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Mittwoch, 27 . Mai 1414 . Morgen > Kusgabe. Nr. 243 . . 62. Jahrgang.

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Mbanien.

O Berlin, 25. Mai.

sich Las Schicksal des Fürsten Wilhelm von Albanien noch zum Guten wenden kann, ist schwer ab­zusehen. Die ganze bisherige „Regierung" des Fürsten war eine Kette von Fehlern, für die er selbst freilich nur in sehr bedingter Weise verantwortlich ge­macht werden kann. Der größte Fehler war die Schaffung dieses künstlichen Staatswesens über­haupt, aber auch hier muß man Gerechtigkeit walten lassen und demgemäß anerkennen, daß dieser Grund­fehler nicht vermieden werden konnte. Es mutzte ver- sucht werden, die drohende Zuspitzung der Inter­essengegensätze zwischen Wien und Rom, die sich er- geben hätten, wenn die Ostküste der Adria für italie­nische Ausdehnungswünsche verfügbar geworden wäre, durch eine tatsächliche Neutralisierung dieser Küste fernzuhalten. Das Gebot, ein Fürstentum Albanien zu schaffen, wurde für die Ballplatzpolitik vollends dringend, weil anderenfalls der gefürchtete Vorstoß Serbiens als eines russischen Vor- Postens zum Meere Tatsache geworden wäre. Man kann den Pflock allerdings noch weiter zurückstecken und fragen, warum sich Österreich-Ungarn Serbien durchaus zum erbitterten Feinde groß- f i e h e n mußte, aber diese Dinge stehen als unum­stößliche Tatsache, an der jetzt nichts mehr zu ändern ist, außerhalb der Erörterung, und über die Schwierig­keiten des Augenblicks hilft es nicht hinweg, wenn man untersucht, wie alles hätte anders gemacht und durch- geiührt werden können. Man kann kaum annehmen, u s Graf Berchtold nicht vorhergesehen haben soll,

■ dornenvoll die Aufgabe werden mußte, Albanien au' eigene Füße zu stellen, aber ein so schnelles Ende

- verfehlten Versuchs wird man in Wien doch nicht

- nutet haben. Tie Möglichkeit, den Fürsten Mil­an so zu stützen, daß die Staatsmaschine leistungs-

uag in Gang kommen kann, ist nur noch gering, und' so steht man da, wo man vor der Schaffung Alba- mens stand, alio vor dem Problem, wie die Verhältnisse der Ostküste der Adria geordnet werden sollen, ohne i Österreich-Ungarn etwas von seinen berechtigten asvri'chen ans Verhinderung einer Überflügelung a-rch Serbien sbezw. Rußland) aus der einen und durch .sien auf der anderen Seite etwas aufzugebcn nuhte. Die leidenschaftlichen Angriffe der italie- ; s ch e n B l ä t t e r auf Österreich-Ungarn müssen i-armst ernstgenommen werden, weil sie als der Wider- all eines sehr bedauerlichen Mißtrau ens der italie»

-sthen Regierung gegen das Donaureich zu verstehen sind.

Wir in Deutschland haben keine Veranlassung, .mit beschwichtigender Behutsamkeit um die Dinge tzernnnureden. wir werden das Übel nicht ans der Welt 'chatten, wenn wir die Äugen davor verschlössen, daß gnsere.beiden Verbündeten, die gewiß den besten Willen- nr Verständianna haben, dort unten nun doch in schsiminen. Interessengegensatz geraten sind. Wohl

Die Flottenreise nach Wejiasrika und Südamerika.

IX.

Chile—Punta Arenas, Corral, Baldivia.

Argentinien hatte uns in Mar del Plata mit schlechtem Wetter enipfangen, und cs entließ uns mit Sturm und Regen. Die Abreise aus der La Plata-Mündung am 15. März nachmittags ging nicht leicht vonstatten. Am Vormittag hatte ..König Albert", welcher zum Frühstück Gäste erwartete, seine große Dampfbarkasse in den Jnnenhafen geschickt. Gegen Mittag fing es plötzlich an, ziemlich heftig zu wehen, und in der kürzesten Zeit stand in dem stark strömenden Riesenfluß und besonders vor der Einfahrt zwischen den Molen in den Jnnenhafen eine derartige See, daß das Boot nicht wieder auslaufen konnte. — Die Gäste waren bei diesem Wetter garnicht erst am Hafen erschienen. Erst abends konnte die Barkasse unter Geleit der „Straßburg" auslaufen, und durch' ein vorzügliches Manöver des Kreuzers gelang es, sie unbe­schädigt an Bord wieder einzusetzen.

Schön hatten die Linienschiffe die ganze Zeit über dort im schmutzig gelben La Plata nicht gelegen, da sie im besten Falle 1 bis 2 Fuß unter dem Kiel hatten, kein Wasser, son­dern „den Sohn des Wassers und der Erde", flüssigen Schlamm. Das ist keine Freude für Frischwassererzeuger und Kondensatoren, und so war manch einer froh, als wir wieder im blauen Wasser südwärts steuerten — gegen Chile.

Der östliche Teil der Magellansstraße führte uns bei Sonnenschein und frischer Brise durch interessante Felsge­bilde und an graugelben öden Steppen vorbei, zuweilen auch durch gefährlich enge Passagen hindurch, bei denen die Hoch­achtung vor dem alten Seefahrer Magellans außerordent­lich wächst, nach Punta Arenas, der südlichsten Stadt des Kon­tinents Amerika, wo uns zuerst Chiles Farben grüßten.

gibt es ein Mitte l, diese Kluft zu überbrücken, aber es wäre eine Radikalkur, die überdies nicht vom Willen Österreich-Ungarns und Italiens allein abhinge, son­dern nur mit Zustimmung auch der Mächte des Drei­verbands (die unsrige wäre natürlich zu haben) durch­geführt -werden könnte. Sie bestände in der Auf­teilung Albaniens durch die beiden Adria- mächte. Man braucht aber, wie gesagt, diese Möglichkeit nur anzudeuten, um zu wissen, wie nebelhaft fern ihre Verwirklichung liegt. Was zu geschehen hätte, wenn der hier angedeutete Versuch zu unterbleiben hat, das ist gänzlich ins Ungewisse gestellt. Selbstverständlich wer- den starke Bemühungen stattfinden, um dem Fürsten Wilhelm das Verbleiben im Lande und die Ausübung irgendeiner Regierungstätigkeit zu ermöglichen; viel­leicht auch wird es eine Weile einigermaßen gehen. Aber wer der Einbildung lebt, daß die Albanesen mit ihrer sprachlichen und religiösen Zerklüf­tung den Grundstock zu einem Staatswesen nach europäischen Begriffen abgeben könnten, der betrachtet das staatlich-gesellschaftliche Leben nur als einen Mechanismus und nicht als einen Organis­mus. Dies Gebiet ist immer nur von außen beherrscht worden, wie soll es sich jetzt plötzlich von innen her­aus selber regieren können? An Warnungen hat es dem Fürsten Wilhelm nicht gefehlt, aber er hat weder auf den Kaiser noch auf den Reichskanzler hören wollen.

„So fft es, bas süße Lanö!"

(Von unserem Pariser Mitarbeiter.)

O. L. Paris, 25. Mai.

„Le voilä, le „Doux Pavs"!" — Der Groß­industrielle Clement-Bayard, Kommandeur der Ehren­legion, reiste in Deutschland mit drei Franzosen. Alle vier wurden verhaftet, der Leibesuntersuchung und Messung unterzogen, sechsunddreißig Stunden im Ge­fängnis behalten, unter Spionage-Beschuldigung." Diese fetten Titel und Untertitel schmücken heute den „Matin", der nach einigen Wochen beinahe beunruhigenden Schweigens wieder seine Ausfälle gegen Deutschland begonnen hat und so glücklich ist, ganz allein in der französischen Presse heute das (in der Morgenausgabe schon erwähnte. Schristl.) Kölner Abenteuer des be­kannten Automobil- und Luftschiff-Fabrikanten Clement- Bayard vermelden zu können. Man lese die Ein­leitung, die der „Matin" seinem Bericht voranstellt:

„Die Freude, mehr als die Freude, die Ehre, in einem freien Lande zu leben, wird heute früh von allen Franzosen verspürt werden, wenn sie erfahren, unter welchen llmständen in Deutschland vier unserer Landsleute, darunter Herr Clement-Bayard, Komman­deur der Ehrenlegion, arretiert, ausgesucht, photo­graphiert, gemessen, während 36 Stunden in unbe­schreiblichen Zellen eingekerkert und dann ohne eine Entschuldigung freigelassen wurden. Der Vorwand? Selbstverständlich die Spionage. In einem Lande, wo die Karikaturisten als Verräter betrachtet werden,

Hier begann unsere Fahrt an Chiles Küsten, die in der Tat einem Triumphzug vergleichbar war; von Hafen zu Hafen immer aufs neue wurden wir überrascht durch die Kraft, mit der das deutsche Element sich hier durchgesetzt hatte von Punta Arenas bis nach Valparaiso hinauf, und, nach den Telegrammen zu urteilen, die uns mit heftigem Verlangen — leider vergeblich — weiter nach Norden hinaufriefen, fast durch die ganze Republik Chile hindurch. Die Zahl der Deutschen ist erstaunlich groß, die sich von der Küste bis zur östlichen Grenze kultivierend und kolonisierend niederge­lassen haben, und geradezu überwältigend war für uns die Freude und Begeisterung, mit der die deutschen Kriegsschifte allerseits dort begrüßt wurden — von reichsdeutschen Lands­leuten, von längst chilenisch gewordenen Leuten deutscher Abstammung und deutschen Namens, und von den Chilenen selbst. — DaS war nicht nur wie im allgemeinen sonst, wohin wir kamen, Freude des deutschen Kaufmanns über den Be­such des Geschwaders, die doch auch materiellen Hintergrund hatte in der Ehre und dem Ansehen, die ihm bei seinen Kun­den erwuchsen, es war nicht nur gastliche Liebenswürdigkeit eines fremden Volkes und Bewunderung für den Kriegssee­mann, von der man sich anderwärts immerhin sagen mußte, daß sie unserer Nationalität jedenfalls nicht allein und in erster Linie galt — das war eine helle allgemeine Begeiste­rung für die ehernen Grüße aus der deutschen Heimat und seitens der Chilenen eine Dankes- und Lobeskundgebung an die Nation, die stark und treu ihnen bei Erschließung, Be­bauung und Verteidigung ihres Landes am meisten und un­eigennützigsten geholfen hat.

Ein Beispiel vorweg: Aus einer kleinen Kolonie im

Binnenlands kam eine Expedition von 25 deutschen Männern und Frauen „zum Flottenfest", d. h. zu einem drei Nachmit­tagsstunden währenden Empfang an Bord und zur Besichti­gung der Schiffe. Es waren Leute, die vor langen Jahren ausgewandert waren, zum Teil fünfzig, ja sechzig Jahre alt. Sie hatten sechs Stunden zu reiten und 7 Stunden Eisen­

müssen die Reisenden als Spione betrachtet werden. Wir könnten versucht sein, Gegenmaßregeln zu for­dern. Unsere Boulevards, unsere Chausseen und un­sere Flugfelder sind überfüllt von Deutschen, die in ihrer Neugierde ganz außer Rand und Band sind. Als Rußland eines Tages genug davon Hatte, gegen die Brutalität der germanischen Polizei zu protestieren, entschloß es sich eines Tages, auf jede Verhaftung eines Russen mit der Verhaftung eines Deutschen zu ant­worten. Sogleich wurde den Untertanen des Zaren Nikolaus in Deutschland wieder fteier Verkehr gewährt. Der Protest, den unsere Diplomatie erheben wird, dürfte gewiß weniger energisch sein. Aber solche Tat­sachen müssen uns in die Erinnerung rufen, daß Deutschland und Frankreich voneinander durch die Weite einer Zivilisation getrennt sind."

So bedauerlich die Verhaftung des Herrn Clement- Bayard und seiner Gefährten sein mag, so notwendig es ist, daß die deutschen Behörden nach den letzten irr­tümlichen Verhaftungen von Ausländern, die von der deutschfeindlichen Presse zum Nachteil des Fremden­verkehrs ausgeschlachtet werden, nur bei schwersten Der- dachtsgründen einschreiten und auch dann, ehe Beweise vorliegen, mit der jedem noch nicht der Schuld über­führten Angeklagten zuzubilligenden Rücksichtnahme — Angriffe, wie sie der „Matin" heute gegen das ganze deutsche Volk richtet, wirken gerade wegen ihrer Maß­losigkeit lächerlich. Zu viele Franzosen reisen in Deutschland und begegnen der höflichsten Aufnahme, als daß man in der Republik nicht die groteske Über­treibungen des „Matin" zu würdigen wüßte. Aller­dings, jenen Chauvinisten, die um keinen Preis an eine deutsche Zivilisation glauben wollen, wird das Blatt eine Freude bereitet haben. Der „Matin" hat soeben mit Erfolg eine Kampagne beendet, die dem seit vier Monaten im Kerker schmachtenden Ingenieur Pierre (der Ermordung des Pulverfabrikanten Cadiou beschuldigt) endlich die Freiheit wiedergab, und kennt die Langsamkeit mancher Untersuchungsrichter. Damit wollen wir nicht entschuldigen, daß man in Köln 36 Stunhen brauchte, um die Identität der Franzosen fest­zustellen, die ihre Ausweispapiere vorzeigten und sich auf einen Namen beriefen, der auch in Deutschland ge­nügend bekannt ist. Man sollte vor allem Ausländern nie verweigern, sogleich ihren Konsul zu benachrichtigen. Wenn in dieser und anderer Hinsicht in Köln gefehlt wurde, wird die französische Diplomatie, die Clement- Bayard anrusen will, ohne Zweifel durch Bestrafung der säumigen Beamten Genugtuung erhalten. Eine politische Bedeutung darf darum dem Vorfall nicht bei­gemessen werden.

Herr Clement-Bayard beschreibt selbst seine in­dustrielle Erkundungsfahrt, die ihm in Deutschland Kenntnis einiger Einrichtungen und Erfindungen ver­schaffen sollte, die mit der Landesverteidigung in Ver­bindung stehen. Man sieht in solchen industriellen Spürereien keine Spionage, obschon sie zuweilen zu Verdachtsgründen führen — auch deutsche Ingenieure hatten in Frankreich schon Verhöre zu bestehen, wenn

bahnfahrt bis zum Hafen und reisten am nächsten Tage zurück. Die Begeisterung, die nach ihrer Rückkehr in die Hei­mat in der Übersendung von Fässern von Äpfeln und anderem Obst für die Besatzungen und besonders in ihren Briefen ihren Ausdruck fand, hatte etwas ungemein Rührendes. Es spiegelte sich darin die Überraschung eines Menschen, der vor 25 Jahren ein zur See schwaches, im Auslande wenig be­deutendes Deutschland verlassen hatte und nun, an einen wirklich erheblichen Aufschwung des deutschen Vaterlandes in seiner Einsamkeit nicht glaubend, in seinen Hoffnungen durch die ausländische Presse immer wieder enttäuscht, sich plötzlich überzeugen darf, daß Deutschland seinen Platz an der Sonne eingenommen hat und behaupten wird, und däß die alten deutschen Tugenden: unbedingte Zuverlässigkeit, Unbestech-

lichleit, Manneszucht, Energie, verkörpert in den Panzer­schiffen und ihren Besatzungen, es sind, die dem Vaterlands seine Stellung sichern. — Es strömte von fern und von nah aus dem Binnenlande zu den Häfen zusammen, und die starke anfängliche Verstimmung der flottenfreundlichen Deut- scheu in mehreren Häfen Chiles, die aus Mangel an Zeit beim besten Willen nicht noch angelaufen iverden konnten, löste sich bald allgemein nach dem fröhlich zitierten Satze: Wenn der Berg nicht zum Propheten kommt, mutz eben der Prophet zum Berge gehen.

*

Punta Arenas, mitten in der Magellansstraße gelegen- ist ein nrcht unwichtiger Handelshafen für die ErzeugniffS Patagoniens, Kohlen- und Umschlagsplatz. Auch die chile- ursche Kriegsmarine ist stark in ihm vertreten, denn der chile-» nische Seeoffizier muß ein Jahr in den südlichen, schwierigen Patagomschen Gewässern und Kanälen Dienst getan haben, bevor er zum Stabsoffizier befördert werden kann.

Äußerer Luxus und Eleganz fehlen hier. Komfortable Restaurants und Klubs gibt es hier nicht. Auf den holprigen Straßen sieht man keine Automobile, keine Kutschen oder Droschken. Nicht ohne Schwierigkeiten haben sich die wohl-