Wiesbadener Tsgblstt.
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a»i»fM«m{i% BerlinerRedatti-nde»WiesbadenerTagblattS:Berlin-Wilmersdorf,Güntzelftr. 68 ,Fernspr.:AmtUhland 4 SVu. 4 SI.
Mittwoch, 13. Mai 1914.
Kbend-klusgabe.
Nr. 222. . 62. Jahrgang.
Das öfterreichfeindliche Treiben in Italien.
(Von unserem römischen Mitarbeiter.)
8. R»m, 11. Mai.
May darf sich keinerlei Täuschung hingeben: die Miß- stimmung gegen Österreich oder, genauer ausgedrückt, gegen die verantwortlichen Leiter der österreichisch-ungarischen Innenpolitik herrscht in Italien nicht nur in den studentischen Kreisen sowie in den ihre Exzesse begünstigenden nationalistischen Parteizirkeln, sondern auch innerhalb der Regierung und im Parlament. Die Deputiertenkammer wird in diesen Tagen die vorliegenden Interpellationen zu den Vorfällen in Triest behandeln, und wir werden alsdann vieles, ach, so vieles zu Haren bekommen, was den Dreibundsreunden wenig Freude machen wird. Das Wort von der Jugend, die sich austoben will, scheint auf die studentische Jugend Italiens, so weit es sich um ihre nun schon wochenlang andauernden Kundgebungen gegen Österreich handelt, nicht zutreffen zu wollen. Der Telegraph hat Ihnen schon Einzelheiten über die bedauernswerten Exzesse berichtet. Ich brauche auf sie nicht mehr zurückzukommen. Aber ich muß bekennen, daß eine gleiche sinnwidrige Hetze gegen Österreich hier in Italien seit über zehn Jahren nicht beobachtet worden ist. Wir haben die Kundgebungen im Annexionsjahr 1908, als sich Italien durch die Frage um Bosnien und die Herzegowina mehr als nötig aufregte, miterlebt. Sie waren ein Kinderspiel gegenüber den wildfanatischen Demonstrationen, deren Zeugen wir jetzt alle Tage in fast jedem größeren Orte sein müssen, wo immer halbwüchsige Schüler oder Studenten das mehr oder weniger energische Einschreiten der Polizei her- ausfardern. Es liegt ein Sinn in diesem kindischen Spiel. Die Feinde des Dreibundes wissen mehr darum. Sie sind die Drahtzieher und eigentlichen Veranstalter der studentischen Kundgebungen. Es wäre ja auch nicht das erstemal, daß französische Emissäre im Lande herumreisen, um Stimmung zu machen gegen Österreich und damit auch gegen den Dreibund. Aus Crispis Memoiren wissen wir, wie das in den Jahren 1889 und 1890 gemacht worden ist. Auch damals schien der Dreibund so fest geschmiedet zu sein, daß Frankreich es mit der Angst zu tun bekam, die Zeit wäre nicht fern, wo der gefürchtete Crispi sich mit Deutschlands Hilfe die 1859 an Frankreich abgegebenen Provinzen Nizza und Savoyen zurückholen könnte. Crispi weiß sehr Anmutiges zu erzählen von der Agitationstätigkeit der Franzosen und der Französlinge, die sich die Belebung der Jrredenta ein schönes Stück Geld kosten ließen.
Heute nach 25 Jahren wiederholt sich das Schauspiel. Es wäre ein Wahn sondergleichen und geradezu straffällig, anzunehmen, daß die italienische RegierungHerrder schwierigen Situation ist, in die sie durch dw Protestkundgebungen gegrn Österreich geraten ist. Die Studenten sind ja nur die Avantgarde, und hinter ihnen stehen ganz andere Faktoren, mit denen die auswärtige Politik in Berlin und Wien zu rechnen hat. Noch steht der Lenker des auswärtigen Amtes, Marquis di San Giuliano, auf , fernem schwierigen Posten. Aber wenn nicht alles täuscht, ist er a m t s m ü d e. Zudem ist er nur höchst ungern zurückgeblieben, als sein Freund Giolitti ging. Aus der Beantwortung der Interpellationen werden wir hören, wie der Marquis und der gegenwärtige Kabinettschef Salandra über Triest, über den Dreibund und über die Ausschreitungen der Studenten denken. Die Wiener Regierung hat unterdessen freundschaftliche Vorstellungen wegen der Studenten erhoben, die römische Regierung hat das gleiche wegen Triest getan, auch wenn es nickt sogleich offiziell zugegeben wrrd. Die Stimmung zwischen Rom und Wien ist gegenwärtig Nicht die beste. Bräche beute ein Krieg zwischen Deutschland-Österreich und Rußland-Frankreich aus, so würde das lercht erregbare itali-nische Volk jede auch noch so dreibundfreundlich gewesene Regierung zwingen, gegen Österreich Stellung, zu nebmen In dieser Unsicherheit der Stimmungen und Verhältnisse liegt das so unendlich bedrohliche Moment.
' Dazu kommt die prekäre Lage des Kabinetts in den S t e u e r f r a g e n , die mit den geplanten Neurüstungen r , Wasser und zu Lande innig zusammenhangen. Der Drei- biind kostet uns Geld!, hört man aus dem Munde der meisten Italiener sagen. Ohne den Dreibund könnten wir uns freier bewegen und hätten die Gewißheit, nur in Österreich den Feind zu sehen. Ob diese Rechnung stimmt, mutz bezweifelt werden? Aber angesichts der Vorkommnisse tn Triest, der d'wbenden neuen Steuern, des kaum zu bewältigenden Be- amtenelends kühlt sich die Stimmung zugunsten des Dreibundes in den breiten Volksschichten immer mehr ab.. Dämmen lodert der Hatz gegen alles, was österreichisch ist, an allen Ecken und Enden aufs neue auf. Gewiß suchen ermge gemäßigte Blätter zur Ruhe und zur Vernunft zu mahnen. Aber sie erscheinen wie Prediger in der Wüste; man Hort nicht mehr ans sie. _ ] |<|n _
Hus den Delegationen.
Der Etat des Grafen Berchtold angenommen.
Budapest, 12. Mai. Der Ausschuß für äußere Angelegenheiten der ungarischen Delegation hat das Budget des Ministeriums des Äußern angenommen. Gleich-
bat der Ausschuß sein Vertrauen für die bei der Lcitung^der auswärtigen Angelegenheiten entfaltete Tätigkeit
ausgesprochen. Im Laufe der Debatte erklärte Graf Berchtold mit Bezug auf eine Anfrage des Delegierten Grafen Apponyi, ob in Abbazia besondere Vereinbarungen über Albanien und Kleinasien getroffen worden seien, er könne nur negativ antworten. Hinsichtlich Vorderasiens stehen wir mit Italien auf demselben Standpunkt, daß nämlich unsere beiderseitigen Interessen die Erhaltung und Konsolidierung des dortigen türkischen Besitzstandes erfordern und hierin vollkommen parallel laufen. Wenn er am Schlüsse seines Exposes von wirtschaftlichen Expansionen auf den neu erschlossenen Gebieten gesprochen habe, so dachte er auch in erster Linie an Vorderasien, weil dort durch die ökonomische Erschließung sich den österreichischen Unternehmen eine neue Gelegenheit biete, sich zu betätigen. Es sei jedoch unzukömmlich, weitgehende politische Konjunkturen daran zu knüpfen. In betreff einer Anfrage des Delegierten Rakowski über die D e m o n - strationen in Italien wiederholte der Minister seine gestern in der österreichischen Delegation abgegebene Erklärung, wobei er hinzufügte, daß in dieser Angelegenheit die mit der italienischen Regierung bereits begonnene Aussprache, wie er hoffe, zu einem befriedigenden Resultate führe. Was die Frage des Grafen Andrassh über das Problem der ägäischen Inseln betreffe, so sei dieses vorläufig nur theoretisch gelöst, die Entscheidung der Mächte aber nicht ganz durchgeführt; man müsse weiterhin mit einem latenten Gegensatz zischen Athen und Konstantinopel rechnen. Gegenüber den Ausführungen des Grafen K a r o l h i betonte der Minister, daß Österreich-Ungarn in der vergangenen Krise Rußland gegenüber keineswegs ein feindliches Auftreten gezeigt oder beabsichtigt habe. Die auftauchenden Meinungsverschiedenheiten sind immer in vertrauensvoller Weise besprochen worden. Jedenfalls möchte ich betonen, daß derzeit kein Grund für eine unfreundliche Haltung Rußlands zu besorgen ist. Die russischen Rüstungen gingen parallel mit den Rüstungen aller Mächte, die eine Ausgestaltung der Wehrmacht bezweckten. Die Regierung verfolge gewisse Erscheinungen, welche u. a. zu dem' ruthenischen Prozesse geführt hatten, weiterhin aufmerksam und setze sie in ihr Kalkül ein. Andererseits sei das Verhältnis zu Rußland derzeit ein gutes. Der Umstand, daß die Krise so überwunden worden ist, wie es der Fall war, berechtige auch für eine weitere Zukunft Vertrauen. Was^ die O r i e n t b a h n f r a g e anbelangt, so wurde von serbischer Seite gewünscht, die Angelegenheit mit Österreich-Ungarn im Einvernehmen zu regeln. Es würde die Lösung der Frage gewiß erleichtern, wenn man sich vor Augen halte, daß die Monarchie in den Orientbahnen nie ein politisches Instrument erblickte, sondern daß daran nur wirtschaftliche und finanzielle Interessen hingen, welche einvernehmlich zu lösen nicht unmöglich sei. Schließlich betonte der Minister, daß das Vorgehen der französischen Regierung und der franzö- schen Gruppe in dieser Angelegenheit vollkommen loyal gewesen sei. — Hierauf ergriff der Ministerpräsident T i s z a das Wort. Er erklärte, abgesehen von einzelnen Politikern, welche jetzt mit der dreibundfeindlichen Haltung demonstrierten, stehe das Gros der Nation hinter dem Dreibund. Er widerlegte die Behauptung Karolyis, der in der Leitung des Auswärtigen Amtes die Richtschnur verfolge, das Gegenteil dessen zu tun, was Rußland mache. Die Regierung und die öffentliche Meinung Ungarns wünschten ein gutes Einvernehmen mit Rußland. «
Das Heercsbudget in der österreichischen Delegation.
■wb. Budapest, 12. Mai. Der Heeresausschuh der österreichischen Delegation hat das Extraordinarium nach längerer Debatte angenommen, indem er dem Kriegsminister für seine ^Mitteilung an die Delegation über die vorzügliche Haltung und das Aussehen des österreichischen Truppendetachements in S k u t a r i dankte. Der Redner gab weiterhin Aufklärungen über den Stand der österreichischen Motorballons und erklärte, daß wegen Anschaffung in größerem Umfang Verhandlungen mit verschiedenen Unternehmungen eingeleitet seien und sprach die Hoffnung aus, daß sich die österreichische Industrie an den diesbezüglichen Lieferungen noch beteiligen werde. _
Oie wirren in Mexiko.
Die Pläne der Amerikaner.
* London» 12. Mai. Aus Washington meldet die >,Morning Post", daß nach einer vertraulichen militärischen Quelle General Funston berichtet habe, der aus Leracruz vertriebene General Maatz liege mit 12 000 Mann zwischen Veracruz und Mexiko. Man halt diesen Bericht in Washington sür übertrieben. Ein führendes Mitglied des Washingtoner diplomatischen Korps soll gestern, uni seine Meinung befragt, geäußert haben, daß die südamerikanische Aktion z »nichts führen werde. Die Vereinigten Staaten hätten das Angebot der Vermittlung nur angenommen, um Z ei t zu gewinnen, damit Villa inzwischen Tarnpno erobern könne und die Rebellen einen Hasen bekommen, der ihnen die Waffeneinfuhr ermöglicht. Das e r n- ziqe Ziel der Vereinigten Staaten sei Hu/rias Vertreibung, und sie glauben, dies leichter und billiger durch Carranza und Villa besorgen zu tonnen als direkt. Der Korrespondent des englischen Blane fügt hinzu, daß diese Meinung auch fast von allen übrigen Diplomaten geteilt werde.
Huertas Fall bevorstehend?
* Nelv York, 13. Mai. Auf der Durchreise in, Vera cruz sollen sich Huertas Friede nsdelegrerte Rabase, Rodriguez und El Guerro Freunden gegenüber ausgesprochen haben, daß Huertas Fall in zwck Wochen bis höchstens 40 Tagen zu erwarten sei. Die drei Delegierten, die sich in Begleitung ihrer Familien befanden, äußerten sich dahin, daß Huerta wie ein Löwebis zum letzten Augenblick kämpfen werde. Noch vorher würde er alle unterminierten öffentlichen G e b ä u d e in die Lust sprengen. Seine letzte Position will Huerta in dem stark befestigten Pueblo einnehmen.
Wie Huerta Finanzproblcmc löst, wb. Washington, 12. Mai. Wie der amerikanische Konsul aus Veracruz berichtet, kam gestern der Angestellte des Konsulats in Saltillo, Marchanio, in Veracruz an. Marchanio erzählte, er sei mit v o r gehn l t e n e m Revolver gezwungen worden, vom Gefängnis zum Konsulat zu gehen und das Safe zu öffnen und dem Kommandeur der Bundestruppen die Archive des Konsulats sowie die Wertsachen ein- schließlich des Geldes und der Juwelen zu über- geben.
Weitere Kämpfe um Tampico, wb. Washington, 13. Mai. Marineminister Daniels hat ein Telegramm des Admirals B-adger erhalten, wonach den ganzen Tag hindurch bei Tampico leb- haft gekämpft worden sei
Die Tehuantepec-Bahn wiederhergestellt, wb. Mexiko, 12. Mai. Der Verkehrsminister erklärte, daß der Verkehr auf der Tehuantepec-Eisenbahn wieder hergestellt sei. Die Linie war in, ihrer Abzweigung nach Veracruz in der Nähe dieser Stadt wenige Tage aufgerissen, doch war sie nie für den internationalen Verkehr gesperrt.,
Wilsons Optimismus.
wb. Washington, 13. Mai. Nach einer langen Konferenz mit dem Präsidenten Wilson erklärte ein Mitglied des Kabinetts, Wilson halte das Vertrauen aufrecht, daß die Vermittelung Erfolg, haben und weitere schwere Verwicklungen mit Mexiko abwenden werde.
Konsul Silliman freigelassen, wb. Washington, 12. Mai. Der brasilianische Gesandte in Mexiko hat dem Staatsdepartement mitgeteilt, daß die mexikanische Regierung die sofortige Freilassung des amerikanischen Dizekonsuls Silliman in Saltillo angeordnet habe.
Deutsches Reich.
* Hof- und Personal-Nachrichten. In den kommenden Wochen sollen Besuche der Braunschiveiqer. Mecklenburgischen und Badener Fürstlichkeiten bei dem Herzog und der Herzogin von Cumberland in Gmunden, wohin sie jetzt wieder überqesiedelt sind, erwartet werden.
* Eine Verständigung Zwischen der Regierung und dem Reichstag? Verschiedenen Blättern zufolge soll das Reichsschatzamt jetzt zu einem formellen Entgegen- konrmen in bezug auf die Besoldungsnovelle bereit sein und die Zusicherung geben wollen, daß etwa im nächsten Jahre die in der zweiten Lesung beschlossene, über die Vorlage hinausgehende Gehaltsaufbesserung der gehobenen Unterbeamten, und der höheren Postbeamten berücksichtigt werde. Die Konservativen und die Liberalen sollen sich auf eine solche Formel einlassen wollen, während das Zentrum noch schwankend sei. Immerhin wird mit der Möglichkeit eines Zustandekommens der Besoldungsnovellc sowie der Vorlage zugunsten der AItp ens^io n are und des Rennwettgesetzes noch gerechnet, ^n etwa, acht Tagen wird der Reichstag seine Ferien beginnen. Mit einer Tagung nach Pfingsten durste kaum gerechnet werden.
* Rücktritt des sächsischen Krregsmmisters. Der
sächsische Kriegsminister Freiherr v. Hausen wird nach Schluß des Landtags zurücktreten. Als Nachfolger ist der Generaladjutant v. Carlowitz in Aussicht ge-
nom.nm.^ sg re gj ßlter Bischofswahl. Der „Schlesischen Volkszeitung" wird aus Berlin gemeldet, daß das Breslauer Domkapitel die Königliche Staatsregierung von seinem Beschluß benachrichtigt hat, die Bischofswahl in Breslau am Mittwoch, den 2 7. Mai, vorzunehmcn. Als Königlicher Kommissar für die Wahl ist Oberpräsident Dr. v. Günther bestimmt.
* Ein württembergischer Regiernngsvertreter über das Verhältnis von Behörden und Presse. In der Hauptversammlung des Landesverbandes der Presse Württembergs und Hohenzollerns machte der Ministerialrat Dr. v. Marquardt, der als Vertreter o württembergischen Negierung erschienen war, iE bemerkenswerte Aussagen: „Behörden und -b »
