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greitag. 22. Mai 1914. flÖdtösflllSQClbC« H? * 236 * * 62 * Jahrgang.

Die Verbannung Essaö- paschaZ.

Den Strick für den Hochverräter) Soldaten­kugeln sind für Effad - Pascha zu , schade. Das war die allgemeine Meinung, als die Vorgeschichte des Dramas von Durazzo bekannt wurde. Um so mehr überrascht die unten mitgeteilte Lösung des Konfliktes: Einfache Verbannung, fast in allen

Ehren, ohne jede weitere Strafe. Fürchtet Fürst Wil­helm die „B lutrach e" des Essad-Anhanges, wenn er den Hochverräter an Leib und Leben gestraft hätte? Man weiß, nirgends schneidet die Blutrache in das ge­sellschaftliche, politische und religiöse Leben so tief ein wie aus dem Balkan und ganz besonders in Albanien, wo sie fahrhundertelang einen der wichtigsten Bestand­teile der verfassungsmäßigen Bräuche, einen Ersatz für die meist illusorische Gerichtsbarkeit und überhaupt d>e Grundlage der persönlichen Sicherheit bildete. Das Gesi'enst eines noch so verdientermaßen Hingerichteten Essad-Palcha wäre noch jahrelang in Albanien u.mge- gangen und hätte dem neuen Monarchen unendliche Schwierigkeiten bereitet.

Fürchtet aber Fürst Wilhelm nicht auch den leben­den Essad? Dem Verbannten dürste eS ein leichtes sein, nach Tirana zu kommen, wo er herstammt und außerordentliche Mittel besitzt, lim von dort aus gegen Durazzo zu konspirieren. Vielleicht auch wendet sich Essad ’ später wieder nach K o n st a n t i n o p e l, wo von jeher die stärksten Wurzeln seiner Kraft lagen. Die Pforte hat dem mächtigen Hause der Tepeleni und der Tcptani in Albanien förmliche Hoheitsrechte zugestanden. Einem Bruder Essads, Abd ul Gheni, räumte einst Abd ul Hamid geradezu Herrschaft über Albaniens Wohl und Webe ein, so daß dieser im JildiS allmächtig wurde und es noch lange geblieben wäre, wenn ihn nicht Rivalen über den Haufen ge­schossen hätten. Kenner des Orients behaupten aller­dings, daß durch Essad-Paschas Verbannung in Alba­nien z u n ä ch st jede Gefahr beseitigt sei. Denn für den M o h a m m e d a n i § m u S fällt jeder Plan, jedes System mit der Persönlichkeit, die es ver­trat, und sei sie noch so einflußreich, noch so mächtig gewesin. Immer klarer scheint e§ auch zu werden, daß Fürst Wilhelm, der aufrechte deutsche Prinz und Ossi- zier, mit seiner natürlichen Klugheit der Verschlagen- beit und Spitzbubenschlauheit des halbgebildeten Essad durchaus gewachsen ist. Der Fürst wußte ganz genau, warum er weniger mit dem gutmütigen Turkhan- Patcha der in Albanien noch ein Fremder ist, arbeitete, als gerade mit dem gefährlichen Essad, der nicht aus den Augen gelassen werden durfte. Durch die bestän­dige Verbindung mit Essad kam der Fiirst auch dahin­ter. daß die V e i - P a r t e i, die der Hochverräter stets als ein geschlossenes konsolidiertes Gefüge hmstellte, gar nicht so fest und unteilbar hinter Essod stand. Sre zahlt vielmehr ebenso viele Parteien fast wie Köpfe. Zuerst kommt ja dem Albanesen der persönliche Ehr- geiz, der Neid und die Machtgier, dann der Geinern- sinn. Natürlich gibt cs auch Ausnahmen. Aber gerade unter den b c s s'e r e n Elementen des Landes hatte Essad nie einen einzigen Freund. Sollte es dem Verbannten Hochverräter aber doch gelangen, dre zer­schnittenen Fäden mit seinen früheren Anhängern wie­der anzuknüpfen, so greift man vielleicht zu einem sehr wirksamen „Gegengift": Man läßt ^^nrarl Kemal- B e i, den einstigen mohammedanischen Abgeordneten von Berat, den Todfeind Essadswieder nach Albanien kommen. Der greise albanesische Revslutio när. der in seinem Streben, dem tüchtigen unver brauchten albanesischen Dolksstamme dre Vorherrichaft über das absterbende Türkentum zu erkämpfen, vor keiner noch so gefährlichen Intrige zurückschreckt, könnte den Machenschaften eines Essad das wirksamste Paroli bieten. Es ist eben trotz der neuesten Dauern revoltc in Albanien eben ans mit dem moham we dänischen Einfluß. Die türkischen Freunde haben keine einzige ihrer Versprechungen gehalten. Dre g r o ß e M e h r z a h l der Albane,en will in Wahrheit nichts mehr von türkischer „Kultur" wissen. Dre ganze k o t h oH s ch c Bevölkerung hält tr eu zum^ neiien F ü r st e n die Vertreter höherer Bildung lassen sich nicht mehr beirren, jeder Versuch der Osmanisierung ist aussichtslos. Das trotz aller Mischungen rndo- a e r m a n i s ch e Albanien ssiblt im Kamvf um ferne kulturelle Entwicklung das christliche Abendland als moralischen Rückhalt hinter sich, und dre, albanesische man io feigen batf, tnttb ntti bet Zeit dem christlichen Fürsten auch den mohammedan,- schen Teil der Bevölkerung durch kluge, zache und rast- lose Agitation zufübren. Rück,Wage und peinliche Vorfälle, wie der jetzige Mit Esiad-Pascha, waren nach den^ überstürzten Zurecbtzrmmern ^des neuen Staai>-- klerüstes zu erwarten. Wer der Fürst baut auf fernen

Ruf als tüchtiger Soldat und deutscher Fürstensproß.

Er wird sich den verbannten Essad-Pascha^ hoffentlich vom Land und Leibe fernhalten und schließlich doch Sieger bleiben.

Eine italienische Darstellung der Abschiebung.

Rom, 20. Mar. „Giornale d'Jtalia" erhielt aus Brindisi folgenden telephonischen Bericht, der am 19. Mai, nachts, von Durazzo abgesandt wurde: Infolge des jüngsten Verrates Essad-Paschas fuhren die Nationalisten in der Nähe des fürstlichen Palastes zwei Kanonen auf, die das Haus Essads beschossen. Essad-Pascha stürzte ans Fenster und gab mehrere Revolverschüsse ab. Major Moltedo bürgte Essad und seiner Gattin für ihr Leben. Daraus begab er sich ins Palais, wo in Gegenwart der Vertreter Österreich-Ungarns und Italiens ein K r o n r a t abgehalten wurde, in dem Essads Entfernung beschlossen wurde. Essad-Pascha leistete der italienisch-österreichischen Abteilung, die ihn bei der Ein­schiffung begleitete, keinen Widerstand. Nachdem der erste Augenblick der Nervosität vergangen war, erschien Essad sehr ruhig. Er war von feiner Frau begleitet, die ihn aus dem Wege mit ihrem Körper deckte, da sie einen Angriff fürchtete. Der Zug passierte zahlreiche Gruppen von bewaffneten Natio­nalisten, die sich nicht rührten, als sie die weiße Fahne aus dem Gewehr eines italienischen Matrosen sahen. Bevor Essad auf das Kriegsschiff „Szigetvar" eingeschifft wurde, sagte er wörtlich zu dem Dragoman der österreichisch-ungarischen Ge­sandtschaft: „Ich bitte Sie, Sr. Majestät dem König von

Albanien den Ausdruck meiner tief st en Ehrerbietung zu übermitteln. Sagen Sie ihm, daß kfy ihm immer treu und ehrenhaft gedient habe und er von meinen Feinden schlecht informiert wurde. Die Zeit wird mir Gerechtigkeit wider­fahren lassen. Mein Gewissen ist ruhig, weil ich immer mit der größten Aufrichtigkeit und Ergebenheit gehandelt habe." Nach der Einlieferung Essad? kam eS vor dem Palms zu Kundgebungen der Nationalisten. Die Fürstin zeigte sich mit dem kleinen Prinzen auf dem Arm auf dem Balkon. Ein Nationalist hielt eine lange Anprache und beglückwünschte den Fürsten, der inzwischen ebenfalls erschienen war, zu der EntfernNng EsiadS. Der Fiirst dankte in kurzen Worten.

Der DsnnerStag. vst. Durazzo, 21. Mai. Die Nacht ist ohne Ruhestörung verlaufen. Der italienische Geschäftsträger hat den Fürsten gebeten, einzuwilligen, daß die italienischen und österreichisch- ungarischen Matrosen wieder ein geschifft werden. Die gelandeten Matrosenabteilungen werden wahrscheinlich noch heute abend an Bord der Schiffe zurückkehren. — Aus Anlaß des heutigen Geburtstage? der Fürstin von Albanien haben die'auf der Reede liegenden Schiff- große Flaggen g a l a gesetzt.

Der Verräter verbannt, vß, Durazzo, 20. Mai. Fürst Wilhelm beschloß nach einer langen Konferenz, an der der italienische Geschäftsträger und der österreichisch-ungarische Gesandte teilnahmen, Essad- Pascha, nachdem er eine Erklärung, ohne Erlaubnis des Fürsten nicht nach Albanien zurückzukehren und sich in die inneren und äußeren Angelegenheiten Albaniens nicht mehr einzumischen, unterzeichnet hätte, an Bord des italienischen Dampfers „Benghast" nach Brindisi bringen zu lassen. Der Dampfer hat Dürazzo um 8 Uhr nachmittag? verlassen.

Effad-Pascha in Neapel.

vß. Neapel, 21. Mai. Esiad-Pascha und Frau sind über Brindisi hier cingetroffen.

Deportation nach Tripolis?

Paris, 81. Mai. Einer Blättermeldung zufolge sei mit Zustimmung Österreichs. nnb Italien? beschlossen worden, Essad-Pascha nach T r i p o l i S zu deportieren.

Ein verräterischer Brief Essad-PaschaS.

» Wien, 20. Mai. Die „Zeit" meldet au? Skutari: Effad- Vascha hatte einen eigenhändig geschriebenen Brief an einen seiner Vertrauensmänner gerichtet, in dem er diesen u. a. anwieS, in der Bevölkerung dahin zu wirken, daß sie nur seine (Essad-Paschas) Befehle und nicht die des Fürsten von Albanien befolge. Dieser Brief gelangte versehentlich in ein Couvert, das an einen Vetter Essad-Paschas adressiert war. Dieses Schriftstück wurde dem Fürsten übermittelt. Auf diese Weise erhielt Fürst Wilhelm von den Umtrieben seines Ministers Kenntnis.

Essad-Pascha? „lopale" Absichten, wb. Rom, 22. Mai. Der Korrespondent der „Tribuna" in Brindisi hatte an Bord des Dampfers „Benghast"^ eine Unterredung mit Essad-Pascha, der ihm sagte, Fürst Wilhelm sei s ch m ä h l i ch g e t ä u s ch t worden. Er habe ihm und dem Lande in Treue gedient und nur ein Ziel im Auge gehabt: Das Wohl seines Vaterlandes. Die gegenwärtigen Ereignisse, deren Opfer er geworden sei, seien fremden Einflüssen zn- zuschreiüen. Er könne auf Ehrenwort versichern, daß er nicht in Verbindung mit Konstantinopel gestanden habe. Epad schloß: „Ich diente meinem Lande und meinem Herrscher ms Soldat und Patriot. Fremde Intrigen haben meinen Sturz herbeigeführt."

DeS Ministerium bleibt.

WOB. Durazzo, 21. Mai. Der Fürst hat die dennssw. niercnden Minister ersucht, ihre Portefeuilles zu behalten. Der Minister des Post- und Telegraphenwesens Hassan-^er- Prischtina hat einstweilen zu seinem Ressort die von lrgm- Pascha bisher innegehabten Ministerien des Krreges mnv

Innern übernommen. Die Aufstandsbewegung der Dauern vor Durazzo ist friedlich beigelegt. *ftt der Stadt herrscht voll- kommene Ruhe.

Die Reise beS Fürsten nach Skutari verschoben, o Wien, 22. Mai. (Eig. Drahtbericht) Aus Skutarr wird gemeldet: Die für den 25. Mai angesetzte Ankunft des Fürsten Wilhelm in Skutari ist wegen der Ereignisse in Durazzo bis auf weiteres verschoben.

Turkhan-Pascha in Wien.

■wb- Wien, 21. Mai. Der albanische Ministerpräsident Turkban-Pascha hatte heute mit dem rumänischen, dem holländischen und dem belgischen Gesandten sowie dem italieni­schen und dem bulgarischen Geschäftsträger Konferenzen.

*

Französische Besorgnisse.

Paris, 21. Mai. Das „Journal des Dübats" schreibt zu der Festnahme Essad-Pascha?: Die auf Ersuchen de? Fürsten Wilhelm von den Diannschaften der fremden StationSschiffe durchgeführten Polizeimatznahmen hatten keineswegs den Charakter einer Intervention. Sie hätten ebenso gut von russischen, englischen oder ftanzösischen Mannschaften durchgeführt werden können, wenn diese auf der Reede von Durazzo anwesend gewesen wären. Um aber im dieser Hin­sicht jedes Mißverständnis zu zerstreuen und für den Fall, daß die österreichischen und italienischen Zusicherungen nicht ge­nügend erscheinen sollten, könnten die anderen in der inter­nationalen Kontrollkommission vertretenen Mächte gleichfalls Schiffe nach Durazzo entsenden. Vorläufig ist da nichts anderes zu tun.

politische Übersicht.

Das Raiserhoch.

In der Schlußsitzung des Reichstags brachte der Präsident Dr. Kaempf da§ übliche Kaisirhoch aus, und es ereignete sich dabei zum erstenmal, wie wir schon meldeten, daß die sozialdemokratische Fraktion nicht, wie sonst iüimer, hinauSging, sondern rm^ Gaale ver­blieb und beim Kaiserhoch sich ostentativ nicht von den Sitzen erhob. Diese neue Taktik der Sozialdemo­kratie ivurde vom Präsidenten Dr. Kaempf sofort mit ernsten würdigen Worten als ein Mangel der Ach­tung vor dem Kaiser gerügt. Die Sozialdemokraten erreichten damit, daß die Session des Reichstags mit einem M i ß k I a n g endete.

Das neue Verfahren, das die Sozialdemokraten im Reichstag angewandt haben, entspricht einem Beschluß, den der sozialdemokratische Parteitag angenommen hat. Schlechte Beschlüsse sind aber dazu da, daß sie nicht ausgeführt werden. Und ein solcher, schlechter Be- schlich liegt hier unzweifelhaft vor. Die sozialdemo­kratische Reichstagsfraktion hätte aber — auch in ihrem eigenen Interesse — viel besser daran getan, diesen wirklich schlechten Beschluß nicht auszuführen.

Wenn eine Mehrheit von Menschen e§ für ange­bracht hält, im feierlichen Moment ein Hoch auf eine leitende oder angesehene Persönlichkeit auszubringen, so hat es von jeher als Pflicht wohlgebildeter Menschei» gegolten, die Gefühle der daS Hoch ausbringenden Mehrheit nicht durch Sitzenbleiben zu verletzen. Man vergibt sich nicht daS mindeste, wenn man in einer solchen Situation sich von seinem Platz erhebt und dadurch den Gefühlen der anderen seinen Respekt darbringt; in das Hoch einzustimmen, wird ja niemand von denjenigen verlangen, die der zu ehrenden Persönlichkeit abweisend gegenüberstehen. Was hier allgemein gesagt ist, gilt in erhöhtem Maße, wenn e§ sich um das Oberhaupt des Staates hank^It. Diesem zuzujubeln, wird niemand von einem SoMl- demokraten verlangen; aber bei einem Hoch aus das Staatsoberhaupt sich vom Sitz, zu erheben, wird WM allgemein sonst in der zivilisierten Welt als ge­sellschaftliche Pflicht gelten, Die deutsch^ Sozialdemokraten halten es wtzt für einen „Fortschritt , wenn sie sich dazu „bekehrt" haben, diese gelellschastlrchv Pflicht in schroffster Form zu verletzen.

Was erreichen die Herren damit? Sttom? bon Tinte sind über diese und ähnliche Fragen von an sich wahrhaftig nicht welterschütternder Bedeutung gefloOtt. Die Sozialdemokratie hat sich aus ihren eigenen Reihen heraus ' bittere und spöttische Worte gefallen lassen müssen, über den angeblichen Radikalismus, der in dem fluchtartigen Verlassen des Saales oder in dem Sitzenbleiben beim Kaiserhoch liegt. Ein Radikalis» mus, der im Grunde genommen nichts anderes als Unerzogenheit und geistlose V e r w e ch s e- I u n g von politischer Überzeugung und gesellschaftlicher Charakterstärke ist. Jetzt werden die, Erörterungen über das sozialdemokratische Vorgehen wieder einsetzen, und zwar wahrlich nicht zum Ruhme für die sozial- demokratisch? Fraktion. Mit Recht wird ihr Verhalte»

als kleinlich und gehässig gekennzeichnet wer­den. Man wird der Sozialdemokratie nicht obnc ErfaK eine offenkundige Verletzung der monarchischen nJ n >