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Donnerstag, 28. Mai 1914.
Morgen»ktusgabe.
Nr. 243. » 62. Jahrgang.
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Die nationale Einheitsschule.
©in Beitrag zur deutschen Lehrerversammlung.
Von Otto Pantsch (Berlin).
Die nationale Einheitsschule steht heute im Brennpunkt des pädagogischen Interesses. Es ist kein Zufall, sondern die klare Erkenntnis eines Kulturbedürsnisses, wenn der große deutsche Lohrerverein dies Thema auf seiner Pfingsttagung 1914 in Kiel behandeln will. Er hat der Bedeutung entsprechend das Referat in die Hände des Königlichen Oberstudienrates, Stadtschulrates- Dr. Kerschensteiner-München gelegt, der in der gesamten Kulturwelt als einer der führenden Geister auf dem Gebiete pädagogischer Reformideen anerkannt ist.
Die Forderung einer nationalen Einheitsschule ist die Konsequenz des R e chts- und So z i a lstaat e s, gezogen auf dem Gebiete des Unterrichts und der öffentlichen Erziehung. Im privilegierten Ständestaat mit ferner unüberbrückbaren Kastenabsonderung ist kein Raum für sie. Wer darum die Einheitsschule ;-uipft, der will der geschichtlichen Entwickelung in den Arm fallen und die Otaatslöce in Formen fest- halten oder gar neu beleben, die unter der Wucht der Tatsachen längst überholt sind. Staatsleben ist heute allgemeine Kulturförderung durch die Entwicklung individueller Kräfte zu höherem Rechts- und Sozial- bewußtscin. Darum ist es nicht zufällig, wenn heute in den Parteien, die man wohl als die '„Deutsche Linke" . bezeichnet, die nationale Einheitsschule eine mehr oder minder scharfe programmatische Anerkennung gefunden hat. Man soll aber nicht vergessen, daß die Erkenntnis von der Notwendigkeit und Bedeutung der Einheitsschule weiter geht, als die äußere Parteizuge- iwr-gkeit vermuten läßt. Wesen und Kern der Einheitsschule sind so volkstümlicher Natur, daß sie auch im Lager der Rechten, unter den politischen Anhängern der Konservativen und des Zentrums mehr Anhänger zählt, als man vermutet. Bayern hat schon seit langem die Grundlage der nationalen Einheitsschule, nämlich die allgemeine Volksschule. Trotzdem in Bayern das Zentrum die parlamentarische Mehrheit besitzt, denkt kein Mensch ernstlich daran, die allgemeine Volksschule abzuschaffen. Die Majorität der öffentlichen Meinung in Deutschland hat sich heute für die nationale Einheitsschule entschieden. Darum gebe man dem Volke, was des Volkes ist.
Der Gedanke der nationalen Einheitsschule ist immer dann am nachdrücklichsten vertreten worden, wenn der sittliche Gehalt der Staatsidee am lautesten betont wurde. In den Tagen der Wiedergeburt Preußens war Philosoph Fichte der beredtste Apostel einer einheitlichen Erziehung des Volkes. Denselben Gedanken vertraten Wilhelm v. Humboldt und Schleiermacher. In jenen Tagen .. machte sogar der preußische Staat den Versuch, die pädagogische und philosophische Forderung einer nationalen Einheitsschule in die Tat umzusetzen. Am 27. Juni 1819 legte die zu diesem Zweck eingesetzte Jmmediatkommission einen zum wesentlichen Teil vom Staatsrat S ü v e r n
Eine Unterredung mit Siegfried Wagner.
Die aufsehenerregenden Dokumente und Briefe, die die „München-Augsburger Slbendzeitung" zum Konflikt im Haufe Wagner der Öffentlichkeit zur Beurteilung der Sachlage übergeben hat, stellten die Person Siegfried Wagners als einziges anerkanntes Kind des Bayreuther Meisters in den Vordergrund der Betrachtungen. Das Nächstliegende in der ganzen Angelegenheit dünkte mir, den Versuch wenigstens zu wagen, Siegfried Wagner selbst zu sprechen und von ihm direkt Aufschluß zu erbitten.
München - Nürnberg - Schnabelwaid - Bayreuth: eine wunderbare Frühlingsfahrt durch das in Maienwonne prangende gesegnete Frankenland.
Bayreuth, dich grüß ich wieder, teure Stadt! . . . Nicht hinan zum Festspielhaus führt mich heute mein Weg, sondern stadteinwärts rollt der Wagen. Bald liegt die Brücke über den roten Main hinter mir, in der Richard-Wagner-Straße vor Wagners Villa hält der Kutscher.
Jungfrühling singt und grünt und blüht uni die in idyllischem Frieden daliegende Villa Wahnfried. Ein bartloser Diener öffnet und geleitet mich ins Haus. . . . Alte, kostbare Stiche in einfachen Rahmen schmücken die Stiegen- wände. Im großen Bibliothekzimmer empfängt mich Siegfried Wagner. Ohne Pose, ohne die geringste selbstgefällige Eitelkeit reicht er mir die Hand zum Willkommen.
Ich beginne: „Vielen Dank für den freundlichen Empfang. Ich gestehe offen, daß mir, als ich soeben vor Wahnfried aus- stieg und um Einlaß begehrte, das Herz doch ein wenig schneller klopfte. Der Zweck meiner Fahrt zu Ihnen ist die
ausgearbeiteten Unterrichts ges«tz - Entwurf vor, der in 113 Paragraphen die Volksschule und das Gymnasium umfaßte. In den allgemeinen Grundbestimmungen heißt es u. a.: „Die öffentliche Schule
soll Stamm und Mittelpunkt der Jugenderziehung und' so die Grundlage der N a t i o n a I e r z i e h u n g bilden. Ihre Aufgabe ist, die Erziehung der Jugend für ihre bürgerliche Bestimmung auf ihre möglichste allgemein menschliche Ausbildung zu gründen.
Die Schule gliedert sich bis dahin, wo die Tätigkeit der Universität beginnt, in drei Stufen: Allgemeine Elementarschule, Allgemeine Stadtschule und Gymnasium. Diese drei sind als eine einzige A n st a I t zur Nationaljugenderziehung zu betrachten und demgemäß in inneren organischen Zusammenhang zu bringen, indem unbeschadet des speziellen Zweckes, den jede einzelne Stufe verfolgt, die eine auf die andere vorbereiten kann." Die Welle neuen Lebens, die uns die Stein-Hardenbergjchen Reformen gebracht hatte, war schon im Abebben und Snverns Entwurf deckt noch heute nach fast 100 Jahren der Aktenstaub. Doch der Wille stark pulsierenden nationalen Einheitslebens, der aus ihm spricht, modert nicht unter den Toten. Pädagogen und Philosophen des letzten Jahrhunderts sind immer wieder bis in unsere Tage zu seinen begeisterten Jüngern geworden. Man denke an D i e st e r - weg neben Männern unserer Zeit wie Paul Natarp, Theobald Ziegler, Wilhelm W u n d t, Wilhelm Rein, Georg Kerschen st einer, nicht zu vergessen Friedrich P a u l s e n. Überall zieht sich derselbe nationale und soziale Gedanke durch ihre Schriften. Jedes fein konstruierte staatsbürgerliche Gewissen muß mit Naturnotwendigkeit bis zur Forderung einer nationalen Einheitsschule gelangen. Staatliche Kraft besteht in der Einheit des Wollens. Am klarsten hat Preußen- Deutschland diesen Gedanken auf zwei Gebieten zum Ausdruck gebracht: dem der Landesverteidi
gung — und des Rech t s. Was liegt näher, als die Wehrhaftmachung des Geistes von demselben, einheitlichen Gedanken zu leiten? Als König Friedrich Wilhelm III. die Jmmediatkommission zur Beratung eines Unterrichtsgesetzes berief, da saß in ihr auch ein Vertreter des Kriegsministeriums, der Generalmajor von Wolzogcn. Die Berufung eines solchen Militärs geschah in richtiger Erkenntnis der Zusammenhänge, die in einem Volke in Waffen zwischen Wehrkraft und Schule bestehen. Beides sind fein organisierte Ausdrucksformen eines hochentwickelten Staats- und Nationallebens. Ebensowenig wie man die alte erbärmliche Reichsarmee als solche ansprechen konnte, ebensowenig vermag eine zerrissene Kasten- und Standesschule Repräsentant starken staatlichen Einheitslebens zu sein.
Doch die Einheitsschule repräsentiert nicht nur die Gediegenheit und Geschlossenhe i t staatsbürgerlicher Gesinnung und Tüchtigkeit, sie ist geradezu die Vorbedingung dessen. Alle Kultur stirbt oben ab. Das Volk ist der Jungbrunnen der Nation. Freie Bahn für das Talent, für moralische und geistige Tüchtigkeit ohne Rücksicht auf Geburt, Geldbeutel und
Bitte um Gewährung einer Unterredung in der Angelegenheit des peinlichen Zwistes im Hause Wagner. Darf ich einige Fragen an Sie richten?"
Ohne Erregung, mit überzeugender Ruhe und Gelassenheit erwidert Siegfried Wagner: „Ich habe es bisher vermieden, persönlich irgendwie in das Verfahren einzugreifen. Allen bisher erschienenen Veröffentlichungen stehen meine Mutter und ich durchaus fern. Noch vor wenigen Tagen habe ich in Aachen dirigiert und an die dortige Presse eine kurze Erklärung gegeben, daß das Haus Wahnfried, was auch in der Presse erscheinen möge, wie bisher so auch fernerhin jede Stellungnahme vermeiden werde. In der kurzen Zeit aber, die zwischen heute und meinem Aachener Konzert liegt, sind in Zeitungen und Zeitschriften die Dinge geradezu auf den Kopf gestellt worden. Selbst dazu hätte ich geschwiegen, aber nachdem nicht nur die Ehre meiner Mutter und meine Ehre angegriffen und befleckt worden ist, sondern auch, ob in blindem Wahn oder aus Überzeugung, will ich nicht untersuchen, auf Wahnfried mit vergifteten Pfeilen geschossen wird, wäre, um mit Schiller zu sprechen, länger Schweigen Verrat. Ich bitte Sie, mich zu fragen, und Sie sollen rückhaltlose Antwort erhalten."
Siegfried Wagner geht im Zimmer auf und ab, tritt zuweilen auf den geöffneten Balkon und horcht hinaus in den Frühling, der rhythmische Weisen eines nahen Konzertes bis zu uns ins Zimmer trägt. Nach kurzer Pause zieht Siegfried ein Paket Briefe und Zeitungsausschnitte aus der Tasche und legt sie auf den Tisch mit den Worten: „Da! .... Das ist das Resultat der Schmähungen gegen Wahnsried, gegen meine Mutter und mich. Lesen Sie selbst und sagen Sie mir dann: Ist die öffentliche Meinung in dieser Angelegenheit vergiftet oder nicht? . . . Die Presse war, das mutz ich nach Durchsicht der mir zu Gesicht gekommenen Schmähartikel unbedingt annchmen, nur einseitig unterrichtet. Hätte sie sonst
Stand, ist der erste Grundsatz der nationalen Einheitsschule! KeimVolk kann der Führer entraten, sei es auf dem Gebiete der Religion, Moral, Kunst, Wissenschaft oder Technik. ^ Noch nie ist ein Volk an einem Überfluß von Führern zugrunde gegangen. Sie wachsen aber nicht nach den Grundsätzen der Geburt und der Anciennität. Das weise Walten der Natur legt sie in wenige Wiegen, bald im Palast, bald in der Hütte. Seien wir darum in unserer Schulorganisation nicht klüger als bte Vorsehung selber. Wo wir jedem jungen Menschenkinde gemäß seinen Anlagen den Weg zu allen, auch den höchsten Kulturschätzen öffnen, da nehmen wir eine Auslese der Besten vor. Es ist sicher nicht ein blindes Ungefähr, daß die streitbare, römische Kirche so oft den Staat in die Knie gezwungen hat. Nicht ohne Nachdenken konnte man lesen, daß Deutschlands jüngst verstorbener höchster Kirchenfürst ein armer Weberssohn war. In den hohen Kirchenämtern sitzt die n n v e r b r a u ch t e N a t u r k r a s t des Volkes, in manchem verantwortungsvollen Staatsamt der Günstling der Clique ohne besondere geistige Qualifikationen. Uns Deutschen täte eine nationale Einheitsschule doppelt not, weil wir in Glaubenssachen noch immer nicht jene Duldung gelernt haben, die dem Volk Friedrichs des Großen allein geziemt. Wo Kinder eines Volkes aber verschiedenen Glaubens gemeinsam die Reichhaltigkeit des nationalen Kulturlebens kennen lernen, da muß der Streit um Dogmen und äußere Knlturformen sich mildern, ohne daß man hüben und drüben weniger ein treuer Sohn seiner Kirche wird. Die Einheitsschule verwischt nicht kon- fessionelles Sonderleben, aber sie nimmt ihm durch gegenseitiges M i t e i n a n d e r l e b e n die Schärfen des Haders in Glaubenssachen. Was je groß war in deutschen Landen, gehört dom ganzen Volke, ein Luther sowohl wie die Kirchenkunst des katholischen Mittelalters.
Die Privilegierten und Exklusiven sind die geschworenen Feinde der nationalen Einheits- sckmle. Sie werden den Gedanken solange hemmen, als sie noch Einfluß in hohen Regierungsämtern haben. Sie können aber auf die Dauer das Kraftreservoir nicht füllen, das notwendig ist, um den Strom deutschen Lebens in politischer, wirtschaftlicher und geistiger Hinsicht in Fluß zu erhalten. Was die Zollschranken und Schlagbäume im Deutschen Reiche alter Bundesohnmacht waren, das ist heute hie Zerrissenheit unserer Kasten-, Standes- und Geldsackschulen. Auch sie werden einst dem Gespött der Geschichte verfallen wie jene.
Gsterburg-Ztendal.
Das Ergebnis der Reichstags-Stichwahl in Oster- burg-Stendal muß als in jeder Beziehung erfreulich bezeichnet werden. Es ist den Liberalen nicht nur gelungen, die sozialdemokratischen Stimmen scheinbar sämtlich auf sich zu vereinigen, sondern darüber hinaus noch einen ganz beträchtlichen Stimmenzuwachs zu erringen: und die Konservativen sind in einer unerwartet überwältigenden Weise aufs Haupt ge-
in Wien und Berlin, in Breslau und in Köln, in München und Dresden, in Leipzig und Mannheim: kurz allerorten und ohne Ausnahme als Tatsache ausgeben können, daß meine Mutter und ich den Prozeß' „frivol heraufbeschworen haben", daß wir Kläger sind? Das ist ja die ungeheure Unrichtigkeit, die den Sturm, den ungerechtfertigten Sturm gegen Wahnsried entfacht hat. Wir hüten, in Bayreuth das ideale Erbe Richard Wagners mit einer Sorgfalt, daß wir uns allem weltlichen Treiben, allen Vergnügungen und Freuden so gut wie ganz entziehen, daß wir uns wegen unserer Zurückgezogenheit den ungerechtfertigten Vorwurf des Stolzes zugezogen haben. Unser aller Denken, Sinnen und Trachten, die wir hier in Bayreuth sind, zu Wahnfried in Blutsverwandtschaft stehen und seinen Gral zu hüten berufen wurden, ist nur auf Richard Wagner und seine Werke gerichtet. And da sollten wir es über uns bringen, auch nur das Leiseste zu tun, das einen Schatten auf Wahnfried Wersen könnte? . . . Aber die Zeitungen haben's ja gedruckt, die öffentliche Meinung hat's prüfungslos nachgesprochen, also: Nieder mit Bayreuth! So lange ich Wahnsried zu hüten habe, so lange mutz für mein Tun und Lassen mein Gewissen, aber nicht Zeitungspolemik mir Richtschnur sein.'
Ich: erklären also auf das bestimmteste, daß Wahn
fried den Prozeß weder gewollt noch angestrengt hat?"
Siegfried: „So bestimmt es denkbar und möglich i?t. Weil ich nur unserer großen Sache zeitlebens diene und immer dienert will, darum habe ich überhaupt niemals mit materrellen Fragen unseres Hauses zu tun gehabt. Das be- sorgt Gehermrat Adolf v. Groß. Auch so weit die pekuniären Bedürfnisse von Frau Isolde in Frage kamen; niemals haben .mente .lauter oder ich Frau Isolde pekuniär gekürzt. Bgn ^ - , en Forderungen wußten wir kaum etwas, sie wurden
einfach bewilligt, bezahlt. Das ging bis 1913, wo schon im ersten «emester über 15 000 M. an und für Frau Isolde ge-
