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Verlag Langgasse 21

„Tagblatt-Haus".

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„Tagblatt-Haus" Nr. 6650-53.

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Samstag» 30. Mai 1914.

Morgen-Kusgabe.

Nr. 249. - 62. Jahrgang.

Ein LtaaLZgefchäst in Gl.

(Von unserem englischen Mitarbeiter.)

B. London, 27. Mai.

England hat seinen 15 Milliarden Mark Staats- schulden kaum nennenswerte werbende Anlagen gegenüberzustellen. Post, Telegraph und jetzt auch das ^ernsprechwesen ist so ziemlich alles, was in dieser Hin- ?rcht von Bedeutung ist. Dazu kourmen noch seine Suezkanal-Aktien, die es 1878 für 80 Millio­nen Mark erwarb. Heute sind sie — 800 Millionen wert und außerdem das Übergewicht in der Verwal­tung des Kanals. Diese Anlage war also einträglich genug und britische Patrioten nehmen sie als ein gutes Vorzeichen für das neueste Börsengeschäft in — P e r° s r e n. Der englische Staat gedenkt sich mit 44 Mill. M. an der An g I o - P e r s i a n Oil C o. zu beteiligen und me englische Presse drängte ihn offenbar sogar zur Eile, indem sie bisher allerdings unbestätigte Nachrichten oringt _ ivergl. das gestrige Abendblatt), daß auch Deutschland sich Petroleumquellen in jenen Gegen­den es handelt sich wohl um das Ölvorkommen bei dem Orte C a h n i f i n art der persischen Grenze nach Mesopotamien, nach welchem die Bagdadbahngesellschast die Konzession für eine Zweigbahn besitzt — sichern will. Die genügende Zufuhr von Heizöl ist für die britische Admiralität eine dringliche Sorge gewor­den. Sind doch bereits fast 200 Schiffe — zumeist allerdings nur Torpedoboote, aber auch schon fünf Grotzkampfschiffe — nur auf Ölfeuerung angewiesen. Die neue Heizung findet aber trotz ihrer unleugbaren Vorzüge eine starke Gegnerschaft unter den Sachver­ständigen. Sie weisen insonderheit darauf hin, solange England seine reichen Schätze an Waliser Schiffskohle oejitze, sei es Torheit, die Flotte von einem Heizmate- rral a b hängig zu machen, das aus dem Ausland bezogen werden müßte und der Preisverteuerung durch Trusts unterliege. Die Abhängigkeit vom Ausland wird sich nicht so leicht ändern lassen: wenigstens wird die Ergiebigkeit der schottischen Ölfelder keine Dread­noughts befriedigen. Gegen die Gefahr der „Trnst"- Preise, die setzt schon bedenklich ernst geworden, plante England schon seit längerem den Erwerb eigener Quellen. Es warf zunächst ein verlangendes Auge auf die reichen Felder in Mexiko, dann auf jene K o I u in b i e n s. Allein die Über-Empfindlichkeit der lieben angelsächsischen Vettern gegen solch ein „Fest­setzen einer europäischen Macht" mußte doch sorgsam geschont werden! So ist man endlich mit der englischen Gesellschaft einig geworden, die seit einiger Zeit ein OOjähriges Ol -Mo nopol in Persien besitzt. Ihr Kapital von 40 Millionen »Mark wird der englische Staat jetzt zur Erweiterung des Betriebes um 44 Millionen Mark vergrößern und somit auch die Kon­trolle über das ganze Unternehmen erlangen. Da die bisherige Ausbeute sich bereits auf 20 Millionen Liter

Heimisches Baturleben.

Skizzen von Walther Schulte vom Brühl.

L.

Dir Nachtigall.

Seit Mitte April ungefähr leben wir nun in einer Hoch­saison wunderbarer Freikonzerte. Aus den Tälern, aus den Gärten gebenedeicter Gegenden klagt und schluchzt, trillert und lockt Tag und Nacht fast unermüdlich die große Sanges­sürstin, die Nachtigall. Und der Wind fächelt, zugleich mit ihren Tönen, den Wohlgeruch der Blütenbäume zu uns her, Märchenzyuber in der Wirklichkeit. Wohl hat die Fanfare des Edelfinken, der herrliche Gesang der oft, schon Ende Februar eintreffenden Singdrossel und der Heidelerche ein wunderbares Präludium für den Frühling gegeben, aber erst die edle Nachkommin der von Apoll in eine Nachtigall verwan­delten athenischen Königstochter bringt uns den schönsten Klang in die melodienreiche Frühlingssinfonie. Bis zum Be­ginn des Sommers bleibt uns dieser künstlerische Naturgenuß erhalten.

Meine Nachtigallerinnerungen reichen weit zurück, ver­lieren sich in ein kleines Gestrüpp unweit eines Stegs über den rauschenden, crlenumsäumten heimatlichen Bach. Da stand nahe bei der Erde ein aus trockenen Hälmchen und Blät­tern locker geflochtenes Nest, innen eine tiefe, wohlgerundete und warm gepolsterte Mulde. Vier haselnutzgrotze, dunkel graugrüne, glänzende, braun gestrichelte, allerliebste Eier lagen darin. Ein Nachbarsjunge hatte mir das große Geheim­nis gegen ein Vierpfennigstück — bei andern tat er's gegen einen Hosenknopf oder ein paar Stecknadeln — verraten. Bald wußte die ganze Jungenschaft darum. Dann hieß es, die Nachtigall brüte. Ein Bengel rühmte sich, sie wäre so zahm, daß er sie auf dem Nest gestreichelt habe. Dafür wurde er verhauen, denn es erwies sich bald, daß das Nest „verleit", d. h. verlassen war. Eine Zeit lang noch lagen die armen Eier der „Neitigall" vereinsamt in dem lieben Nestchen, dann waren sie verschwunden. Einer behauptete steif und fest, der Manuel,

monatlich belief und die englischen Sachverständigen sich gewiß von dem Reichtum der Felder überzeugt haben, dürfte England eine Sicherung seines Ölbezugs und außerdem einen einträglichen Aktienbesitz erlangt haben sowie einen festeren Halt über seine „Jnteressen- Zone" in Persien.

Me pGlitik öer Woche.

Die Ehen werden nach dem bekannten Sprichwort im Himmel geschlossen, aber sie unterliegen den mensch­lichen, manchmal allzu menschlichen Gesetzen. Die Ver­lobung im Kaiserhause hat sicher allenthalben Genug­tuung erregt. Es hat allgemein so schön menschlich be­rührt, daß der fünfte Kaisersproß einen Bund wahrer Herzensneigung zu schließen gewillt ist, und daß der K a i s e r als Chef des Hauses Hohenzollern ohne dynastische Rücksichten seine Zustimmung seinem Sohn erteilte, diejenige zur Gemahlin zu nehmen, die seinem Herzen am nächsten steht.

Das preußische Herrenhaus hat noch vor dem Antritt der Pfingstferien dem Monarchen seinen Glückwunsch zur Verlobung des Prinzen abstatten können. Seine Sitzungen waren diesmal besonders bemerkenswert durch eine Rede des Ministerpräsidenten und eine andere des neuen Ministers des Innern von Loebell. Herr v. Bet h mann-Hollweg ergriff zum erstenmal nach dem schweren Schlag, der ihn be­troffen hatte, das Wort, und seine Ausführungen gal­ten der N o r d m a r k e n f r a g e, den dänischen Um­trieben im meerumschlungenen Schleswig-Holstein. Der preußische Ministerpräsident ist zu sehr deutscher Reichs­kanzler, als daß er nicht aus gebotener diplomatischer Rücksichtnahme in erster Reihe die Aufrechterhaltung der guten freundnachbarlichen Beziehungen z'ur däni­schen Regierung betont hätte. Aber er ließ auch keinen Zweifel daran, daß die Regierung 'entschlossen sei, das Hausrecht im eigenen Lande zu wahren. In dem gleichen Sinne sprach sich der neue Minister von Loebell aus, der sich dagegen verwahrte, daß er ein Programm geben wolle, im übrigen aber einen Ruf z u r Sammlung der bürgerlichen Parteien gegen die Sozialdemokratie ergehen ließ, indem er betonte, daß man nicht alles vom Staate und von den Gesetzen erwarten, sondern auch der eigenen Kraft vertrauen solle. Das Herrenhaus dürfte in der nächsten Zeit be­reits ein neues Mitglied begrüßen können, den Nachfolger deS verstorbenen Kardinals Kopp, Fürst­bischof zu Breslau. Aus der Wahl ist der Hil­desheimer Bischof Dr. Bertram hervorgegangen und die königliche Bestätigung dürfte, wie der Wahl­kommissar Oberpräsident Dr. Günther in Aussicht stellte, demnächst erfolgen. Dr. Bertrams Wahl hat nicht nur für Deutschland Bedeutung, sondern auch für Österreich, da die Diözese des Breslauer Fürstbischofs nach Österreichisch-Schlesien hineinreicht.

ein Schustersbub mit einer ständigen Rohnase, habe sie aus­genommen, denn die mißliebigen Schustersleute standen im Verdacht, Eierkuchen aus Bogeleiern zu machen. So un­sinnig das Gerücht war, so wurde doch der arme Manuel elend verprügelt, mit einem Rehgehörn verboxt und „Eier- freter" gescholten.

Es waren sehr viele Nachtigallen in unserer Gegend. Meine Mutter, romantisch veranlagt, liebte ihren Gesang über die Maßen, und oft ließ sie abends nach dem Essen noch an­spannen und wir fuhren auf einsamen Wegen dahin, um Nach­tigallen zu hören. Ich saß dann, ein kleines Häufchen, zwi­schen den Eltern. Die Frühlingsluft wehte warm, der Schein der Wagenlaterne huschte gespenstisch über die Baumstämme des Waldes, und von allen Seittzn, aus den Tälchen, klang das Liebeslied dieser Vögel. Einige „studierten" noch, andere waren mit irgend einer störenden Gesangsunart behaftet, aber meist waren die Lieder von eiikem vollendeten Wohllaut. Jeder Vogel saß in seinem Revier und sang und sang, tat schließlich damit nichts anderes, als was in seiner Art ein balzender Auerhahn oder ein die Geliebte antschilpender Spatz auch tut, aber es ist ja nun einmal so: auf das „Wie" kommt es an. Und so sangen die unermüdlichen Tierchen ihrer Herzensdame zum Preis oder aus Wetteifer mit den Ge­nossen, ein rechter Sängerkrieg. Noch oft denke ich, wie in einem Traum, zurück an diese Nachtigallenabende meiner frühen Knabenjahre.

Seitdem habe ich erkennen müssen, daß dieser Gesang für den andächtigen Hörer ungesund werden kann. Das war in Weimar, als ich nach einem fröhlichen Gelage nächtens den heißen Kopf im Park noch ein wenig spazieren trug und an dem einem wohltätigen OrtSgeist, einer brotspendenden Schlange, errichteten Steindenkmal mit der Inschrift: „Gcnio hu.jus

loci" vorbeikam. Über dem Stein, zum Greifen nahe, in dem dunkeln Gezweige, saß eine singende Nachtigall. Ich schwang mich auf den Kopf der Schlange, der bemerkenswert kühl war. Da saß ich und plauderte mit dem Vogel, äffte ihm, so gut ich konnte, nach und es war jedenfalls ein wunderbares Zwiege­spräch. Andern Tages hatte ich's weg, nicht nur einen

Das Kabinett Asquith und die englischen Re­gierungsparteien scheinen zu der eigenen Kraft nicht mehr das richtige Zutrauen zu haben, denn wenn auch das Unterhaus die heißumstrittene Homerulebill in dritter Lesung mit der stattlichen Mehrheit von 361 gegen 274 Stimmen angenommen hat, so herrscht doch im Regierungslager alles eher als SiegesgSvißheit. Zwar wird das Gesetz, auch wenn das Oberhaus es, wie selbstverständlich zu erwarten ist, gblehnen wird, nach' einem Jahre Geltung erlangen; aber da das Kabinett angesichts der oppositionellen Haltung der Iren kaum Aussicht hqt, die mildernden Zusatzbestimmungen zur Homerulebill durchzubringen, so erhebt sich nach wie vor als drohendes Gespenst die Ulster- rebellion, und zugleich zeigen die chronischen Nie­derlagen der Liberalen, die seit 1910 bei den Nach­wahlen 16 Sitze eingebüßt haben, daß Asquiths Stern im Erbleichen begriffen ist.

Noch schneller scheint sich das Geschick des französi­schen Kabinetts Doumergue trotz des sogenannten Sieges, den es bei den Kammerwahlen erzielt bat, zu erfüllen. Der Ministerpräsident befindet sich in einer ganz merkwürdigen Lage. Die Mehrheit der Regie­rungsparteien fordert die Rückkehr zur zweijährigen Dienstzeit, und so müßte er, um sein eigenes Pro­gramm zu sicheiK, die Opposition zur Bekämpfung der Regierungsparteien aufrufen! Eine unhaltbare Lage, die seine Neigung begreiflich macht, über den 7 ,Wahl­sieg" mit seiner Demission zu quittieren.

Während man in Frankreich eine offensichtlich über­triebene Entrüstung über die angeblich ungerechte Be­handlung zur Schau trägt, die dem neugierigen Herrn Clement-Bayard seitens der Kölner Polizei­behörde zuteil wurde, ist leider ein neuer deutsch-russi­scher Zwischenfall in Gestalt der beiden unfreiwillig auf russischem Boden gelandeten Flieger- o f f i z i e r e zu verzeichnen. So harmlos der Vorfall auch sein mag und er ist ja inzwischen durch die Frei­lassung der deutschen Offiziere zur vollsten. Zufrieden­heit erledigt worden, so wird das doch leider wieder Wasser aus die Mühlen der Panslawisten führen. Daß deren Einfluß ohnehin im Wachsen ist, erhellt schon aus dem Eifer, mit dem die Duma die weitgehendsten militärischen Forderungen des Kabinetts Goremykin bewilligt, und aus der umfassenden Einberufung der Reserve n, die in schroffem Widerspruch zu den Friedensversicherungen des Ministers S s a s o n o w steht.

Auch der Vorschlag einer internationalen Inter­vention in Albanien ist in erster Reihe an der Ab­lehnung der russischen Regierung gescheitert, die offen­sichtlich von dem Wunsch ausgeht, daß die ö st e r - reichisch-italienische Aktion mit einem Fiasko enden möge, während Frankreich und Groß­britannien wiederum den österreichischen und den italie­nischen Diplomaten, die einiger sind als die Presse der

fürchterlichen Schnupfen, sondern auch einen bösen Rheuma­tismus in der Reversseite, eine meiner schmerzlichsten Er­innerungen an Jlmathen. Ohne das verführerische Lied des Vogels würde ich mich niemals auf den kalten Schlangenkopf gesetzt haben.

Kaum ein Vogel läßt sich so wenig in seinem Gesang stören als die Nachtigall. Man kann dicht bei ihr stehen und mit ihr schwatzen, sie bleibt ruhig sitzen und singt unentwegt weiter. Sie ist überhaupt außerordentlich zutraulich, genau so wie das ihr nah - verwandte Rotkehlchen, das gleich ihr zur Familie der Erdsänger und Rotschwünze gehört. Ihrer Zutraulichkeit wegen ist sie auch sehr leicht zu fangen. Ein Schlaggärnchen, ein paar Mehlwürmer, und das Tierchen hat seine herrliche Freiheit, hat das kostbarste Gut aller Kreatur verloren und büßt seine „Dummheit" im Käfig, wo es bei ge­eigneter Pflege allerdings schon an die 20 Jahre ausgehalten hat. Dort singt es oft schon von Werhnachtcn ab und ein volles halbes Jahr hindurch, freilich läßt — tout comme chez nous — mit dem Wer die Stimme merklich nach. Ich habe neulich eine Nachtigall gesehen, deren Käsig neben einer Voliere mit Dutzenden von exotischen Prachtsinken hing. Dem Gezwitscher dieser bunten Gesellschaft gegenüber war ihr Schlag fast wie etwas Königliches. Aber immerhin, der rechte Naturfreund sieht ein solches Tier nicht gerne im Käfig. Dort entwickeln die Werchfutter-, die Insektenfresser überhaupt, mancherlei unangenehme Eigenschaften, und wenn das Ohr des Besitzers schwelgt, so hat die Nase zu leiden. Der herr­liche Lyriker Morrke, ein großer Tierfreund, teilt unsere ge­flügelten Hausgenossen in folgende Klassen ein: 1. in stinkende und zugleich singende, 2. in rein singende, 3. in rein stinkende, und 4 in solche, die weder singen noch stinken. Danach fiele die gefangen gehaltene Nachtigall in die erste Kategorie. Es ist sehr, zu begrüßen, daß der Fang unserer Singvögel ver- k ^ denn auch der früher so viel geübten Nachti-

gallenhaltung — es gab sogar vielerorts eine eigene Nachti­gallensteuer — ein Damm gesetzt.

Die Nachtigall (Lusciola lusehiia), die etwa 16 3 en ^ Meter lang wird und 25 Zentimeter klaftert, ist äußerlich