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Verlag Langgasse 21

„Tagblatt-Haus".

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Mittwoch, 17. Juni 1914*

ktbend-Kusgabe.

Nr. 276. » 62. Iahrgang.

Oer vertagte Landtag.

O Berlin, 16. Juni.

Für die unmäßig lange und ganz gewiß beklagens­werte Dauer der Etatsberatungen im Reichstag haben die Konservativen stets ein tadelswertes R e d e- b e d ü r f n i s auf seiten der Linken als Hauptursache aller Übel behauptet, und wenn man diese Beschwerden > hört, sollte man meinen, daß die Geschäfte sofort besser und schneller geführt werden würden, wenn die Rechte stärker an Zahl und mit ausschlaggebender Bedeutung ausgerüstet wäre. Die heitere Probe auf das Exem­pel konnte man in dem jetzt beendigten Abschnitt der L a n d r a g s s e s s i o n machen. Hier herrschen die Konservativen beinahe ohne Einschränkung, aber die Etatsöeratungen zogen sich trotzdem mit übernkäßiger Länge hin, und im Abgeordnetenhause ergab sich so dieselbe Notlage wie im Reichstag; es blieb keine Zeit übrig für andere wichtige Aufgaben. Eine der u n - fruchtbarsten Tagungen, die unsere parlamentari­sche Geschichte je zu verzeichnen gehabt hat, hat heute ihren Abschluß gefunden. Man kommt in Verlegenheit, wenn man sagen soll, was der Landtag in den vielen Monaten seines Zusammenseins geleistet hat. Ein A u s g r a b u n g s g e s e tz ist angenommen worden, eine Rentenbanknovelle hat man fertiggestellt, auch das nützliche und tüchtige Werk der Besoldungs- noveile ist unter Dach und Fach gebracht worden, für die Verbesserung der Wohnungsverhältnisse hat man in anständiger und verständiger Weise gesorgt, und insofern ist gewiß allerlei geschehen, aber es ist wenig gegenüber dem, was unterblieben ist. Niemand hat ja eine besondere Sehnsucht danach, daß das F i d e i- k o m m ißgesetz möglichst schnell zustandekommen möge, immerhin muß dem Landtag vorgehalten wer­den, daß diese Aufgabe sehr wohl in der verfügbar ge­wesenen Zeit hätte geleistet werden können. Daß es nicht der Fall war, kommt allerdings nicht auf die Rech­nung des Abgeordnetenhauses, sondern auf die des i Herrenhauses, indessen handelt es sich am Ende um den ganzen Geist, in welchem die Geschäfte in Preußen geführt werden, und da verteilt sich denn die Schuld auf die beiden Häuser des Landtags gleichmäßig, die Regierung nicht zu vergessen, die es offenbar nicht ver­steht, mehr Dampf in die Maschine zu leiten, wie sie es bei ihrer innigen Gemeinschaft mit den Konser­vativen doch könnte und müßte. Der_ langsame Fort- '■ schritt der Beratungen über das wichtige Grund­teil ungsgcsetz nun gar fällt ausschließlich dem Abgeordnetenhause zur Last, also der maßgebenden Rechten. Daß die W a h l r e ch t s r e f o r m in diesem Landtag keine Fortschritte machen kann, das ist so selbst­verständlich, daß man sich bei der Tatsache kaum anfzu- halten braucht. Nicht einmal die bescheidenste ' Änderung des veralteten Wahlgesetzes steht in Aus- ,! sicht, nicht einmal die Ersetzung der öffentlichen durch die geheime Stimmabgabe, obwohl sich Staatsregierung und Rechte eigentlich sagen sollten, daß diese Änderung keineswegs dem Radikalismus zugute käme. Denn die

Klagen sind alt und nicht grundlos, daß der sozialdemo­kratische Terrorismus gerade die öffentliche Stimmabgabe mit Erfolg zum starken Druck auf zahl­reiche Wähler der dritten Klasse zu benutzen vermag. Aber niemand kann sagen, wann und wie das Grund- übel der preußischen Zustände, die unbefugte, weit über die tatsächlichen Bedingungen hinausgehende Vorherr­schaft der Rechten, die ihre Stellung nahezu ausschließ­lich einem unnatürlich ungerechten Wahlgesetz ver­dankt, gebrochen werden kann. Geschichtlich und nicht bloß parteipolitisch angesehen, ist es ein großes Glück für die Konservativen, daß wir im Reiche eine auf demokratischer Grundlage beruhende Volkstretung haben. Würde der Reichstag nicht als Ventil dienen und müßten die Aufgaben, die ihm zngewicsen sind, etwa immer noch von dem preußischen Landtage in seiner jetzigen Zusammensetzung gelöst werden, so würde der Kessel längst gesprengt worden sein.

Dar Debüt Armanis.

Das Programm.

f rh- Paris, 16. Juni. Dcr Ministerrat hielt heute vor- g im Elystze eine Sitzung ab, in der die Fassung der ministeriellen Erklärung gebilligt wurde. Jti der Er­klärung sagt die Regierung, daß sie ihre Autorität nur auf eine ausschließlich republikanische Mehrheit stützen wolle und weigert sich, direkt oder indirekt die Unter,stützung der reaktionären Parteien anzunehmen. Sie versichert, daß ihr nächstes Werk die Anleihe sei, die noch vor dem Budget genehmigt werden müsse. Dann aber werde sie ,von dem Senat über die Vorlage, die von der Kammer be­reits angenommen worden sei und eine progressive Steuer aus das Gesamteinkommen fordere, ab­stimmen lassen und den Senat gleichzeitig bitten, diese Vor­lage in das Finanzgesetz von 1914 eingufügen. Die Regie­rung beabsichtigt, in das Budget für 1915 eine progressive Steuer auf das Kapital aufzunehmen. Di« Regierung sagt in der Erklärung weiter, sie werde cs als ihr« höchsten Pflich­ten betrachten, in der von der Republik seit so vielen Jahren verfolgten äußeren Politik zu beharren. Die Regie­rung wird binnen kurzem eine Reihe von Gesetzesvorlagen einhringen, deren wichtigste die Vorlage über die mili­tärische Vorbereitung der Jugend und Wer die Reorganisation der Reserven ist. Erst nach der Annahme und Anwendung dieser Vorlagen und nachdem ihre Anwendung ihre Wirksamkeit gezeigt hat, wird die Regierung, indem sie. gleichzeitig die Ergebnisse der Erfahrung und die Notwendigkeit der nationalen Verteidigung berücksichtigt, eine teilweise Erleichterung der militärischen Lasten Vorschlägen können. Bis dahin wird sich die Regierung unter der Kontrolle des Parlaments auf eine ge­naue und loyale Anwendung d e S Gesetzes be­schränken. Die Erklärung des Kabinetts bestätigt die Not­wendigkeit der W a h l r e f o r m in Übereinstimmung mit der republikanischen Partei und beiden Kammern. Die Regie­rung wird gleichzeitig die Verteidigung des Laien st aates sichern. Sie will eine Republik, die ebensoweit von der Ver­folgung ihrer Gegner entfernt sei wie von der Schwäche, aus der die Feinde Nutzen ziehen könnten.

Die Verlesung im Senat.

wb- Paris, 16. Juni. Im Senat fand für di« Verlesung der Mtnistererklärung durch den Justizminister und Groh- siegÄbewahrer Bienvenu Martin «ine kurze Sitzung statt. Die Stelle, in der der Wille der Regierung ausgedrückt wird, ausschließlich mit der republikanischen M e h r h e 1 4 zu regieren, wurde von der äußersten Linken durch Zurufe unter st r i ch e n. Tie Stelle über das Dreijahrgesetz wurde unter tiefem Schweigen angehört.

Die Aufnahme in der Hammer.

vvb. Paris, 16. Juni. Ministerpräsident Bst Viani ver­las die Ministererklärung. Er wurde von der Lin ke n so­fort mit Beifall begrüßt. Bei der Stelle über die aus­wärtige Politik erscholl mehr Beifall aus dem Zentrum als von der Linken. Bei dem Absatz über das Dreijahrge­setz rief der Sozialist Baillant unter dom Beifall dev äußersten Linken: Nieder mit den drei Jahren!,

was vom Zentrum mit Lärm beantwortet wurde. Daraus erschollen neire Protestrufe von den Bänken der Sozialisten. Der Sozialist Guesde rief: „Hört auf das, was Ribot sagt!", wozu die äußerste Linke lachte. Der Absatz über die loyale Anwendung des Dveijahrgesetzes wurde im Zentrum und von einem großen Teile der Linken mit Beifall begrüßt, während die Sozialisten mit schmähenden Zuruf en ant­worteten. Man rief: Augagneurl, worauf dieser schwieg.

Der Schluß der Ministeverklärung wutzde auf allen Bänken mit Ausnahme der Sozialisten und einigen Abgeordneten dev Rechten mit Beifall aufgenommen.

Ter Geeinigte Radikale Thierh-CazeS ergriff darauf das Wort zu einer Interpellation. Er forderte die Rückkehr zum Z w e i j a h r g e s e tz, das das einzig demo­kratische fei. (Beifall auf der äußersten Linken und Zwischen­rufe von anderen Bänken.) I a u r tz s sagte, die Regierung müsse ihre Ansichten über die Wahlreform genau aus- drücken. Diese Reform werde aus billige Weise nur durch das Verhältniswahlsystem gelöst werden können. (Bei­fall im Zentrum und der Rechten.) Jaurtzs brachte ein Register heftiger Anklagen gegen das Drei- j a h r g e s e tz vor, das die nationale Verteidigung desorga- ttisieve. (Rüfe von der Rechten: Es leben die drei Jahre!

Darauf Protastrufe von der äußersten Linken.) Die äußerste Linke zollte fast allein den lobhaften Kritiken Jaurtzs Beifall, der mehrmals warten mußte, bis der Lärm sich legte. Jaurtzs lobte lebhaft das System des Volkes i n Waffen und forderte, daß man es vorbereite. (Beifall auf der äußersten Linken und einigen Bänken der Linken.) Viviani habe wohl in drei Tagen seine Formel ändern können, aber nicht seine Meinung. Dieser Formel setze er diejenige des Kongresses von Pan entgegen.

Ministerpräsident Viviani antwortete alsdann auf die Interpellationen. Von der Linken sehr lebhaft begrüßt, sagte er, er nehme, ebenso wie Ribot es getan habe, die Macht nur an, um die gegenseitigen Schwierigkeiten, besonders die finanziellen, zu überwinden. Dann sprach er sich über die von der Regierung beschlossenen finanziellen Maßnahmen aus. Im Budget für 1915 werde er von den Besitzenden ver­langen, die militärischen Lasten zu tragen, die ihnen gukämen. (Beifall^aulf der Linken.) Er erinnerte daran, daß das Mili­tär g e s e tz angenommen worden sei, um auf die mächtige Anstrengung des Nachbarlandes zu ant­worten und um dieser eine mächtige Anstrengung Fvank-

Femlleton.

Rönialiche Schauspiele.

Der Richard-Strautz-Zyklus im Hoftheater wurde mit der Musikkomödie „Der Rosenkavalier" fortgesetzt und gestern mit „Ariadne auf Naxos" beschlossen. Die Einheitlichkeit des Stils wie in „Salome" hat Strauß in diesen beiden späteren Werken nicht wieder erreicht: schon die Textvorlagen standen Jj dem hindernd im Wege. Die Fülle von geistreichen Einfällen ’ und tonmalcrisch bedeutsamen Einzelheiten und den größeren melodischen Reiz der beiden Werke wird man nicht verkennen. Einer glänzenden Wiedergabe hatte sich der „R osen- k a v a l i e r" zu erfreuen: Frau Böhm van Endert (aus Berlin) ist hier durch ihre lebensvolle Darbietung als „Rofrano" längst gut bekannt. Frl. F r i ck als eine über- ' raschend sympathische „Feldmarschallin" und Herr Bohnen als „Lerchenau" standen auf gewohnter Höhe. Ihnen wußte sich Herr W u z tz l (von Kassel) mit Glück und Geschick als „Faninal" anzuschliehen. Herr Schubert hatte jetzt die Partie des „Sängers" und Herr Sch er er die Rolle des „In­triganten Valzacchi" übernommen und anerkennenswert duvchgeführt.

| In dem der „Ariadne" vorangehenden Lustspiel „Der Bürger als Edelmann" setzte Frau H e y d e ck e r ihr Engage- rnents-Gastspiel fort: sie gab die „Magd Nicoline". Aber in ihrem Lachen und Kichern lag längst nicht so viel Musik, wie in dem unserer einheimischen Nicoline-Doppelbauer: es wirkte nicht ansteckend; das Publikum zeigte sich immun. Die allge­meine schauspielerische Gewandtheit der Frau Heydecker ist schon neulich erkannt und bewährte sich so ziemlich auch f gestern. Als Prüfstein für ein Engagement ist aber auch diese kleine Episodenrolle wohl kaum geeignet. In dcr Aufführung der Oper „Ariadne auf Naxos" gastierte — an Stelle der erkrankten Frl. Englerth — Frau Lauer (von Karls­ruhe), deren schöne Erscheinung und angenehme Stimmittel

der Partie der „Ariadne" nicht wenig zugute kamen. Rühm­liche Unterstützung boten wieder Herr Schubert als „Bacchus" und Frau Friedfeld in der halsbrecherischen Koloraturpartie der „Zerbinetta". Für die kleineren Rollen der Oper waren bekannte tüchtige Kräfte zur Hand, denen sich Frl. Bake (von Kassel) als lieblich singende „Najade" und Herr Schramm (von Frankfurt) als derblustiger „Brighello" mit anerkennenswerter Routine zugesellten. Beide Strauß- Opern waren zahlreich besucht und die Beifallsbezeigungen für alle Beteiligten sehr ehrenvoll.

An Richard Ärauß heutzutage noch teilnahmslos vorüber­zugehen — unmöglich! Man wird zu ihm Stellung nehmen müssen: so oder so. Und schon das bezeugt seine Bedeutung. Gerade zur rechten Zeit — zur 50jährigen Geburtstagsfeier — erschien soeben (im Verlag von Schuster u. Löffler, Berlin) eine umfassende Strauß-„B i o g r a p h i e" van Max Steinitzer. Es ist die knappere Bearbeitung einer schon früher geschriebe­nen, sehr weitschichtig angelegten Strauß-Biographie. Die Hauptstätten der - Direktiünstätigkeit Strauß' — München, Meiningen, Weimar, nochmals München und Berlin — Boten die naturgemäße Handhabe für die Einteilung des Stoffes: anknüpfend an diese Berufstätigkeit hat Steinitzer die schöpfe­rische Tätigkeit des gefeierten Künstlers eingehend und liebe­voll besprochen. Vom „Rosenkavalier" meint der Biograph, der ebenfalls gegen das Libretto manches einzuwenden hat: „daß Strauß neben der ganzen Fülle anderer Obliegenheiten die Ausarbeitung dieser mit minutiösester Feinheit angelegten Partitur im Zeitraum von 11 Monaten vollenden konnte, ist bisher wohl das Staunenswerteste in seiner Komponistenlauf­bahn!" Bei der Einstudierung der „Ariadne auf Naxos" bat Strauß die Sängerinnen, „ihre Darstellung nicht zu sehr zu detaillieren: zur Zeit Malitzres habe man'das in der Oper nicht gekannt, und — so fügte er voll launiger Ironie hinzu —- der Unfug des Spiels in der Oper ist eine neumodische Er­findung" . . . Daß Strauß mit Bezug auf manche seiner Ge­sangsstellen geäußert hat, „die treffe ich selber nicht" —/ ist

ja wohl bekannt. Weniger bekannt ist sein Ausruf komischer Verzweiflung gegenüber dem oft noch allzu konservativen musikalischen Geschmack des Publikums und der Kritik; in einem Brief an seinen ersten Förderer und Protektor Hans v. Bülaw schrieb er: „Wenn ich nur erst einmal den verfluch­ten Wohlklang ausrotten könnte!" Nun, unser Wiesbadener Strauß-Zyklus hat bewiesen, daß der Komponist diese Sehn­sucht hin und wieder schon recht ausgiebig gestillt hat. Doch vergessen wir darüber nicht all das Interessante, Neue und Originelle, das wir der Begabung des kühnen Fortschritts­mannes Rich. Strauß verdanken. Bülows Wort, das er nach Strauß' schwerer Erkrankung (1591) schrieb, soll in Ehren bleiben: „Gottlob, daß Strauß gerettet ist; der hat eine große Zukunft noch; der verdient zu leben!" . . .

Somit soll zur Strauß-Feier die anregsam und mit feuilletonfstischer Flottheit geschriebene „Biographie" gern willkommen geheißen sein. O. D.

HMdenx-Theakrr.

Dienstag, den 16 . Juni: Dreimaliges französisches

Emile-Berhaeren-Gastspicl von Carlo Liten mit seinem Künstler-Ensemble: »*-<> cloitre.“ Drame en 4 actes de

E. V e r h a e r e n.

kannt zu werden. Seine Gedichte kamen in deutscher übe:

setzung heraus und fanden allgemeinen Anklang, und sei Name wrrd °» deutschen Biattern jetzt fast so oft genann jedenfalls mit der gleichen Anerkennung und Achtung, wie d- Maurice Maeterlincks Um so mehr ist es zu verwundern daß der Name ie_> dichter? nicht ein größeres Publikum a, lockre. - li« doch ;eder wissen, daß er einen interessante Abend erleben durfte, daß ihm Wertvolles geboten würd Aber statt der erwarteten Menge eine klaffende Leere. . . .

Act sachter bringt vier Ausschnitte aus dem Leben de Mönche, eigentlich eher die Seelenqualen eines einzige: