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Mittwoch» HO. Juni 1914.
Morgen-Ausgabe.
Nr. 255. - 62. Jahrgang.
wir und Albanien.
Q Berlin, 8. Juni.
Man sagt nichts Neues, wenn man wiederholt fest- I stellt, daß die Ereignisse in Albanien an hiesigen politischen Stellen mit wachsender Sorge beobachtet werden, zumal seitdem die Verhaftung von Italienern, die angeblich den Aufständischen Dienste geleistet haben, den österreichisch-italienischen Gegensatz in das grellste Licht gerückt hat. Es ist die selbstverständliche Aufgabe unserer Politik, diesem Gegensätze nach Möglichkeit die gefährlichsten Spitzen a b- z u b r e ch e n oder doch umzubiegen, und man darf überzeugt sein, daß das in geeigneter Weise durch , unsere Botschafter in Wien und in Rom geschieht oder doch versucht wird. Aber wie schwierig die Aufgabe ist, braucht nicht erst gesagt zu werden, und es wäre auch vergeblich, von „Mißverständnissen" zu sprechen und auf sie die neuen Irrungen und Wirrungen schicken zu wollen. Vielmehr wird es wohl so liegen, daß unsere beiden Verbündeten gleicherweise ihre guten oder viel- mehr schlimmen Gründe dafür haben, einander mit ausgeprägtem Mißtrauen zu begegnen. Es hat wenig j Sinn und Zweck, über diese heiklen Dinge beschönigend und vertuschend hinweggehen zu wollen. Man braucht den Gegensatz gewiß nicht unnötigerweise noch zu unterstreichen, aber er läßt sich nicht nur nicht wegleugnen, er I ist vermutlich sogar noch bedrohlicher, als durch die vorhandenen Tatsachen bezeugt wird. Für uns tritt das Schicksal Albaniens und auch des Fürsten Wilhelm weit zurück hinter die Frage, ob sich wegen Keics gekünstelten Staatswesens eine breite und tiefe Kluft zwischen dem Ballplatz und dem Quirinal auf- "n soll oder ob der Spalt noch ausgefüllt und begeh- 'r gemacht werden kann.
Denn in Wien der Verdacht herrscht, daß die italie- übe Politik in Albanien Hintergedanken verfolgt, so sicht in Rom genau derselbe Argwohn gegenüber >n Donaureiche, und man kann nicht gut bestreiten, aß für diesen Argwohn mindestens glaubhafte psychotische Gründe vorhanden sind, die sich vor allem auf die Tätigkeit und die Bestrebungen der N e b eure g i e r u n g im Belvedärepalast stützen. Erzherzog F r a n z Ferdinand ist wahrlich kein Freund der .Verbündeten" am Tiber. Die zweckmäßigste Behandlung der albanischen Frage von uns aus wird immer aus der Bemühung fußen müssen, daß Europa und sticht aüsWließlich die Adriamächte eine gemeinsame Richtungslinie innehalten. Es wäre unratsam, gerade bei diesem Problem den Gegensatz zwischen den beiden Mächtegruppen aufleben zu lassen,_ besonders weil anerkannt werden darf, daß die zweite Mächtc- grnpve unter dem Einfluß der aus gleichenden englischen Politik steht und, bisher wenigstens, sticht zu erkennen gegeben hat, sie gebe auf eine Ver-
und auf eine Häufung der
Schwierigkeiten aus.
Aus manchen Anzeichen gewinnt man den Eindruck, daß in Wien wieder einmal eine gewisse M i ß- st i m m u n g über vermeintlich ungenügende Unterstützung der dortigen Politik durch die n n s r i g e herrscht. An dies Schicksal sind wir nun freilich im
Verlaufe der letzten beiden Jahre so gewöhnt worden, daß es auch diesmal dem Gewicht der weiteren Entwicklung überlassen bleiben kann, unsere etwas nervösen Freunde an der Donau davon zu überzeugen, daß eine Politik der mäßigenden Zurückhaltung gerade im Interesse Österreich-Ungarns selber liegt. Wenn wir den Staatsmännern des Ballplatzes auf jedem, oft genug überraschenden Wege gefolgt wären, so stände es heute um die Ruhe des Weltteils vielleicht nicht so gut, wie es tatsächlich steht. Es sei nur an die verhängnisvollen Entschließungen erinnert, gegen die Bestiminungen des Bukarester Friedens Sturm zu laufen, ein Unterfangen, dem wir uns bestimmt versagen mußten und an dessen üblen Nachwirkungen Österreich-Ungarn noch heute durch die leider noch nicht überwundene rumänische Verstimmung leidet. B e- gütigen, beschwichtigen, e i n r e n k e n, das wird jetzt in dem albanischen Wirrwarr wieder unsere Aufgabe sein müssen. Wenn der Kaiser.demnächst der Gast des Erzherzog-Thronfolgers ist, wird er die Gelegenheit haben, seinem Freunde die Überzeugung von der Nützlichkeit dieser deutschen Betätigung für das Nachbarreich zu verschaffen.
Sir percy Scott und der Seekrieg.
In dem stillen, doch hartnäckigen Kampf zwischen Geschütz und Torpedo, der im allgemeinen nur bon Fachleuten mit Aufmerksamkeit verfolgt und richtig beurteilt wird,' hat nunmehr die breite Öffentlichkeit Gelegenheit mitzusprechen erhalten. Wahrscheinlich ist sogar, daß das Wort, das kein Geringerer als Sir Percy Scott durch seinen „Times"-Aufsah (vergl. die Morgen-Ausgabe vom letzten -Samstag unter Letzte Drahtberichte) über den Wert der Kriegsschiffe wie einen Stein ins Wasser in die breite Menge geworfen hat, immer weitere Kreise ziehen und der Wasserspiegel der öffentlichen Meinung erst spät zur Ruhe zurückkehren wird. Sir Percy hält bekanntlich die Entwicklung des Unterseeboots- und L u f t w e s e n s schon für soweit vorgeschritten, daß kein großes Kriegsschiff nach dem Ausbruch der Feindseligkeiten wagen könne, auf die hohe See zu gehen. Daß der Altmeister der englischen Schiffsartillerie, der bis zu seinem erst vor kurzem erfolgten Ausscheiden aus dem Königlichen Dienst durch seine mächtige Förderung der Entwickelung und Verwendung der Großartillerie vielleicht am meisten zur Schaffung moderner Großkampfschiffe b«getragen hat, zu diesem vernichtenden Urteil kommt, muß billig überraschen, denn er ist nicht als Percy Heißsporn, sondern als kluger, bedächtig erwägender Seemann auch außerhalb Englands bekannt geworden. Allerdings weiß man andererseits auch aus mehrfachen Zwistigkeiten mit seinen Vorgesetzten, daß er so recht der Mann danach ist, von sich reden machen zu wollen, und das schädigt jede etwaige Wirkung seiner jetzigen Auffassung doch recht erheblich. Man wird daher sich nicht darauf beschränken dürfen, zu entgegnen, daß schon vor 100 Jahren, als F ulton sein erstes Unterseeboot gebaut hatte, mau von einer völligen Umwälzung des Seekrieges gesprochen habe, die aber bis heute noch nicht eingetreten sei; denn das heutige
U-Boot gleicht dem damaligen so wenig wie der Hecht einer Qualle. Wohl aber kann nicht unerwähnt bleiben, daß Percy Scott sowohl das Unterseeboot wie das Flugfahrzeug oder Luftschiff, von denen er ein Zusammenwirken nach der Fabel vom Blinden und Lahmen sich denkt, doch erheblich überschätzt. Beide sind an den T a g und an yerhältnismäßig ruhiges Wetter gebunden; bei Nacht sind beide blind, und schwerer Seegang, der stets mit schwerem Wind verbunden, macht beiden das Handwerk so schwer, daß mit sicheren Erfolgen nicht gerechnet werden kann.
Geht schon hieraus hervor, daß den großen, wetter- tüchtigen Kriegsschiffen ein weites Feld der Tätigkeit übrig bleibt, so muß auch die übermäßig hohe Einschätzung der T o r p e d o w a f f e, der Hauptwaffe des Unterseebootes, durch Sir Percy Bedenken erregen. Gewiß ist ihre Treffähigkeit und vor allem auch ihre Tragweite in den letzten Jahren gewaltig gesteigert worden, aber jeder Fachmann weiß, wie sehr viel die Treffähigkeit des Torpedos gegenüber der der Artillerie zurückbleibt, besonders vom U-Boot aus, und aus naheliegenden Gründen immer bleiben wird, und daß das Schutznetz wie auch die Zelleneinteilung moderner Schiffe einen, wenn auch nicht allen Forderungen entsprechenden Schutz gegen Torpedos gewähren. Niemand wird ferner zweifeln, daß schneidig geführte U-Boote unter günstigen Umständen und bei Aufopferung vieler Einheiten auch einen Hafen forcieren und die darin liegenden Schiffe angreifen können. In den allermeisten Fällen aber, z. B. in den gefährlichen Fahrwassern unserer Nordseemündungen, dürste ein solches Unterfangen mit einem vollen Mißerfolge endigen, ganz abgesehen davon, daß U-Boote ebenso wie die großen Schiffe gegen Minensperren nicht gefeit sind. Und noch manches andere könnte hinzugefügt werden.
So könnte aus Percy Scotts Ausführungen nur das eine mit Bestimmtheit abgeleitet werden, daß die neuen Unterwasser- und Luftwaffen feindliche Flotten zwingen werden, sich bei Tage reichlich weit von der Küste fernzuhalten und daß auch Schiffe im Hafen andauernd auf ihre Sicherheit bedacht sein müssen. Die /Durchführung des Seekrieges zu seinem Endzweck wird aber ohne große Kriegsschiffe wahrscheinlich nie- mals möglich sein. Es ist ganz selbstverständlich, daß alle Flotten sich die wertvollen Eigenschaften der erstgenannten Waffen nach Möglichkeiten dienstbar machen werden; daß aber irgendeine Macht die Erhaltung und Entwicklung ihrer Flotte deshalb aufgeben werde, ist kaum zu erwarten. Die genannten Gegengründe sind selbstverständlich auch dem verdienten englischen Admiral nicht fremd. Wenn er trotzdem die für die U-Boote und Luftwaffen sprechenden allzu optimistisch einschätzt, so mögen ihn dabei vielleicht noch, abgesehen von seinem persönlichen Ehrgeiz, andere, auf dem Gebiet der Politik liegende Gründe oder der Wunsch geleitet haben, der auf der ganzen Erde wahrnehmbaren Zunahme kriegsmaritimer Kräfte Einhalt zu gebieten, die allesamt, und gehörten sie selbst den gegenwärtig Großbritannien politisch nahestehenden Mächten an, letzten Endes eine Schwächung der englischen Suprematie bedeuten. Man wird daher gut tun, abzuwarten, wie sich der Dreiverband zu dieser immerbin interessanten Frage stellen wird.
Die Flottenreise nach Westafrika und Südamerika.
X.
Chile.
(Talcahuano—Concepcion. Valparaiso. Santiago.)
Die weiteren Häfen, die die deutsche Division in Chile anlies, bestätigten uns den ersten Eindruck. Der Empfang, den man uns zuteil werden ließ, wurde, wenn er schon herzlicher garnicht werden konnte, so doch immer großartiger. Und der Höhepunkt einmütiger Begeisterung für Deutschlands Ruhm und Größe wurde im Hafenplatz Valparaiso und der in fünf Stunden Bahnfahrt zu erreichenden Landeshauptstadt
Santiaao erreicht. ,„ ..
Das toar das Erhabene an diesem Stuck der Reise: nicht die glänzende Aufnahme an sich oder das überall zutage tretende Bestreben, die Anwesenheit der Schiffe dieser Stucke Rutschen Landes und deutschen Fleißes nach Kräften zu feiern — sondern daß all die vielen nur. zu zerstreut liegenden deutschen Ansiedelungen vereint und me deutschen Herzen zusammengeführt wurden zu einer mächtig emporlodernden Erinnerungsfeier ans Vaterland, die mit einem Schlage den gleichgültrasten deutschen Landsleuten wie den skeptischsten Ausländern klar machte, daß alle Deutschen Mitglieder einer Ration sind, die, dank ihrer Einigkeit, in kurzer Zeit zu einer der ersten Weltmächte geworden ist, und der anzugehören einen jeden rnit berechtigtem Stolz gerade dem Ausland gegenüber erfüllen muß. So hielt in vorgerückter erhebender Feierstunde beim Festkommers ein älterer chilenischer Seeoffizier in gebrochenem Deutsch eine begeisterte Ansprache: er habe
schon früh in seinen Heimat das „Deutschland, Deutschland über alles" singen hören und es früher als Volkshymne betrachtet, ohne ihm besonderen Sinn beizulegen. Aber angesichts dieser mächtigen Erhebung, dieses mächtigen Zusammenschlusses der in Chile allerorten als besonders fleißig, zuverlässig und tüchtig bekannten Deutschen zum Empfang der großartigen Schiffe, fühle er, daß er den eigentlichen Sinn dieser Worte jetzt verstehe: „Deutschland, Deutschland über alles." — Diese Empfindungen hat der Besuch der deutschen Kriegsschiffe dort zur höchsten Blüte gebracht, und allgemein war der Eindruck, daß man in dieser Hinsicht von einem vollen -Erfolg der Reise der Division sprechen könne.
Die einzelnen Bilder, die uns während des Aufenthalts in den chilenischen Häfen überraschten, wünschte ich in einem riesigen- Kinematographen aufgefangen, für alle Zeiten festgehalten und der Heimat mitgebracht zu haben. Die Feder kann das unmöglich ersetzen. Bevor ich einzelnes kurz schildere, hier die Worte eines alten deutschen Ansiedlers drüben, der, fern von der Küste lebend, es sich nickt hatte nehmen lassen, hinunterzureiten nach der Stadt Concepcion, um in ihrem Hafenplatz Talcahuano die Schiffe zu sehen und, wenn auch für kurze Minuten nur, zu betreten. Er schreibt folgendes an den Admiral:
„Zu unseren armen Penaten zurückgekehrt, stehen wir noch immer unter dem Eindruck eines Ereignisses, eines besonderen, das uns aus der Alltäglichkeit herausgerissen, unseren Sinn mit Freude geschwellt hat, weil es ein Stück Heimat, nicht nur sein Können und seine Macht, sondern fern Wesen uns zuführte. Wir konnten uns als Deutsche unter Deutschen fühlen; und nur der Deutsche, der im Ausland, wenn auch unter noch so vielen Deutschen lebt, kann die Be
deutung dieses Umstandes ganz empfinden. So haben wir mit tiefer Trauer im Herzen von dem Erlebnis Abschied nehmen müssen, und mit dem Schwinden des deutschen Panzers war es uns, als würde ein Stück Lebensglück aus uns herausgerissen und in die Ferne gerückt. Mögen auch die Absicht und die Bedeutung des Besuchs der Flottille auf anderem Gebiet als auf dem des Gefühls zu suchen sein, mögen viele sie in gastlicken Festen und in der Erhöhung des Prestiges erfüllt finden, so wiegt doch das Gewicht der Empfindung schwer mit in der deutschen Wagschale. . Deshalb drängt es mich, all denen, die diese Empfindungen, ihnen selbst wohl unbewußt, in so starkem Maße in uns wachgerufen haben, unseren Dank auszusprechen."
Die Fülle von Gaben, die namentlich in Gestalt von Obst in Fässern auf die Schiffe herniederstromte.und mit Schmunzeln von den Seeleuten „wahrgenommen wurde, mag im allgemeinen Ähnliches haben ausdrücken sollen.
Von Scharen kleiner und größerer Dampfer wurden wir kurz vor dem Ankern in Valparaiso empfangen. Aus Hunderten von Kehlen scholl urt§. brausender Jubel entgegen, weiße Tücher flatierten unzählig in der Luft, das Herz ging einem auf bei diesem Empfang. Kaum waren die Sckisfe freigegeben, oa drängten sich die Vorsitzenden deutscher Vereine im feierlichen Besuchsanzug an Bord, um dem Admiral und dem Kommandanten persönlich ihre Aufwartung zu machen, die Gruße ihrer Kommilitonen zu überbringen und womög.rch gleich bestimmte Zusage zu einer der festlichen Veranstaltungen zu erlangen, die in endloser Reihe jede Stunde des Aufenthaltes für Offiziere und Mannschaften festgelegt hatten. Fast war cs zu viel, denn die freie Selbstbestimmung war von vornherein ausgeschlossen, und die
