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„Tagblatt-Haus" Nr. 6650 - 53 .
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Montag, 8. Mni 1914.
Kbend-Kusgabe.
Nr. 252. * 62. Jahrgang.
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Oie verkrachten Paten.
Vor meinen Feinden will ich mich schon schützen, Gott . schütze mich vor meinen Freunden! So könnte vielleicht Wilhelm I. von Albanien denken, wenn er sich wirklich einreden sollte, daß er imstande ist, sich vor seinen Feinden zu schützen. Aber die Sache Mit den Freunden stimmt schon. Österreich- Ungarn und Italien, die doch bei der künstlichen Schwergeburt des neuesten europäischen Staatswesens assistiert und auch bei der Kandidatur des Neuwieders Pate gestanden hatten, scheinen drauf und dran, über das angeblich gelöste albanische Problem aufs neue ' zu verkrachen. Zwischen der österreichischen und der italienischen Presse hat sich eine Fehde entspannen, die an die Zeiten der schärfsten Spannung zwischen den beiden Verbündeten erinnert, und der neueste Zwischenfall, nämlich die Verhaftung der beiden Italiener in Durazzo, läßt am deutlichsten erkennen, wreviel Zündstoff angesammelt ist. Wenn das am grünen Holz geschieht, wenn solche Unstimmigkeiten zwischen- den Bundesgenossen Vorkommen, was soll man vom dürren, was soll man von der Tripel-Entente erwarten?
Wenn man die österreichisch-italienischen Reiburill en verstehen will, muß man sich daran erinnern — und es ist nötig, das offen auszusprechen —, daß der Sinn des österreichisch-italienischen Bündnisses nicht darin bestand, daß man zwei Freunde noch enger vereinigen wollte, sondern vielmehr darin, daß man eine tief eingewurzelte, geschichtlich begründete Gegnerschaft aus dem durchaus nicht ganz ungewöhnlichen Wege des Bündnisses unschädlich machen und zum Schweigen bringen wollte. Im Grunde können die Österreicher und Italiener sich auch heute noch nicht leiden, sie mißtrauen einander, befestigen ihre Grenzen gegeneinander, aber die maßgebenden Politiker der beiden Länder sind der Meinung, daß der Dreibund trotz allem beiden Vorteile bringt, in absehbarer Zeit nicht durch eine bessere Kombination abgelöst werden kann. Trotzdem reißen die Häkeleien zwischen den beiden guten Freunden nie ganz ab, und die jüngsten Demonstrationen der akademischen Jugend Italiens gegen die angebliche Unterdrückung des italienischen Elementes in Triest haben das erneut bekundet. Man hatte sich eingeredet, daß auf der Entrevue zwischen dem österreichisch-ungarischen Minister des Äußern Grafen Berchtold und seinem italienischen Kollegen, dem Marquis d i San G in- liano, alle Unstimmigkeiten beseitigt worden, und zwar durch die Vorkommnisse in Albanien. Mit diesem Staatsexperiment ging es den beiden Nationen wie mit dem Dreibund. Nicht wegen der gemeinsamen, sondern wegen der entgegengesetzten Interessen einigten sie sich. „Und weil keiner mochte leiden, daß der an'dre für ihn zahl'", weil keiner das bißchen Albanien, auf das cheide seit Jahrzehnten reflektierten, dem anderen gönnte, kam man überein, es keinem zu lassen, sondern den Staatshomunculus in die Welt zu setzen. So ist Albanien nicht ein Erzeugnis der Liebe, sondern der E i s e r- s ii ch t. Und das erklärt alles.
Die Donaumonarchie hatte von vornherein in Albanien einen gewissen Rückhalt durch das ihr zu- stehende K u l.t u s p r o t e k t o r a t über dre albani- schen Katholiken. Und um hier ein Gegengewicht zu schaffen, protegierte man von Italien aus die
Dl ohammedaner. Der herumreisende Hofmarschall des Fürsten Wilhelm, Herr v. Trotha, behauptet, daß der italienische Gesandte in Durazzo, Baron Alrotti, mit Essad-Pascha konspiriert habe, und am Wiener Ballhausplatz will man sogar zwingende Beweise dafür haben. Bekanntlich war es auch der italienische Gesandte, der den Fürsten zu dem übereilten Rückzug auf die „Misurata" überredet hatte, und italienische Blätter sind es, die seit längerer Zeit die angeblich bevorstehende Flucht des Fürsten aus Durazzo nach Skirtarr verkünden. Durch die vorübergehend erfolgte Festnahme des italienischen Obersten Muricchio, der übrigens albanischer Abstammung ist, und des italienischen Professors Chinigo hat die Lage eine weitere Zuspitzung erfahren. Beide werden anscheinend mit Recht beschuldigt, mit den Aufständischen konspiriert zu haben. Und der Gesandte Aliotti ist in einer Weise gegen die albanische Regierung aufgetreten, die sein Verbleibon in Durazzo als sehr bedenklich erscheinen lassen würde. Die italienische Presse schreit Zeter und Mordio und verlangt die schärfsten Maßnahmen. Auf der Consulta scheint man zwar noch kühleres Blut zu bewahren, aber es wird entschiedener Maßnahmen beider Regierungen bedürfen, wenn die sich häufenden Zwischenfälle nicht zu einem ernstlichen Konflikt zwischen den beiden Verbündeten führen sollen. Es wäre deshalb sehr erfreulich, wenn sich die Meldung bestätigen würde, daß zwischen Wien und _ Rom Verhandlungen über die Abberufung beider Gesandten schweben, die sogar schon zu einer grundsätzlichen Einigung geführt haben sollen. . Aber auch sonst wird von Rom und Wien aus gründlich gedämpft werden müssen, denn- wie soll es gelingen, den arg verfahrenen Karren ans dem Sumpf . zu _ ziehen, welche Hoffnung hätte man noch, durch eine internationale Aktion den in allen Fugen krachenden albanischen Thron zu stützen, wenn die beiden Paten sich gegenseitig beschuldigen, „silberne Löffel" zu stehlen. Die österreichisch-italienische Aktion in Albanien beginnt nicht nur zum Gespött der Tripel-Entente zu werden, sondern sie droht den Bestand des Dreibundes zu gefährden. Also: videant consules!
Verhaftung zweier Italiener.
A. St. Durazzo, 6. Juni. Am 5. Juni um 7 Uhr 45 Min. abends wurden in dem Hause des Direktors der italienischen Post der italienische Oberst M u r i c ch i o und der italienische Professor Chinigo unter Anschuldigung verhaftet, dabei . überrascht worden zu sein, wie sie mit den Aufständischen Lichtsignale austauschten. Um Mitternacht wurden die beiden Verhafteten freigelassen.
Entrüstung in Italien.
Rom, 7. Juni. Der Zwischenfall von Durazzo ruft in Italien das peinlichste Staunen und die größte Entrüstung hervor. Die „Tribuna" und das „Giornale d'Jtalia" kleiden ihre Gefühle in sehr gepfefferte Worte, und die Kommentare sind nicht nur auf den Fürsten, seine Regierung und die holländischen Offiziere, sondern auch aus dessen „österreichische Hintermänner" gemünzt. Auch das „Giornale" verlangt sofortige Genugtuung. Die „Vita" schreibt: Italien täte gut daran, sich von Albanien znrückzu- zieyen und die Österreicher in der Klemme zu lassen. An ganz Albanien interessiere Italien nur die Küste.
Feuilleton.
KöniKliche"SchaulpiLle.
Sonntag, den 7. Juni: „Tannhauscr." Romantische ")per in 3 Akten von Richard Wagner.
Zum 275.mal ging gestern diese Lieblingsoper des Publikums in Szene. 1852 fand die erste Wiesbadener Aufführung tatt. Sie war der tatkräftigen Initiative des damaligen Kapellmeisters Louis Schindelmeißer zu danken. Dieser — »in Stiefbruder des Kapellmeisters Heinr. Dorn der seinerseits den „Tannhäuser" zuerst in Berlin aufsuhrte — war mit Wagner seit lange gut befreundet und hat spater auch den „Lohengrin" hier in Wiesbaden erstmalig aufgefuhrt. ,.^ch bewundere Deine Courage, mit der Du Dich an den Tannhäuser machst" — schrieb Wagner an Schindelmeißer — ..Du kennst ihn und weißt, daß er Dir viel Mühe und Plage kosten wird; doch Dein Wille, das Werk aufzuftchren gilt mir zugleich als Gewährleistung dafür, daß die Aufführung Mit aller Sorgfalt vorbereitet werden wird. ... Nun Schindelmeißer hatte das Risiko, ein für dm damalige Zeit so fremdartiges Werk dem Publikum Vorzufuhren, sehr wohl erkannt. „Fällt der Tannhäuser — so fall ich mit — ""t diesen Worten soll Schindelmeißer ans Dwigentenpult geschritten sein. Das Glück war ihm hold: der „Tannhauser frei nicht, sondern machte gleich damals ein solches Furore, daß da^ Publikum von weither nach Wiesbaden strömte, um das seltsame Werk kennen zu lernen. Enthusiasmiert schrieb Schindelmeißer an Wagner: „Mit dem bloßen Entzücken
kommt man bei Deinem Werke nicht mehr aus: die Schön
heiten haben mich förmlich entsetzt!" . . . Heute ist der besondere Stil des „Tannhäuser" kein Geheimnis mehr und durch die späteren musikdramatischen Revolutionen Wagners längst überholt, — aber die Beliebtheit hat sich nicht gemindert. Als Eröffnungs-Vorstellung des Neuen Hoftheaters in Wiesbaden vor zwanzig Jahren hat „Tannhauscr" „Romantische Oper in 3 Akten" (nicht „Handlung in 3Akten" wie der Theaterzettel neuerdings verkündet, denn dieser Untertitel ist nur da berechtigt, wo man sich der übrigens stilistisch anfechtbaren „Pariser Bearbeitung" bedient) eine poetisch und malerisch gleich rühmenswerte Inszenierung erfahren. Der einzige dekorative Mißgriff — das Erscheinen des so unsäglich nüchternen Zauberbildes in der Benusgrotte — sollte von der Regie einsichtsvoll korrigiert werden.
Die musikalische Wiedergabe steht auf bedeutender Höhe. Herr Mannstaedt hat die Direktion, und das — „gilt zugleich als Gewährleistung dafür, daß die Aufführung mit aller Sorgfalt vorbereitet ist". Orchester und Chor leisten Mustergültiges. Ein Gast, Herr Joseph Mann (von Wien) gab gestern den Tannhäuser. Er prägt den Charakter längst nicht' so feurig und temperamentvoll aus wie unser einheimischer Darsteller. Sein Spiel ist aber hinreichend rührig; wie weit da einige minder schöne Bewegungen etwa zur Manier geworden sind, müßten weitere Gastspiele offenbaren. Auch das Mrencnspiel des Künstlers ist recht lebendig: es fehlte allerdings der Ausdruck der heldischen Energie und trotzigen Kühnheit: die Momente der Reue, der Verzweiflung oder Erschlaffung traten überzeugender in Erscheinung. Yrer
Die Entschuldigung der albanischen Regierung.
Durazzo, 8. Juni. Ministerpräsident Turkhan-Pascha begab sich gestern früh nach der italienischen Gesandtschaft, um dem Gesandten das Bedauern der albanischen Regierung über das Verhalten gegenüber dem Obersten Muricchio und dem Professor Chinigo auszusprechen. Auf Beschluß des Mr- nisters wurde jedes Verfahren gegen die beiden Italiener eingestellt. Auch drückte die albanische Regierung schriftlich ibr lebhaftes Bedauern aus und erklärte sich bereit, der italienischen Regierung jede wie auch immer geartete Genugtuung zu geben? Auf Wunsch Aliottis werden die Papiere Muricchws genauer geprüft werden. -— Die Stadt ist vollkommen ruhig. Der Belagerungszustand wird aufrecht erhalten.
Ein neuer Thronkandidat.
Rom, 7. Juni. Das „Giornale d'Jtalia" veröffentlicht ein Telegramm aus Brindisi, demzufolge die mohammedanisch e n und christlichen Albanesen sich bereits über die Nachfolgeschaft des Prinzen zu Wied geeinigt hatten. Danach soll ein Prinz aus dem Hause Bonaparte der Nachfolger sein. Die „Tribuna" bemerkt hierzu werter, daß der bonapartistische Prinz bereits sein Einverständnis ge. geben habe.
Besserung der Lage.
A.K. Durazzo, 8. Juni. Infolge der Verhängung deS Belagerungszustandes wurde die Einsetzung eines Krregs- g erichtes verfügt. Im Lager der Aufständischen sind ernste Zwistigkeiten ausgebrochen. Infolgedessen sei größere Neigung zur Unterwerfung vorhanden. Die Lage wird hier als g e b e s s e r t angesehen. Wie ans Elbassan gemeldet wird, vertrieben die Gendarmen die Aufständischen aus dem Dorfe Bradaschesch nach einem heftigen Kampfe. Eine große Anzahl von Freiwilligen habe sich den Gendarmen ange- schlojsen, die gegen Tirana Vorgehen.
Die deutsch-offiziöse Auffassung.
Berlin, 7. Juni. Die „Norddeutsche Allgemeine Zeitung* schreibt in ihrer Wochenrnndschau: Die Regierungen der Großmächte ließen, soweit bekannt ist, die Bereitwilligkeit cxtcxixicxx, vtfld) bcn ölbcitiifd)6ti ©etuäffcEtr * f f ^
zu entsenden. Durch die Ausführung der Maßregel würde bekundet werden, daß Europa sein Interesse an der Entwicklung des durch Beschluß der Großmächte begründeten Staates Albanien als f o r t b e st e h e n d ansieht. Die Arbeiten der internationalen Kontrollkommission und die Bemühungen des Fürsten Wilhelm, die Schwierigkeiten der gegenwärtigen Lage zu überwinden, könnten unter dem von einer solchen Kundgebung zu erwartenden Eindruck erleichtert werden.
Die Forderungen der Epiroten bewilligt.
Durazzo, 6. Juni. Die Regierung hat die von den Epi» roten gestellten Forderungen bewilligt und das Protokoll von Korfu ratifiziert.
Zur Gründung der albanischen Staatsbank.
Wien, 6. Juni. Wie die „Neue Freie Presse" meldet, ist die Frage der Gründung der Albanischen Staatsbank, deren Lösung bisher hinansgeschoben wurde, nunmehr ihrer Erfüllung nähergerückt, so daß dem Fürsten auch die materiellen Mittel zur Durchführung der ihm erwachsenen Aufgaben tu kurzer Zeit zur Verfügung gestellt werden dürften.
Die internationale Flottendemonstration.
A. St. Petersburg, 7. Juni. In politischen Kreisen Petersburgs wird versichert, daß die russisch e. Regierung, die sich zuerst immer weigerte, jetzt einwillrge, ein Kriegsschiff nach Durazzo zu entsenden, wenn die anderen Mächte es auch täten. _
mag auch die gern etwas geduckte Haltung des nicht gerade sehr hochgewachsenen Gastes mitsprechen. Jnnnerhin empfing man den Eindruck einer in ihrer besonderen Auffapung verständig angelegten und sicher ausgestalteten Darbietung, Stimme des Herrn Joseph Mann hat allgemein gefallen. Eine Neigung zum Tremolieren machte sich nur: tn^i>en ersten Szenen bemerkbar; weiterhin erfreute die Stetigkeit, Ausgiebigkeit und weiche Rundung des frei und natürlich angeschlagenen Tones, der in gegebenen Momenten auch sehr wohl intensiveren Glanz ausstrahlen kann und den Empfindungsausdruck z B bei den energischen Schmerzeiw-Mzenten im 2. Finale, toirksam unterstützte. Dre Deklamation befriedigte — b^s auf die etwas störsame Aussprache der Zischlaute — durch Exaktheit und verständige Phrasierung. Man wird ein ferneres Gastspiel äbwarten müssen, um über die Befähigung des Herrn Mann zum Heldentenor der Wiesbadener Hofbühne endgültig zu urteilen.
Deni einheimischen Ensemble wußte sich der Gast gewandt einzufügen. Wie reizvoll^ und zart poetisierend sang Frl. S ch nr i d t die „Elisabeth": die junge Künstlerin gewinnt merklich an Ausbreitung des Organs, an dramatischer Ausdruckskraft, auch im Spiel, und — an Sympathien im Publikum ! Wie gesangsmächtig erschien Herr Geisse-Winkel als „Wolfram"; wie herzerfrischend sang Herr Scherer das Preislied des „Walther"; Frau Krämer das Mailied des „Hirten"! Auch die übrigen Mitwirkenden schlossen sich nach bestem Vermögen an, und so nahm die 275. „Tannhäuser"- Aufführung alles in allem einen recht würdigen Verlauf.
O. i*
