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Samstag. 15. Juni 1914.

Morgen-Ausgabe.

Nr. 259. 62. Iahrgang.

Oie Isolierung Österreichs.

(Bon unserem Wiener Berichterstatter.)

K- W. Wien. 5. Juni.

. toirb immer offenkundiger, daß die Balkanpolitst oes Grafen Berchtold notgedrungen zu einer vollständig gen Isolierung Österreich-Ungarns führen muß. Alt einziger Aktivposten wurde auch in dem vor wenst gen Wochen gehaltenen Expose des Grafen BerchtoU ^banien angeführt. Aber gerade in den letzten Wocheri haben sich gerade in Albanien Ereignisse ab- gffplelt, die keinen Zweifel darüber übrig lassen das dieses neue Staatengebilde so wie es jetzt ist nicht aufrecht zu erhalten ist. Im Norden Albaniens lassen die religiösen Gegensätze keine Ruhe aus- konrmen. Zwischen den katholischen und den moham­medanischen Stämmen besteht eine fortwährende Feind­schaft, die kaum auszugleichen ist, da religiöser Haß ge­wöhnlich tiefer zu sitzen pflegt als politischer. Schon diese im Lande selbst vorhandenen Konfliktstoffe hätten sehr bald zum Ausbruch kommen müssen. Die Unhalt­barkeit des neuen Fürstentums zeigte sich jedoch rascher, als selbst Eingeweihte vermuteten. Das kleine Land ist von politischen Intrigen unterwühlt, deren Fäden in Konstantinopel, Belgrad und Rom zusammenlaufen.

Wie äußern sich aber die Folgen der Schaffung Albaniens für die übrige auswärtige Politik der Monarchie? Die russische Agitation in Galizien wird derart unhaltbar, daß der Präsident der öster­reichischen Delegation, Graf Sylva-Tarouca, ein hervor- oorragendes Mitglied des Herrenhauses und bekannter Vertrauensmann des Thronfolgers, in seiner Eröff­nungsrede an Erzherzog Franz Ferdinand in der Ofener Hofburg das wertere Ertragen der russischen Mmrerarbert bekanntlich als fiir eine Großmacht u n - wurdrg bezeichnete. Rußland beruft ferner wie wurde, für den Herbst nicht weniger als .^00 000 Reservisten mehr als gewöhnlich ein, und zwar in jenen Bezirken, die der österreichischen Grenze am nächsten sind. Das sind Symptome dafür, daß der Gegensatz zwischen Österreich-Ungarn und Ruß­land seit dem Balkankriege nicht im geringsten abge­nommen hat. Die unfreundliche Haltung Rumä­niens hat derart zugenommen, daß in der ungari­schen Delegation bereits die Forderung nach einer Ver­stärkung der siebenbürgischen Garnisonen und nach Er­richtung von Festungswerken an der siebenbürgisch-rumä- Nischen Grenze gestellt wurde. Der Besuch des Zaren in Rumänien steht bekanntlich unmittelbar bevor, das. rumänische Herrscherhaus soll durch engere Fami­lie n b a n d e an die Petersburger Politik geknüpft werden, in der russischen Presse wird ernstlich der Vor­schlag diskutiert, das alte rumänische Mißtrauen durch die Abtretung von Bessarabien endgültig zu beseitigen. Ein hervorragender österreichischer Parlamentarier, der kürzlich eine Studienreise nach Rumänien gemacht hat und in Bukarest Gelegenheit hatte, nicht nur mit den einflußreichsten Staatsmännern, sondern auch mit dem König selbst zu sprechen, äußerte sich nach seiner Rück­kehr, daß die persönlichen Sympathien des rumä­nischen Königs zwar beim Dreibünde sind, daß er jedoch die Volks st immung respektieren müsse. Diese Volksstimmung ist jedoch gegen Österreich.

»HK._L. " .. . .. . . ..

Das ist die Situation an der nördlichen und öst­lichen Grenze der Monarchie, die Situation an der süd­lichen Grenze, die Todfeindschaft Serbiens und die reservierte Haltung Bulgariens, sind hinreichlich bekannt. _ Die verhängnisvollen Folgen der Berchtold- schen Politik gehen jedoch weiter. Albanien ist infolge des von Goluchowski getroffenen Abkommens eine ge­meinschaftliche Interessensphäre für Österreich-Ungarn und Italien geworden. Das wurde bisher von Italien in der Weise ausgelegt (es ist dies die allgemeine Auf­fassung in Wien. Schriftl.), daß Österreich die Opfer zu bringen und Italien den Nutzen daraus zu ziehen hat. Die Wahrheit, die jetzt sukzessive über die Vor­gänge in Durazzo durchdringt, die Tatsache, daß Essad-Pascha sich bei seinen Intrigen gegen den Fürsten der tatkräftigsten Unterstützung Italiens erfreute, die mehr als eigentümliche Rolle, die der italienische Gesandte in Albanien bei der ganzen Sache gespielt hat, ohne daß der italienische Minister des Äußern in seiner letzten Rede es für not­wendig fand, die Rolle des italienischen Gesandten auf­zuklären, müssen den Eindruck Hervorrufen, daß die Zeit nicht mehr fern ist, wo Albanien zum Zank­apfel zwischen der Monarchie und Italien werden wird. In Italien ist (wie wir schon wiederholt be­richteten. Schriftl.) die ganze Volksmeinung gegen Österreich. Die offenen Straßenkundgebungen gegen Österreich haben zwar aufgehört, aber die feind­seligen Resolutionen der Vereine und sonstiger Ver­sammlungen sind geblieben und der kleinste und nichts­sagendste Anlaß vermag die ganze Volksbewegung wie­der aufs neue anzufachen. Das ist der schwerwiegendste Fehler _ der Politik des Grafen Berchtold. Er meinte durch die Schaffung Albaniens Italien an die Monarchie zu fesseln und durch die Errichtung einer gemeinsamen Interessensphäre das österreichisch-italienische Bündnis zu festigen, in Wirklichkeit aber stellt sich Albanien schon nach den ersten Monaten seines Bestandes als ein Keil dar, der geeignet ist, das ohnehin (wie wir schon in der Abendausgabe vom Montag betonten. Schriftl.) nur stets als Vernunstheirat angesehene Bündnis mit Italien noch mehr zu lockern. Das ist der Weg zur Isolierung der Monarchie.

Die Gegnerschaft der Ententemächte und selbst der Verlust aller Freundschaften am Balkan ist zu ertragen. Eine Lockerung des Verhältnisses zu einer Dreibund­macht nicht. Das ist ein Weg, der verhängnisvoll werden muß, wenn nicht rechtzeitig die Umkehr er­folgt. In den Delegationen ist diesmal sehr viel über den Zusammenhang der inneren Politik mit der äuße­ren Politik gesprochen worden und mit Recht, denn die Zerfahrenheit der letzteren ist eine natürliche Folge­erscheinung der Zerfahrenheit in der inneren Politik und auf die Dauer unhaltbar. Eine aktive Politik Österreich-Ungarns ist aber gegenwärtig nicht möglich. Auf denr Throne der Monarchie sitzt ein 84jähriger Greis, der nach den vielen Schicksalsschlägen, die ihn betroffen haben, ein begreifliches Ruhe­be dürsuis hat. Jedermann achtet den Lebensabend des greisen Monarchen und die maßgebenden Staats­männer sind bestrebt, ihm Emotionen so viel als mög­lich sernzuhatten. In der inneren wie in der auswär­tigen Politik. Solange Kaiser Franz Joseph regiert, wird Frieden sein. Mit seinem Ableben aber taucht ein großes Fragezeichen auf.

Die Politik der Woche.

In tiefe Trauer ist die Bevölkerung von Mecklenburg- Strelitz durch den T o d des Grotzherzogs Adolf Friedrich versetzt wurden, und auch die übrigen Bundesstaaten nehmen warmen Anteil an der Trauerkunde, wie aus den Nachrufen der Presse deutlich hervorgeht. Der älteste Sohn des Ver­storbenen, Adolf Friedrich, besteigt nunmehr den Thron seiner Väter, und es wird ihm hoffentlich gelingen, den Trotz der Landesstände zu brechen und seinem Volke endlich die ersehnte Verfassung zu geben. Auch die preußische Provinz Posen hat ein neues Oberhaupt im Unterstaatssekretär v. Eisen- hart-Rothe erhalten, dem der Ruf als milder Beurteiler zur Polenfrage vorcmgeht.

Diejenigen Reichsbeamten, welche durch das Scheitern der Besoldungsvorlage im Reichstag das Nachsehen hatten, werden nicht ohne wehmütige Resignation die Verhandlungen über die Besoldungsvorlage im preußischen Abgeord­netenhaus verfolgt haben. Während im deutschen Parla­ment die aus Zentrum und Sozialdemokratie bestehende Mehrheit auf ihrem Schein stand, und so, da die Regierung sich allen Mehrforderungen widersetzte, die gesamte Besol- dungsreform zum Scheitern brachte, nahm das preußische Ab­geordnetenhaus, nachdem es sich über die Aussichtslosigkeit seiner Mehrforderungen klar geworden war, die Vorlage der Regierung e i n st i m m i g an und legte, was es darüber hin­aus den Beamten zugedacht hatte, in Form einer Resolution nieder, die hoffentlich keine papierene sein wird. Während der Landtag am Dienstag bis zum 10. November vertagt werden wird,' sollen mehrere Kommissionen bei der Arbeit bleiben, natürlich so weit dies das Erholungs- und Reifebe- durfnis der Herren Volksvertreter zulassen wird.

Die Reise des deutschen Kaisers nach K o n o p i s ch t, dem Wohnsitz des Erzherzog-Thronfolgers Franz Ferdinand, ist von den deutschen Offiziösen als eine lediglich dem Jagdver- gnügen gewidmete Spritztour ausgegeben worden, aber gegen diese Auslegung spricht schon der Umstand, daß der Staats­sekretär des Reichsmarineamts Großadmiral v. Tirpitz mit von der Partie war, während sichzufälligerweise" auch der österreichische Marinekommandant Admiral v. Hauß in Konopischt eingefunden hatte. Man weiß, daß der Erzherzog der Verstärkung der österreichischen Marine sein ganz beson- deres Interesse entgegenbringt, und wenn bei den Unterhal­tungen in Konopischt, wie nicht zu bezweifeln, auch von den Flottenfragen gesprochen wurde, so sind dabei sicherlich neben den rein marinetechnischen auch die zurzeit besonders aktuellen ' weltpolitischen Gesichtspunkte berührt worden. Bietet doch schon der Eifer, mit dem das Zarenreich die Verstärkung ferner Flotte im Schwarzen Meer betreibt, während zugleich Frankreich seine Position im Mittelmeer konsequent verstärkt, für die Donaumonarchie allen Anlaß, an Gegenmaßvegeln zu denken. ß

Die Gerüchte über eine angeblich geplante englisch-russi­sche Flottenkonvention sind allerdings von Sir Edward Grey im englischen Unterhaus als unbegründet deutlich zurückge- wiesen worden, und auch gegen die Suffragetten, die zu einer förmlichen Landplage für England werden, die sich nicht scheuten, das englische Nationalheiligtum, die - W e st - m i n st e r - A b t e i» mit Dynamit anzufallen, zieht die eng­lische Regierung nunmehr schärfere Saiten auf, indem sie nicht mehr die arm.en verführten und bestochenen Attentäterinnen, sondern deren Anstifterinnen an ihrem so wie so zu gut ge­spickten Geldbeutel empfindlich zur Ader lassen will. Die Rührigkeit der russischen Politik kommt in dem Besuch des Zaren in Rumänien zum Ausdruck, welches seit den Umwälzungen auf dem Balkan jedenfalls nicht mehr wie früher als Anhängsel des Dreibundes betrachtet werden kann. Ob die Versuche, es zur Tripelentente hinüberzuziehen, Erfolg

Die Baltische Ausstellung.

Von 'Karl Bratt.

I.

Wenn man sich Malmö von der Wasserseite her mit dem Kopenhagens Sunddampfer nähert, sieht man schon seit Jahresfrist einen viereckigen weißen Turm mit ziegelroter Kappe weithin über die Stadt ragen, und noch am Abend zeichnen sich die erleuchteten Linien seiner Bogengalerie gegen die Dunkelheit ab. Dieser Turm ist das Wahrzeichen der Baltischen Ausstellung, wie man es von den Plakaten kennt, und zugleich in Kalkweiß und Ziegelrot, mit dem gestuften Giebel, ihr architektonisches Leitmotiv.

Dieser Turm steht seit Jahresfrist, und der erste Spaten­stich auf dem Ausstellungsterrain wurde vor mehr als zwei Jahren getan. Es wiegt daher um so schwerer, wenn man sich auch in diesem Falle den heute offenbar unvermeidlichen Klagen anschließen mutz, daß die Ausstellung bei der Eröff- uung alles andere als fertig war. Der Bau des deutschen Äerdandibundes, das Krematorium, das Hans der schwedi­schen Frauen, sind noch unzugänglich, weil teilweise noch un­vollendet, der Aufzug zum Turm, dem höchsten Holzturm der Erde, geht noch nicht, die ganze elektrische Kraftanlage er­weist sich als fehlerhaft, was an Stockungen allenthalben zu spüren ist, und die Kunstausstellung hat es noch nicht einmal ZU einem Katalog gebracht. Wenn auch in der letzten Nacht, zwischen der Vorbereitung und der feierlichen Eröffnung, noch die üblichen Wunderwerke verrichtet wurden, so hört man doch' jeder Halls Gehämmer, sieht man doch überall Arbeiter in

Tätigkeit. Sobald der eigentliche Strom der sommerlichen Nordlandfahrer in Bewegung kommt, wird das jedoch alles vorbei sein, bann werden auch die reichen gärtnerischen An­lagen, die dem kalten Weiß und Rot erst das rechte Leben geben, zu ihrer vollen Wirkung kommen können.

Auch war der erste Eindruck, den die feierliche Eröffnung gab, durchaus nicht der günstigste. Die Festkantate von Hugo AlfrZn, die Ansprache des Ausstellungspräsidenten, Landes­hauptmanns Grafen Dela Gardie, und des schwedischen Kron­prinzen, das bischöfliche Gebet, zeigten in der für spätere Tagungen und regelmäßige Konzerte bestimmten Kongreßhalle eine mangelhafte Akustik. Auch in architektonischer Hinsicht macht gerade diese Halle mit ihren gelbbraunen Wänden, auf die dürftig stilisierte Kronen, einzeln und paarweis, schabloni- siert sind, mit den gekreuzten Querbalken vor den hoch, un­mittelbar unter der Decke angebrachten Seitenfenstern den ungünstigsten Eindruck unter den Monumentalbauten der ganzen Ausstellung. Ihren Reiz und ihren Wert, über die im großen und ganzen sonst nur eine Stimme der Aner­kennung und Bewunderung herrschte, mutz man an anderer Stelle suchen.

Der Erbauer der Ausstellung ist Ferdinand Boberg, der führende Name in der modernen Architektur Schwedens. Das Posthaus in Malmö zwischen Hafen und Bahnhof, eines seiner frühesten Monumentalwerke, zeigt bereits unverkenn­bar seinen eigenen Stil. Die Stockholmer Hauptstadt, das dort:ge Hotel Rosenbad, die Villen der Prinzen Karl und Eugen sowie des Bankdirektors Thiel, die letzten beiden mit ihren Gemäldegalerien, im Tiergarten und schließlich die Stockholmer Ausstellung von 1908 haben Bobergs Namen

o;e llllgemecne Anerlennung als Ersten seines Faches gebracht. Es war daher ein außerordentlich günstiger Umstand ebenso für ihn wie in noch weit höherem Maße für die Baltische Ausstellung, daß er nicht nur den Grundriß des Ganzen, son­dern auch die Ausführung der wesentlichen Bauten entwerfen durfte. Nur die Gebäude Deutschlands und Dänemarks haben ihre eigenen Architekten: Hans Alfred Richter und Henning Hansen. Aber beide haben sich, namentlich in der Farben­wirkung, die vielleicht mehr als alles andere die Grundnote in Bobergs Schöpfung angibt, dieser auf das glücklichste an­gepaßt. Richter baut eine unverkennbare Warenhausfassade: wie sie nach Messel heute jeder macht, wenn auch nicht kann', also sehr unpersönlich, aber im Gedanken immerhin nicht un­berechtigt; das Haus ist ja ein Warenhaus, wenigstens für Monate, wenn es auch, namentlich in den Aufgängen und dem Erstgeschoß, einen viel dauerhafteren Eindruck macht. Trotzdem es, wie alle Bauten der Ausstellung, aus Holz be­steht, das weiß verputzt worden ist; an manchen anderen Stellen geht diese Stermmrtatron des Holzes allerdings selbst für die ^'^eren ästhetischen Anforderungen einer kurzen Ausstellung zu wert, da steht man imitierte Granitblöcke als Fundamente, die in Wirklichkeit gar nichts tragen, da sieht

? an ^lau$tLttuL m " etn - mb Hauswände gemacht, wie bei der Jagdausstellung, ja, ein Berqabhang unterhalb dieses

besteht lediglich aus schwar^e'-

SolAurm bfv ber ^obe Turm, der als höchster l angepriesen wird, ist als solcher unter der

Verputzung keineswegs zu erkennen.

b'nzige größere Haus aus Stein ist das dänische. In oem nationalen Rohziegel aufgeführtz stellt es eine freie