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Verlag Langgasse 21

„Tagblatt-Haus".

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mittags:' inr die Morgen-Ausg. bis s Uhr nachmittags. Berliner Redaktion des Wiesbadener Tagblatts: Berlin-Wilmersdorf, Güntzelstr. 66, Fernspr.: Amt Uhland 456 u. 4o1. Tagm und Plätzen wird keine Gewahr übernommen.

§r«itag. 14 . Juni 1414 .

ktbend »Kusgabe.

Nr. 230. ♦ 62. Jahrgang.

Die Aufteilung Persiens.

O Berlin, 18. Juni.

Die britische Weltmacht hat einen neuen Stützpunkt gesucht und gefunden, und kein Ereignis der letzten Zeit ist wichtiger als das, von dem die gestrige Parla­mentsrede Churchills Kunde gab. Die englische Regierung wird die eigentliche Herrin und Besitzerin der in der Form einer Aktiengesellschaft soeben begrün­deten 'Erdölwerke in S ü d p e r s i e n. Die Aktien im Nominalbeträge von 44 Millionen Mark werden sofort in das Eigentum des britischen Staats über­gehen, die Marineverwaltung wird die Erdölquellen, deren Erschließung schon im Gange ist, für ihre Zwecke ausnutzen, und ein großer Teil der in den südlichen Ge­wässern stationierten Flotte wird dadurch, daß er sein Heizmaterial aus Südpersien bezieht, unabhängig von den möglichen Wechselfällen, die anderenfalls bei inter­nationalen Verwicklungen drohen könnten. Angeblich sind schon mehr als hundert Kampfeinheiten der briti­schen Marine für die ausschließliche Verwendung von Ölheizung eingerichtet worden. Indem England seine eigenen Ölquellen bekommt, eben in Südpersien, wird es auch frei von den Schwierigkeiten, die sich wegen des Wettbewerbs der Nordamerikanischen Erd­öl g e s e l I s ch a s t e n in den Fundstätten von Mittel­und Südamerika ergeben hatten. Wenn man vergleicht, welchen Ausgang die deutschen Bestrebungen zur Brechung des amerikanischen Erdöl Monopols genommen haben, und mit welcher Leichtigkeit, Sicher­heit und Machtfülle England das Problem der Be­schaffung von Erdöl in allergrößtem Umfange zu lösen im Begriffe ist, dann kann man sich eines Gefühls des Neides nicht ganz entschlagen. Der Versuch, ein Erd- ösverkaufsmonopol bei uns einzuführen, ist, wie be­durft, gescheite r t. Der betreffende Gesetzentwurf gehört zu. den Trümmern, die mit dem Sessionsschluß in die Ecke.gefegt werden mußten. Jeder Kundige weiß, wem wir diesen Mißerfolg zu verdanken haben. Die Vorlage ist an dem stillen und auch lauten Wider­stande des Z e n t r u m s gescheitert. Trotzdem wäre sie durchzusetzen gewesen, wenn sich der Reichskanzler > entschlossen hätte, sich die Zustimmung der Sozialdemo­kraten gefallen zu lassen, die diesmal gemeinsam mit allen bürgerlichen Parteien, das Zentrum einzig aus­genommen. für das Verkaufsmonopol zu haben gewesen wäre. Genug, wir müssen auf das Monopol verzichten. Aber auch wenn es zustandegekominen wäre, würde die englische Aktion, die jetzt also ihre Krönung er­halten soll, unvergleichlich wirksamer gewesen und

^^ww"j)bernahme der südpersischen Erdölwerke durch die britische Regierung bedeutet nun aber werter, daß sich das Schicksal Persiens noch schneller, als es bis fr. afy in ’ äit erwarten war, vollziehen wrro^. Und fr,a- mit lenkt sich der Blick des Beurteilers aus die Kehr­seite der Medaille. In Persien treibt ein Kerl den an­deren. In dem Maße, in welchem Rußland seinen Einfluß im Norden des Landes ansdehnt, gerät England in die wachsende Gefahr, in diesen Gebieten das Zarenreich eines Tages als u n^m r t t c l b a r e n Sich z na chbar vorzufinden. Sorgt nun aber England durch eigene Festsetzung nn Süden für ein Gegengewicht, so b e s ch I e u n t g t e~ damit nach zwingenden logischen Bedingungen, .me auch für die Politik maßgebend sind, den Ausbrertungsdrang^ Ruß­lands Ein Wetteifer der beiden Machte, möglichst schnell ans Ziel zu gelangen, wird die unvermeidliche

Folge sein. Lord Churchill erklärte inr Unterhause, das S ch I i m m st e, was sich vom nationalen Gesichtspunkte aus ereignen könne, wäre ein Angriff einer großen Militärmacht auf ein britisches Handelsunter­nehmen im Auslande, an dem die britische Regierung interessiert sei; es liege aber kein Grund vor, eine solche Möglichkeit anzunehmen. Das wird richtig sein, in­soweit es sich um heute und morgen handelt. Wie aber, wenn die britisch-russische Freundschaft gestört wird?

Welche Sorgen in England selbst in dieser Hinsicht bestehen, das erfährt man in gemessenen Zwischen­räumen aus den zuni Teil sehr erregten Darstellungen, mit denen die englischen Blätter das Vorrücken Ruß­lands in Nordpersien begleiten. So meldeten jüngst die „Times", daß in Aderbeidjan die Lage immer schlechter werde. Das ganze System der persischen Re­gierung breche unter dem Vorgehen Rußlands zusam­men. Die russischen Konsuln hatten begonnen, Abgaben von Grund und Boden, Akzise und Transportzölle unter dem Vorwände zu erheben, daß sie russische Forderun­gen von der persischen Regierung beitreiben. Herr M o n a r d, der Nachfolger Schusters, wisse nicht aus noch ein und erkläre, die Geduld des persischen Schatz­amtes sei erschöpft. Das alles geschähe aber, während die englisch-russische Konvention die Unabhängig­keit und Integrität Persiens garantiere! Die Be­deutung dieses Puffer st aates als Schutzwall In­diens könne nicht hoch genug angeschlagen werden, und es müsse aufs neue gegen den Mangel an Festigkeit protestiert werden, den die englische Diplomatie zeige. Die Zerstörung eines kompakten kleinen Staates durch ein ungelenkes Reich, wie das. russische, sei ein Ver­brechen, gegen welches Protest erhoben werden müsse, gleichviel, ob eine Entente bestehe oder nicht. Es zu ignorieren sei schlecht, alle Rechte Englands preiszu- qeben elend, um die Gunst des Landes buhlen, das sie bricht, das Allerschlimmste und Demütigendste. So also äußert sich ein Blatt, das in seiner Deütschseindlich- feit gerade eines der eifrigsten Befürworter eines engeren Verhältnisses zu Rußland ist. Wie groß müssen die Befürchtungen der politischen Fllhrerkreise in Eng­land sein, wenn die „Times" das hier Mitgcteilte schreiben konnten.

Die Festsetzung der Engländer in den Erdölgebietcn Südpersiens wird also gewiß auch als Gegengewicht Rußland gegenüber gedacht sein, aber, wie gesagt, die Möglichkeit von Jnteressenre Übungen wird damit nur näher rücken. Einstweilen freilich müssen wir uns sagen, daß die britische Machtstellung abermals befestigt worden ist, und der Tatbestand ist für uns schon darum wichtig, weil wir auch unmittelbar, näm­lich durch das B a g d a d u n t e r n e h m e n, in diese Sache hineingezogen werden könnten. Der Karun- fluß, in welchem die Erdölquellen liegen, mündet in den Euphrat. Die Engländer haben an der Mündungs­stelle bereits Fuß gefaßt, und sie erhalten jetzt jeden­falls einen neuen Antrieb dazu, sich die Herrschaft über den Persischen Meerbusen, die sie durch die Besetzung von K ow e it schon vorbereitet haben, vollends zu sichern Sie werden also von Süden her aus unseren, bis Bagdad sich erstreckenden Interessenbereich um so stärker drücken können, se wichtiger ihre eigenen Inter­essen im Mündungsgebiet der großen Strome werben.

Die Abkommen über Mesopotamien und den Persischen

Golf.

rvb London, 18. Juni. George Lloyd fragte im Unterhaus, ob Sir Edward Grey die Urkunden über die

neuen Abkommen bezüglich der britischen und anderen Interessen in Mesopotamien und dem Persischen Golf vorlegen werde, damit das Haus Gelegenheit habe, dar­über zu beraten, bevor die Abkommen endgültig abge­schlossen seien. Sir Edward Grey antwortete: Ich

kann bas Schriftstück nicht vorlegen, bevor alle Ver­handlungen beendet sind, da alle miteinander zusammen- hängen und einige Urkunden bereits unterzeichnet sind. Aber man ist übereingekommen, sie nicht vor dem Ab­schluß der anderen in Kraft treten zu lassen. Dies wirb, wie ich hoffe, baldigst geschehen. Dann werde ich alle Abkommen und einschlägigen Depeschen über den Gang der Verhandlungen sowie die erreichten Ergebnisse dem Hause vorlegen. Es liegt kein Grund vor, von dem ge­wöhnlichen Brauch, wonach Urkunden nicht vor dem Abschluß der Verhandlungen vorgelegt werben, abzu­weichen. Die allgenieinen Grundsätze, nach denen die Verhandlungen geführt werden, waren bereits 1913 fertiggestellt und hatten die Zustimmung des Hauses gefunden.

Die Ereignisse in Albanien.

Durazzo von den Aufständischen eingeschlossen.

O Durazzo, 19. Juni. (Eig. Drahtbericht) In der 'Nacht vom 17. zum 18. haben Malissoren und Miri- diten auf ihrer wahnsinnigen.Flucht die Ge­wehre w e g g e w o r s e n. Von den Geschützen, mit ; denen sie ausrückten, wurden zwei unbrauchbar zurück­gebracht. Das Expeditionskorps zählt 310 Tote und 276 Verwundete. Die Aufständischen halten vor der Stadt. Sie haben diese vollständig eingeschlossen und wollen nicht weichen, so lan g e der Fürst das Land nicht verläßt.

Verstärkungen im Anmarsch. sL.X. Wien, 19. Juni. Wenn Durazzo sich noch mehrere Tage hält, dürfte die Situation durch den An­marsch regierungstreuer Truppen eine Wendung er­fahren. Rätselhaft ist die Tatsache, daß Achmed-Bei- Mathi, der Tirana besetzt haben soll, nicht zum Ersatz herbeieilt. Prekn Bibdoda stand gestern mit etwa 2000 Mann bei Gurei. Falls er nicht von den Aufständischen aufgehalten wird, könnte er in einigen Tagen in Durcmo eintresfen. Regierungstreue Truppen unter deni Kommando bes Majors Besim sind in Stärke von 1600 Mann aus dem Anmarsch nach Ljusna begriffen.

Ein Einschreiten der Mächte unbedingt notwendig.

O Wien, 19. Juni. (Eig. Drahtbericht) Der Korre­spondent der „Reichsvost" meldet seinem Blatte aus Durazzo, es sei kein Zweifel, daß die Aufständischen jetzt noch Nachrichten aus Durazzo erhielten. Die Lage der Stadt lei noch immer sehr kritisch. Ein aktives Einschreiten der Mächte sei unbedingt notwen­dig. sonst müsse die Lage des Fürsten durch diesen demonstrativen Beweis der Schwäche und Uneinigkeit der Mächte als unhaltbar angesehen werden. Gestern abend sei der italienische Gesandte A l i o t t i abermals bei dem Fürsten gewesen und habe diesem neuerlich nahe gelegt, zu fliehe n.

Ein Protest der Kontrollkommission.

* Rom, 18. Juni. Die Kontrollkommission war zusammengetreten, um dagegen zu protestiere n, daß ihr der von den Aufständischen an sie geruhier« Brief nicht übergeben wunde. _

Feuilleton.

Köninliüie DüMlipiele.

Donnerstag, den 19. Juni: »Don Juan". Oper in

zwei Akten von W. A. Mozart. .

Diese „Kaiservorstellung" wurde gestern mit der,chwdenen auswärtigen Sternen wiederholt — das heißt, dre * stan­den nur auf dem Theaterzettel; es steckten aber ganz tüchtige Kräfte dahinter. Hoffentlich wird „Don Juan auch in die Reihe der bevorstehenden „BolksvorstellunMN auMnommen: das würde gewiß von vielen Seiten freudig begrüßt werden. Denn wie spricht gerade diese Musik 1° twlkswmüch ch re ge­waltige Sprache! Diese Mustk — m 111 * en .

'so lebensvoll; in ihrer Lebensfülle so ruhig, klar und «nsach. Auch gestern blie'öen die Zuhörer, so weit das bei den jor.- währenden „Zwischenakten" unserer Wiesbadener Szemerung möglichst ist, in gespanntester Anteilnahme, „rwn Juan wirkt ja heut bei vielen fast mit dem Zauber emer Novum.

Was die angekündigten Gäste betrifft, so war es ganz interessant zu erfahren, wie es bei anderen Hosbheatern Unserer Nachbarschaft mit den „Ersten Sängerinnen bestellt 'st. Die Karlsruher „Donna Anna" — es war Frau Be.atrice Lauer — hat mit der imponierenden Erscheinung, dem edlen Gesichtsschnitt und mit ihrer unweigerlichen musikalischen Routine manche Vorzüge ins Feld zu führen. Die an sich

kräftige und ausgiebige Stimme zeigte sich aber doch schon etwas gelockert und unelastisch: die kolorierten Stellen blieben in der Ausführung mehr nur angedeutet. Tie Sängerin ent­faltete indes in den wichtigen Szenen des ersten Akts, nament­lich in der Rache-Arie, eine dramatische Wucht und Energie des Vortrags, die nicht ohne eine gewisse zündende Wirkung blieb. Nur — die quellende Fülle und Frische dcS Organs unserer Wiesbadener Primadonna wurde nicht entfernt er­reicht: da sind wir Karlsruhe „über". Das Hoftheater in Kassel hatte eine reizende „Donna Elvira" —- Fräulein Hof­acker — gesandt: eine prächtige schlanke Bühnenerfcheinung; ein ausfallend hell-timSrierter. jugendlich-kerniger Sopran (der durch eine mehr gedeckte Bildung der offenen Vokale an Noblesse noch gewinnen würde); und eine sorgfältige Mozart- würdige Ausgestaltung der schwierigen gesangtechnischen Aus­gabe. Beide genannte Sängerinnen spielten mit vornehmem Anstand und fügten sich dem Ensemble gewandt ein. Herr Troitzsch, der jaZchgn in verschiedenen Partien hier erfolg­reich gastierte, hat! auch gestern als „Don Juan" in dankens­werter. Weise ausgehÄsen. Namentlich erfreute seine Sicher­heit in den Ensembleszenen; im Ganzen mag wohl eine so vielseitig und lebendig bewegte Ausgabe der Eigenart des Sängers weniger entsprechen. Mit der „Champagner-Arie' hatte er hart zu kämpfen.

„Schrecklich. Doch weiter." Den „Don Oktavio" 'singt jetzt Herr Scherer, der bei den Kaiservorstellungen leider

durch Krankheit am Auftreten verhindert war Seine

Stimme und Vortragsweise sind für diese Partie recht wie ge­schaffen. Durch die neuerdings zu bemerkende, mehr Mann­hafte und gesättigte Färbung seiner weichen Tenor,t« wird die Gestalt des unglücklichen Liebhabers vor jeder yait- lasen Weichlichkeit geschützt. Den Rache, chwur lang He" Scherer mit kräftiger Akzentuierung; dre erste G-^ur- Arie wurde mit besonders sorglicher Schattierung und war­mer Empfindung durchgeführt. Sämtlichen genannten Dar­stellern - und Frau Hans- Z o e p f k e I als »Zerlme nicht zu vergessen — wurde reicher Beifall zuteil.

Es wird wohl bald das lchtemal sein, daß „Don Juan" in der seit einem Jahrhundert und mehr bekannten, jetzigen

' » , ... im 1-vr (fy', V ^, -L. : n * *_ .......

Kartells haben ft* bereits verpflichtet, die Oper künftitz nur noch in dieser Form aufzuführen. Sehr löblich, wenn somit manche Plattheiten der alten tkbersetzung ein für alle Mal ausgaschaltet sind; aber hoffentlich wurden auch manche längst populär gewordenen Deionderheiten sozusagen „unter. Denk­mals-Schutz gestellt": das jedem so vertraute „Keine Ruh' bei Dag und Itacht" oder „Reich' mir die Hand mein Leben" aus Mozarts »Don Juan" würde man gewiß nur ungern ver­missen. Möchte denn die neue „beste" Übersetzung zugleich auch eine wirklich gute sein — l ’ Ö- D.