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62. Iahrgang.

Samstag.. 6» Juni 19^4,

Morgen-Ausgabe.

Nr. 259.

Unstimmigkeiten unter den KöriamachLen.

(Von unserem römischen Berichterstatter.)

8. Rom, 4. Juni.

Das harmonische Zusammenarbeiten Italiens und Österreichs in der albanischen Frage war bekanntlich von dem Marquis di San Giuliauo, dem Leiter des Auswärtigen Amtes in Rom, tn der Kammersitzung am 26. Mai in seiner Rede wiederholt und kräftig unterstrichen worden. Seine Kritiker wollten an diese Harmonie nicht recht glauben. Ihren Zweifeln geben jetzt die Indiskretionen des Hofmarschalls des Fürsten von Albanien, Herrn v. Trotha, der be­kanntlich in Berlin in höchst undiplomatischer Art von den Unstimmigkeiten zwischen dem italienischen und dem österreichischen Gesandten in Durazzo einiges aus der Schule geplaudert hatte, neue Nahrung, und die Regierung ist angesichts der Schadenfreude der gegen Österreich agitierenden und die italienische Alba­nienpolitik stark bekämpfenden Parteien in eine ersicht­liche Verlegenheit geraten, die in einigen offi­ziellen Dementis über die .Rückberufung des italieni­schen Vertreters in Durazzo sowie in allerlei G c - r ü ch t e n über die Amtsmüdigkeit des Mar­quis di San Giuliäna ihren Ausdruck findet. Der Minister hatte vor kaum acht Tagen öffentlich von dem „gegenseitigen Vertrauen und der vollkommenen Loyalität" gesprochen, welche „die feste Basis der herz­lichen und intimen Beziehungen zwischen Österreich und Italien bilden und auch in Zukunft bilden werden", und hatte auch sonst dein Wirken der offiziellen Kreise der Wiener Regierung in Albanien reichlich Lob ge­spendet. Nun war es ja auch in Rom, zumal die größeren italienischen Blätter in dem kleinen Klatsch­nest Durazzo ihre Sonderberichterstatter haben, längst kein Geheimnis mehr, daß sich zwischen den Gesandten einerseits und zwischen diesen und der Umgebung des Fürsten Wilhelm andererseits einiges abspielte, was dem harmonischen Zusammenwirken nicht unerheblichen Abbruch tat. Jedenfalls spielte der Vertreter Italiens, Baron A l i o t t t; eine gewisse Rolle bei der Tragi­komödie der höfisch-militärischen Irrungen und Wirrun­gen. Die Regierung dementiert das von Wien aus­gehende Gerücht von seiner Absetzung in einer Form, die weder in Durazzo noch in Wien gefallen kann. In Rom erklärt man, auch wenn der Vertreter Wiens von Durazzo Weggehen sollte, so läge noch nicht die mindeste Absicht oder Grund vor, auch Herrn Aliotti zurückzube­rufen. Dieser aber ist beim Fürsten wegen der Ab­setzung des italienischen HauPtmannsMoltcdo vorstellig geworden und scheint nach dem Wortlaut des Regie- rungsdementis auch wegen der Entlassung des bisheri­gen italienischen Sekretärs im Hofdienst des Fürsten Hauptmanns Castoldi Vorstellungen erhoben zu haben. Kurz inan gewinnt den Eindruck, daß erstens dem Fürsten das Leben von italienischer Serie so sauer lv i e in ö g l i ch gemacht wird und _ daß Zwestens die Rivalitäten zwischen Ö st e r r e r ch und Italien in Durazzo nachgerade skandalöse Formen anzunehmen drohen.

Münchener Brief.

Sßertn man aus der römischen Sonne zurückkommt, wird es einem doppelt schmerzlich klar, was man im Vaterland mit dem Begriff „Süddeutschland" und „Frühling für einen Irrtum verbindet. Blumen und Bäume sehen vom ewigen Regen fast farblos aus und nun, einen Tag vor Pfingsten, entschließt man sich seufzend, seinen Dauerbrandofen wieder anzünden zu lassen: wenigstens totfrieren mochte man doch nicht im Fest und damit, daß die Kohlenrechnungen für die Sommermonate bald ebenso hoch werden wie für den Winter, muß man sich eben abfinden. Was die Natur an Freuden versagt, nmß die Kunst ersetzen — man ist w nicht immer in der Stimmung, mit diesem Austausch ganz zufrieden zu sein aber der Bürger soll nicht nörgeln, sondern sich geduldig mit allem abfinden! Das predigen uns ja auch zwei bürgerliche Komödien, die endlich auch zur bayerischen Residenzstadt vor- gedrungen sind, nachdem sie schon während bts ganzen wrrk- lichen Winters überall die Gemüter der guten Staatsbürger erfreut haben: nämlich „Schneider Wibbel von Han» Müller-Schlösser, dessen niederrhemqches Platt sogar von Georg Dunri ins schönste Oberbayerisch übertragen wor­den ist Mid der für seinen beerdigten und wiedererstandenen braven, aber gegen die Obrigkeit aufsässigen Handwerksmeister viel Dank vom Publikum einheimste; und .^Burger Schnippet", Karl Stern heims satirisches Werk, Mit dem sich der Auior die bei der Aufführung der „Kassette ver- lorene Sympathie der Münchener voll zuruckerobert hat. diach dieseni Erfolg hat man wohl das Recht, von Sternherm, dessen Lustspiel „Die Hose" im ersten Akt so Mel vortreffliche Momente auswies, wirklich eine Bereicherung des guten deut-

Auch ein Blinder muß jetzt sehen, daß der rö'urst von Italien wenig oder nichts mehr zu erwarten hat. Je mehr er sich an Österreich anzuklammern sucht, desto mehr erschwert ihm Italien seine prekäre Positron. Es ist zu besorgen, daß sein Sturz, mit dem in Italien ine maßgebenden Organe schon zu rechnen beginnen, den Bruch zwischen Italien und Österreich noch e r - weitern und das schwache Jnteressenband radikal durchschneiiden wird, das in der albanischen und damit auch in mancher anderen Frage die beiden Bundes­genossen bisher noch zusammenhält. Es bedarf dann nur noch einiger weiterer Indiskretionen (die J6ei einem jähen Abgang des Fürsten unvermeidlich wären), um den latenten Zwiespalt zwischen Rom und Wien zu gefährlichen Flammen anwachsen zu lassen. Dazu vergegenwärtige man sich die seit vielen Wochen anhaltende Animosität gegen Österreich in der öffent­lichen Meinung Italiens!

Höchst charakteristisch ist folgende Auslassung in dem „Sortiere della Sera", die in wenig verblümter Form dem Fürsten den Segen zu feinem Abgang gibt. Es heißt da u. a.: Vielleicht habe der Fürst nur noch nicht Gelegenheit gehabt, seine Energie und Geschicklichkeit zu entfalten. Aber da er sich weder auf albanische Streit­kräfte verlassen könne, noch auf die von Österreich organisierten Katholiken verlassen dürfe, da sie den Bürgerkrieg gegen die Muselmanen anfachen und das österreichische Prestige in Albanien heben würden, so wäre es doch zweifelhaft, ob es dem Fürsten je wieder gelingen könne, das bereits verlorene Terrain wieder zu gewinnen. — So und ähnlich wird der Fürst von 'den Italienern aus Albanien hinauskompltmentiert.

Oie Politik der Woche.

Die Pfingstwoche ist ^ die Zeit der Kongresse. So haben auch diesmal in allen Gauen des deutschen Vaterlandes Kongresse stattgefunden. Die deutschen Lehrer hatten sich in Kiel zusammengefunden, die deut­schen Turner in Leipzig, und in Berlin tagten die Urologen (Nierenärzte), in Magdeburg verhandelten die Fußballvereine, in Stuttgart die Schulärzte.

In der inneren Politik ist cs nach der Er­regung, die das endgültige Resultat der Nachwahl von Stendal-Osterburq auslöste, merkwürdig still gewor­den. Der preußische Landtag tritt erst wieder am An­fang der nächsten Woche zusammen, um seine Arbeiten abzuschließen. Die preußische Verwaltung hat einen schweren Verlust zu beklagen, Oberprästdent Dr. Schwartzkopff von Posen ist plötzlich gestorben. Unter seiner Verwaltung, die zwar nur von kurzer Dauer war, haben sich die Verhältnisse vm Nationali­tätenstreit entschieden gebessert. Der Verstorbene war jahrelang im Kultusministerium der führende Kopf, dessen Einfluß des öfteren sogar den des jeweiligen Ministers überragte. Das Reichsamt des Innern wird sich auch nach 'der Katastrophe der„EmPreßof Jr elan d", die einen schweren Schatten auf, die Pfingstfeiertage warf, erneut mit der Frage der„Siche- rung von Menschenleben auf hoher See zu beschäftigen haben und wird nachprüfen müssen, ob die für die deutsche Schiffahrt erlassenen Bestimmungen in tedem

Falle sinngemäß befolgt werden. Die deutsche See­schiffahrt steht zurzeit derartigen Forderungen mit Interesse entgegen, da gerade das Beste gut genug für sie ist. Die Jungfernfahrt des „Vaterland" hat die Überlegenheit der deutschen Schisssbaukunst kn hellsten Lichts gezeigt und die Verhandlungen, die zurzeit in London zwischen den deutschen Schiffahrtsgesellschaften und den ausländischen Mitgliedern des Schifsahrtpools stattfinden, zeigen, wie groß gerade Deutschlands Ein­fluß aus allen Gebieten der internationalen See­schiffahrt geworden ist.

In der äußeren Politik hat sich die hier und da ge­hegte Hoffnung, daß die Spannung zwischen Drei­bund und Tripel-Entente sich mildern würde, bisher in keiner Weise erfüllt, sondern sie hat sich durch die mancherlei Nachspiele zu den Umwälzungen auf dem Balkan eher verschärft, wofür die gegen Österreich- Ungarn und Deutschland gerichteten Rüstungen des Zarenreiches beredtes Zeugnis ablegen. Nicht genug damit, droht der zurzeit heikelste Teil des Balkanproblems, die albanische Frage, zugleich einen Keil in den Dreibund zu treiben,, denn es,wird ernstlicher Anstrengungen seitens der österreichi- s ch e n und der italienischen Staatsmänner be­dürfen, um die in der scharfen Pressepolemik zum Ausdruck kommende Eifersucht zwischen den beiden Taufpaten des neuesten europäischen Staatswesens so zu dämpfen, daß kein ernstlicher Schaden daraus ent­steht. Die Hoffnung auf einen glücklichen Ausgang des Experimentes, welches die Mächte unter Voran­tritt von Österreich-Ungarn und Italien mit den alba­nischen Gebietsteilen der Türkei gemacht, haben, wird immer geringer, und es scheint, daß wirklich diejenigen Recht behalten sollen, welche von vornherein betonten, daß Staaten nicht in der Retorte gebraut werden können. Zwar ist Fürst Wilhelm seinen gefährlich­sten Gegner Essad-Pascha glücklich losgeworden, aber den Bösen seid ihr los, die Bösen sind geblieben! Die internationale Kontrollkommission ist jetzt zu der Weisheit letztem Schluß gelangt; sie hat, da sie in den eingehenden Verhandlungen mit den Auf­ständischen nichts erreichte, ihre Mission sür erledigt erklärt und dem Fürsten über dies negative Ergebnis Bericht erstattet, indem sie ihm seine Entscheidung an­heimstellte. Diese ist schwer genug, denn wenn sich auch die Mächte noch dazu entschließen sollten, ein inter- nationales Geschwader nach Durazzo zu entsenden, so erscheint es doch als außerordentlich fraglich, ob selbst durch eine solche Intervention die Sache des Fürsten noch zu retten wäre. Jedenfalls wird es aller An- strengungen der Diplomatie bedürfen, damit die alba­nische Frage zum Schluß nicht doch noch der Zank­apfel Europas wird, und die Rolle des ehrlichen Maklers dürfte hierbei in erster Reihe Deutsch­land aus der einen und England aus der anderen Seite zufallen, welch letzteres gerade in den Balkan- fragen zweifellos mäßigend aus den Zweibund einge­wirkt hat. , ..... t .

Auch wenn man nicht geneigt ist, die Ernennung des Botschafters Fürsten Li ch n o w s k y zum „Eh ren­do k t o r" zu überschätzen, wird man die Ehrung, welche dem Vertreter Deutschlands seitens der Univer.

scheu Lustspiels zu erwarten. Echtes, gutes Weanertum mit viel Liab und Herzlichkeit, aber auch zu großer, unserer Empfindung widerstrebender Sentimentalität gab, Rudolf Holzer in seiner Komödie, wie er selbst sie nennt, in seinem VolkSitück, wie es richtiger heißen müßte, „Gute Mütter". Unterstützt wurde er in seinem Bestreben, uns zwei Mütter zu zeigen, wie sie nicht sein sollen, eine schwache und eine tyrannische, durch den Wiener Schauspieler Willy Thaller, der im alten Doktor Kirschnek einen Vollmenschen auf die Beine stellte, aus dessen Munde sogar die Bemerkungen über Erziehung und Schule neu und wirksam klangen. Viel Heiter­keit, wie der Untertitel „Heiteres Theater" versprach und auch hielt, löste in den „Kammerspielen" Fritz W. S t a r ck s „Der erste Liebhaber" aus. Das an und für sich be­neidenswerte Schicksal des ersten Liebhabers und Bonvivants einer Berliner Bühne wird mit all den Erlebnissen und Abenteuern geschildert, die solch einem Begehrten nie zur Arbeit, sondern immer nur zur Liebe kommen lassen, bis er sich nach Amerika rettet — natürlich mit einer allerneuesten Freundin. Eine Neuheit für München war auch die „Schwank-Operette" (ein neues Wort!) „Zwischen Zwölf u n d E i n s" von Real und Ferner, mit einer recht flotten Musik von Walter W. Go ehe, die das Gärtner- theater mit bester Besetzung herausbrachte. Ansprüche a.n Wahrscheinlichkeit stellt man bei Operettentexten heutzutage nicht mehr — wenn man nur lachen kann —und wenn getanzt wird! Das letztere besorgten diesmal zwei Nigger, deren Leistungen wieder von Seibold, dem anerkannt „ersten Lieb­haber" des Gärtnertheaters, sehr komisch wiederholt wurden. — Sehr schmerzlich ist übrigens allen Münchener Theater­freunden der Abschied von Frl. Lina Woiwode geworden, me seit acht Jahren mit ihrer Grazie in Spiel und Erscheinung

x Bühne des Schauspielhauses beherrschte. Die junge Dame cht an eine Wiener Bühne, das Münchener Theater verliert r ihr eine gute und verwendbare Kraft. Aber man ist schon ünahe daran gewöhnt, die Besten in der Reife ihres Könnens ergeben zu müssen; man denkt an Lina Lossen, Johanna 'erwin und andere mehr. Auch darein muß sich der Bürger igen und den Ersatz studieren! — Musikalische Kreise stehen atürlick ganz unter der ersten „Parsifal -Aufführung am 2. Mai im Prinz-Regenten-Theater, die am zweiten PfiNgst- rg wiederholt wird. Gelobt von der Kritik wie vom Publikum werden besonders die Kundry b« Frau Mottl- jaßbender, Benders Gurnemanz und Fernhms Amfortas so- üe der Glanz des Orchesters. Die am 2 Inn: beginnende iichard-Sirauß-Woche wird mit eurem sinfonischen Werk des Komponisten „Tod und Verklärung eröffnet. In der zuerst egebenen Oper „Salome" wird Mme. Shlva aus Paris die itelrolle sinoen, die augenblicklich ein Gastspiel am Hoftheater ks Carmen/Redda und Santnzza absolviert. In der „Kunft- iadt" dem feststehenden xpitlreton ornan^ Münchens, sollte -Iso einmütige Begeisterung herrschen. Der Bürger aber ueruliert weiter: Da ist der drohende Zoll auf Obst und >;emü'"e der ihm, dem eben zwangsweise zum Vegetarismus zekehrtcn, die Zukunft unschmackhaft macht, 's Fleisch hat aan sich schon abgewöhnt —• wenn nun auch noch das Grün- utter unerschwinglich wird, was geschieht dann? Um den Mchprcis wird schon ewig gekämpft, täglich liest man, wie die Produzenten der Konkurrenz wegen immer billigere Angebote rachen — nur der Konsument merkt nicht das geringste davon, ihm kann's auch gleich sein, ob die Wurmseeschisfahrt nun erstaatlicht wird oder nicht; Ausflugskarten wie anderwärts den Sonntagen gibt's so oder so nicht. Und ob die seit geplante Ostuferbahn des Sees noch in diesem