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Morgen-klusgabe.
Nr. 251. * 62. Iahrgang.
Sonntag» 7. Juni 1914.
Das Ronkurrenzklauselgefetz.
.7ach jahrelanger Arbeit und vielen Verhandlungen «wischen der Regierung, der Kommission und dem Reichstag einerseits und den Prinzipalsvertretungen und Handlungsgehilfenorganisationen andererseits ist nun noch kurz vor dem Schluß der Reichstagssession das Gesetz zur Änderung der §§ 74, 75 und 76 Absatz 1 des Handelsgesetzbuches in dritter Lesung am 19. Mai angenommen worden. Nach einer kurzen Verhandlung erfolgte Me Annahme des Gesetzes, und zwar bekanntlich gegen die Stimmen der Sozialdemokrat e n. Das neue Gesetz ist sowohl für die Handlungsgehilfen als auch für ihre Prinzipale von° der allergrößten Bedeutung bei der Gestaltung, des Rechtsverhältnisses bei Anstellungen mit einem Wettbewerbs- Verbote (Konkurrenzklausel). Da das Gesetz bereits am 1. Januar 1916 in Kraft tritt, dürfte es von Wert sein, kurz die wesentlichsten Punkte aufzuführen, die eine Änderung gegenüber dem heute bestehenden Rechte bedeuten:
1. Das Wettbewerbsverbot ist nach § 74 n u r d a n n verbindlich, wenn sich der Prinzipal verpflichtet, für die Dauer des Verbotes eine Entschädigung zu zahlen, die für jedes Jahr des Verbotes mindestens die Hälfte des von dem Handlungsgehilfen zuletzt bezogenen Gehaltes erreicht. — 2. Das Verbot muß schriftlich (8 74) abgefaßt und dem Angestellten in einer vom Prinzipal unterschriebenen Urkunde ausge- höndigt sein. —- 3. Nach § 74a ist das Wettbewerbs- Verbot insoweit unverbindlich, als es nicht zum Schutze eines berechtigten geschäftlichen Inter- esses des Prinzipals dient. Der Prinzipal müßte also im gegebenen Falle dieses Interesse Nachweisen. — 4, Das Verbot darf nach weiteren Bestimmungen desselben 8 74a nur auf höchstens zwei Jahre (bisher drei Jahre) ausgedehnt werden. Eine Vereinbarung durch Dritte an Stelle des Gehilfen ist nichtig. — Ferner ist das Verbot ebenfalls nichtig, wenn 5. die dem Gehilfen zustehende jährliche vertragsmäßige Leistung den Betrag von 1500 M. nicht übersteigt. — 6. Nach § 74b ist die Entschädigung am Schluß jeden Monats zu zahlen. Provisionen oder andere Bezüge sind bei der Berechnung des Jahresverdienstes in Ansatz zu bringen. — 7. Der Gehilfe mutz sich nach § 74c auf die Entschädigung anrechnen lassen, was er etwa durch eine anderweitige Arbeitsleistung verdient. Nur
Mehrverdienst ist von dieser Anrechnung befreit. Eine Erhöhung auf 14 tritt ein, wenn der Gehilfe den Wohnsitz gewechselt hat. . Auch muß der. Gehilfe dem Prinzipal auf Ersuchen über die Höhe seines Einkommens Auskunft erteilen. — 8. Nach § 75 wird die Konkurrenzklausel ungültig, wenn der Gehilfe berechtigten Grund zum sofortigen Austritt hat itrrb vor Ablauf eines Monats schriftlich erklärt hat, daß er sich an die Vereinbarung nicht gebunden erachte. — 9. Der Prinzipal kann nach 8 74a durch eine schriftliche Erklärung auf das Verbot verzichten, doch ist er erst nach einem Jahre von der Zahlung'der Entschädigung befreit. —. 10. § 75b besagt, daß bei einer Tätigkeit 'a u ß e.r h a l b E.u r o p a s und,. bei ; einem Einkommen von über 8000 M. jährlich das Wettbewerbsverbot nicht davon abhängig ist, daß der Prinzipal sich zu einer Entschädigung verpflichtet. . 11. ■ Der Prin
zipal kann nach 8 75c bei der Übertretung des Verbots wählen zwischen der festgesetzten Geldstrafe oder der Erfüllung, doch darf er nach Absatz 2 desselben
Nachdruck verboten.
Kommt er?
Skizze von ThuSnclda Schuster.
Sie sprang vom Schreibtisch auf und schob ärgerlich die Kolleghefte beiseite. „Es ist mir unmöglich zu arbeiten — ich kann einfach nicht!" Sie schaute nach der Uhr und seufzte tief auf. „Noch eine Stunde — erst um 5 Uhr kann er da sein." Dennoch ging Emmy nach dem Fenster und schaute ungeduldig die Straße entlang.
Sie sollte arbeiten, sie hatte noch so viel für das Asorgige Kolleg zu studieren, ab/r die Gedanken flatterten hm und her. Ihr fehlte die Ruhe.
Da klopfte es an die Tür. Freudig rief sie „Herein!" Sollte er früher kommen — ausnahmsweise? Aber eine große Enttäuschung kam auf ihr Gesicht. „Du u, Sophie! Guten Tag!"
„Jaha — ich! Wie geht's mit der Arbeit?"
Ach Arbeit! Ich bin so ungeduldig, ich warte —" Indem "klopfte es und die dicke Gestalt der Wirtin schob sich herein In der Hand hielt ste einen Zettel. „Run, rst er noch nicht da? Ich dachte schon!" sagte sie teilnahmsvoll.
„Rein — noch immer nicht! Aber es ist noch Zeit, er
kann noch kommen!" ^ c ^
„Natürlich, er wird schon kommen. Halt Geduld , haben!
Paragraphen, wenn wie im 8 75b das Verbot nicht von einer Entschädigung abhängig ist und eine Vertragsstrafe vereinbart ist, nur diese verlangen. — 12. Nichtig ist schließlich nach 8 76 Absatz 1 und 8 74a jedes Wettbewerbsverbot, das mit Lehrlingen oder Minderjährigen abgeschlossen ist.
Wenn das neue Gesetz auch naturgemäß nicht die Erfüllung aller Wünsche der beteiligten Erwerbskreise . gebracht hat und Vorwürfe von denen, die das Gesetz am liebsten hätten scheitern sehen, nicht aus- bleiben werden, so muß man doch anerkennen, daß nicht unerhebliche Verbesserungen und die Beseitigung der schlimmsten Auswüchse des bisher geltenden Rechtes erreicht wurden. Zudem haben die Vertreter sämtlicher bürgerlicher Parteien im Reichstag erklärt, daß sie, falls die Prinzipalität versuchen würde, die Bestimmungen des neuen Gesetzes durch geheime Abmachungen zu umgehen, sofort die Initiative ergreifen würden, um auf gesetzlichem Wege die „geheime Konkurrenzklausel" zu beseitigen. Nun heißt es abwarten, wie das Gesetz in seiner Anwendung auf Angestellte und Prinzipale wirken und welchen Nutzen die Allgemeinheit daraus ziehen wird. Wir hoffen, daß es denen zum Segen gereichen wird, für die es geschaffen wurde.
Tief atmen.
Von Pfarrer Spieß (Hatzfeld).
Die kostbaren Gottesgabcn Licht und Luft werden heute wieder geschätzt, ihrer Heilkraft wegen für den gesunden und kranken Leib. Eine alte Erkenntnis lwben wir uns wieder neu erobert, daß die Rückkehr zur Natur auch die Rückkehr zu Gesundheit und Kraft bedeutet. Wir waren in Gefahr — und sind's ja wohl immer noch — ein Stadtvolk zu werden mit bleichen Wangen und schmaler Brust, das sich vor jeder Zugluft ängstlich, hütet und dem darum auch, jedes Lüftchen gefährlich ward. .Die Ansammlung von Tausenden und Hunderttausenden in einem steinernen Häusermeer, die Trennung vom Mutterboden des Ackers, der doch auch diese. Tausende ernähren muß, ist immer etwas Unnatürliches und all die Kvankheits- und Verfallerscheinungen, die körperliche und seelische Entartung haben hier ihre tiefsten Wurzeln. Man hat auch allmählich den Grund des Übels erkannt und wenn jefet die Jugend in frohen Wanderfahrten das Land durchzieht, wenn das Volk in Massen hinausströmt in die frühlingsgrünen Wälder, so ist es wie ein urtümlicher Trieb, der sie hinaustreibt aus den dumpfen Zimmern und Geschäftsstuben, aus der Stickluft der Bierhäuser: „Da wehet Gottes Odem so frisch durch die Brust." Wo die Lunge tief atmen kann in freier reiner Gottes- lnst, da muß Leib und Seele genesen. Leib und — Seele.
Laßpuch deine Seele tief atmen!
Unsere Zeit mit ihren zahllosen Anforderungen hat uns. oberflächlich gemacht. Tausend Eindrucks dringen auf uns ein, aber wir haben nicht die Zeit, sie zu verarbeiten. So dringt keiner tief und keiner haftet. Wir leben wie in einem fortwährenden Rausch und leben darum nur mit halber Seele. Nach außen sind wir voll sprühenden Lebens; wir reden über tausenderlei Dinge und wissen in allen Fragen Bescheid. Wir kennen das neueste Buch und die neueste Mode und jeder Gang durch die Straßen bringt uns neue Anregungen. Aber tief im Innersten der Seele ist gähnende Leere. Wir
Sie nickt freundlich und schiebt sich wieder durch die Türspalte hinaus.
„Wenn er doch käme!" Emmy lief aufgeregt im Zimmer umher.
„Störe ich am Ende? Dann gehe ich wieder!"
„I wo!" Emmy lacht zerstreut und öffnet wieder das Fenster. Unruhig ging ihr Kopf nach rechts, nach links, „Gewöhnlich kommt er von der rechten Seite — aber er ist ja unberechenbar."
„Aber so mach doch wenigstens Ordnung! Was denkt er denn sonst", sagte Sophie und begann die Bücher vom Tisch zu räumen.
„Ach, laß doch, das ist doch ganz nebensächlich!"
Do klingelte es. „Er ist es! Himmel --- wenn er es wäre!" Emmy sprang nach der Tür und wollte sie öffnen. Dann besann sie sich. „Nein, das geht denn doch zu weit! Was denkt er dann." Angestrengt horchte sie. „Der Kohlenhändler nur — nichts — nichts! — Sophie, du glaubst nicht, wie das angreift, dieses Warten. Schon zwei Stunden! Wenn ich nur wüßte, ob er käme —"
„Ja, hat er denn zugesagt?"
„I wo." Emmy lachte. „Das kann er doch nicht!"
„Jaja, die Männer binden sich nie! Immer die Freiheit wahren — das kennen wir schon!"
„Still — still — Sophie — auf der Treppe, hörst cu — Schritte — da — jetzt — es klingelt! So klingelt nur er. Ich erkenne ihn sofort daran! Ach, endlich —!" Emmy stürzte
fühlen es wohl, daß wrr so reich scheinen, so voller Geist und Wissen, und doch so arm sind, daß wir ohne fortwährende Anstöße aus uns selbst nichts hervorbringen können. Darum diese Gier nach Reizen, nach Sensationen, nach Neuem und immer wieder Neuem. Denn was gestern neu war, ist heute schon abgetan. Wir leben so schnell, weil wir so flach leben.
Die Seele kann dabei nicht gedeihen, sie muß verkümmern. Die Ärzte lehren uns, daß unsere Lunge der tiefen, langen Atemzüge bedarf, wenn die lebenspendende Luft sie ganz durchdriygen und füllen soll. So muß auch die Seele einmal tief atmen und sich ganz mit einem großen, tiefen Eindruck füllen, der ihr wirklich ettvas gibt. Wir aber nehmen ein Buch und blättern es durch, legen es beiseite und greifen nach einem neuen. Wir verschlingen sie in Masse und vergessen sie ebenso rasch wieder. Eine neue Frage taucht auf; mit ein paar Schlagworten haben wir sie ersaßt und sie interessiert uns nicht mehr. Wir betrachten ein Bild und ehe noch seine Schönheiten sich uns enthüllt haben, drängt unser unruhiger Geist uns nach neuen Eindrücken. Wir lassen uns gar keine Zeit, in Ruhe zu verarbeiten, was wir in uns aufnehmen; die Fülle her Gesichte stürzt sich über uns her und unsere Seele bleibt leer.
Denn nur, was in ihre Tiefe dringt und sie ganz erfüllt, wird ihr bleibendes Eigentum. Wo ein Eindruck den anderen jagt, wird das Innerste in uns nicht berührt. Im ruhigen Gleichmaß der Tage hebt sich einer kaum vom anderen ab. Und doch hat wohl jeder in seiner Erinnerung Tage, die wie mit einem unvergänglichen goldenen Licht umstrahlt sind. Es ist zumeist kein besonderes Ereignis, das sie auszeichnet, nichts, ivas unserem Leben eine entscheidende Wendung gegeben hätte. Und doch möchten wir die Erinnerung daran nicht missen; wir fühlen, daß wir dadurch reicher geworden sind, daß wir etwas gewannen, was uns nun unverlierbar angehort. Was gibt nun diesen Tagen solch? Wucht, daß sie sich uns tief einprägten und immer wieder vor unsere Seele treten? Daß es ein einziger starker Eindruck war, der uns erfüllte, der sich tief eingraben konnte, weil nicht sofort ein anderer hinter ihm stand, der ihn Vertrieb. Ein Gang über die sonnenbeschienene Ebene, über der die heiße Lust zittert, in einsamer Mittagsstille; ein Abend am Waldesrand, wenn die Dämmerung herabfinkt; ein gutes Buch, das durch die Höhen und Tiefen des Lebens führt in Teilnahme und Mitgefühl: wie einfach und alltäglich und kann doch ein Erlebnis werden, wenn dabei unsere Seele wach wird und sich sattrinkt und wenn wir ihr Zeit lassen. Dann kann sie tief atmen und wir fühlen, wie unser Innerstes sich anftut; in stillem, ruhigem Glück halten wir dem still, was über uns kommt. Das Vergängliche wird uns ein Gleichnis des Ewigen; in solchen Stunden fühlen wir, daß das Ewige zu uns redet und daß unsere Seele nur im Ewigen leben kann.
Je nervöser und aufreibender das unruhige Leben um uns flutet, je vielgestaltiger und unübersehbarer die Eindrücke auf uns losstürmen, um so mehr sollen wir darauf bedacht sein, daß wir unserer Seele eine Feierstunde schaffen, da sie tief und lang atmen kann. Was liegt daran, ob wir die neueste Sensation gesehen haben oder das Modebuch &e§ Tagesdichters kennen? Es gibt doch nur sehr wenig Dinge, bei denen es einen Verlust bedeutet, wenn wir uns nicht mit ihnen beschäftigen. Gerade sie aber liegen oft verschüttet unter all dem Neuen, was der geschäftige Dag uns zuträgt.
nach dem Schreibtisch, schlug zehn Bücher auf, stützte den Kops in die Hand und studierte eifrig. „ ,
Sophie warf sich eiligst in die Sofaecke. Hastig fuhr sie mit der Hand über die Haare, zupfte die Bluse zurecht und tat, als ob sie lesen wollte. Doch voll Neugierde hafteten ihre
Augen an der Tür. _
Sie öffnete sich, die rote Mütze des Geldbrresträgers wurde sichtbar. „Fräulein Emmv Steinmann ?
„Ja—a_a!" Wie aus weiter Ferne, aus tiefster Arbeit
klang die Stimme. Sie unterschrieb, gab ihm ein Trinkgeld. Der' Mann grüßte, warf noch einen freundlichen Blick nach dem Sofa und verschwand. ..
„Endlich!" Emmy druckte den Brief an ihr Herz, sie wollte ihn eben küssen, da schob sich die Wirtin wieder ins Zimmer. „Nun, da war er ja da — gell?" In der Hand schwang sie den Zettel. „Gell, Fräulein, ich kann nun die Miete kriegen? Mein Hauswirt wartet schon ans den Zins."
„Ja, ja, ja!' Emmy riß den Brief auf und gab dev Frau das Geld, die sich eiligst entfernte. „End—lich!" stöhnte Emmv wie erlöst auf. „Nun komm, wir gehen ins CafZ, ich bezahle!"
„Ich denke, du erwartest Besuch?"
„Menschenskind!"
„Das war doch nur der Geldbriefträger!"
„Nur! Ach, Sophie", Emmy sah bekümmert die Freundin an, „man merkt, daß du noch jung bist. — Wie kannst du den Mann so gering einschätzen!"
