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die Aufnahme von Axzeigm an und Plätzen wird feine
vorgeschnebeneu
:»r Iid^rnommen.
Samstag, 23. Mai 1914.
Morgen-Ausgabe.
Ur. 237. » 62. Jahrgang.
Französische RrrsengerüchLe.
(Von unserem Pariser Mitarbeiter.)
Die Demission des Kabinetts Doumergue. — Ein Interview von Emile Combes. — Der sozialistisch-radikale Vorstoß gegen das Militär-gesetz. — Ein Appell an den Präsidenten der Republik. — Albanien und die deutschen Forderungen in Marokko.
C. L. Paris. 21. Mai.
Die für den 1. Juli bevorstehende Wiederaufnahme der Parlamentsverhandlungen verspricht recht e r n st e Borgänge. Der Rücktritt des Ministeriums scheint unvermeidlich, weil sich mehr und mehr Herausstellen soll, daß die Neuwahlen eine dem Gesetz der i dreijährigen Dienstzeit feindliche Majorität in die Kammer gesandt haben oder doch eine so starke Minderheit, daß die Regierung, die eine Veränderung des Militärgesetzes nicht zulassen wollte, auf die Unterstützung der schlimmsten Reaktionäre zählen müßte. Die Lage wird dadurch verschärft, daß von beiden Seiten Versuche -gemacht werden, die Krise nicht auf ein Ministerium zu beschränken, sondern daraus eine P r ä- si deuten frage entstehen zu lassen. Und als ge- mißten diese inneren Schwierigkeiten nicht, als müsse ! ein gewaltigeres Argument zugunsten des Militarismus' gefunden werden, „dramatisiert" die reaktionäre Presse, voran der „Temps". die deutschen Forderungen auf wirtslhaftliche Gleichberechtigung in M a r o k k o und schlägt einen Ton an. der offenbar Deutschland verleben und abermals eine gereizte Stimmung zwischen beiden Ländern erzeugen soll. Diese Herrschaften treiben ein gefährliches Spiel.
Bemerkenswert ist, daß die Nachricht über die Rücktrittsgedanken Domnergues zuerst im „Petit Journal" austauchte, das von Stephan Pichon geleitet wird, und daß sie direkt auf das E l y s 6 e zurückzuführen ist. Der Ministerpräsident bestreitet zwar heute, er habe mit Poincarä über seine Absichten gesprochen, aber er bestreitet nicht, daß er die Demission erwägt. Wenn es auch schon da war, daß ein, Ministerpräsident nach erfolgreichen Wahlen freiwillig geht (Waldeck- - Rousseau), so ist dies doch keine Tradition, die befolgt werden m u ß. DomnergneS Kabinett ist erst fünf Monate alt und hat noch nichts geleistet, abgesehen von der Wahlmache. Wenn es geht, tut es dies, weil es vor den kommenden Mühen zurückscheut) oder weil unter seinen Mitgliedern Z w i sr: g k e i t e n bestehen. Aus bester Quelle wird uns bestätigt, daß vor allem der letztere Grund Doumergue zum Weggang zwingt. Der Minister und der Unterstaatssekretär des Kriegs, N o u l e n s und M a g i n o t. sind im Verkehr mit dem Jj Generalstab stramm militaristisch geworden und wollen in keine Abschwächung der dreijährigen Dienstzeit willigen. Andererseits möchte Nenonlt nicht die übermenschliche Ausgabe lösen, Ordnung in die verwickelten " Finanzen zu bringen. Der Ministerpräsident selbst hatte zwar immer erklärt, er werde das Dttlitärgcsetz „loyal" durchführen. Aber in seiner großen Wahlrede ' ließ er durchblicken, daß er sür Maßregeln eingenom- men ist, di-e eine allmähliche R ü ck k e h r zur zwei- l' jährigen Dienstzeit erlauben.
Es bleiben mehrere Möglichkeiten. Ent- ! " weder gibt Doumergue dem Drängen seiner Freunde nach und bleibt weniastens bis nach einem ersten Vertrauensvotum. das ans eine Interpellation über die allgemeine Politik folgen könnte. (Dies setzt aber voraus, daß ein nächster Ministecrat die Einigkeit unter den Mitgliedern in den Hauptpunkten der Regierungs-
| Aus dem Leben des Königs Chnlawngkvrn?)
Erinnerungen seines früheren Leibarztes.
Von Dr. Maximilian Pfister (Wiesbaden).
Ein Märchenkönig aus Tausend und eine Nacht, umgeben I von Gold und Silber, in kostbaren Gewändern mit Edelsteinen bedeckt- weithallige Marmorpaläste mit seltenen Hölzern getäfelt und kunstvollen Elfenbeinschnitzereien geschmückt, -ein Harem von Hunderten der schönsten Frauen des Landes, bereit. dem König durch Gesang und Tanz und Liebesdienste aller Art, das Leben jederzeit zu versüßen, und tausend andere Herrlichkeiten, wie sie sich die abendländische Phantasie nur verstellen kann. Ein solches Bild hatte man bei uns sich Wohl von dem König von Siam gemacht und gehofft, bei seinem Besuch in' Europa zum mindesten einiges von dem ' Glanz und der Pracht zu sehen, mit dem der Nimbus ihn umgeben.
Phra Paramiedr M-aha Ehulalongkorn. der König, „der der Sonne gleicht, wenn sie im Zenith steht", „dessen Glanz v - den Morgen übertrifft", „der da herrscht über alle Kaiser, Fürsten und Machthaber' des Universums", war einer der ersten Herrscher in Asien, der seinerzeit Europa besuchte. Rur Schah Nasr-Eddin von Persien war ihm zuvorgekommen und
. *) Zur Einweihung des von König Ehulalpugkorn ge
schenkten siamesischen Tempels in Homburg am 22. Mai 1814.
erklärung wiederherstellt.) Oder Doumergue demissioniert sofort, um selbst nach Ersatz einiger Portefeuilles wieder das Präsidium zu führen. (Es setzt dies voraus, daß Doumergue nicht, wie erzählt wird, sich vor den Wahlen mit allen Ministern solidarisch erklärte.) Schließlich, er überläßt es Poincarö, einen neuen Mann zu suchen. (Diese letztere Eventualität ist die wahrscheinlichere.) Allgemein wird angenommen, daß der neue Mann V i v i a n i sein könnte. Dieser früher revolutionäre Sozialist schloß sich dem Briandismus nicht an und stimmte gegen die dreijährige Dienstzeit; jüngst würdigte der Senat seine in der Unterrichts- ministerrolle gehaltene antiklerikale Rede _ des öffentlichen Anschlags. Er besitzt auch einen einflußreichen persönlichen Freund in Anatole de Monzie, _ der dem Kabinett Barthous angehörte, aber jetzt in einem vielbesprochenen Artikel erklärte, jene, die sür die dreijährige Dienstzeit gestimmt hätten, könnten, ohne sich selbst zu verurteilen, in die Beratung aller Maßregeln eintreten, auch der von Iaurös vorgeschlagenen, um eine Erleichterung der Rüstungen anzustreben. Das^ist der e r st e An n ä h e r u n g s v e r s u ch der mißglückten Föderation des Gauches an den Radikalismus; denn de Monzie ist auch ein Intimus Briands. Ob Diviani, der glänzende Redner) Staatsmann genug ist, eine Mehrheit des bürgerlichen Fortschritts, die auch ohne die revolutionären Sozialisten zu leben vermöchte, sowohl in der Frage des Militärgesetzes wie der seiner finanziellen Deckung zu bilden, kann niemand Voraussagen. Auch heißt es, daßPoincarö geneigt wäre, trotz aller persönlichen Angriffe, denen er von seiten des „Homme libre" ausgesetzt ist. Georges Clemenceau zu berufen. weil der zu den eifrigsten Verteidigern der drei Dienstjahre zählt. Delcassö bleibt im Hintergrund und „reserviert" sich wohl sür eine bessere Zeit, wenn die jetzigen Wirrnisse -geklärt sein werden.
Inmitten der Diskussion über das Problem, ob die Wage mehr nach rechts oder mehr nach links neigen wird, hat der alte Emile Combes mit erfrischender Deutlichkeit seiner Partei dem seit seinem Weggang so unschlüssig gewordenen Radikalismus Direktiven gegeben. Sein Interview im „Radikal" enthält folgende Stelle: „Nach meiner Ansicht muß die republikanische Partei gleich zu Beginn der Legislatur ihren festen Willen bekunden, zur Formel der bewaffneten Nation zurückzukehren, zu der ich während meines Ministeriums — was ich als eine Ehre betrachte — die Republik hingeleitet habe. (Unter Combes wurde die Verkürzung der Dienstzeit auf zwei Jahre votiert.) Selbstredend handelt es sich nicht darum, ohne Zögern von heute auf morgen wieder das Gesetz der zwei Jahre gültig zu machen. Aber es handelt sich darum, formell die Rückkehr dahin zu versprechen und sie durch geeignete Mittel vorzubereiten: durch jene, die wir aus dem Parteikongreß in Pan ins Auge gefaßt haben. Natürlich könnte die Rückkehr zu den zwei Jahren nicht im Ernst den eingefleischten Anhängern der drei oder gar vier Dienstjahre anvertraut werden. Der Generalstab muß gereinigt, der reaktionäre Geist aus den höchsten Heeresämtern verjagt werden." Diese Sprache gefällt selbst dem Sozialistenführer Jaurtzs; er erklärt heute in der „Humanitä", daß, die äußerste Linke vom Radikalismus nicht mehr als die Durchführung des Programms von Pan fordern dürfe, die natürlich, was Combes betont, auch die Steuerreform im ganzen Maßstabe einbeareist. Emile Combes zählt, die Sozialisten einbegriffen, auf eine
hatte durch allerdings recht merkwürdige Gewohnheiten, über die sich nicht nur der selige Knigge -.entsetzt haben würde, unsere Vorstellungen über asiatische Kultur nicht gerade günstig beeinflußt. Kein Wunder daher, wenn die Lakaien -an europäischen Höfen -darauf gefaßt waren, daß sie die abgenagten Hühnerknochen, die Nasr-Eddin bei Galadiners über die Schulter rückwärts in den Saal zu werfen gewohnt war, auch beim Besuch des Königs von Siam aussammeln müßten.^
Auch kurz ehe Ehulalongkorn Europa zum zweitenmal besuchte, hatte ein anderer Herrsch-er in Hinterindien, der König von Kambodscha, das Abendland mit seinem Besuch beehrt und sich manche wenig königliche Entgleisungen zu schulden kommen lassen.
Mit diesen und anderen asiatischen Herrschern war König Ehulalongkorn nicht zu vergleichen. Obwohl er -erst mit 47 Jahren Europa aus eigener Anschauung kennen gelernt hatte, war -er mit allen Sitten und Gebräuchen bei uns vollkommen vertraut und hatte sich -eine weitgehende europäische Bildung angeeignet. Sensationslüsterne Reporter, di-e den König sahen und ab und zu auch Gelegenheit hatten, ihn zu sprechen, waren daher oftmals geradezu -enttäuscht, in dem König nur den--einfachen Gentleman gefunden zu haben. Als ich einst dem Berichterstatter einer großen deutschen Tageszeitung auf seine Bitte einiges über die Gewohnheiten des Königs mitteilte, meinte er, so lebe jeder gebildete Europäer auch; er müsse seinen Lesern schmackhaftere Nahrung vorsetzen. Ein Spaßmacher unter dem königlichen Gefolge hat ihm dann allerhand Bären ausgebunden, die am nächsten Tag wortgetreu zu lesen waren. So -entstand ein Märchen nach dem anderen; ein- in-
Links mehr heit von 350 Abgeordneten, die eine Block-Politik wie früher treiben könnten und bald das Häuflein von unschlüssigen Republikanern an- ziehen würden, die dort hinliefen, wo der Sieg wäre. „Radikal", „Aurore" und alle Blätter, die diese Erklärungen Combes gutheißen, wollen heute noch nicht daran glauben, daß Doumergue die Flinte ins Korn werfen will, weil er sich von einigen militaristischen Kollegen trennen müßte, aber sie protestieren nur lau und man erkennt, daß sie sich nach einem entschlosseneren Fortschrittler sehnen, der eine Kampfpolitik ganz im Combesschen Geiste führen würde.
Bezeichnend für die Auffassung im gemäßigt-republikanischen Bürgertum ist der heutige Artikel des ernst gewordenen Komödienschreibers Alfred Capus im „Figaro": „Augenscheinlich zieht sich der Ministerpräsident nur zurück, -weil er nicht sicher ist, das Gesetz der drei Jahre ohne ernste Abstriche beibehalten zu können und weil er jedenfalls ohne die Mitwirkung der Rechten nicht auskommen könnte. Niemand kann sich aber verheimlichen, daß unter den jetzigen ^ Umständen die vollständige Beibehaltung des Militärgesetzes das „Sein oder Nichtsein" der dritten Republik ist . . . Die Wahl des Nachfolgers Domnergues durch den Präsidenten der Republik ist zur Stunde die Hauptfrage; es gibt keinen Franzosen, der nicht seit gestern angstvoll nach dem Elys^e blicken würde. Angstvoll, aber auch vertrauensvoll, dank dem Patriotismus und der hohen Klugheit des Staatschefs. Poinc-cnH wird den Politiker zu finden wissen, der trotz aller parlamentarischen Fallstricke die Sozialisten verhindern wird, das Dreijahrgesetz zu verschlingen." Ähnlich, nur weniger taktvoll, -bedrängt die ' ganze Reaktion den Herrn des Elysöes — ein Staats- strei ch, Auflösung der kaum gewählten Kammer, Änderung der Konstitution — nichts erschreckt die Anhänger der drei Dienstjahre!
Nichts — nicht einmal die künstliche Schaffung einer neuen deutsch -französischen Span- n u n g. Der „Temps" widmet, wie eingangs schon betont, den Erklärungen des Staatssekretärs Zimmer- mann, wenn Deutschland in Marokko nicht auch in der Frage der öffentlichen Ausschreibung von _ Gemeindearbeiten Genugtuung erhalte, vor ein Schiedsgericht gehen zu wollen, gleich zwei bitterböse Artikel. In einem wird dieses rein wirtschaftliche Problem mit dem Einschreiten Österreich-Ungarns und Italiens in Albanien in Verbindung gebracht! Dem Dreibund muß in Erinnerung gebracht werden, daß der Dreiverband existiert. Die Gelegenheit ist günstig — die französische Diplomatie soll sie ausnützen. AlS die Franzosen in Casablanca nach der Ermordung eines der Ihrigen landeten, erhob die kaiserliche Regierung Einspruch, -was ihr schließlich den Kongo einbrachte.' „Im gegenwärtigen Falle -wünschen wir keinerlei Gebietsvergrößerung. (!) Aber da uns die Dreibund- diplomatie, insbesondere die der Hauptmacht des Dreibunds, auf verschiedenen Punkten hart bedrängt, muß Frankreich auf jenen Punkten, wo man seines guten Willens bedarf, fühlen lassen, daß dieser gute Wille bezahlt werden muß." Ist das klar genug? Jawohl! Aber welche Vorteile erlangt Deutschland denn gegenwärtig in Albanien? Und was hat das mit der sehr einfachen Frage zu tun, ob Frankreich berechtigt ist, trotz der internationalen Verträge in Fez ohne öffentliche Ausschreibung die elektrische Beleuchtung einer französischen Firma zu geben? Der „Temps" führt
teressantes Studium für sich allein war, die Bericht« über den König auf seiner Reise in den verschiedenen Tages- z-eitungen zu dergleichen. Schon über europäische Fürstlich» leiten werden ab und zu abenteuerliche Geschichten berichtet: Die Königin von Norwegen hat sich ein Buch angelegt mit allerhand Zeitungsausschnitten, die sich mit ihr und dem König beschäftigen. „Wie wir nicht sind" hat sie diese Sammlung überschrieben. Über -einen asiatischen Herrscher kann die Zeitungsphantasie natürlich ins Unendliche schweifen. Und sie tat es auch.
„La Nazione" in Florenz brachte bei Ankunft des Königs in Italien in geschmackvoller Weise einen langen Artikel über die Feierlichkeiten, die stattfinden werden, wenn der König -einst stirbt und verbrannt wird; der „Figaro" erzählte unter anderem -ein niedliches Geschichtchen, das einem französischen Gesandten in siam passiert sein sollte. Zur Audienz befohlen, mußte er lange warten und hatte in der Vorhalle einen kleinen Flirt mit -einer Haremsschönen angefangen. Der König hatte den Vorfall beobachtet und ließ dem Gesandten, als er nach der Audienz das Palasttor verließ, durch einen Diener auf f} ntt silbernen -glatte den abgehauenen Kopf der unvorsichtigen Dame überreichen.
Ähnliche Geschichten brachten die Zeitungen fast überall,
"V* ^onig sich aufhielt. Er lächelte meist über diese Märchen, und ich hatte dabei das Gefühl, es war ein Lächeln des Mitleids über europäischen Takt und unsere Bildung.
Einmal bei einer ähnlichen Gelegenheit geriet der König ernstlich in Zorn. Es war a« Qs6» eta» *«.
