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Morgen-Ausgabe.

Mittwoch« 17. Juni 1914.

Nussifche wünsche unö Sorgen.

(Von unserem Petersburger Mitarbeiter.)

M.-H. St. Petersburg, 13. Juni.

Die Verstimmung über das ablehnende Verhalten Englands gegen eine Umwandlung der Tripel-Entente st kaum vorüber, kaum hatte man sich in Petersburg Zweit gefaßt, daß man die bekannte gute Miene zum tosen Spiel zu machen vermochte, als der Rücktritt des Kabinetts Ribot die Freude an der Entente wieder ver­gällt.Die äußerste Rechte bekommt auch in der aus­wärtigen Politik Oberwasser", sagte mir ein oppositio­neller, kadettischer Abgeordneter in den Wandelgängen der Reichsduma. Die äußerste R echte ist nämlich die schärfste Gegnerin der politischen Verbindung Ruß­lands mit England und auch mit Frankreich. Sie empfindet diese Verbindung mit den demokratischen Weststaaten als eine große Gefahr für die russische Monarchie und verweist daraus, daß eine Trennung der, inneren und der äußeren Politik in der Theorie zwar sehr verlockend klinge, in Wirklichkeit aber un­durchführbar sei und daß die Idee des englischen Par­lamentarismus und das Schauspiel einer sozialistischen Regierung in Frankreich zu verführerisch auf die russi- 'che Gesellschaft wirke. In der Tat sind die Sym­pathien, die in Rußland England und Frankreich ent­gegengebracht werden, nur in nationalistischen Kreisen auf die Gegensätze dieser Staaten zu Deutschland zurückzuführen, in liberalen, aber auch in linksnationalistischen. Kreisen ist es von jeher der demokratische Zug der Weststaaten, der die Sym­pathien erweckt. Wer die Geschichte Rußlands kennt, dem ist auch die Tatsache nicht entgangen, daß während des deutsch-französischen Krieges die russische Gesell­schaft zu keiner der kämpfenden Parteien ausgesprochen Stellung nahm (der Deutschenhaß war da, aber Alexander II., der Kaiser, hielt zu Deutschland), als aber nach dem Sturze Napoleons III. das deutsche Heer auch gegen die französische Republik weiterkämpfte, .ein­mütig gegen Deutschland Partei ergriffen wurde. Der Kaiser und die oberste Volksschicht wurden zu zwei feindlichen Lagern, der Türkenkrieg änderte nichts, der Kaiser fiel von Mörderhand. Jetzt bestimmt die äußerste Rechte in Rußland die innere Politik, die meisten Minister gehören zu ihr, und immer mehr klammern sich die oppositionell-liberalen Kreise an den Gedanken, daß die Verbindung mit den W e st m ä ch- t e n schließlich doch ihren Einfluß auf die innere Politik Rußlands ausüben wird. Der Russe ist in seiner Masse ein schlechter Außenpolitiker, er vermag nur nach den Richtlinien seiner vertrauten inneren Politik zu denken; er erhofft wie die Tschechen und die oppositionellen Magyaren von den außenpoliti­schen Komplikationen auch innerpolitische Vor­teile. Es ist ja kein Geheimnis, daß die revolutio­närsten Russen, die den Krieg zu den größten Frevel- tatcn zählen, den Weltkrieg herbeisehnen und her­

beiführen möchten, damit sie im kriegserschöpften Lande ihre Ziele erreichen können. Dieselbe Hoffnung finden wir auch in linksnationalistischen Kreisen, während die Rechten klar aussprechen, daß sie diese Hoffnung durch­schauen und sie durch ein Zusammengehen mit Deutsch­land und Österreich vereiteln möchten.

Auf Rußlands innere Politik ist das Bündnis mit der sozialistischen Republik bisher ohne Einfluß geblieben, in Frankreich sehen wir dagegen das Staatsoberhaupt in den größten Nöten, weil seine Kammer einen russischen Gesetzentwurf, die von Ruß­land gewünschte dreijährige Dienstpflicht, ablehnt. Der Zweibund ist somit schon zu intim geworden, beide Staaten voneinander zu abhängig geworden, es fragt sich jetzt nur, ob Herr Poincarä wirklich der Statthalter des Zaren in einer russischen Provinz" ist. In Petersburg kann man sich wieder an den fran­zösischen Gedanken nicht gewöhnen, daß die russischen TruppenSoldtruppen der französischen Rentner" seien. Tief verletzt hat es in Petersburg, daß die französischen Generale sehr viel an den russischen Trup­pen auszusetzen hatten und in Sachen der russischen Landesverteidigung Vorschriften machten. Als uner­träglich empfindet man es in Frankreich, daß Rußland von den Franzosen verlangt, sie sollten ihre letzten Kräfte hergeben, damit der Söldnergedanke aus der.Welt komme. Das Petersburger Parlament be­kundet gerade in diesen Tagen wieder eine außerordent­liche Militärfreundlichkeit; es wird nicht gerechnet, das Geld geben die Franzosen und das Mcnschenmaterial kostet in Rußland nicht viel. Schließlich hat Rußland von seinem militärischen Erstarken nur Vorteil, und die Revancheidee ist ja französische Liebhaberei: für Liebhabereien muß. man zahlen. . . .

Die russisch-französische Diplomatie geht darauf aus, Deutschland und Österreich zu isolieren und die kleinen Staaten Europas an sich zu fesseln. Die Arbeit in der Türkei, auf dem Balkan, in Un­garn ist bereits viel besprochen worden. Mit Däne­mark werden sehr intensive Verhandlungen -gepflogen, man spricht in Petersburg auch von den Nieder­landen und Belgien und einem Bündnis der kleineren Mächte usw. Kurz man treibt unter der Maske des Schutzes des 'europäischen Gleichgewichts zum Weltkriege. Unter diesen Umständen macht sich jede militärische Schwächung Frankreichs überaus unange­nehm bemerkbar. Sie erlegt Rußland die Pflicht auf, die Lücke durch seine Streitkräste auszufüllen. Auf liberaler russischer Seite hört man immer dringlicher davon sprechen, daß Frankreich endlich einmal feinen Revanchegedanken ins Archiv tun solle, damit die Kriegstreiberei aufhöre. In nationalistischen Kreisen aber fürchtet man, daß mit der Revancheidee die Pumpe für den französischen Gold.strom nach Rußland versagen könnte. . . . Ohne die Revancheidee würde Rußlands Wirtschaftsleben der langbefürchteten Katastrophe ent­gegengehen. *

Nr. 275. 62. Jahrgang.

Eine Umfrage im Offizierkorps über das Dreijahrgesctz.

* Paris, 16. Juni. Der Petersburger Korrespon­dent desMatin" hat unter hervorragenden russischen Militärs eine Umfrage gehalten, um ihre Ansicht über die Frage der dreijährigen Dienstzeit zu erfahren. Die übereinstimmende Meinung der Offiziere ging dahin: Wir verlangen keineswegs von Frankreich, daß es neue militärische Anstrengungen macht, sondern nur, daß es die dreijährige Dienstzeit aufrechterhält, die von den französischen und russischen Generalstäblern als erforderlich erachtet wird. W i r haben seinerzeit alles getan, was General I o f f r e sowohl in technischer wie strategischer Hinsicht von uns verlangte. Die erforderlichen Kredite hierzu sind von der Duma ohne weiteres bewilligt worden, und die Genehmigung eines neuen großen Militärpro­gramms durch die Volksvertretung steht unmittelbar bevor. Wir kennen unseren Verbündeten zu gut, um nur einen einzigen Augenblick zu glauben, daß Frank­reich sich den Verpflichtungen zu entziehen versucht, die es aus sich genommen hat. DerPetersburger Kurier" bringt ebenfalls in einem längeren Artikel die augen­blickliche innerpolitische Lage in Frankreich zur Sprache und kommt in bezug auf das Dreijahrgesetz zu dem Schluß: Die französische Regierung kennt den hohen

Wert des Friedens zu gut, um Maßnahmen aufzuheben, die von der politischen Lage diktiert worden sind.

politische Übersicht.

Unsere Bureaukratie.

O Berlin, 15. Juni.

In den preußischen Ministerien mit Ausnahme derjenigen des Auswärtigen und des Krieges sind vom Minister und den Vortragenden Räten 236 bürgerliche und 30 adelige Beamte iboschästiigt. Diese Ziffer veranlaßt dieKölln. VoW- ztg." zu der Bemerkung:Man wird zugestehen müssen, daß

nach den hier mitgeteilten Ziffern sich die Behauptung nicht mchr aufrechterhalten läßt,. als werde der Adel in der oberen Verwaltung ungebührlich berücksichtigt." Das ist richtig, mit Ausnähme allerdings der beiden Ministerien des Auswär­tigen und des Kriege s, die das genannte Blatt ibei seiner Schlußfolgerung vergessen hat. TieKöln. Volksztig." fügt daun noch hinzu:Außerordentlich interessant würde es sein, wenn es möglich wäre, die obere Verwaltungshierarchie auf ihre politische Zugehörigkeit zu kontrollieren. Der behauptete Grundzug würde sich dann als ein völliges Märchen erweisen". Der letzte Satz ist e&OTifo willkürlich als wunderlich. Wo zeigt sich in den Ministerien etwas von liibe-- ralem Geist? Verkappte Zentrumsleute gibt es schon mehr. Einen nationalliberalen Oberpräsidenten hatte Hannover ein­mal in Rudoikf v. Bennigsen. Er war ein weißer RaVe, und er leibt nicht mehr. Liberale Regierungspräsi­denten würden der Öffentlichkeit sehr schnell als solche be­kannt werden, wenn sie, existierten. Oder will dieKöln. Volksztg." uns glauben machen, unsere Kreise würden auch nur zu einem kleinen Teile von liberalen Landräten

Die Ftotienreise nach Westafrika und Südamerika.

XI.

Abschied von Chile. Antritt der Rückreise.

Noch eins, zwei Bilder aus dem bunten Kaleidoskop unserer prachtvollen zwölf Valparaiso-Tage.

Gründonnerstagvormittag füllte eine nach Tausenden zählende bunte Menge die große Cancha, den Sportplatz bei Villa del Mar, einem Villenvorort von Valparaiso. Einen Sportplatz, wie man ihn in Europa nicht schöner finden kann sind doch Pferderennen das erste Vergnügen des Chilenen, in dessen Landen, das Pferd als Hauptverkehrsmittel den ersten Platz unter den Haustieren einnimmt, wo, wie eine Chilenin versicherte,man wirklich im allgemeinen geradezu zu Pferde geboren wird". Diesmal aber spielten Pferde nicht die Hauptrolle. Tausend unserer blauen Jungens waren van den Turnvereinen Santiagos und Valparaisos zum fried- lichcn^Kampfe dorthin gebeten worden. In taktvoller Weise waren unsere in athletischen Sports immerhin wenig geübten Matrosen nicht zum Wettkampf von den Turnern herausge- fordert sondern man hatte ihnen ihre Konkurrenz überlassen, >'nd die Turner wechselten zwischendurch mit vorzüglichem Schauturnen, Reigen undLeipziger Freiübungen", wie sie bei der Enthüllung des Völkerschlachtdenkmals vorgeführt worden sind.

Sem buntes Gepräge erhielt der ^estplatz dadurch, daß neben den abgesteckten, den Wettkämpfen zugewiesenen Bahnen für Springen, Laufen, Kugelstoßen, Diskuswerfen usw. die große grüne Cancha für Dutzende verschiedener Spiele und Belustigungen eingerichtet worden war, denen sich die Ein­heimischen und unsere Matrosen mit größtem Vergnügen Hin­gaben, so daß auch die weniger Gewandten zu ihrem Rechte kamen. Da gab es Rutschbahnen, Karussells, Eselreiten, Ponywettrennen, Schaukeln, kurz alle erdenklichen Arten von

turnerischen Vergnügungen, die gar zu verführerisch auf die Seeleute wirkten. Wer müde, hungrig, durstig war, fand sich reichlich und freundlich bewirtet in einladenden Holzbuden, in denen Limonade, Bier, Brötchen, Würstchen,für Uniform unentgeltlich", in ungeahnten Quantitäten verabfolgt wurden. Die Zahl der festlich gekleideten Zuschauer Chilenen und deutsche Landsleute war ganz bedeutend; viele Tausende wogten in fröhlichem Treiben durcheinander, und als zum Schluß, am frühen Nachmittag, die Hornisten der konzertieren­den Musikkapellen zum Sammeln und zur Preisverteilung bliesen, war es dem freundlichen Vorsitzenden des Turnver­eins, der die glänzenden Arrangements ins Werk gesetzt hatte, schier unmöglich, mit seiner Stimme durchzudringen. Seine Begrüßungsworte und der Dank des Admirals wurden mit Beifallsjubel hingenommen, und nachdem alles entblößten Hauptes die chilenische Nationalhymne angehört hatte, brauste dasDeutschland, Deutschland über alles" über den Platz, daß unseren Landsleuten daheim die Ohren geklungen haben mögen! *

Auch in Santiago, das so wunderbar, fast am Fuße der Hochkordilleren fünf Stunden Bahnfahrt über seinem Hafen Valparaiso liegt, waren fortgesetzt Anstalten getroffen, die es den Unteroffizieren und Leuten möglich machten, wenigstens zum Teil die Landeshauptstadt mit ihren Schön­heiten zu besuchen. Die chilenische Heeresverwaltung hatte in einem Saal 100 Betten bereitgestellt, und in aufopfernder Weise hatten sich chilenische Offiziere und deutsche Herren an- geboten, den Besatzungen die Stadt zu zeigen, und chilenische und deutsche Familien, sie zu verpflegen.

Für die Offiziere waren Einladungen nicht nur zu dem üblichen Ball in Santiago, sondern auch zur Besichtigung einer Reihe sehr interessanter Güter in der Umgegend er­gangen, wo eine hochentwickelte Bodenkultur und Berieselung aus trockenen, brachliegenden Feldern in kurzer Zeit weite Strecken schönsten Wiesenlandes und fruchtbarer Weinlände­reien geschaffen hat. Dort aßen wir die würzige Caffuela- suppe und den saftigen Assado (Spießbraten), der unze trenn-

lich ist von Ausflügen jeder Art in Chile, dort sahen wir die famosen Reiterspiele der chilenischen Gauchos, und manch einem war es gar vergönnt, die Landleute ihre wilden Cueca tanzen zu sehen und mit ihnen die Chicha (spr. Tschitscha) zu trinken, diesen gefährlich berauschenden, süßen, moussieren­den Most. #

Einen eigenartigen, neuen Reiz hatte Valparaiso für uns, der seine erstaunliche und erfrischende Wirkung besonders auf die Ersten Offiziere, die leitenden Ingenieure, die jüngeren Herren und die Besatzung ausübte: es wurde nicht gekohlt! Man denke, ein richtiger Hafen mit elf Tagen Liege­zeit, und nicht einmal Kohlen nehmen! Das war auf der ganzen Reise nicht dagewesen und trug von vornherein erheb­lich zur Aufheiterung der Stimmung bei. Sonst hatte uns in jedem Hafen zunächst unser alter Freund, der Kohlen- dampfer, dienstbereit qualmend willkommen geheißen und der Leitung des Geschwaders ein zufriedenes Kopfnicken, manchem Offizier, Matrosen und Heizer aber einen tiefen Seufzer ent­lockt. War es auch immer ein anderer Dampfer, er brachte doch jedesmal die gleiche gewaltige Arbeit, denselben Schmutz, dieselbe zwei Tage währende Anstrengung und Anspannung aller Kräfte, die gleich- Hitze, die sich in den möglichst luft- dicht nach außen abgeschlossenen Räumen und Kammern sammelte. Und da immer nur ein Schiff nach dem andern an die Reihe kommen konnte und vor der Erledigung des ' Kohlennehmcns weder beim Ersten Offizier, noch beim Wacht­meister, noch auch der den Leuten viel Urlaubslaune bestand, so waren genug m den nur für wenig Tage angelaufenen Häfen schließlich die Beurlaubungen im ganzen doch knapp ge­worden. kam man mal ganz zu seinem Recht! Zwar konnte auch-in Valparaiso als einem bei plötzlich einsetzendem heftigen Nordwind überaus gefährlichen Hafen nicht unbe­schrankt beurlaubt werden, aber die Reihe kam hier doch an jeden. Und wenn auch für die Offiziere von der Möglichkeit, eigenen Steigungen zu folgen, nicht viel die Rede sein konnte, da offizielle Einladungen und Festlichkeiten täglich eine große Anzahl von Kommandierungen notwendig machten siss