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Sonntag, 14 . Juni 1914 .
Morgen - ttusgabe.
Die Vorgänge in dev Tripel-Entente.
Die Erklärungen, die Sir Edward G r e y am Donnerstag im Unterhause abgegeben hat, sind geeignet, die Vermutung zu unterstützen, daß zwilchen den drei Ententemächten eine Fühlungnahme besonderer Natur im Gange ist. Der britische Minister des Aus- wärtigen hat sich so dunkel und gewunden aus-ge drückt, daß jedem Argwohn Tür und Tor geöffnet bleibt. Es sind nach seiner Darstellung „kerne unveröffentlichten Abmachungen da, welche die Regierung binden würden oder dem Parlament dre Freiheit nähmen, zu entscheiden, ob England an einem Kriege teilnehmen soll". Ganz aut. In klares Deutsch übersetzt heißt das: Es besteht kein formeller und
unbedingt verpflichtender Bündnisvertrag. Aber warum fügte Sir Edward Grey der weiteren Mitteilung, daß keinerlei Verhandlungen beabsichtigt seien, die' Einschränkung hinzu: „soweit er wüßte?"
Der Leiter des Auswärtigen Amts müßte das doch m erster Linie wissen, und wenn er selber sich als möglicherweise nicht gänzlich unterrichtet hinstellt, so hat man den Eindruck, daß irgendetwas tm Verborge- neu gelassen werden soll. Die Möglichkeit, daß doch irgendein Abkommen getroffen werden könnte, ruckt Sir Edward Grey sodann ziemlich bestimmt in den Vordergrund, indem er meinte, daß, falls „irgendwelches" Abkommen stattfände, die Sache vor das Parlament gebracht werden , würde Es wird nach alle,dein wohl so sein, wie es eine Reihe von, beachtenswerten Organen dargestellt hat, näinlich daß m der Tat etwas im Werke ist, was das gegenwärtige Ver- hältnis der drei Mächte untereinander zu modifizieren bestimmt zu sein scheint. Um was es sich dabei handelt, darüber fehlt bei uns naturgemäß die genaue Kenntnis, wie sie ja auch in England selbst noch aus
o^Die Behauptung, daß ein auf die Ostsee bezug liches russisch-englisches Marineabkommen getroffen worden ist, ist in dieser bestimmten Fassung freilich Zementiert worden, aber deshalb können ebenso wichtige Vereinbarungen erwogen werden von denen bisher nur darum nicht, auch nt*t gerüchtweise, ge- svrochm worden ist, weil man von ihrer Natur nirgends eine klare Vorstelli-ng besitzt. Immerhin wird man nicht aufhören dürfen, an die mancherlei Mitteilungen „pr'n nVrn die auf wichtiae Vorschläge und auf sich daran anschließende 'vertrauliche Besprechungen hinge- uJupn ^ Mir denken dabei außer an die viel«
der „Tageblatts" über
verstärkte Machenschaften des Herrn
2 *; ltn ,h über russische Anerbietungen einer Marinekonvention hauptsächlich an die Meldung des Standard" wonach anfangs Mm internationale Verhandlungen'von höchster Wichtigkeit^zwi chen den Bob fisiaftern Cambon und Benckendorii aus der estren Sir Edward Grey ans der ander«,: Seite statt- aefunden hätten, Verhandlungen, die sich als Fort setzung der beim Besuch des Königs Georg rm Paris aevilogenen charakterisierten und zu denen auch Herr Hswolski von Paris eigens ^nzugerusenworden sen Wir denken ferner an die wiederholten Atarmrufe des
„Manchester Guardian , der es sich bisher nM au reden lassen wollte, daß etwas an der, GeschMe von dem Marineabkommen sei, und der bei diesem Anlaß schrieb es gebe in England Rlänner in hoher Stellung,
L De«and so feindselig seien daß sie auch> dieser Tollheit fähig wären. Der „Manchester „Guardian muß doch seine Landsleute kennen, sonst wurde er sich nicht so drastisch ausdrücken. Auch dre bedeutende, eng- Esche Fachzeitschrift „Economist" behandelte kürzlich das Gerücht von einem englisch-russischen Marine- abkommen, und zwar in der Form einer Berliner Korrespondenz, in der es hieß, dies Gerücht werde an der Spree fortgesetzt beachtet; es sei falsch, anzunehmen, daß es nur zum Zwecke einer verstärkten Agitation für eine Vermehrung der deiitschen Flotte in dre Welt gebracht worden sei, vielmehr gebe es ausgezeichnete Gründe, zu glauben, daß in der ^at gewisse Vor- schlage von Herrn Jswolski gemacht worden seien; nur wisse man nicht, welche Haltung die englischen Minister eingenommen hätten.
Man kann sich die Sache vielleicht so zurechtlege-n, daß Vorschläge machen und sie annehmen zweierlei ist. Mit anderen Worten: vermutlich sind russisa,er-
feits in der Tat Offerten m der angegebenen Richtung nach London ergangen, aber man hat sich dort bis zur' Stunde nicht entschließen können, aus das Geschäft näher einzugehen. Andererseits hat man an der Themse gewiß dafür gesorgt, daß die oetden Ententegenossen nicht verstimmt werden, und so wird die Ablehnung in einer Form erfolgt sein die alles m der S ch w e b'e läßt, so aber, daß die britische R^rerung nach der negativen wie nach, der positiven Seite hin v 0 l l e F r e i h e i t der Entschließung behalt, den Werbungen Jswolskis und seiner Pariser Freunde also auch Gebär schenken kann, wenn das tn das System der britischen Politik passen sollte Auf alle Falle haben wir Veranlassung genug zur Wachsamkeit und gerade Sir Greys letzte, etwas orakelhaften Offen- barungen nötigen zu verdoppelter Vorsicht.
Diese Vorsicht braucht die Gelassenheit nicht auszuschließen. Wir sehen gegenwärtig, daß Frankreich wie Rußland in Schwierigkeiten finanzieller Natur sind, deren charakteristisches Merkmal dre gegen» fettige Abhängigkeit der beiden Märkte und namentlich der beiderseitigen Politik voneinander ist. Hat Rußland darauf gedrungen, daß die Republik sich durch die dreijährige Dienstzeit eine unerhörte Last aufbnrdet so hat Frankreich wieder verlangt und durchgesetzt, daß dre russischen Rüstungen einen über die Fruanzkraft de-> Reichs anscheinend hinausgehenden Umfang annahmen. Die Anstrengungen beider Stnuten mußten zur Jftli* schweigenden Voraussetzung haben, daß sie nur vorüber- gehender Natur sein konnten und fern sollten, also bis zur Herbeiführung eines Enfs ch e t dün g s- kampfes mit uns. Je länger sich dieser Einigermaßen gefährliche Termin tn die Zukunft hmetnerstreckt. desto ratloser müssen unsere Nachbarn werden: denn sie können diese gewaltige Belastung auf die Dauer rt i ch t aushalten. Was nun werden soll, das ist selbstverstand lich nicht unsere Sache, das werden wir ruhig mit an- leben können ob es so oder so aussallen mag. Star k e r jedenfalls find Frankreich und Rußland in den letzten Monaten nicht geworden
Nr. 271. . 62. Jahrgang.
Das volksindivrduum und seine Pflicht.
Bon Pfarrer Harbach (Limburg).
Mehr als je wird heute das Einzelindividuum und sein Recht gewertet und betont, und die ganze von un» zu übersehende geschichtliche Entwickelung der Menschheit läßt sich anschen als ein Hindrängen zu diesem Ziele, zur Herausarbeitung des Selbstwertes des rat» meinen. Im Altertum bedeutete der einzelne sur sich nichts, der (stamm, das Volk alles. Bei den niedrig stehenden unknltrvierten Völkern ist es noch heute so.
In stufenweiser Entwicklung, nicht zuletzt durch den gewaltigen Anstoß Jesu und seines fortwirkenden Geistes ist eigentlich der „Mensch" erst geboren,, worden der mehr als ein Herdentier, der etwas sur sich ist, als Mensch einen Wert hat — rät besonders gebrochener Lichtstrahl der ewigen Licht- und Lebensguelle Der Eigenwert und die Eigenart des einzelnen gtot lhm ein unverletzbares Menschenrecht und ein ganz tndivi- duelles Dieser Gedanke „des einzelnen und seines Rechtes" kann aber, zumal unter einem falschen Men- schenziele gesehen, gefährlich überspannt werden und führt dann zum krassen Egoismus, welcher rede menschliche Gemeinschaft überhaupt und auch dre Volksgemeinschaft auflösen und zertrümmern mutz. Wieweit eine solche Gefahr bei uns besteht, weiß ieder, der mit offenen Augen in die Welt sieht. — Da ist es denn em Glück, daß gleichzeitig zwei gleichsam retardierende Momente eingesetzt haben: eine soziale,und nationale Bewegung, von denen die erstere auf die menschliche Gemeinschaft überhaupt, die zweite auf die Volks- gemeinschaft abzielt. Daß ein sozialer Zug durch unsere Tage geht und weiter gehen wird, ist trotz aller antw sozialen Flanmacherei sicher. Ebensowenig ist aber auch eine anwachsende national-völkische Strömung unter allen Völkern und Wölkchen zu leugnen. Mögen dre enragierten Vertreter eines national mehr oder wem- aer indifferenten oder gar antrnationalen Sozialismus I sich mit Händen und Füßen dagegen wehren, sie werden nichts daran ändern,, sie schwimmen gegen den Strom. Im Grunde genommen ist das Anwachsen, des nationalen Bewußtseins nichts anderes als eine Wetter- .gehende Wirkung der gesunden Betonung,, Wertung und Schätzung des Individuums., Es ist, gewissermaßen Volksindividualismus — wenn wir dabei das Verkehrte hinwegdenken, was dem Wort Individualismus häufig anklebt. Nicht nur der einzelne Mensch ist eine beson- de« Größe, ein Individuum, sondern auch em Volk. Das deutsche ist nicht das französische und das französische nicht das russische usw.. . ledes ist eftvas ftrr sich, und zwar trm so mehr, je. «tuet die Rasse, ze chauakte ristischer seine Geschichte, je ausgeprägter seine nationale Kultur ist. In dem Maße als sich nun em Volk seiner Individualität bewußt und stolz darauf wird, er- 1 stärkt sein ganzes nationales Leben, auch sein, natto- naler Wille. So war's gemetnl, wenn die nationalen Strömungen auf Volksindividualismus, zuruckgesuhrt wurdm Bn diesem Zusammenhänge liegt dre Überlegenheit begründet, welche em völkisch tmd.kulturell einheitlicher Staat über einen mehr oder weniger völkisch und kulturell zerrissenen hat. Me, bs^en und gerechtesten Gesetze, die weiseste und mächtigste Regierung,
Nachdruck Verbote».
Ein Künstlerstreich.
Von Max Kretzer.
Salb Wilmersdorf kannte die beiden unzertrennlichen
Maler deren Naturen eigentlich so verschieden waren wre Maier, Deren j .1 immer wieder inein-
und Nach, ie • Wilmersdorf kannte sie, das daander aufging - tz^m Berliner Westen auf-
inals noch nicht so wie heute Bestandteile gerate die
gesogen war, sondern seine ländlichen Beitanöterie zeigte, üre
die Grenze von Dorf und Stadt blldetew
S W, und P°r-
mit einem Spitzbartansatz rm weich . ^ Fuchs war
merischau braunen Aug-v: vortref ich stEten^ F ^ tvj
Rheinländer, immer ici schwerfälligen und maul-
Vosider'die Regen- und Gewittersttmmung auf seinen
^^BeidNausten in zwei
Dachateliers in einem neuen^ Steinkasten, ^ ^ ^
sanier Vorposten auf freiem ^elde s entstehen lallen,
tüm-r wc,».ich.i»«ch„»»- XiTaSmm .« bf t 2»f!.
Vmmögen und, was noch schlimmer war, keine Gönner. 2
für hin und wieder kleine Liebsten, und die wollten sich auch einmal satt essen, wenn auch nur an Atelierkost. . ,
Wie sie ihr Dasein fristeten, wußte eigentlich memand obwohl sie immer frisch und wohlgemut aussahen und abends stets in der Kneip- saßen, entweder in einem verräucherten Bierlokal, einer Art besseren Krug an der Landstraße, oder in einem modernen Restaurant, in dem der Wirt vorläufig mit einem halben Dutzend Gästen sein Bier selb,t fleißig vertilgen Helfen mußte, damit er wenigstens etwas zu tun hatte.
' Mit Fuchs ging es noch, denn er konnte hübsch m Tusch- und Federmanier zeichnen und hatte auch ein paar Witzblatter an der Hand, die ihm diese Bildanekdoten regelmäßig ao- nahmen, wenn auch gegen kärgliche Bezahlung. Von, Voß Kühen wollte aber niemand etwas wissen, obwohl er wirrlrch ein Kerl war, der etwas konnte. Vor zwei Jahren hatte er
sein Stimmungsgemälde ..Kühe bei aufziehendein Gewitter in der Ausstellung gehabt und gut verkauft. Seitdem hatte er an Stelle der längst geschmolzenen Zwanzrgmarkstucke nur
noch Pech. . ,
„Du, hör' mal, das geht so nicht weiter, — einer von uns beiden muß heiraten, reich natürlich", sagte er eines Tages, als sie beide das Stück Pappelallee entlang gingen, das zu der einsam liegenden Wirtschaft von Schulz führte. Da war eine scheckige Kuh, an der Voß seine Studien machte. Und während er, im Sonnenlicht, in dem kleinen Barackenhof saß und malte, so ganz mit Hingebung, weil ihn überdies der Hintergrund kolossal fesselte, saß Fuchs ein paar Schritte davon entfernt, trank stallwarme Milch und zeichnete dre 3 jährige Enkelin von Vater Schulz, ein hübsches Kin schweren Galdzöpsen.
„Ganz meine Meinung", stimmte Fuchs ihm bei. ..Fang'
du nur an, du bist der ältere." .
Und du bist der hübschere — außerdem malst du Portraits. und das lieben die Weiber mehr als die Rrnd- viecherei. Das soll wohl sein. „
Dafür bist du der strammere von uns bellen,, sagte
wSei«' — M-.-L S HC£
dann kannst du dir wenigstens deine Kühe urll Ochsen mMen Wer bestellt aber heutzutage Portrmts? Höchstens em von Hauswirt wie unserer der f« die^Fratze ferner
verschimmelten r * • föitz dem Kerl was ae-
blasen.^ Dafü/'mußte^ich dem Weibe noch 'ne griechische Nase
OTale !,Um so mehr wirst du nun die Notwendigkeit deinetz
baldigen Verheiratung einsehen- . ^ ^
<2. «-ritten sich eine “Keile über den Vorzug des anderen dke r' Beziehung, ohne jedoch zu einer Einigung zu
.. r s„ni CSpTTTttDCa. hpTT itg ^ntrrh gtrtg ftplYmMf»
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ffirii auf dem Heimweg, den sie durch eine belaubte kommen. vmrde das Thema wieder ausgenommen.
®7L sg, Voß blieb vor einem Milchladen stehen und be- ^u>iete tiefsinnig die fette braune Kuh auf dem weißen Schilde an der Wand, die seiner Palette entstammte. Ein Schildermaler, der viel zu tun hatte, beehrte ihn hin und wieder mit einer derartigen Bestellung, die dann des lieben täglichen Brotes wegen auch fix ausgefiihrt wurde.
„Pfui Deibel, wie tief kann der Mensch doch sinken", sagte er mit grausigem Humor und lockte dadurch den Mann ans dem Laden, der sich mit halbentblößten Armen tn die offene Tür stellte und den Eifernden ganz herausfordernd anblickte.
