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Mittwoch» 13. Mai 1914.
Morgen-klusgabe.
Nr. 221. ♦ 62. Jahrgang.
Der Hausier amtsmüde?
Gerüchte und Tatsachen.
In den Berliner politischen Kreisen, die über wichtige politische Vorgänge zu allererst informiert werden, geht das Gerücht von Mund zu Mund, daß Herr von Bethmann-Hollweg das traurige Ereignis des Hinscheidens seiner Gattin zunr Anlaß nehmen werde, um das bürdevolle Amt des Reichskanzlers und preußischen Ministerpräsidenten demnächst niederzulegen. Einmal schon aus gesundheitlichen Gründen. Herr von Bethmann-Hollweg war nie der Kräftigste in körperlicher Beziehung. Aufregungen und Anstrengungen haben ihn stets hart getroffen und niedergebeugt Er besitzt, nicht jene seltene Elastizität, die das Schwerste unerschüttert trägt und aus Schicksalsschlägen zu neuer Arbeitslust vorschreitet. Hinzukommt, daß Herr v. Bethmann-Hollweg in den letzten Jahren und besonders in den letzten Monaten bittere seelische Kümmernisse privater Natur zu tragen hatte. Große Sorge machte ihm außer der Erkrankung seiner treuen Lebensgefährtin schon fett_ längerer Zeit die Zukunft seines Sohnes: Ernst Friedrich v. Bethmann-Hollweg
ist inuner noch nicht Referendar, während seine Altersund Studiengenossen diese Anfangswürde der juristischen und staatsmännischen Laufbahn bereits alle besitzen. Der älteste Sohn des Kanzlers hat ferner die Freuden seiner Studienzeit, obwohl sein Vater jährlich die Renke eines Millionärs bezieht, doch über diese Verhältnisse weit hinaus genossen (nebenbei gesagt im Verein mit dem Sohne eines unserer aktiven Staatssekretäre, dem nun ebenfalls die Vatersorge, bittere Vorwürfe zu machen hat). Am Tage der Zaberndebatte im Reichstag wurde Herrn v. Bethmann-Hollweg, wie das ja nachher bekannt wurde, eine Wechselschuld des Sohnes vorgewiesen, die das jährliche Gehalt eines Reichskanzlers um mehr als die Hälfte übersteigt. Man erinnert, sich noch, wie schwer, ja fast unmöglich es dem Reichskanzler an jenem Tage wurde, seinen parlamentarischen Pflichten obzuliegen. Er sprach stockend und unsicher, vergaß und versäumte manches, war nicht im Bilde, nicht genügend informiert und ließ dann Herrn W a h n s ch a f f e in den Wandelgängen des Parlaments umhergehen, um den Abgeordneten mitzuteilen, daß er sich körperlich nicht recht wohl gefühlt und dann in der Erregung wichtige Einzelheiten vergessen habe. Es war an einem Mittwoch. Auch am darauffolgenden Donnerstag hatte sich der Kanzler von seiner seelischen Depression' nicht erholt, und der Unterstaatssekretär mußte einen zweiten Entschuldigungsgang antrcten. Wer die Persönlichkeit des fünften Reichskanzlers kennt, wird verstehen, daß jene schlimmen Tage rn ihm den Entschluß reifen ließen, bei passender Gelegenheit seinen Rücktritt einzuleiten, nicht Werl er sich ferner menschlichen Schwäche zu schämen brauchte, sondern Werl rhm seine Gewissenhaftigkeit sagt, daß ern Rerchskanzler, dem schon die privaten und famrlraren Kümmernrsse schlaflose Nächte" bereiten, den polrtrschen Sorgen seines überbürdeten Amtes nicht dauernd gewachsen sein ~ dürfte. „Die Mittelpunkte fernes Innerr- l e b e n s sind Vernunft und P f I r ch t , hat einmal Friedrich Naumann von dem „einsamen Kanzler" treffend gesagt. Herr v. Bethmann-Hollweg nimmt nichts auf die I e i ch t e Schulter. Er besitzt so ungefähr das Gegenteil des Bülowschen Naturells. Man erlebt es oft 'daß er die Mitarbeiter ferner nächsten Umgebung zwei- und dreimal zur Konferenz kommen
läßt, wenn ihm die erste Besprechung einer Angelegenheit nicht die genügende Klärung gebracht zu haben scheint. Seine Amtstätigkeit während der brsherrgen fünfjährigen Kanzlerschaft ist, das lassen ihm auch ferne heftigsten Gegner, von tiefem Ernst und Pftrcht- gef'ühl erfüllt. Mag man an der Qualität des von ihm Erreichten sicherlich sehr viele Ausstellungen. zu machen haben, die Quantität des Geschaffenen ringt größte Achtung ab rrnd beweist, nrit welcher Aufopferung und Berufsliebe Herr v. Bethmann-Hollweg das erste Amt des Reiches versteht. Und weil Herr von Bethmann-Hollweg alles so ernst und schwer nimmt, hat er auch schon über den Fall fernes Rücktritts nicht nur viel nachgedacht, sondern wiederholt Verhandlungen gepflogen. Er hat, wie wir von einer Seite hören, die es unbedingt wissen muß, rn polrtr- s ch e r Beziehung sozusagen sein H a u s b e st eilt, seinen Nachfolger auf einer Wohl assortierten Liste vorgeschlagen und diese Unterhandlungen so gehwm geführt, daß seine gewöhnliche Umgebung im Reichskanzlerpalais nichts davon erfuhr. „Wir stehen am Beginn einer Politik, die über unsere Zukunft entscheiden kann, und es handelt sich darum, gleich von Anfang an die richtigen Bahnen einzuschlagen." Diese Worte^ m einer kürzlich erschienenen hochoffrzrosen Broschüre „D eritsch e Weltpolitik und kern Krieg stellen nach glaubwürdiger Versicherung das diplomatische Glaubensbekenntnis Herrn v. Bethmann-Hollwegs dar. Und aus diesem Gedanken heraus begreift man, wie sehr es dem vom Schicksal schwer getroffenen Kanzler am Herzen liegt, nicht eine Minute länger urt Amte zu bleiben, als es das Wohl des Reiches vertragt, und schon vorsorglich darauf hinzuwirken, daß zum sechsten Kanzler ein Mann auserwählt wird, der, nrrt ^äfytctfettcri beleibt, bxc Früchte der gewiß ernsten Pflichterfüllung seines Vorgängers zu pflücken versteht. _
politische Übersicht.
Mr die Fortführung der Sozialpolitik!
Die Kundgebung für die Fortführung der Sozialpolitik die am Sonntag von der Gesellschaft für Sozialreform veranstaltet war, erfreute sich, wie uns von einem Teilnehmer geschrieben wird, nrcht nur eines ausgezeichneten Besuchs, der für das geschickte Arrangement des Meetings sprach, sondern auch eines guten und einheitlichen Verlaufs. Die Hauptredner Professor Dr. F r a n ck e und Freiherr v. Berlepsch, entwickelten Gedanken voll gesunden sozialen Vorwärts- strebens, aber zugleich hielten sie sich ebenso fern von zwecklosen Radikalismen und von Utopien. Beide be- tonten stark die sittliche und staatS n otwen- d i g e B e d e u t u n g der Sozialreform. Die Debatte war auf einen ähnlichen Ton gestimmt. Allenthalben wurde die Politik der Scharfmacher er und der Unterdrückung gegenüber der Sozialdemokratie abgelehnt, auch die bestehenden Gesetze gegen den Streikterrovismus als ausreichend anerkannt. In diesem Sinne sprach besonders auch der fortschrittliche Ab geordnete Kanzow, dessen frisches und freudiges $8e kenntnis zur Fortführung und zum Ausbau der Sozialreform lebhaftem Beifall in der Versammlung begegnete. Besonders stark schienen in derselben die. Schichten des neuen Mittelständes, der Privat- anaestellten der Handelsgehilfen, der Bankbeamten usw, vertreten zu sein; aber auch der Ar beit er -
stand stellte in der vieltausendköpfigen Menge, die bis zum Schluß der nicht weniger als 20 Ansprachen mit mustergültiger Ruhe aushielt, ein starkes Kon- tingent. Nur eine Grupve fehlte, für welche die Fortführung der Sozialpolitik doch sozusagen von besonderem Interesse ist: die Sozialdemokratie; oder sie war höchstens in einigen versprengten Exemplaren vertreten. Die Kundgebung zeigte, daß werte bürgerliche Kreise die sozialpolitischen Aufgaben noch nicht für erfüllt erachten und dem reaktionären Treiben gegen die Koalitionsrechte und gegen die freie Ausgestaltung der Arbeiter- und Angestelltenbewegung ihrerseits mit Entschiedenheit widerstreben.
Der zürnende Heydebrand.
Die Rede des Herrn v. Heydebrand in Altona scheint eigentlich nur gehalten worden zu sein, um Herrn von Bethmann-Hollweg in sanfter, jedoch hinlänglich nachdrücklicher Weise darauf aufmerksam zu machen, daß die Konservativen es ihm äußerst übelnehmen würden, wenn er sich wirklich beifallen lassen sollte, eme Wahlreform in Preußen zu machen. Herr v. Heydebrand wird schon wissen, warum er den Zeitpunkt für gekom- men erachte^ eine Frontstellung gegen solche llbstchten des leitenden Staatsmannes einzunehmen. Solange Herr v. Dallwitz am Rnder war, hätte er diesen Avis an den Kanzler und Mnisterprästdenten Nicht für jo dringend gehalten, heute, wo Herr v. Loebell tnt Ministerium des Innern sitzt, beugt er rechtzeitig vor. Wieder mußte in der Altonaer Rede die Behauptung paradieren, daß die preußische Volksvertretung ihre Sache doch eigentlich ganz gut mache. Von diesem Lobe durste der Redner, wenn es wirken sollte, auch die Gegner nicht ausschließen, und so war er klug genug, die Freisinnigen nicht auszunehmen („sie machen ihre Sache, so gut sie können, ganz gut"). Diese Liebenswürdigkeit soll den Freisinnigen, und nM bloß ihnen, sondern dem Liberalismus überhaupt den Mund stopfen, mit welcher Absicht sich Herr v. Heydebrand allerdings nicht als so klug erwies, wie er es sonst ist. Das Hübscheste aber war seine naive Frage, warum die Konservativen die ersten sein müssen, wenn das Wahlrecht geändert werde. Auch nicht ein Mandat will die Rechte opfern, und deshalb darf es keine Wahlrechtsreform geben. Kommen aber wird sie doch trotz aller Drohungen und Weigerungen des Herrn von Hey debrand. ...,
Deutsches Reich.
* Hof- und Personal-Nachrichten. Einer der bekanntesten
katbolischen Geistlichen Berlins, der Kanzewedner des Dominikanerordens Pater Bonav entura, ist gestern früh im Alter von 51 Jahren gestorben. .
iinc. Das Presserefcrat des KriegSmimsterrums. Wie eine offiziöse Korrespondenz aus parlamentarischen Kreisen erfährt, ist bisher das Zentrum nicht geneigt, in der dritten Etatsberatung seine ablehnende Stellung zu der Bewilligung der für das Pressereferat erforderlichen Offiziere und Beamten zu ändern. Es wird aber darüber verhandelt, einen gemeinsamen Antrag der übrigen bürgerlichen Parteien zur dritten Lesung einzubringen, um einem Vermrttlungsvor- schlag eine starke Stimmenanzahl zu sichern, wenn auch an einer Ablehnung kaum gezweifelt werden kann.
* Der Wehrbeitrag und die Ausländer. Die von verschiedenen fremden Regierungen wegen der Heranziehung der Ausländer zum Wehrbeitrag erhobenen Vorstellungen werden, wie aus diplomatischen Kreisen mitgeteilt wird, durch ein hon den beteiligten Reichsämtern ausgearbettetes ausfuhr-
Ein Frühlingstag auf Korfu.
Von Dr. Wilhelm Wintzer.
Korfu, im Mai 1914.
Ehe noch die Frühlingsfonne die gange Pracht südlichen Frühlings der Erde entlockte, trieb es auch diesmal wieder Kaiser Wilhelm in sein Zauberschloß an der Adria. Da fingen nur eben auf den Wiesenhängen Korfus die Anemonen an gu sprießen, Feigen, Oliven und Myrthen blühten verstohlen in den Gärten und die ersten Nelken und Ro,en begannen zu knospen. Aber kühle Winde und kalte Nachte verkümmern noch den Vollgenuß des südlichen Fruhungs indessen gerade die ahnungsvolle Hebbheit die,es Vorfrühlings ist es, die Kaiser Wilhelm besonders liebt. Voller, berauschender, sieghafter aber lacht der südliche Lenz an den Küsten der Adria erst jetzt im Mai. Meint es dann die Sonne auf den schattenlosen Wegen zwischen den weiten Frucht- uüd Blumengärten Korfus auch oft allzu Mt — der Eindruck all der paradiesischen Schönheit, die der Frühling mit einem Male auf das Wuüdereiland ausstveut, bleibt jedem, der ihn einmal erleben durfte, unauslöschlich für alle Zeit.
Bei wilder Bora hatten wir San Giovanni di Medua, um dessen paar Häuser im Balkankriea so viel gestritten woüden ist, verlassen. Immer tiefer ftttff letzt die quer über den Horizont gelagerte schwere Wolkenwand immer stiller werden Meer und Himmel, immer leuchtender die blauen Berae. immer weicher die Winde. Santa Quaranta liegt
hinter uns — und nun löst sich die Welt plötzlich auf in einen einzigen süßen Zufammenklang aus taufend dust«- blauen Farbeutönen . . . ein neues, hehres, hei gedehntes Erlebnis kündigt sich an: Griechenland! Aber wer da glaubt, stch völlig ungestört den traumhaft schönen Eindrücken einer Griechenlandreise hingeben zu können — der kennt das Reisen im Süden, vor allem im Orient, nicht. Wie ein Mucken- schwarm hat sich schon in Santa Quaranta eine Schar aufdringlicher Fremdenführer, Portiers und Hotelagenten auf unser Schiff niedergelassen. Die ganze kleine nordische Reisegesellschaft fall im letzten Augenblick mürbe gemacht werden. Und ich wollte doch nicht den internationalen Reifstrubel in den Kavfuer AllevweltShotels d'Angleterre und Saint Georges mitten in der Stadt Korfu teuer bezahlen. Wie viel stimmungsvoller mußte sich die Maienschönheit Griechenlands genießen lassen im bescheidenen feigenumrankten Häuschen hocy auf felsigem Abhang über dem Meere! Ich entfliehe vom Drängen, Vorschlägen, »weisen und Feilschen auf der Kommandobrücke, um die wunderbare Annäherung an die zweizackme zypressenumstandene Zitadelle von Korfu, au ; . v schmale immer höher wachsende !veiße Häusermaffe der L-moi, an die saftiggrünen rühngeschwungenen Buchten zu •
Aber die Landung schon reißt wieder auS allen HiNime - Orient sind die Reifenden nun einmal um der Gepacktiag willen da, nicht umgekehrt. So müßte der Kampf '
packträgern, Bootsführern, Hotelagenten durchgekEpst w r- den vermittels einer Hand voll Frankstücke und Grabgeilen, erschwert noch durch den Zustand, daß es Privatlogrs in St su
überhaupt nicht gibt, aus dem einfachen Grunde, weil selbst zur „Saison", wenn Kaiser Wilhelm da fit, die Riefenhotels noch nicht einmal voll, sonst aber meistens leer sind, renn Kovsu ist wegen seiner Schattenlosigkeit noch immer keine geeignete Erholungsstation. Die Ausflüge sind sehr auAgsdehnt, und am Ziele in den Dörfern gibt's nur verEocknetes Rosinenbrot, warmen Wein und schlechten türkischen Kaffee. Die englischen Reisenden, die Korfu als Zwischenistatioii zum Übergang vom ägyptischen Winteraufenchallt benutzten, um dann in Albanien auf Eber zu jagen, gehören der Vergangenheit an. Wie so manches in dieser einst blühenWen Hüfenstadt Griechenlands! Sck>ändernd betreten wir die verfaulten Dielen im schönsten Prunkzimmer des größten Hotelbaus am Halfen „Hotel de Constantinople". Wbgerissene Goldtapeten, in Fetzen herabhängende Gardinen und elend zertrümmerte Wascbtische verscheuchen uns raub v ■ ■r<? dem „Albanesen» Hotel" zum Entsetzen feines Wirtes, bis wir durch Vermittlung des deutschen Bierrestaurants endlich in der einzigen Pension Kovfus, die eine Deutschschweizerin sauber verwaltet, behagliche Nnterkunst findeu.
Der Morgen hält uns noch in der Stadt Korfu. Zwischen Zypressen und Felsgrotten erklimmen wir die Plattform der Zitadelle von Korfu. Da liegt in kristallen-straihlendem Lichtmeer die ganze Herrlichkeit dieses glücklichen Eilandes ^ um uns herum. Vor uns die Stadt, rechts der Keiner^ Küsten- bogen, der mit lieblichen Hügelreihen das blaue Hafenlbc umschließt, links der größere, der sich mit dem Achiuewn ^ weißen Punkt aus arünem Hüaelrücken weit rm fl
