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Verlag Langgasse 21

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Dienstag 16 . Juni 1914 .

-Wilmersdorf, Güntzelstr. 66. F-rnspr.- Amt Uhland 45» u. 451. ?£«“&"' f ÄT n t"M^f®Ä? c 0 S E m 6 S

Morgen »ktusgabe.

Nr. 273. ♦ 62. Jahrgang.

Die RoirserVaLiveN und 6as Raiserhoch.

„ ■ e [ ner . Beharrlichkeit, die an den älteren Cato w”«* öer uu alten Rom alle seine Senatsreden mit

tp-mo^wss"^7 er Ordere die Zerstörung Car- thagos, lasten die Konjevdatrven in ihren Zeitungen und -oersammlungsreden ^ noch immer die Mahnung nicht r bt fi sosialderuokratische Demonstration am fh-n« f,r,i er IefetGn Reichstagssitzung dürfe nicht unge- u Jl b nrüsse Fürsorge getroffen werden

Ähnliches im Parlament nicht ungmhn- v ^ wiederholt. Nun, nachdem die „Nordd. Allq Zta " Kntrk der „Kreuzzeitung" an der durch den preu­ßischen ^ustlzmrnlster im Herrenhaus erfolgten W- Inung emer Strafverfolgung der „sozialdemokrati- ^".^?lestatsbeleldigung" zurückgewiesen hat, dürfte wirklich geder weitere Versuch, den Staatsanwalt mobil zu machen, verlorene Liebesmüh sein.

Wenn aber die Konservativen jetzt immer wieder den llnfchern erwecken, als sei das Verhalten der sozialdemo- ßrfiftlf 61 ? 7 [fi 011 ' parlamentarisch ungeahndet ge» IS s' y t lft s ba§ Gtn i mit der Wahrheit im Widerspruch tt eh ende Tendenzmacherei. Der Präsident des Reichs- tags, Dr. Kaempf, hat in vollem Maße die rReichstags gewahrt, als er in ruhigen, lachllch scharfen Worten die sozialdemokratische Takt- losigkeit rügte. Auch ein Konservativer ans dem Präsi- dentenstuhl würde nach Maßgabe der Mittel der Ge­schäftsordnung nicht mehr haben tun können Das muß gegenüber jedem Versuch einer Verdunkelung des Tatbestandes immer wieder sestgestellt werden. Die nachträglichen Versuche der konservativen Presse, es so darzustellen, als wäre Präsident Dr. Kaempf nicht energisch genug gewesen, widersprechen zudem der

n^ en ~fr ni L rf P m ^ fl .' btG der Präsident unmittelbar aach >schluß der Reichstagssession in eben dieser Presse gefunden hatte.

Bemüht man sich jetzt aber, für den Beginn der i.euen Reichstagssession strenge Maßregeln zu fordern um eine schärfere Ahndung ähnlicher Demonstrationen zu ermöglichen, so ist doch folgendes zu erwägen. Ganz und gar a b z u w e i s e n bleibt der Gedanke, als sollte und dürfte hier die Reichsregierung mit irgendwelchen gesetzgeberischen Vorschlägen an den Reichstag herantreten. Das würde ein völlig unzulässiger Ein­griff in die Rechte des Parlaments sein, das allein das Hausherrnrecht im Reichstag besitzt und dieses mittels seiner Geschäftsordnung regelt. Das hat auch bereits "e „Nordd. Allg. Ztg." zugegeben. Es könnte sich also nur um Anregungen aus dem Reichstag heraus han­deln. Wohin diese zielen sollen, darüber findet man einzelne Andeutungen in der Presse, indem an einen zeitweisen Ausschluß solcher Mitglieder des Hauses von j «en Sitzungen gedacht wird, wenn sie derartige Dakt- osigkeiten begehen. Wenn aber darüber hinaus auch ogrsucht wird, die strafrechtliche Indemnität der ^oeort^ten^in^Frage^^elle^ ganz

Berliner Theakervrirf.

t Wvdrkind-Zyklus.

. Zum zweiten Male beendet das Deutsche Theater in Üinen Kammerspielcn die Saison mit einem Wedekind- «hklus, zu dem in diesem Jahre insofern ein besonderer An- siltz vorlicgen mag, als Wedekind am 24. Juli 50 Jahre alt Md. Zum zweiten Male sind jene seltsamen Gebilde eines ^ünstlerschöpfers an ein paar tausend Menschen vorüberge- ' ^6en, die vor ein paar Jahren noch wie die nngreiflichen Gebilde einer verzerrten Phantasie verhöhnt und befehdet wurden und heute auch dann noch fesselnd erscheinen, wenn Mn in den Einzelheiten ihrem Autor nicht zu folgen vermag. Diesmal wurde der Zyklus noch um zwei Neuaufführungcn I Ut Berlin vermehrt. „Franziska" erschien in einer verän- ^rten Gestalt, deren Neuheit allerdings nur äußerlicher Natur j^r und in der das Mysterium so unklar und wirr wirkte F' e vorher in Prosa. Und die Geisterbeschwörung „Der Stein er Weisen" vermochte auch kein tieferes Interesse zu er- "^cken. überhaupt scheint mir Wedekind den Fehler zu Le­ihen, daß er in der einmal angenommenen Position zulange /rhnrrt. Er hat solange über mangelnde Beachtung geklagt, es ihm nun schwer füllt, einzusehen, daß ein Autor, dessen ' Mrie an einem einzigen Theater innerhalb Jahresfrist zwei- ^ zyklisch erscheinen, immerhin schon ins Publikum gedrun- F, n sein muß. Daß er diese Teilnahme verdient, auch wenn Schaffen zur Popularisierung in Schülervorstellungen ’ !a )t geeignet ist, steht außer allem Zweifel. Er ist ein Än- ^8er von ungeheurer Wucht. Aus jedem Stück, fast aus jeder Mne blitzen Ideen, die reizen, zum Widerspruch oder zur Meisterung jedenfalls aber zur Teilnahme. Seine satirische gMomik ist von einer fabelhaften Stärke und seine' Sprache > bo: "

. eu *e in deutscher Zunge schaffen, steht er einzig da, so ein-

von selbst. Dafür wird sich nie eine Mehrheit im jetzig gen Reichstag bilden. Aber auch die Erwägung von strengeren Disziplinarmitteln scheint jetzt noch um so mehr verfrüht, als man ja sieht, wie weit die Meinungsverschiedenheit innerhalb der Sozialdemokratie über das Sitzenbleiben beim Kaiserhoch geht. Neben jenen Sozialdemokraten, die wie Herne und Fischer in so scharfer und klarer Werse den mit einer Zufallsmehrheit zustande gebrach­ten Beschluß ihrer Fraktion verurteilt haben, treten ja letzt sogar radikalere Vertreter der Sozialdemokratie die eifrig bemüht sind, ihr einen bewußt und tendenziös .antmwnarchischen Charakter zu nehmen und sie wieder nur darauf zurückzusühren, Laß man den Saal nicht habe verlassen wollen, damit nicht in Abwesenheit der Sozialdemokraten noch irgend welche Beschlüsse gefaßt wurden. Wäre dies auch, da der Sessionsbeschluß be rerts erfolgt war, in diesem Fall vollkommen ausge Ichlossen gewesen, so zeigt doch diese Entschuldigung oder Beschönigung der Demonstration, wie unbehag­lich man sich schließlich trotz aller tönenden Worte des „Vorwärts" gegenüber der durch das Sitzenbleiben beim Kaiserhoch geschaffenen Situation fühlt. Von hier bis zu einem endgültigen Verzicht auf die Wiederholung solcher Demonstration ist vielleicht kein weiter Schritt Jedenfalls wird man gegenüber all Len übereilten Trei­bereien der Konservativen auf eine Verschärfung der Geschäftsordnung des Reichstags hin sich zunächst noch ruhig ab wartend verhalten müssen, zumal ja auch noch mehrere Monate Zeit sind, bis die ganze Frage aktuell werden kann. Ein solches ruhiges Abwarten vermindert selbstverständlich in keiner Weise das scharfe Urteil, das alle bürgerlichen Parteien -wer das Verhalten der sozialdemokratischen Fraktion gefällt haben. Es soll vielmehr der Sozialdemokratie als L e h re dienen, daß sie, auch wenn sie mit 111 Man- baten zurzeit die stärkste Fraktion im Reichstag ist, daraus doch nicht den Schluß ziehen darf, sich fürderhin solche Provokationen gegen das Parlament zu erlauben, ohne daß dieses vor die Frage einer Verschärfung der Geschäftsordnung gestellt werden könnte.

r kor, einprägsamer Bildhaftigkeit. Unter den Dichtern, die >n deutscher Zunge schaffen, steht er einzig da, so ein- daß er auf Gelegenheitsscherze wie die Übersatire „Oaha"

Der kommende Mann.

O. W.-d. Petersburg, 13. Juni.

. Die Zustände sind hier in eine solche Ver­wirrung geraten, daß sie tarn lange währen können. Das Ministerium liegt unter sich im Kampfe ebenso wie mit der Duma. Die Arbeiten der letzteren werden durch den Rerchsrat unmöglich gemacht, der trotz seiner fort­während betonten Loyalität auch von den Anordnun­gen des Zaren keine Notiz nimmt. Ob nun die Schuld an diesen Zuständen dem Premier G o r e m y k i n inso­fern zuzuschreiben ist, daß er sich nicht energisch genug bezeigt, oder was sonst die Ursache sei, soviel steht fest, daß das gegenwärtige Ministerium in seiner jetzigen Znjammensetzung nicht bleiben kann. Als Goremykin an die Spitze des Kabinetts trat, hieß es ja sogleich, daß er bin nen kurzem dem Landwirtschaftsminister

in solchen Zyklen verzichten könnte. Auch als Schauspieler mochte ich ihn nicht missen. Den Mangel an Technik ersetzt er reichlich durch die mörderisch hinreißende innere Beseelt­heit seiner äußerlichen Starrheit, den unwiderstehlichen Im­puls seiner Leidenschaftlichkeit. Seine Flammen sind so grell, so Lohend, so zündend, daß seine Frau, Tilly Wedekind, ein entzückend schlankes, feingliedriges Gcschöpfchen, seine an­mutige Begabung von ihnen mitunter zu tragischer Wucht, zu gellendem Humor anffeuern läßt. Neben ihnen beiden wurde tn dem Zyklus Herr Werner Krauß für uns entdeckt, dessen oft uns gerühmte Begabung wir bisher nur in kleinen Rollen nachprüfen konnten. Krauß erwies sich als ein stark beseelter Spieler, dessen farbige Phantasie den oft verschlunge­nen Pfaden Wedekindscher Menschen mit absoluter Sicherheit nachzuspuren versteht und der nur in der Anwendung der äußeren Mittel noch einer entschiedenen Dämpfung bedarf um eine erste Stelle bei Reinhardt ausfüllcn zu können.

Als gewissenhafter Chroniqueur mnn ich noch berichten, *7 e *n alter Komödienschrciber seine Auferstehung begonnen sr “fMkun 0 der Komödie „Jeppe vom'Berge" ist der Beginn einer Holberghausse, da uns für den nächsten Wrnter ungefähr ein halbes Dutzend Stücke des seligen Danen angekundigt sind. Wir werden ihnen nach dieser probe mit nicht allzu viel Behagen entgegensehen. Sicherlich ist der Stoff von dem armen Teufel, den die Laune des gnä- digen Herrn in der Trunkenheit zum Edelmann macht, um ihn nachher ^wieder in den Bauern zu verwandeln, seit Holberg schon viel schrcchter behandelt worden. Aber wir sind doch der Technik der Monologe zu weit entronnen, um uns von seinen kurzen fünf Akten wirklich herzlich unterhalten zu rÜ,'* Ö§ ^Eresse ging über die Grenzen der Theaterge- schichte raum hinaus. Wo es stärker wurde, galt es Herrn ^.reoke, der als Jeppe soff, stöhnte, schimpfte, lebte, starb und wieder lebte, daß es eine Freude war, eine Freude, die zu dem einen rächenden Auge stets das andere weinend gesellte, weil alle Menschlichkeit zutage trat. ErichKöhrer.

K r.i w o s ch e i n Platz machen würde, sowie dieser nach Kräftigung seiner Gesundheit aus dem Ausland zurück- gekehrt fern wird. Das hat sich allerdings nicht be- stangt, und zwar hauptsächlich deshalb, weil der Minister de^ vameni, M aklako w, eine große Stütze in der

E^2.^ a , r r^ a und dieser als ein Gegner

Kriwoscheins hmgestellt wird. Der Zar persönlich 'ist sem großer Freund und wünscht ihn zum Premier zu machen. Es^ kann nur eine Frage der Zeit sein to A rfM) ba3u ernennt. Nach allgemeiner Ansicht wurde K r l w o s ch e i n in I i b e r a l e Bahnen emlenken doch gründet sich diese Ansicht hauptsächlich

Ö ? a Jrr er b k5 EMnung der landwirtschaft- lvchen Ausstellung m Kiew trn vorigen Sommer eine Jieue gehalten hat, worin er sagt, daß zwischen der Re- grerung und der Bevölkerung keine chinesische Mauer bestehen sollte. In Wirklichkeit ist er ein Koniervatlver, wenn auch nicht von der extremsten Rich- tung, die überhaupt kaum noch konservativ, sondern weit eher reaktionär genannt werden kann, dagegen stellt er^ sich als eine Persönlichkeit von großer Enerllre und Anpassungsfähigkeit dar. Obgleich Kriwoschem nicht ein hervorragendes Rede- talent vesltzt, besticht er doch durch seine Persönlichkeit sern Auditorruni. Er wurde als Sohn eines Sub- alternostizrers rn 1858 in Warschau geboren, studierte tzura in Petersburg und begann seine Laufbahn im ^ahre 1884 als Angestellter des Staatsarchivs in Moskau. Das behagte ihm nicht, er wandte sich dem Udvokatenberuf zu und fand in seiner juristischen Eigen.

Eingang m den Verwaltungsrat der Donez- ersenbahn. Darauf vermählte er sich mit der Tochter f?TO r 3 eff0tS Karpotv, dje einer der reichsten FamUien m Moskau angehorte, so daß Kriwoschein fortan von Nnanziellen. Sorgen befreit war. Jetzt nahm er nur noch dieiemgen Stellungen an, die seinen Neigungen Drachen, wobei er mit seinen Ansichten nie zurück- hielt und sich sogar wie in 1905 indirektenGeaen- f a tz zu seinen Vorgesetzten brachte, weil er in bezug auf die Reform des- landwirtschaftlichen Grund- n^rerMeimmg.war. Bei Hofe nahm man ihm das wdoch nicht übel, im Gegenteil der Zar er- r öu seinem Kammerherrn und zum M r t g l r e d des R e r ch s r a t s, eine Würde, die sonst nur einem Beamten, der Minister gewesen, verliehen wird. -vSft 1908 wurde er Landwirtschaftsminister. Sem bedeutendstes Werk ist die Landreform, von der 1v0 Millionen Russen betroffen wurden und die meist auf das Konto Stolypins geschrieben wird, wäh­rend ihm eigentlich diese Ehre gebührt. Es steht zu erwarten, , daß, sowie Kriwoschein den Posten als Mlmsterprastdent erhält, er zwar konsewativ bleiben, aber dabei nicht, wie mit Blindheit geschlagen, nur das- jernge für richtig halten wird, was die Altrareaktio- naren anstreben. Sein scharfer Verstand dürfte ihm sagen, daß er sich auf der mittleren Linie zu halten habe, und^ das wäre schon ein großer Ge- t n n im Vergleich zu den jetzigen unhaltbaren Der- haltmsien.

Nus Kunst und Leben.

»Die Stuttgarter Totenmaske Schillers hat den Strei UM Schillers Söhädel, wie aus den sach- und fachgemäßer Untersucyungen des Professors Dr. Ncuhauß (Berlin) m

und stelle zweifellos hervorgeht, beendet und ein Resulta ergeben, das zugunsten des in der Weimarer Fürstengruf; ruhenden Dichterhauptes spricht. Der Besitzer der au- ^kuneckcrs Nachlaß stammenden Totenmaske Schillers, Hoß rat Klrnckerfuß, hat dem Berliner Gelehrten die — eigentlick einen vollkommenen Schädelabguß bildende — Maske zur Be­gutachtung bereitwilligst zur Verfügung gestellt und dieser sagt in dem einem unserer Mitarbeiter auf dessen Bitte zu­gestellten Gutachten n. a. folgendes: Die Größe dieser Gips­maske — nicht Tonmaske, wie es ursprünglich hieß — stimmt mit der auf der Großherzaglichen Bibliothek in Weimar be­findlichen, der sogenannten Schwabeschen, überein und ist etwas größer als die in Marbach befindliche Terrakottamaske. Alle diese drei Masken, die lediglich in Betracht kommen und auf deren Beurteilung die ganze von Froriep ausgestellte Schädeltheorie beruht, entstammen ein und derselben Form und sind an sich gleichwertig. Allerdings ist die Stuttaarter Maske weitaus am besten erhalten und die Wiederaab? für die Beurteilung der Materie wichtigen Ein^elbeiten am besten, über die Entstehung der Masken sagt D? Nenbaust in scinetn Gutachten: „Aus dem Umstand^ daü de! Schwabeschen Terrakottamaske das rechte Ohr besser gekommen ist als bei der Klinckerfußschen, ferner, daß bei letzterer sich

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