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Mittwoch, 3 . Juni 1914.
Morgen-Ausgabe.
Nr. 233. ♦ 62. Jahrgang.
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ZranzMche Stimmungen.
Sie Neuwahlen zur Deputiertenkammer haben, wie man weiß, eine wenn auch nur unerhebliche, so doch als Symptoni wichtige Stärkung der Elemente gebracht, welche die schwersten Bedenken gegen die dreijährige Dienstzeit haben. Es ist das nur ein Moment unter den vielen, die für die innere französische Politik und demgemäß auch für das Verhältnis der Republik zu uns bestimmend sind, aber es kommt eben eins zum andern und der Gesamtanblick der französischen Zustände weicht heute bereits in bemerkenswerter Weise von dem ab, der sich vor einigen Monaten noch darbot. Diese Dinge im Kern zu erfassen, ist darum nicht ganz leicht, weil es sich um eine Summe von gegeneinander arbeitenden, dem französischen Volksbewußtsein vielleicht nicht immer ganz klaren Unterströmungen handelt. Immerhin kann man versuchen, die Zustände bei unseren westlichen Nachbarn auf eine Formel zu bringen, und da läßt sich sagen: Die nationalistische Flut scheint zu v e r e b b e n, die Besinnung kehrt wieder. Die Franzosen, die ehrlich überzeugt an der republikanischen Staatsform festh,alten, die demokratisch gesinnten, auf Freiheit und Fortschritt bedachten Franzosen, die nichts mehr scheuen als das erneute Aufkommen klerikaler und monarchistisch verbrämter Richtungen, sie alle möchten zwar auch gern Elsaß-Lothringen wieder in französische Departements umwandeln, aber der Weg dazu, ein Krieg mit uns, dünkt ihnen zu gefahrvoll nicht zu- letzt darum, weil sie befürchten müssen, daß aus solchem Kriege, ob er nun siegreich oder mit einer Niederlage endigt, die Republik selber als Besiegte hervorgehen und entweder einem Säbclregiment oder gar der Monarchie Platz machen müßte. Das sind Sorgen, von denen man nicht viel spricht, von denen öffentlich höchstens andeutungsweise gesprochen wird, die aber die französische Volksseele belasten.
Nun ist es merkwürdig, zu beobachten, wie sich im Lichte dieser Möglichkeiten und Erwägungen das Verhältnis her öffentlichen Meinung zu dem Präsidenten Poincard gestaltet hat. Es wird allerdings schwer sein, von Herrn Poincarä den Nachweis zu erbringen, daß er ein heimlicher Gegner der Republik und ein Begünstiger nationalistisch-klerikaler Bestrebungen sei, aber die Wahrheit ist doch, daß gerade die Feinde der republikanischen.Staatsform Hoffnungen auf ihn gesetzt hatten. Die Niederlage dieser Parteien im Wahlkampfe bedeutet zugleich eine Niederlage des Präsidenten Poincarä selber. Es ist von Interesse, diesen Tatbestand durch einen Beobachter bestätigt zu finden, der völlig außerhalb des Verdachtes steht, durch irgendwelche Voreingenommenheit für demokratische und republikanische Richtungen und Einrichtungen sich den Blick für die Realität der Dinge rauben , zu lassen. Merkwürdig genug jedenfalls, daß gerade die „Kreuzzeitung" es sein muß, die sich von ihrem beachtenswerten Pariser Korrespondenten ein Stimmungsbild entwerfen läßt, das durchaus abweicht von der herkömmlichen Freskomanier, in welcher uns unsere Alldeutschen und unsere militaristischen Phantasten die vermeintlich kochende Leidenschaft der Franzosen gegen uns zu malen lieben. Wir möchten auf diesen Pariser, Artikel der „Kreuzzeitung" schon darum Hinweisen, weil er mit musterhafter Knappheit und, Klarheit den Kern, der gegenwärtigen Lage in Frankreich ^ ^ülmch ihre Rückwirkungen aus das deutsch-französische Verhältnis schildert.
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Der Untergang des „Petropawlowsk".
Aus den Erinnerungen der Großfürsten Kyrill und Boris Wladimirowitsch.
In deutscher Übertragung mitgeteilt von Marie Betzmcrtny.
Die beiden Großfürsten Kyrill Wladimirowitsch und Boris Wladimirowitsch, die bekanntlich an den Schlachten des russisch-japanischen Krieges teilgenommen haben, veröffentlichen aus Anlaß der zehnjährigen Wiederkehr dieser pur Re russische Geschichte so verhängnisvollen ^age iyre Aufzeichnungen, aus denen wir eine der dramatiichsten Episoden aus- wäkten.
Nach Peter d. Gr. war Großfürst Kyrill der erste aus dem Hause Romanow, der wieder an einem Seegefecht teilgenommen hat. Er sollte bei dem Untergang des Panzerschiffes „Petropawlowsk" in die unmittelbarste Lebensgefahr
geraten. ,
„Trübe stieg der Morgen des 31. Marz 1904 herauf,, erzählt er von dieser Katastrophe. „In t>er Nacht ging in einem ungleichen Kampfe unser Minenschifs „Straschny verloren. Diese traurige Kunde brachte der „Bajan , der sich aus dem starken Feuer vom Kommando des „Straschnh noch zu retten oermochte. Makarow konnte sich mit dem Gedanken nicht auslöhnen, daß an der Stelle, wo der .Straiäuw" ruurunde ärua.
Der Gewährsmann der genannten Zeitung schreibt u. a.: „Poincarä war der Mann des nationalen Wiedererwachens, der nationalen Einigung auf reinpatriotischer — das heißt nationalistisch-chauvinistischer Basis. Ihm ging der Ruf des Diplomaten voraus, er galt als der Verfechter der mehr kriegerischen Vertretung Frankreichs vor dem Auslande. Vielleicht auch hatte man gerade damals, als nach der Marokkoaffäre, die Revancheidee wieder besonders stark toar, im geheimen gehofft, mit Hilfe Poincaräs dem großen Tage näherzukommen, an dem die beiden Nachbarn endlich abrechnen würden. Poincards energische Haltung — die ein schwerer diplomatischer Fehler war, an dem die französisch-italienischen Beziehungen noch heute leiden — in der Angelegenheit der „Manouba" vermehrte seine Bewunderer im nationalistischen Lager. Freilich schon damals — vor der Wahl — fehlte es nicht an einsichtigen vorausblickenden Männern, gerade unter denen, die am meisten von einer anhaltenden nationalen Begeisterung zu erhoffen hatten, wie bei den Royalisten der Action Franyaise, die von dem „Versuch Poincarä" mit Skepsis sprachen. Denn man sah voraus, konnte das auch ziemlich leicht, daß es den Gegnern des Poincaräschen Systems, den Radikalen von der Färbung Clemenceaus und Caillaux', weniger schwer sein würde, wieder die Oberhand zu gewinnen, wenn Poincarä in dem elfenbeinernen Turm des Elysäe ein Gefangener der Verfassung wurde. Die Ereignisse haben es bewiesen. Wohl konnte Poincarä noch ein Ministerium seiner Richtung zusammenstellen, das Louis Barth ous; aber Barthou war es nur möglich, sich verhältnismäßig lange am Ruder zu halten, weil ihm ein wohl vorbereiteter Zufall zu Hilfe kam. Das war die dreijährige Dienstzeit, das Werk der Partei Poincaräs, das die alte Poincaräsche Mehrheit in der Kammer fest gruppierte. War dieser Vorwand gefallen, so war es aus. Und nach dem Sturze des Ministeriums Barthou konnte der Präsident der Republik kein Ministerium seiner Richtung zusammenstellen. Alle seine Versuche scheiterten an dem hartnäckigen Widerstand seiner Gegner. Er mußte sich das Ministerium D o u m e r gue - Cai ll a u x, das wahrlich nicht nach seinem Herzen war, auf drängen lassen, wollte er nicht selbst verzichten. 8s somnettre ou ae d&nettre, das gilt auch heute noch für den Präsidenten der Republik und auf das letztere, auf das Verzichten, den Rücktritt, arbeitet man mit allen Mitteln hin. Und heute ist nicht nur die Partei der Radikalen — wenn auch nicht der Zahl nach in der Kammer — die stärkere, sondern die Anhänger wenden sich von Poincard ab. Der „Versuch" ist gescheitert."
Der Pariser Korrespondent der „Kreuzzeitung" nimmt weiterhin keinen Anstand, von dem französischen „Elan" als von einem „S t r o h f e u e r" zu sprechen. Er fährt fort: „Dies Strohfeuer der nationalen Be
geisterung unter Poincarö, in der die Revancheidee am Ende aller Erwägungen, aller innerpolitischen Pläne und Hoffnungen stand, ist erloschen. Ich möchte sagen, daß der Patriotismus in Frankreich, wenigstens in seiner tätigen und aggressiven Form, eine nicht immer lebendige Erscheinung ist. Gewiß, die Franzosen sind genau so patriotisch wie jedes andere Volk, in dem Sinne, daß sie ihr Vaterland über alles andere stellen und in ihm das Beste und Schönste sehen, was es gibt; sie sind auch immer na t i o n a l i st i s ch, und auch die internationalsten Sozialisten würden es gerne sehen, wenn man — freilich ohne Blutvergießen — Elsaß-
1 noch einige Menschen vom Kommando hilflos mit dem Tode rangen. Er wollte sich persönlich von ihrem Schicksal überzeugen und sie zu retten versuchen. Der „Bajan" erhielt daher den Befehl, flott zu machen. Unser Geschwader begann den Hafen zu verlassen, und die „Petropawlowsk", zu der ich mit dem Admiralsstabe Makarows von der „Diana" übergegangen war, dampfte schon um 7 Uhr morgens nach der Autzenreede. Die anderen Kriegsschiffe blieben noch in der inneren Reede. Mit einer Geschwindigkeit von 14 Knoten zogen wir dahin. Der ganze Admiralsstab war auf dem Verdeck. Bald gab der „Bajan" ein Signal, daß er den Feind bemerkt habe. Der Admiral Makarow beschloß, ihm zuvorzukommen, und wir feuerten als Antwort auf die Schüsse der Japaner. Sie zogen sich rasch zurück, als wir ihnen näherkamen. Gleich darauf tauchte am Horizont schon ein anderes feindliches Geschwader auf. Sowie Makarow sich von der überlegenen Kraft des Feindes überzeugt hatte, konzentrierten wir uns rückwärts, um den Uferbatterien näher zu sein. Mit Volldampf steuerten wir nach Port Arthur. Der Feind zögerte mit einer Art von Unentschlossenheit. Wir waren bereits unter dem Schutze der Uferbatterien, als die l.Petro- pawlowsk" die Fahrgeschwindigkeit verminderte und das Kommando zum Mittagessen erlassen wurde. Auf der Brücke blieben nur noch stehen: Admiral Makarow, der Kommandant Jakowlew, Kontreadmiral Mollas, Leutnant Wulfs, der Maler Werestschagin und ich. Rechts von der Kommandobrücke stand ich mit Werestschagin, der Skizzen von dem japanischen Gc-
Lothringen wiedergewinnen könnte: aber es gibt in dem Patriotismus der Franzosen Abstufungen, verschiedene Momente. Es gibt Augenblicke, wie unter einer Regierung Poincarä oder Barthou, wo er sich ausschließlich als aggressiver Haß gegen den deutschen Nachbarn äußert, es gibt andere, wo er lediglich als schönstes menschliches Gefühl auftritt, das man bei jedem Menschen respektieren muß, das aber durchaus nichts Aggressives oder Gehässiges in sich trägt. Und es scheint uns, als wäre es im Augenblick so. Wir können heute — morgen kann es anders sein, wenn ein unvor- hergesehens Ereignis eintritt! — ein Entgegenkommen der politischen Kreise feststellen, wie es seit langer Zeit nicht war. Die Aufnahme der Rede des Staatssekretärs des Auswärtigen, deren höfliche Mäßigung nian mit großer Genugtuung anerkannt, die Haltung der Regierung in den verschiedenen schwebenden Fragen lassen uns das deutlich erkennen. Und dies ist eine Folge nicht nur der Änderung in den leitenden Kreisen, sondern auch gewisser Anzeichen im Auslande, die Frankreich nachdenklich machen. Der Dreibund ist noch immer eine furchtbare Waffe, deren Festigkeit und Einigkeit doch etwas ganz anderes ist als die mehr theoretischen Bande der Tripel-Entente. Freilich, die Preßpolemik zwischen Rußland und Deutschland hat in Frankreich unverhohlene Freude erregt, aber sie ist doch auch nicht überschätzt worden."
So das Stimmungsbild von der Seine in der „Kveuzztg.". Der Verfasser scheut sich nicht, von einem neuerdings bemerkbar gewordenen aufrichtigen Wunsch der Franzosen zu sprechen, nach den schweren Opfern, welche die Politik Poincarss dem Lande auserlegt hat, nunmehr mit dem deutschen Nachbar in Frieden und Ruhe auszukommen. Eine Freundschaft werde es freilich niemals geben, wohl aber ein. höfliches, fast herzliches nachbarliches Verhältnis, welches gestatten würde, in Ruhe und Sachlichkeit alle schwAenden Fragen zu erledigen. Wenn wir diesen Ausdruck des Optimismus in einem Blatte anderer Richtung als derjenigen der „Kreuzztg." finden würden, müßten wir auf den Einwand gefaßt sein, daß das Verhältnis durch rosige Brillengläser betrachtet werde. Wenn die „Kreuz- zeitung" aber eine solche Darstellung bringt, dann kann man wohl damit rechnen, daß zahlreiche und e i n s l u tz- reich e deutsche Persönlichkeiten (wir denken dabei auch an die Führer der konservativen Partei,, an die hohen Offiziere, an Personen aus der Umgebung des Kaisers) unter dem Eindruck dieser Beweisführung stehen werden. Wir möchten weiter gehen und sagen, daß bereits die sympathischen Worte, mit denen Herr v. I a g o w jüngst im Reichstag das deutsch-französische Verhältnis behandelt hat, etwas von den Stimmungen gezeigt haben, die unter der Wirkung der französischen Wahlen auch hier haben aufkommen müssen und die nicht wesentlich verschieden sind von der Auffassung, die vor der Erschütterung des Poincaräschen Systems durch die Wahlen allerdings geboten war. Es wäre selbstverständlich gründlich falsch, die Anzeichen einer Besserung des Verhältnisses oder vielmehr die Möglichkeit einer Besserung einer verfrühten Belastungsprobe unterziehen zu wollen, aber es wird sich doch empfehlen, sich bei der Beurteilung der französischen Zustände nicht starrsinnig an das Schema zu halten, das in den aufgeregten Zeiten des vorigen Sommers und des letzten Winters gegeben war, sondern nicht ganz ohne Zutrauen den beginnenden Umwandlungsprozetz zu betrachten, in welchem sich unsere Nachbarn augen-
■ schwadcr aufnahm und vielerlei von seinen Erlebnissen in verschiedenen Kriegen erzählte. Mit tiefster Überzeugung versicherte er, daß dort, wo er sich befinde, nie etwas passieren könnte. . . .
Plötzlich erfolgte ein dröhnender Krach mit einer unglaublichen Kraft. ' Der Panzer erbebte, es ergoß sich ein gewaltiger, heißer Strom nieder, und mein Gesicht wurde von einem glühenden Gas verbrannt. Ein schwerer, beizender Geruch erfüllte die Luft, cs schien mir der Geruch unseres Pulvers zu sein. Ich sah, wie das Schiff sich rasch auf die rechte Sette legte, und instinktiv eilte ich nach der linken Seite. Auf diesem Wege mußte ich über die Leiche des Admirals Mollas springen, der mit blutendem Haupte neben den Leichen von zwei Signalmaaten lag. Auf die Hände mich stützend, machte ich noch einen Sprung und erreichte detr.Turm am Schiffsschnabel. _ Es _ war mir unzweideutig klar geworden, daß eine Explosion in unseren Pulverräumen stattgefunden hatte und daß der Panzer unterging. Die ganze rechte Bordseite lag unter dem Takelwerk, und in mächtigen Woaen brauste das Wasser über das Schiff. . . . Durch eine Bewegung nach vorn tauchte die „Petropawlowsk" mit dem Kiel unter und versank in den Meeresgrund.
Im ersten Augenblick kam mir der Gedanke, vom Turm auf das Deck herunterzuspringen, aber die Angst, daß ich mir die Glieder zerschmettern würde, veranlaßte mich, die Kante des Turmes fest mit den Händen zu fasten, von wo ick ins Wasser stürzte. . .
