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Kreltag. 24. Mai 1414.
Morgen- Ausgabe.
Nr. 247. - 62. Jahrgang.
Zu öeu Vifchofswahlen in Breslau und Osnabrück.
Von Annuarius Heldenberg.
Nach einer Sedisvakanz von noch nicht zwei Mona- ten konnten die Bischofswahlen in Breslau und Osnabrück vollzogen werden. Die Bischöfe beider Diözesen starben bekanntlich in den ersten Tagen des vergangenen März. Die Domkapitel sandten innerhalb der festgesetzten Frist ihre Kandidatenliste der Regierung ein, die sie wieder nach kurzer Zeit an die Domkapitel zurückgehen ließ, ohne daß einer der genannten Kandidaten seitens der Regierung gestrichen worden wäre. Es ist daher anzunehmen, daß die Domkapitel genau nach den Weisungen handelten, die ihnen von der Kurie auf Grund der zwischen Kirche und Staat vereinbarten Grundsätze gegeben sind.
Für die Breslauer Bischofswahl war in erster Linie maßgebend die Bulle „De salute aniinarum" vom 16. Juli 1821 und das Breve „Quod ütz fidelium" vom selben Datum, für Osnabrück (Hannover) die Bulle „Impensa Romano rum" vom 16. Mai 1824. Für Preußen und Hannover ergingen damals alsbald Verfügungen, in denen diese Bullen die staatliche Bestätigung erhielten, so daß diese anscheinend rein kirchlichen Erlasse zugleich staatliches Recht darstellen und die Behörden verpflichten. Erst nach beinahe 80 Jahren wurden diese für die deutschen Bischofswahlen grundlegenden Erlasse durch ein Schreiben des päpstlichen Staatssekretärs R a m- polla interpretiert und ergänzt. Dieses Schreiben, das auf Befehl des Papstes Leo XIII. erging, datiert vom 20. Juli 1900 und ist an die preußischen, hannoverschen und oberrheinischen Bischöfe, beziehungsweise deren Domkapitel, gerichtet. Der nähere Anlaß zu diesem Schreiben ist nicht -bekannt geworden, es liegt aber die Vermutung nahe, daß es die damaligen Vorgänge in der oberrheinischen Kirchenprovinz waren, in der kurz nacheinander zwei gewählte Bischöfe, Bischof Komp von Fulda für Freiburg und Domkapitular Linsenmann für Rottenburg, vor ihrer Inthronisation starben. Darauf deutet wenigstens ein Abschnitt hin, in dem die Domkapitel ermahnt werden, Greise, Kranke oder sonst in ihrer Leistungsfähigkeit Behinderte nicht zu wählen. Ausdrücklich wird in diesem Schreiben anerkannt, die Mitwirkung der weltlichen Regierung -habe den Zweck, solche Kandidaten a u s- zu sch ließen, die dem Landesherrn minder ge- ,n e h m sind. Sache des Kapitels sei es, „nur solche auf die Liste zu setzen, von denen vor dem feierlichen
Wahlakt feststeht, daß sie außer durch andere Gaben, die erforderlich sind, um die Kirche zu leiten, zu schützen und friedlich zu regieren, durch den Vorzug der Klugheit und durch ein eifriges Bestreben, die öffentliche Ruhe zu wahren und. die Treue dem Landesherrn zu halten, sich auszeichnen und daher dem Landesherrn nicht minder genehm sind."
Über die Begriffe „genehm" und „minder genehm" ist viel gestritten worden. Vielfach wurde die Auffassung vertreten, die Regierung dürfe nur „aus gerechten Gründen" den einen oder anderen Kandidaten als minder genehm bezeichnen, so daß die Gründe überprüft werden könnten, sie müßte auch mindestens drei Kandidaten auf der Liste stehen lassen. Das ist aber offensichtlich unrichtig und läßt sich nach dem genannten Schreiben nicht mehr aufrechterhalten. Die Ge- nehmheit oder Mindergenehmheit ist rein subjektiv aufzufassen von seiten des Landesherrn und sie kann geschehen aus Gründen, die sonst für den Kandidaten sprechen. Der Staat kann der Ansicht sein, der betreffende Kandidat wirke auf seinem bisherigen Posten in einer Weise, die dem Staate von Nutzen ist, und könnte ihn aus diesem Grunde streichen lassen. Aus dem Rechte der Ausschließung minder genehmer Kandidaten ergibt sich aber als unzweifelhafte Folge, daß die Regierung befugt ist, die ganze Liste zurückzuweisen, wenn sie nicht nach den zwischen Kirche und Staat vereinbarten Normen, und dies namentlich hinsichtlich der Mindergenehmheit, aufgestellt ist. Seit den vierziger Jahren des vorigen Jahrhunderts ist in ganz Preußen das Li st c n v er fah r en üblich geworden, das später durch ein von Pius IX. am 5. August 1865 an das Kölner Kapitel gerichtetes Breve auch seitens der Kurie gutgeheißen wurde. Dieses schließt aber nicht aus, daß sich in einzelnen Fällen, wo es sich um einen wichtigen Posten handelt, Domkapitel und Regierung auf einen bestimmten Kandidaten einigen, der dann gewählt wird.
Das scheint in Breslau der Fall gewesen zu sein. Nach unwidersprochenen Meldungen, die durch die erfolgte Wahl eine Bestätigung erfahren, sollen sich Domkapitel und Regierung schon vor der Wahl auf die Person des Bischofs Dr. Bertram von Hildesheim geeinigt haben, so daß der Wahlakt nur die feierliche und formelle Besiegelung des schon früher feststehenden Ergebnisses der gepflogenen Verhandlungen zwischen Breslau und Berlin einerseits, Breslau und Rom andererseits darstellt. Auf diese Vereinbarung lassen auch die beiden (Vergl. das gestrige Abendblatt. Schrift!.) Reden schließen, die von dem Königlichen Wahl
Das englische Derby.
X X London, 25. Mai.
Im Heimatland des Pferdesports greifen die Rennmeetings selbstredend auch tief in das Leben der „Gesellschaft" ein, und wie die „oberen Zehntausend" nach einem anderen, aber gleich regelmäßigen Festkalender rechnen als die übrigen Millionen, jo haben sie auch aus den etwa 130 Meetings der Flachrenn-Saison einzelne zu dem Range hochheiliger Feiertage erhoben, die jeder feiern und in der vorgeschriebenen Weise feiern muß. Denn Jahreszeit, Örtlichkeit und Laune haben allmählich jeder dieser Zusammenkünfte einen besonderen Farbenton verliehen.
Der englische Rennkalender beginnt in der zweiten Märzhälfte. Die „Gesellschaft" wartet jedoch mit ihrer Teilnahme ne'ch einen Monat, bis zum ersten Frühjahrsrennen in New- market. Hier, im Hauptquartier des Trainierens, ist alles vom Duft des Stalles und Sattelleders durchdrungen, und bei den sieben Meetings im Jahre gehört es sich, hier in Kleidung, Sprache und Interesse in erster Reihe den Sportsmann oder die Sportsmännin herauszukehren. Über dem „glorreichen" Goodwood an der lieblichen Südküste Englands dagegen liegt ein wehmütiger Hauch des Abschieds. Seine Renntage in der letzten Juliwoche schließen die Londoner Saison, und gleich darauf ist die „Gesellschaft" in alle Teile der Weit zerstoben. Anders wieder gestalten sich die Derby- und Ascot-Rennen. Zwischen ihnen liegen die rauschenden Wochen der Hochsaison. Aber während in Ascöt die „Gesellschaft" in möglicher Abgeschlossenheit unter sich in höchster Wonne der Toilettenpracht schwelgt, verbindet sie sich in Epsom mit den Massen zum „Volksfest des Derby".
Das weltberühmte Rennen, das der Engländer in der breiteren Mundart früberer Geschlechter „Darby" ausspricht, führt seinen Namen zu Ehren des Earl of Derby, der es im Jahre 1780 in das Rennprogramm von Epsom einführte, einem etwa 20 Kilometer südlich von London gelegenen Orte. Noch immer gilt das Derby als „das blaue Band des englischen Turfs", blau, weil das Band des Hosenband-Ordens, des höchsten Englands, diese Farbe trügt; nach immer sieht ein englischer Sportsmann seinen höchsten Ehrgeiz darin, in sie Liste der Sieger dieses Rennens zu kommen, wenn auch der Preis von 6500 Pfund Sterling schon seit Jahren von anderen, darunter drei Zehntausend-Pfünderrr, übertroffen
wird. Aber sie können nun einmal nicht auf eine Vergangenheit von 134 Jahren zurückblicken und üben trotz ihrer verlockenderen Preise keine ähnliche Anziehungskraft aus, wie das Derby nebst seinem Vorgänger, dem „Zweitausend Guineen", und seinem Nachfolger, dem St. Leger. Dies sind bis heute die „klassischen" Hauptrennen des Jahres für Dreijährige geblieben, und alle drei mit demselben Pferde zu erringen, heißt im englischen Sportslang die „dreifache Krone gewinnen". Nicht vielen Besitzern ist es vergönnt gewesen, sie zu tragen, siinfen in den letzten 40 Jahren! Gehört doch zum Gewinnen des Derby allein mehr Glück als Pserdeverstand, und — Geld allein, wie so mancher reiche Emporkömmling denkt, tut es erst recht nicht. Von den rund 350 Pferden, die drei Jahre vorher für ein Derby angemeldet werden — so frühzeitig muß ein Besitzer an die etwaigen Siegesaussichten seines eben geborenen Fohlens denken —, erscheinen durchschnittlich 15 am Start. Die anderen bedeuten ebenso viele, wieder einmal unerfüllte Hoffnungen. Und wenn dann wenigstens bei den Rennen selbst nur noch Tüchtigkeit und „Talent" allein zu entscheiden hätten! Aber — wie es denn so geht — ein besonders heißer Tag oder ein bodenerweichender Regen oder schließlich nur die vorübergehende schlechte Laune des verwöhnten Renngauls genügt, einen „todsicheren" Sieg zu vereiteln. Tann — na dann, hofft der echte Sportsmann eben auf besseres Glück im nächsten Jahr und verschwendet zu den bisherigen Unsummen Geldes noch einiges mehr. Der Ruhm ist zu verlockend, der Held der vielhunderttausendköpfigen Zuschauermenge zu werden.
Der Rahmen des Volksfestes, in dem sich das Derby abspielt, gibt ihm sein eigenartiges Gepräge und unstreitig viel von seinem Ruhm. Schon Jahrhunderte vor dem ersten Rennen war das heideartige Gemeindeland von Epsom die Stätte eines vom Londoner Volk viel besuchten Jahrmarktes. Die Einführung der Rennen, die jahrzehntelang die einzigen in der Nähe der Hauptstadt blieben, erhöhte natürlich die Anziehungskraft aufs erheblichste, aber konservativ, wie die englischen Massen in ihren Vergnügungen sind, ein Jahrmarkt ist cs heute nach geblieben mit seinem fahrenden Volk, seinen „Künstlern", Schaubuden und allen seinen mehr oder weniger verlockenden Reizen. Allerdings ein Jahrmarkt, der sich über eine ganze weite Heide ausbreitet, denn bei halbwegs günstigem Wetter entsendet London eine halbe Million und mehr Menschen zur Derby-Feier. Vom frühesten Morgengrauen bewegen sich in ununterbrochenem wirren Durcheinander Ge-
kommissar, dem Oberpräsidenten Günther, und dem Dompropst König gehalten wurden, in denen auf die „Duldsamkeit" und das „vertrauensvolle Zusammenwirken von Staat und Kirche" der Hauptton gelegt war. Gerade die Duldsamkeit und die Hingabe an den Staatsgedanken werden aber dem Neuerwählten neben treu kirchlicher Gesinnung besonders nachgerühmt. Ist es auch unrichtig, ihn einfach als Anhänger der „Kölner" Richtung zu bezeichnen (Worauf wir schon in der gestrigen Abendausgabe hinwiesen. Schrift!.), so hat er doch durch seine bisherige Tätigkeit bewiesen, daß er die vielfach auf italienische Verhältnisse zugeschnittenen päpstlichen Verordnungen nicht so auszuführen gesonnen ist, daß sie in Deutschland mehr Schaden als Nutzen bringen. Da seine Erhebung zum Kardinal nicht lange auf sich warten lassen dürfte, so f)at die Breslauer Wahl ohne Zweifel die Zahl einflußreicher Kirchenfürsten vermehrt, welche die Kurie zur Rücksichtnahme auf unsere deutschen Verhältnisse mahnen und gegebenenfalls ihre Stimme zu erheben wagen. Trügt nicht alles, so besteigt den Breslauer Bischofsstuhl. ein zweiter Kardinal Fischer.
Eine Überraschung hat die Wahl in Osnabrück gebracht. In verhältnismäßig jungem Alter von 37 Jahren wird der Oberlehrer und Religionslehrer Dr. Wilhelm Bern in g am Gymnasium zu Meppen die Leitung der Diözese Osnabrück übernehmen. Wie Dr. Bertram, ist auch er bisher, soweit man hörte, politisch nicht hervorgetreten, sondern hat in der Pflege des religiösen Katholizismus sein Ideal erblickt.
Zu den beiden Bischofswahlen hatte die Regierung die Oberpräsidenten zu Wahlkommissaren ernannt, die zum Wahltermin erschienen, ohne während des eigentlichen Wahlaktes im Wahllokal zugegen zu sein. Sie wurden nach vollzogener Wahl abgeholt und sprachen, da die Wahl im Sinne der vereinbarten Grundsätze erfolgt war, ihre Bestätigung aus. Zwar warnt das oben genannte Schreiben des Kardinals Rampolla die Domherren, eine Bestätigung bei dem Wahlkommissar nachzusuchen. Doch scheint die Kurie dagegen nichts einwenden zu wollen, daß sie von selbst gegeben wird. Jedenfalls haben die Regierungen in diesem Punkte von dem Schreiben der Kurie keine Notiz genommen.
Eine nicht zu unterschätzende Lehre haben die beiden, so glatt und rasch erledigten Bischofswahlen jedenfalls erbracht: daß sowohl auf seiten des Staates als der betreffenden kirchlichen Instanzen der e r n st l i ch e Wille zum friedlichen Zusammenarbeiten besteht und daß es ein sehr müßiges Gerede ist, von einem „stillen Kulturkampf" reden zu wollen.
führte aller . Arten und Größen auf den Landstraßen dahin,, denn der richtige Derby-Besucher, der noch etwas auf gute Sitte und Tradition hält, denkt nicht daran, die überfüllte Eisenbahn zu benützen. Er begibt sich nach Epsom nur zu Wagen, und wäre es auch, wie jetzt natürlich zum größeren Teil, ein Kraftwagen, der kaum in die Tradition des „Ehrentages des Pferdekultus" zu passen scheint. Die „Coster- mongers", jene für das Londoner Straßenbild so charakteristischen „fliegenden Händler", kutschieren mit Schätzchen und Freunden aus ihren Eselskarren ebenso stolz dahin wie die glänzendste „Gesellschaft" auf der Coach mit dem Viergespann, und stecken bleiben beide gleich oft im Gewühl. Allein, dafür geht es ja auch zum Derby, und wie das englische Sprichwort vom Turf sagt: „Aus dem Rasen und unter dem Rasen sind wir alle gleich." Der Unterschied von Rang und Geld erweckt hier kein böses Blut, und ein vielleicht zu derbes Witz- wort keine Entrüstung. Und wenn dann vor dem Renn°rt bei jener großen Staatsaktion des Tages, dem Lunch, auf dem Eselskarren „Futterbeutel" und Whisky-Flasche umgehen, während auf den hohen Kutschen die Picknick-Körbe ihre ausgesuchten Leckerbissen und Getränke darbieten, dann bleibt es noch eine Frage, wem es besser mundet und wer den andere» im stillen auch wohl beneidet.
Daß diese Hunderttausende sich aus allen Ständen zusammensehen, vom Königspaar mit seinem Hofgefolge bis zum Kohlenträger mit Weib und Gören, daß sie aus Palästen und Winkelgassen hervorgekommen, um jeder in seiner Weise einmal einen frohen Tag unter gleichgesinnten Seelen zu verleben, beeinflußt natürlich die ganze Stimmung des Derby. Gutgelaunte Leute sind leicht in Begeisterung zu setzen. Kommt dann endlich das große Tagesereignis heran, rasen die prächtigen Tiere die knapp 21/^ Kilometer lange Bahn in ebenso wenigen Minuten dahin, ist die atemraubende Spannung des letzten Kampfes um die Sieg bringende Nasenlänge vorüber und fuhrt der glückstrahlende Besitzer das edle Tier am Zügel an dem Hauptstand und der königlichen Loge voruver, dann umbrauscn ihn auch die Beifallsrufe der zahl- lostn Menge Selbst der- übliche persönliche Glückwunsch des Königs macht ihn wohl nicht stolzer als diese Huldigung, die das Holt dem guten Sportsmann darbringt, gleich viel, ob ™ an Pferde gewonnen oder verloren hat. Allerdings,
Unmögliches soll man dabei nicht verlangen von der menschlichen Natur. Geht etwa, wie 1898 und 1908, so ein „Schin- dergaul von Außenseiter" durchs Ziel, der keines Menschen
