist ihm dies durch die Regierung ermöglicht worden. Der Justizminister hat nämlich bald am Anfang der Kommissionsberatungen sich in der Frage der bäuerlichen Fideikommisse dem Zentrum. weit mehr genähert, als im Plenum .des Landtages. Zwar lehnte er auch. in. den,Kom­mission ab, die Bestimmungen des vorliegenden Gesetzent- Wurfs aus bäuerliche Fideikommisse auszudehnen, aber er hat es für möglich erklärt, durch Ausbau des Anerbenrechts die Bindung beS bäuerlichen Besitzes zu erleichtern. Soll dies auch entgegen den Wünschen des Zentrums, in einer beson­deren Vorlage geschehen, so will man doch den Zentrums­wunsch wenigstens insofern formell erfüllen, als man von Seiten. der Regierung bereit ist, diese besondere Vorlage in einem besonderen Abschnitt dein Fideikommitzgesetz anzugliedern, Auf diese Weise hat die Regierung einem Zu­sammengehen der Konservativen und des Zentrums in der Fideikommitzfrage die Wege geebnet.

Zur internationalen Spitzbergenkonferenz.

Am 16. Juni wurde, wie wir jn der Donncrstüg-Morgcn- ausgübe gemeldet haben, in Christkania «die internationale Spitzbergenkonferenz eröffnet, auf der u. a. über die Besitz­ansprüche Angehöriger verschiedener Nationen auf Spitzbergen beraten werden soll. Ansprüche werden erhoben von Deut­schen, Engländern, Amerikanern, Norwegern, Russen und

Trümmer übrig blieben. Kam dann der Bursch und wollte

seine reparierte Uhr, da gab ich ihm halt eine andere.

O,' du selige Tölzer Uhrmacherzeit!

Da kam eines Tages das Glück auch zu mir. Ich sang in Vereinen mit und der Tölzer Photograph hatte immer die Aufgabe der „Gruppenaufnahmen", wenn wir so ein Rudel G'schcrte beisammen waren, erschien der Mann mit dem schwarzen Kasten und wir waren verewigt. Dieser Photograph hatte sich in meine Stimme — ich galt als Bariton! —- ver­liebt und meinte einmal, es wäre doch schade, wenn ich nicht zur Oper ginge. Er schrieb seinem Bruder, einem Musikalien­händler in München, dieser setzte sich mit Generalmusik­direktor Levi in Verbindung, man schickte mir einen Gehrock­anzug und ich wunderte zum Vorsingen nach „Minka". Der damalige Generalintendant Frhr. v. Perfall wohnte dem Vor­singen bei, aber die Hoftheaterkasse hatte schon damals Ebbe, und Levi schickte mich wieder nach Hause, allerdings mit dem Tröste: „Frau Cosima Wagner kommt nächstens zu mir, da werde ich Ihnen schreiben!" So uhrmacherte ich denn weiter, bis tatsächlich mir nach einigen Wochen ein Brief Levis die Ankunft der Frau Cosima mitteilte und mich nach München rief. Mit Liederheften reich bepackst trat ich vor die große Frau. Sie erschien mir wie ein Wesen aus einer anderen Welt, so sieareich, so majestätisch und dabei doch so unendlich bescheiden. Frau Cosima lachte, als sie mich in dem ganz un­möglichen Gehrock mit den Liederbüchern unterm Arm sah, und fragte: „Was haben Sie da? -- Lieder? Ach nein, die. behalten Sie nur in Ihrer Kehle und singen Sie mir nur ein paar ^öne vor." Ich tat's, Frau Cosima hörte wie verträumt zu dann sprach sie kurz entschlossen: „Wollen Sie nach Bayreuth kommen? Können Sie gleich fahren? Melden Sie sich bei Kniese!"

Mit welchen himmlischen Gefühlen bin ich damals nach Holzkirchen zurückgefahren! . . . Meine Mutter war natürlich von dem Ergebnis sehr erfreut, und bald darauf war ich in Bayreuth. Kniese prüfte mich und die erste Überraschung, die mir Bayreuth als Sänger bereitete, waren die Worte Knieses: „Sie sind ja kein Bariton, Sie sind Tenor!" Mein Studium begann, ich wurde Bayreuther Zögling, stand in Wahnfrieds Sorge und Obhut. 130 M. erhielt ich monatlich zum Leben;