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Verlag Langgaffe 21

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Dienstag 26. Mai 1924.

Morgen-Ausgabe.

Hr. 241. ♦ 62. Jahrgang.

Die SEsoTöUKgZVorlage in preutzen.

Die Beratung per preußischen Besoldungsordnung hat an diesem Montag im Abgeordnetenhaus begonnen. Das Abgeordnetenhaus wird sich bei der Behandlung Vorlage voraussichtlich auf den Standpunkt stellen, unabhängig vom Reiche die Be s o l-d u ng sv e r- b e s s e r u n g e n für eine größere Anzahl von Beamten zustandezubringen. Noch im vorigen Jahre war der preußische Finanzminister nicht geneigt, Abänderungen der Besoldungsordnung des Jahres 1909 durchzuführen, obwohl dieses Gesetz eine Menge von Härten und Un­gleichheiten gezeitigt hatte. Jetzt hat nun endlich, dem Borgehen des Reiches folgend, auch die preußische Re­gierung eine Vorlage eingebracht. Wie sehr zu einer solchen Novelle Anlaß gegeben ist, beweisen die gerin­gen Einkommensbeträge, welche die preußischen Unterbeamten zurzeit noch erhalten.

Insgesamt gibt es heute in Preußen etwa 92 000 Beamte, deren Anfangsgehalt 1100 M. beträgt. Unter dielen sind heute noch etwa 18 000 Unterbeamte vor­handen. die erst im Alter von 36 bis 37 Jahren zur Anstellung gelangen und dann ein Anfangsgöhalt von 1100 M. erhalten. Dieses gewiß nicht hohe Einkorn- men steigt in den ersten 6 Jahren alle 3 Jahre um nur 40 M. und in den folgenden 9 Jahren alle 3 Jahre so­gar um nur je 30 M. Es leuchtet ohne weiteres ein, daß mit einem so geringen Einkommen die oftmals kinderreichen Familien der Unterbeamten bei den ge­steigerten Preis-Verhältnissen unmöglich auskommen können.

^ In die Besoldungsaufbesserungs-Novelle der preu­ßischen Regierung sind nun die Klassen 1 bis 4 und teil- weise o eingeschlossen, sowie für die mittleren Beamten me Klassen 13 bis 16. In den erstgenannten Klassen soll den darin befindlichen Unterbeamten, das sind Bahnwärter, Weichensteller, Schaffner, Wagenaufseher usw., je eine Zulage von 100 M. gewährt werden. Für die erwähnten mittleren Beamten findet eine 6 v Höhung des Gehalts von 1650 bis 3300 M. aus 1800 bis 3600 M. statt. In der Begründu n g zur Vorlage führt hierzu die Regierung aus, daß für die hier in Rede stehende A s s i st e n t e n k I a f s e die Er- Höhung um deswillen vorgenommen wird, weil die R e i ch s assistenten inzwischen aufgebessert seien. Hin­sichtlich der Unterbeamten sagt die Begründung, daß die Aufbesserung deshalb gerechtfertigt sei, weil seit der letzten Bssoldungsregulierung die eingetretenen Preis- Verschiebungen sich im Haushalt der geringer besoldeten Unterbeamten besonders benrerkbar machten — eine Tatsache, die sicher von niemand bestritten werden kann, deren Erwähnung aber gleichzeitig weiß Gott kein Ruhmesblatt für unsere Wirtschaftspolitik ist.

, Hierbei mutet es nun sonderbar an, daß die Regie­rung in die Besoldungsvorlage nicht die Klassen 6 bis 13 der U n t e r b e a m ten ausgenommen hat, das

ist die große Zahl der g e h o b e n e n Unterbeamten, der Lademeister, der Wagenmeister, der Unterassisten- ten usw., deren Gesamtzahl nicht weniger als etwa 96 000 beträgt. Eine Berücksichtigung dieser Beamten­kategorien mit je 100 M. würde demnach eine Mehr­ausgabe von etwa 10 Millionen verursachen. Die preu­ßische Regierung meint, daß eine sachliche Notwendig­keit zur Aufbesserung dieser Beamten nicht vorliege und auch die preußischen Finanzen eine weitere Be­lastung um den eben genannten Betrag nicht auf sich nehmen könnten. Für die Beamten, die durch die Be­soldungsvorlage der Regierung bedacht werden sollen, wird der Staat 19,3 Millionen mehr auszubringen haben. Man sollte nun aber meinen, daß der preußi­sche Staat sehr wohl auch noch jene 10 Millionen für die gehobenen Beamtenklasse tragen kann. Der Finanz­minister Dr. Le n tz e hat allerdings wiederholt in Be- sprechungen mit den Vertretern der Parteien erklärt, daß die Regierung nach dem Beschlüsse des Staats­ministeriums einer Erweiterung der Vorlage nicht zustimmen könne. Inzwischen ist ja nun bedauerlicher­weise die Vorlage im Reichs gescheitert, damit entgeht etwa 36000 Unterbeamten die Aufbesserung von 100 Mark jährlich. So sollte man wenigstens in Preußen versuchen, die Vorlage nach Möglichkeit zu ver­bessern und zu erweitern, nämlich einmal dahin, daß die ausgeschlossenen Klassen berücksichtigt werden, zum anderen dahin, daß auch bei einigen mittleren Be- amtenklassen die eklatant zutage tretenden Härten be­seitigt werden. Freilich, allzu große Hoffnun­gen darauf, daß man weitere Verbesserungen in die Vorlage hineinbringen könne, sind nicht vorhanden, da ja bereits konservative Politiker, u. a. Freiherr von Zedlitz, die Regierung scharf gemacht haben, nicht über den Rahmen der Vorlage hinauszugehen. Die Situation ist naturgemäß durch die Vorgänge im Reich für die Beamten ungünstiger geworden, da dort keine Beamtenklasse überhaupt etwas bekommt: und so wird die preußische Regierung noch weniger als bisher ge­neigt sein, weitergehenden Wünschen des Parlaments und der Beamten nachzukommen.

Bei einer solchen Lage der Dinge ist es übrigens er­freulich, daß namentlich die großen Jnteressenverbände der Unterbeamten, insbesondere die soziale Arbeits­gemeinschaft, der mehr als 160 000 Unterbeamten ange­schlossen sind, durchaus erreichbare Forderun­gen vertreten. Bei dieser Gelegenheit darf betont werden, daß es auch nicht im "Interesse der Beamten gelegen sein kann, wenn hin und wieder Forderungen gestellt werden, die übertrieben sind und deren Durchführung nach Lage der Verhältnisse nicht möglich ist. Im Interesse der großen Masse der preußischen Beamten ist jetzt zu wünschen, daß eine Verbesserung der Besoldungsnovelle von 1909 erreicht wird, selbst wenn diese nicht ausreichend sein sollte. Denn die Negierung wird nicht umhin können, an Stelle des jetzigen Stückwerks in den nächsten Jahren eine all­gemeine Nachprüfung der Besoldungsverhältnisse eintreten zu lassen.

politische Übersicht.

Ssasonows Rede.

.... O Berlin, 24. Mai.

Der offiziöse Petersburger Bericht über Ssasonows Rede laßt erkennen, daß Ssasonow das Verhältnis Rußlands zu g-ranireich und England in den Mittelpunkt seiner Ausfüh­rungen gerückt hat. Man kann es ihm gewiß nicht verdenken, wenn er die Solidarität der Mächte des Dreiverbandes rühmt und von ihr erklärt, sie habe beträchtlich zur glücklichen Lösung der Krise beigetragen. Der russische Minister des Auswär­tigen tut mit dieser Versicherung nur dasselbe, was die Minister des Dreibundes vorher auch getan haben, und mau braucht nichts Besonderes hinter dieser Betonung in der Reichsduma zu suchen. Auch wird es ja ohne Einschränkung geglaubt, daß das Bündnis zwischen Rußland und Frankreich ,,unerschütterlich" ist. Gerade das Verhalten Rußlands in der jüngsten Zeit gegen uns und Österreich-Ungarn hat genügend bewiesen, daß sich der verbindende Faden zwischen Petersburg und Paris noch fester als bisher schon verknotet hat, und in dieser Beziehung konnte deshalb Ssasonows Rede nur die Bestätigung von Wahrnehmungen bringen, deren Ernst und Wichtigkeit bei uns und unseren Verbün­deten längst erkannt worden ist. Wie eigentlich selbstverständ­lich' sprach Ssasonow von dem Verhältnis zu England in etwas anderem Tone als in dem zu Frankreich. Hier konnte er nicht von einem Bündnis oder auch nur von unerschütter­lichen Beziehungen sprechen, aber man darf sich nicht ver­hehlen, daß er gleichwohl das Verhältnis sowohl mit ausge­sprochenen Worten wie mit Andeutungen, die hinter den Worten zu suchen sind, gleichfalls als ungemein fest und als Quelle der Befriedigung für die russische Politik geschildert hat. Wre man sich erinnert, >var vor einigen Monaten ge­meldet worden, daß I s w o l s k i eine neue Einrichtung an­geregt habe, nämlich eine ständige Fühlungnahme der Botschafter Rußlands und Frankreichs in London mit' Sir Edward Greh über alle auftauchenden Fragen der auswär­tigen Politik. Nach Ssasonows Darstellung muß man an­nehmen, daß diese Einrichtung in der Tat getroffen worden ist. Das bedeutet gewiß noch nicht die Umwandlung de? bis­herigen Verhältnisses in ein regelrechtes Bündnis, wie -S besonders Jswolski betreibt, aber es kommt ja nicht aus Worte und Begriffe, sondern auf Tatsachen an, und so muß man sich denn ivohl klar darüber sein, daß das Einvernehmen der Mächte des Dreiverbandes gegenwärtig enger als zuvor ge­worden ist. Die Bedeutung dieser Tatsache wird allerdings durch die nicht weniger sichere Wirklichkeit einer fortschreften- den Entspannung zwischen London und Berlin ab- geschwächt. Nach dem berühmten Bismarckschen Muster könnte man von einer britischen Rückversicherung bei uns sprechen, und jedenfalls zeigt sich die englische Politik bemüht, für einen Ausgleich zu sorgen. Mit Befriedigung kann die Erklärung aufgenoinmen werden, daß nach den heftigen Erschütterungen im Südosten eine ruhigere Periode begonnen habe und daß keine Spannung mehr zu spüren sei, die begründeten Besorg­nissen Raum geben würde. Damit ist vor allem ausgedrückt, daß das Verhältnis des Zarenreiches zur Donau'-a Monarchie im Augenblick keine Verschärfung aufweist. Aber vielleicht konnte Herr Ssasonow so sprechen, weil er seines Erfolges in dem gegenwärtig wichtigsten Staatswesen

Das Autodafv des Dichters.

Zu Sealsfields 50. Todestage (26. Mai)?)

Von Hans Winand.

Vor mehr als fünfzig Jahren pochte ein junger Student mit seinem Wanderstocke an die verschlossene Tür eines be­scheidenen Bauernhauses, -das abseits des Weges, der vom Weiß-enstein durch die Talebene der Aare nach Solothurn hincchführt, sein Giebeldach trägt. Es goß in Strömen. Die Firnenkette, die bei dem klaren' Wetter des Morgens von den Kämmen des Jura bis hinab züm Montblanc in rötlichem Weiß sichtbar gewesen war, hatten schwere Regenwolken grau verhängt. Der junge Mann, der jetzt ungeduldig zum dritten­mal gegen die Türbalken des Hauses schlug, war bei der Mit­tagsrast ans der Halde vom Schlum'mer ü'bermannt worden und erst erwacht, als der Regenwind -schon zornig die Dannen zauste. Nun suchte er, bis auf -die Haut durchnäßt, Schutz gegen das Wetter. Allein dem Musensohn schien das Geschick nicht freundlich gesinnt, denn niemand kam, ihn einzulassen. Schon wollte der junge Wanderer mit derber Verwünschung sich abwendem als ein dünnes Knirschen im Türschloß ihn innehalten ließ. Unter dem Druck einer unsichtbaren Hand _-

*) Charles Sealssield, der klassische Meister des „exotischen Romans", dessen vA'kervshcho-lomsche Dichtungen z-um erstenmal den kulturellen Gegensatz zwischen der alten und der neuen Welt dargestellt haben, findet gerade heute in den Tagen I. B. Jensens und von Kellermanns „Tunnel" wieder be­geisterte Verehrer und seine Werke erleben immer neue Aus­gaben. Deshalb wird eine dichterisch geschaute Studie, die den tragischen Lebensabend dieses dem Mönchstum entflohenen und zum poetischen Weltbürger gewordenen mährischen Bauernsohnes schildert, von Interesse sein. Karl Postl starb einsam und verbittert in der Schwerz; nr den letzten 15 Fahren seines Lebens hat er unmutia ferne Feder ruhen lassen und vor seinem Tode seine.Manuskripte selbst vernichtet.

Die Schriftl.

senkte sich die Klinke, die Tür ging auf und einen Augenblick später stand der Student in einem dunklen Raum.

Der jähe Übergang von der Helle des Tages zur Finster, nis ließ den fremden Gast wie.erschrocken innehalten. Im Dunkel des Gemaches war nichts zu unterscheiden. Erft jetzt bemerkte der Student, daß die Fensterläden des seltsamen Hauses verschlossen waren, ja selbst die Ritzen mußten sorg­same Hände verdichtet haben, denn -nirgends ließ der kleinste Spalt einen vorwitzigen Schimmer des Lichtes herein. Man hörte an der Westseite den Regen K-eich Kieselsteinen gegen das Holz schlagen, hörte auch die Balken des Daches unter den Schlägen des Sturmes seufzen, aber nichts ward vernehmbar, -das -auf die .Anwesenheit eines Menschen hätte schließen lassen. -Erinnerungen an wundersame Spukgeschichten stoben durch das Gehirn des jungen Gastes, und unwillkürlich trat er tastend zwei Schritte zurück, bis er an seinem Rücken die harte Wand spürte. Das gab chm ein- gewisses Gefühl von Sicherheit zurück. Nachdem er sich überzeugt hatte, daß in seiner Rocktasche das Feuerzeug, wenn auch vom Regen nicht ganz verschont, verwahrt lag, nahm er sich das Herz und fragte mit lauter Stimme: „Ist jemand da?"

, Eine Weile blieb es still, dann aber kam durch das Dunkel ern leises fast lautloses Lachen, dem -der etwas heisere Klang erner menschlichen Stimme folgte.

„Kalkuliere, werde für einen Ghöst gehalten", schnurrte die Stimme. „Bin aber keiner. Kalkuliere, wollt Licht haben?"

Lauter als nötig sagte der Student: „Ja!"

„Findet Licht drüben auf dem Wandbrett. Kalkuliere habt selbst Feuerzeug", sagte -die Stimme weiter, um dann wieder in^mürrischer Stille zu erlöschen.

Der^ Student, dem in diesem Augenblick selbst -eine zornige Verwünschung lieber gewesen wäre als eine Fortdauer des Schweigens, tastete sich an der Wand hin. Er atmete tief auf, als endlich dep schüchterne Schimmer einer Kerze die Finster­nis in die Winkel des Raumes zuvückdrängte. ,

Nun sah er neben dem Ofen einen alten Mann, Fetzt, da das Licht seine Augen traf, blinzelte er ärgerlich und tastete mit suchenden Fingern nach der Brille, die neben ihm in -grüner PapfHülse auf dem Tische lag. Wer als die Augen hinter den blitzenden Glasscheiben geborgen waren, richteten sie sich scharf und streng dem Fremden entgegen. Eine frostige Abwehr, die keine Fragen stellt und keine Antwort will, schien in -dem Blick zu liegen. Einen Augenblick schlug im Sinn -des Studenten eine Welle -des Trotzes empor; aber -erwachende Neugier und das Gefühl, -der heimatlichen Kinderstube Ehre machen zu wollen, behielten die Oberhand. Der junge Man« berichtete über den Umstand, der ihn dem schützenden Dache zu,getrieben hatte, entschuldigte sich mit angemessenen Wartest und nannte seinen Namen.

Aber es kam keine Antwort; wortlos und unverwandi musterte der Alte -den Feinden. Endlich strich er mit der Rech­ten über den -eisgrauen Schnurrbart und schüttelte wie miß­billigend den Kopf. „Tut nichts zur Sache, der Name", brummte er. „Halte nichts von Namen, junger Mann. Behaltet Euren Ramien. Müßt schon selbst etwas sagen. Hilft Euch da kein Name, Boy. Hilft Euch auch mein Name nichts Hilft Euch gar nichts, daß sie mich SealSfield nennen. Kalkuliere, daß Ihr nicht kluger seid atS vorher, junger Mensch " •

Der Student war unwillkürlich -einen Schritt zurückg-etre- Ä £* |i * wen blickte er auf das seltsame Wesen, das zu chm sprach. Er sah die breite hochgewölbte S " “ C i toe3 f® Gedanken daheim im Vaterhause der hllti ^ leidenschaftlichen Auseinandersetzung gc.

m .. _ s .’ UinL ,m Geiste sah er auch die Tränen der

i'ein sRrnW . '^nzigen, deren Zeuge er geworden war — da 3 ü £r,!t Willen verriet, Amerika zu seiner machen. „Der große Unbekannte", murmelte der junge Mann ratlos.

„ ; einem bitteren Lächeln hatte der Alte den Wechsel aus o-en Zügen des Fremden verfolgt. Nun schüttelte er wie

spottend das Haupt. „Schau, schau", brummte er und.spöt^