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Donnerstag. 18. Juni 1914.

Morgen'klusgabe.

Nr. 277. . 62. Jahrgang.

Agrarpolitik.

Das preußische Fideikommißgesetz wird zustande- kommen, das Grundteilungsgesetz ist von Gefahren be­droht. Mit diesen beiden Gesetzen spannte die Regie­rung die Pferde zugleich vor und hinter den Wagen. Das Fideikommißgesetz legt sich wie ein hoher und breiter Damm vor die Bestrebungen, eine Ansiede­lungspolitik in großem Stile zu betreiben, und das Grundteilungsgesetz, das Liesen Bestrebungen dienen soll, würde, selbst wenn es alle Klippen der parlamentarischen Behandlung unversehrt umschiffte, an der fortschreitenden Bindung des Großgrundbesitzes eine seiner Schranken finden. Es ist mehr: bei der Zunahme der Fideikommisse bliebe immer noch reich­liche Gelegenheit, durch Güterteilung neue bäuerliche Ansiedlungen zu schaffen, aber darum bleibt es doch verwunderlich und rätselhaft, wie aus demselben M i n i st e r i u m zwei solche Vorlagen herauskommen konnten, von denen die eine die andere grundsätz­lich negiert. Das Übel wäre immerhin zu ertragen, wenn das Grundteilungsgesetz überhaupt gesichert wäre. Aber das ist, wie gesagt, nicht der Fall. Gegen das staatliche Vorkaufsrecht für ländliche Grundstücke über zehn Hektar sträubt sich vor allem das konservative Mißtrauen, das in diesem Vorschläge ein Zugeständnis an staatssozialistische Tendenzen erblickt. So irrtümlich die Meinung ist. so besteht doch die Gefahr, daß sie für die weitere Schicksale des Entwurfs im Landtag rich­tunggebend werden könnte.

Gleichwohl ist gegen den Zustand der Verknöche- r u n g, der bis noch vor wenigen Jahren auf dem Ge­biete der Agrargesetzgebung bestand, ein Fortschritt zu verzeichnen: die Notwendigkeit, Ansiedlungs- volitik in der planmäßigen Richtung auf die Schaffung möglichst, vieler Bauernstellen hin zu treiben, wird auch von den Vertretern des Großgrundbesitzes aner­kannt. Hier lehrte wieder einmal die Not beten. Die Sorge um die Sicherung von Arbeitskräften war und. ist es, die in den konservativen Köpfen die Ein­sicht hat aufdämmern lassen, daß etwas Durchgreifendes geschehen mutz, wenn nicht eines Tages die Erschwerung -'der gar der Fortfall des Zuzuges von russischen Land­arbeitern die ganze ostelbische Landwirtschaft in eine Krise von unabsehbarer Tragweite hineintreiben soll. Aber wer den Zweck will, mutz auch die Mittel wollen, und leider begegnen wir in dieser Hinsicht immer noch einer Zaghaftigkeit, die auch die Entschließungen der Staatsrcgierung ankränkelt. Das Verständnis ist frei, aber frer cjroföc Schwung utifr frer große Stil fehlen durchaus.

Es ist seltsam und schließlich beschämend das; wir in Sachen der Agrarpolitik gerade von Nutz lan d lernen könnten, es jedoch nur zaudernd und voller Be­denken tun. Man hat eine Zeitlang, wenn von den Äararreformen im Nachbarreiche dre Ne>de war, von

Griechenhatz in Stambul.^

(Konstantinopeler S t i m m u n g e n.)

Von Georg Klcibömcr (Konstantinopel).

Türkische Pfadfinder. — Der Kampf gegen das «BWrntmlschr".

— Boykott. — Flottensorgen und „Gaben-Tage.

Es ist gewiß ein gewaltig schweres Unternehmen für ein Volk, das eine alte Kultur und Geschichte aufzuweisen hat. und das durch furchtbare Schicksalsschläge erkennen mußte, wie es in seiner Entwicklung allen umwohnenden Völkern gegenüber zurückgeblieben war. nun im letzten Augenblick eine Wiedergeburt erzwingen zu wollen. Die Türkei steht bekanntlich heute diesem Unternehmen gegenüber. Eines ist erfreulich bei dem Reformeifer, den man auf verschiedenen Gebieten augenblicklich «beweist: das ist die Erkenntnis, daß alles Neue sich dem Kern und Wesen des Volkes anpassen muß. daß ein Zurückgehen auf die Stammeseigenschaft die Grundbedingung aller Reformarbeit sein muß. So ist es z. B. wohl eine etwas seltsame, aber sehr gesunde Sache, wenn das Pfadfinderwesen. diese jüngste Erscheinung in der . euro­päischen Kultur, in der Türkei eine Form annimmt, die auf urälteste asiatisch-türkische Verhältnisse zurückgeht.

Während aber solche immerhin untergeordnete Dinge den Wünschen der national-türkischen Reformer entsprechend durch­geführt werden, bilden weit wichtigere Angelegenheiten noch ein Chaos, aus dem sich so leicht wohl keine lichte Gestaltung bilden wird. Da mangelt beispielsweise der so notwendigen Schul- und Erziehungsreform und weiter der ganzen Volks­bildung. die ja auch arg danicderliegt. der Grund, worauf sie bauen könnte: eine anerkannte Schrift und Schriftsprache! Die Sprache selbst ist eine Mischsprache mit türkischen, persi­schen und arabischen Bestandteilen, und der stärkere Einschlag

*) Angesichts der drohenden Kriegsgefahr, die durch den Konflikt Mischen Griechenland und der Türkei herauf­beschworen ist und Europa beunruhigt, gewinnt diese vsycholo- üische Schilderung unserer Korrespondenten ein besonderes aktuelles Interesse. Die SLristl.

Potemkinsch-en Dörfern gesprochen. Inzwischen haben uns aber die nicht anzuzweifelnden Zahlen und me Zeugnisse fachkundiger deutscher Beurteiler, wie ß. B. Professor Gering einer ist, davon überzeugen können, daß es sich dort wirklich um eine Umwälzung von größter Bedeutung handelt. Einige Zahlen sollen das zeigen. Von 1906 bis 1911 sind gegen 7 Millionen Hektar Land, eine Fläche von der Größe beinahe ganz Süddeutschlands, aus Gemeindebesitz in Privateigen­tum übergeführt worden. Ein lesenswerter Aufsatz im jüngsten Heft der „Neuen Rundschau" (von Artur Schulz) berichtet über die dabei geleistete Arbeit, zu deren Bewältigung übrigens beinahe 11000 Beamte als Landmesser und Mitglieder der lokalen und pro­vinziellen Agrarkommissionen tätig sind, weiter wie folgt: Die Bauernbank erhielt 1906 bis 1910 1203 000 Desjiatinen Krongüter zur Aufteilung an Bauern zu­gewiesen, ein Areal von der Größe der landwirtschaftlich genutzten Fläche Württembergs und Braunschweigs. Außerdem hat sie im gleichen Zeitraum Privatgüter im Umfange von 3 844 707 Desjiatinen gekauft, und zwar in besonders großem Maßstabe zurzeit der Bauernauf­stände, als sie im Jahre 1906 1,14 und 1907 sogar 1,52 Millionen Desjiatinen von den geängstigten Großgrund­besitzern erwarb. Von dieser riesigen Bodenreserve. die 1911/12 noch durch Ankauf von weiteren 343 800 Des­jiatinen vermehrte, verkaufte sie bis Mitte 1913 an Bauern 3.24 Millionen Desjiatinen. das sindLandstrecken, welche die gesamte landwirtschaftlich genutzte Fläche der Königreiche Sachsen und Württemberg und der Grob­herzogtümern Baden und Hessen beträchtlich übertreffen. Außerdem verkauften die Landeinrichtungskommissionen von 1908 bis 1911 an 57 293 landarme Bauernfamilien Staatsländereien im Umfange von 329 005 Desjiatinen, also eine Bodenfläche, die dem Umfange aller preußischen Staatsdomänen gleichkommt.

Für den Aufschwung der r u s s i s ch e n Volks­wirtschaft infolge dieser Reformen spricht beispiels­weise die Zunahme der Einfuhr landwirtschaftlicher Maschinen. Sie betrug im Durchschnitt der Jahre 1902 bis 1906 nur 3,8, 1912 aber 9,3 Millionen Pud, sie ist also auf das Z w e i e i n h a l b f a che gestiegen. Landwirtschaftliche Düngemittel wurden 1902 bis 1906 jährlich für 5.3, im Jahre 1912 aber für 25,8 Millionen Pud, also beinahe das fünffache Quan­tuni, eingeführt. Auch die Ernteerträgnisse der letzten Jahre sind erheblich größer, als sic selbst in guten Jahren vor der Reform waren.

Wie w e n i g bedeutet der russischen Agrarpolitik gegenüber die entsprechende Tätigkeit bei u n s! Was sind im Vergleich zu dem rund 350 000 Hektar Staats­land, welche der russische Fiskus allein in den Jahren 1908 bis 1911 an landbedürftige Säuern verkauft hat. die 62 Domänenvorwerke von zusammen 29 716 Hektar, die der preußische Staat für die innere Kolonisation in der Zeit von 1902 bis 1912 zur Verfügung gestellt hat?

der einen oder anderen schafft die mancherlei „Sprachen", unter denen man nun eine als Normalsprache zu wählen hätte. Und die Schrift bereitet natürlich auch große Schwie­rigkeiten, da die einzelnen Wörter die Gesetze der Sprache, aus der sie stammen, bewahrt haben, und man muß immer wissen, ist das ein türkisches, arabisches oder persisches Wort, um mit der Rechtschreibung sich zurechtzufinden.

Eine ganz schlimme Folgeerscheinung aber hat das Be­tonen des Nationaltürkischen, zur Folge gehabt, und hier sollte am Ende die gebildete Gesellschaft Europas einmal acht­geben: es scheint, als bemühe sich die Stadtverwaltung Kon­stantinopels. einen sehr üblen Ausspruch der vielgelesenen türkischen Zeitung „Tasvir-i-Evkiar" in die Tat umzusetzen. In ihrem Zorn über die Griechen, die man in jüngster Zeit hier einfach mit den Byzantinern gleichzusetzen scheint, schrieb dieses Blatt: es müsse aus Stambul alles verschwinden, was an die Byzantiner erinnere. Da steht ein altes, als Bau­werk sehr schönes und charakteristisches türkisches Bad auf einem der vielen Brandfelder Stambnls. Ringsum will man Anlagen einrichten, und dieses „alte Gemäuer" stand da im Weg. Um die Stimmen derer, die auf Erhaltung des Ge­bäudes drängten, zum Schweigen zu bringen, wurde also die Behauptung ausgestellt, das Bad sei byzantinisch und folglich — siehe den Sah der türkischen Zeitung! Wer ein rechter Freund Stambnls ist und viel in dem „Sammelkasten historischer Denkmäler" spazieren geht, den überkommt in letzter Zeit ein wahrer Zorn über die Barbarei, die man fast auf Schritt und Tritt antrifft. Da steht mitten in Stambul das riesige Aquädukt des Kaiser Valens, eine römische Wasserleitung mit gewaltigen Bogenreihen und zwei Ge­schossen. Mehr als anderthalb Jahrtausend hat man sich ge­scheut, Hand daran zu legen. Jetzt wird ein Bogen zwischen dem ersten und zweiten Geschoß herausgebrochen. Und anderthalb Jahrhundert steht die große alte Stadtmauer, an der ganzen Meerseite und an der langen Landseite der Stadt sich hinziehend. Mauern von über 10 Kilometer Länge mit 300 Türmen! Da reißt man über Nacht — wirklich über Nacht, Und bann läßt man den Schutt wochenlang ruhig liegen

Durch Ukas vom August 1906 gab der Zar Apanage- güter im Umfange des Königreichs Württemberg zum Weiterverkauf an die Bauern her; wo ist das deut­sche Gegenstück dazu? Dabei tut gerade uns eine An- siedlungspolitik so b i t t e r n o t. ist erschreckend, zu erfahren (Sering hat das nachg-ewiesen), daß heute zahlreiche Großgrundbesitzkreise eine geringere Volks­zahl aufweisen als zur Zeit des französischen Kriegs.

Statistik der KngesteAten- Versicherung.

Von LandeSversicherun-gsassessor Seelmann (Oldenburg i. G.).

Über die Erfolge der am 1. Januar 1913 in Kraft getrete­nen Angestelltenversicherung werden schon jetzt die ersten statistischen Mitteilungen für das Geschäftsjahr 1913 ver­öffentlicht. Rach der Begründung des Gesetzentwurfs sollte die Zahl der verstcherungspfltchti-gen Angestellten etwa 1,83 Millio­nen Personen betragen. Eingegangen sind bei der Reichsver- sicherungsanstglt bis Ende 1913 an Aufnahmekarten, die jeder Versicherte sich ausstellen lassen muß, 1,68 Millionen Stück. Man wird dieses Ergebnis als ein gutes bezeichnen können, insbesondere, wenn man bedenkt, welche Schwierigkeiten es gemacht hat, seinerzeit die der Invalidenversicherungs- Pflicht unterliegenden Personen zur Versicherung heranzu­ziehen. Andererseits wird aber doch durch diese Statistik be­wiesen, was allen, die im öffentlichen Versicherungswesen tätig sind, ohnehin bekannt ist, nämlich die Tatsache, daß ein nicht unwesentlicher Teil der versicherungspflichtigen Ange­stellten noch unversichert ist. Wird es doch im Publikum bvi einzelnen Gruppen von versicherungspflichtigen Angestell­ten ganz offen ausgesprochen, daß man mit dem Beginn der Beitragsleistung warten wolle, bis -eine Aufforderung dazu von der Reichsversicherungsanstalt ergehe. Dabei handelt es sich natürlich nicht um die in größeren kaufmännischen und gewerblichen Betrieben beschäftigten eigentlichen Privatbe- amten, sondern mehr um solche Personengrnppen, die ent­weder den nichtversicherungspflichtigen Gehilfen oder den Selbständigen näher stehen oder bei denen es zw eifelhaft ist, wer als Arbeitgeber angesehen werden muß. Die ttberwachungstätigkeit der ReichsversichLvungsanstalt, die durch das Gesetz vorgeschrieben ist, wird auch diese Personen- kreise nach und nach zur Versicherung heranziehen. Be­freiung von der eigenen Beitragsleistung wegen Vorhan­denseins von Lebensversicherungsvertragen ist bei 12,62 Prozent der männlichen Angestellten und bei 2,72 Prozent der weiblichen Angestellten erfolgt, also erheblich weniger, als früher angenommen wurde..

Sehr bezeichnend ist, daß die Zahl der weiblichen Angestellten im Verhältnis zur Zahl der männlichen An­gestellten und auch absolut erheblich zugenommen hat. Bei der Berufszählung im Jahre 1895 wurden 109 154 weib­liche Angestellte gezählt, im Jahre 1907 schon 382 689, während bei der Reichs-Versicherungsanstalt im Jahre 1913 schon 417 533 weibliche Versicherte gezählt wurden, wobei zu beachten ist, daß bei dieser Zählung noch nicht das gesamte Material berück­sichtigt werden konnte. Von 100 Angestellten waren bei der Berufszählung im Jahre 1907 86 männliche und 14 weibliche

— ein schönes altes Tor nach der Meerseite hin ab; ein Tor, das sogar noch die beiden Torflügel hatte, das an wichtiger Stelle stand, da nur hier noch der Verlauf der Mauer auf eine bedeutende Strecke zu erkennen ist, das zudem mit einem Durchblick in ein belebtes Marktviertel zu verschiedenen Tageszeiten reizende malerische Wirkungen zeigte. Aber da­für haben die Menschen kein Auge, und daß nach ihnen ein Geschlecht kommen wird, das besser zu sehen und zu empfin­den gelernt haben wird, daran zweifeln sie wohl selvst. Weiter: Man läßt es geschehen, daß die große alte Mauer systematisch zerstört wird; die Steine und Ziegel lassen sich so schön verwenden und sind so billig!

Und weiter: In Stambul liegt ein großes Viertel der Stadt abgeschlossen; eine gewaltige Mauer mit Türmen und Zinnen, trotzig wie die Stadtmauer selbst, umgibt es. Man wird an die „verbotene Stadt" in Peking erinnert, wenn man sieht, inte sich die Sultans vor ihrem Volk geschuht haben,

- denn hinter diesen Mauern liegen die Gebäude des Serails, die Wohnungen der früheren Sultane. Schön erhalten, wirkt diese Mauer wie eine lebendige Vorlesung aus einem Kapitel der Kulturgeschichte; sie beleuchtet stärker, als Worte und Beschreibungen es könnten, das friihere Verhältnis der Herr­scher zu ihren Untergebenen. Und jedem Europäer mit offenem Auge siel ans, wie die Straße, die daran entlang führt, eine Hauptstraße Stambnls, ihren Charakter von dieser Mauer mit ihren wohlerhaitenen Zinnen erhielt. Und nun? Nun reißt man die Zinnen ab! Läßt Reste der alten Mauer stehen, die nachher nichts mehr zu sagen vermögen. Und warum das alles? Dre Gründe, die man zu hören bekommt, sind so kindlich, daß man sich scheut, sie als die Anschauung leitender türkischer . Männer anzunehmen: diese. Bogen und Tore sollet: baufällig sein! Anderthalb Jahrhunderte haben sie gehalten, nun follte cs nicht mehr gehen! Daß aber neben diesen trotzigen'Bauwerken eine Unzahl hölzerner Baracken stehen, in denen Menschen wohnen, und die dabei den nächsten starken Wind nicht mehr überdauern zu können scheinen, das sieht man nicht. Noch unglaublicher klingt der Grund, warum die halbe Mauer ums Serail fallen soll: von irgend einem