Nr. 219.
Dienstag, 12. Mai 191a.
Wiesbadener Tagblai?»
Morgen-Ausgabe, 1. Blatt.
Seite 8.
Heiniarbeiter durch Unternehmer, die von den Betleldung»-
ämtern beschäftigt werden, mutz von der Heeresverwaltung
entgegengewirkt werden. ,
Abg. Albrecht (Soz.): Die Zahl der Ökononnehandwerker ist ja schon bedeutend eingeschränkt worden, diese Einrichtung müsse aber gänzlich beseitigt werden. Dadurch wurden zahlreiche kleine Existenzen Brot erhalten. Dre Militärverwaltung sollte auch nicht mehr für ihren Bedarf in den Strafanstalten arbeiten lassen, da von dort nicht genügend gute Arbeit geliefert wird. Das Wichtigste ist die Vergebung der Arbeiten durch die Bekleidungsämter an private Großbetriebe. Da kommen die Handwerker mehr zu ihrem Recht. Leider ve- steben bei den Bekleidungsämtern noch zahlreiche Mitzstande.
So' wird vor allem über eine gewaltige Ungleichheit der Lohne bei den einzelnen Ämtern Klage geführt. Die Lohnzahlungen müssen wöchentlich erfolgen, nicht vierzehntägig. Ere Ärbeiterausschüsse sind vollständig machtlos und bedeutungslos. Die feldgraue Uniform sollte auch für den Friedensdienst eingeführt werden. Damit würden große Ersparnisse gemacht werden. , .
Generalmajor Wild v. Hohenborn: Es ist schon jetzt Anf- gabe der Verwaltungen, bei der Zuschlagserteilung nur solche Firmen zu berücksichtigen, die für die Erfüllung ihrer Verpflichtungen den Arbeitern gegenüber die erforderliche Sicherheit bieten. Eine Lohnkontrolle ist bedenklich.
Das KoalitionSrecht wird der Militärarbeiterschaft nicht verkümmert,
so weit es sich beschränkt/wie es die Sicherheit des Staates erfordert. Das geschieht durch den Arbeitsvertrag.
Abg. Ehrl,sant (Zentr.): Daß die Zwftchenmerster für Bekleidungslieferungen einen großen Gewinn erzielen, riff nicht zu. Das Handwerk ist völlig in der Lage, die rhm übertragenen Arbeiten einwandfrei zu erledigen. Das hat ut bayerische Sattlergewerbe durchaus bewiesen. Unser Genossenschaftswesen bietet ebenfalls in dieser Hinsicht Garantien Abg. Behrens (Wirtsch. Vgg.): Der Heunarberterschaft
könnte von der Heeresverwaltung dadurch gedient werden, oap die Lohnlisten auf Grund des Heimarbeitergesetzes ernge- fordert werden. Technisch sind die Bekleidungsämter zweifellos ein großer Fortschritt, für die Arbeiter aber entstehen Nachteile "dadurch, daß die Löhne immer noch nicht genügend ftnix Die Akkordsätze müssen anders gestaltet werden. Der Zeitstücklohn sollte, wie bei der Eisenbahn, auch m den Bekleidungsämtern eingeführt werden.
Abg. Trimborn (Zentr.): Die Maschinisten der Heeres Verwaltung müssen bessergestellt werden. In der Besoldung? ordnung, deren Los lloch im Schoße der Mütter ruht, sollten einzelne Gruppen dieser Kategorie hervorgehoben werden. Seit 16 Jahren haben sie nur 200 M. Aufbesserung erfahren.
Das genügt aber nicht. .
Aba. Albrecht (Soz.): Die gelben Orgamiatronen die man als nationale bezeichnet, sind eine Schmach und Schande für die deutschen Arbeiter. Diesen Organrsatronen sich anzu- scbließen, erlaubt die Heeresverwaltung den Arbeitern, mcht aber den freien Gewerkschaften, die doch ebenso national sind.
Generalmajor v. Schüler: Daß bei den verschiedenen Be- kleidungsäMtern verschiedene Löhne gezahlt werden, liegt in der Verschiedenartigkeit der Ortsüblichkeit der Löhne. Die Heeresverwaltung ist gerne bereit, entsprechend den Anregungen des Reichstags, die Bekleidungsämter auszubauen. Die den Strafanstalten überwiesenen Arbeiten der Bekleidungsämter betragen nur einen ganz geringen Bruchteil.
Es wird darauf gesehen, daß den freien Handwerkern keine Konkurrenz gemacht wird.
Wir sind gerne bereit, den geäußerten Wünschen bezüglich der Maschinisten und auch darüber hinaus entgegenzukommen, so weit es in der Macht der Heeresverwaltung liegt.
Abg. Werner-Hersfeld (Wirtsch. Vgg.»: Die Besörderungs- und Änstellungsverhältnisse der Unterkaserneninspektoren lassen viel zu wünschen übrig. ^ „ ri „ .
Abg. Trimborn (Zentr.) tritt für eine Besserstellung der
Lazarettverwaltungsinspektoren ein. ,
Abg Rupp-Marburg (Wirtsch. Vgg.): Die Servrcegelder und die Zuschüsse zum Service während der Truppenübungen entsprechen nicht den heutigen Verhältnissen. ' Alles ist teurer geworden. Da sollte die Heeresverwaltung ein Einsehen
Liesching (F°rtschr. Bpt.): Bei den Manöverstn-
guarti-erungen, namentlich auf dem Lande, muß .den Soldaten besondere Vorsicht bei dem Umgehen mit Feuer auserlegt werden, um Brände zu verhüten. Auch mug ihnen em- gSchärst werden, die Bevölkerung nicht zu reizen und die Bauern nicht zu mißhandeln.
Generalmajor v. Schüler: Die Manöver bringen selbst
verständlich kür die Bevölkerung große Lasten mit sich. Wir sind aber bemüht, diese herabzu scheu. Gegen die Ausschreitungen bei i>en- Manövern in Elsaß-Lothringen ist scharf vor- -geqangen worden. Die Angelegenheit schwebt noch vor Gericht.
Bei dem Kapitel
Militärmedizinalwesen
fordert Abg. Erzberqer (Ztr.) Sicherstellung des Vorrats von Impfstoff für den Ernstfall.' Sera sollte rn großer Masse jederzeit zur Verfügung stehen.
Oberstabsarzt Professor Dr. Hofmann: Die notige
Sicherstellung ist gewährleistet. Eine Fabrik erhält 26 000 Mark Subvention jährlich, ohne daß wir im Frieden auch nur ein Mittel davon brauchen. Auch stehen bei der Mobilmachung Mittel zur Verfügung. Wir verlieren die Sache nicht aus
dem Auge. „ , . .
Abg. Erzberger (Ztr.): Der Kernpumt liegt darin, daß
alles erst beim Ausbruch der Mobilmachung vorbereitet werden mutz. Entsprechende Forderungen werden wir gerne be- willigen.
Oberstabsarzt Professor Dr. Hofmann: Wir können die
Sera nicht lagern lassen, da sie sonst ihre Schutzkraft verliert und unbrauchbar wird. Im übrigen werden wir die Frage weiterprüsen.
Auf Anregung des Abg.Thöne (Soz.) erklärt General Wild von Hohenborn, daß bei der Einberufung der Reservemannschaften alle mögliche Rücksicht auf die Bevölkerung genommen wird.
Bei dem Kapitel
Pferdebeschaffung
liegt eine Resolution der Konservativen, Nationalliberalen, des Zentrums und der Freisinnigen vor auf, Festlegung der Gestellungsposten für die Militärremonten in Verbindung mit amtlicher Vertretung der Landwirtschaft.
..Abg. Bassermann (natl.): Der grausamen Tier-
guälerei des P f er d e k u p i e re n s tollte beim Militär entschieden entgegengetreten werden.
Abg. Alpers • (Welfe): Die. hannoverschen Pse^üchter
müssen von der Militärverwaltung in erster Lrnie gchoroerl
werden durch Ankäufe. . h<)r
Kriegsminister v. Falkcnhahn: Die Remontierung der
Militärpferde ist eine höchst wichtige Frage. Huchchttrcy ocs Kupierens stehen wir vollkommen auf dem. Standpum oes Abg. Bassermann. Für Dienstpferde sind mir Pferde 'langen Schwänzen einzustellcn. Im voagen Mtc ' . wirket dem großen Ankauf von volljährigen Melden «enoügft auch kupierte Pferde zu nehmen. Es wurde uns vorgchatten, daß wir Pferde im vorigen Jahre bei den Händlern ange kauft hätten, da darf nicht vergessen werden, daß wir de - kaüf der Pferde nicht eher ankündtgen konnten als er uns vom Reichstag bewilligt war; das war Anfang Juli. Anfang Oktober mutzten wir aber die Pferde haben. Die mg - ch Züchter kamen für die volljährigen Pferde n.cht ln Betrach, da sie ihre Vorräte schon verkauft hatten. Bei den Landwirten kannten wir auch nicht kaufen, da die Pferde durch d -
arbeiten übsrangestrengt waren. Sie sollten "Der g cy leistungsfähig sein, wenn sie angekauft wurden. So blwo uns nichts übrig, als bei den Händlern zu kaufen, die wir auch nicht ausschtießen wollen. Der Resolution 'd^burgerlichen Parteien stehen wir wohlwollend gegenüber, 3 b
Ankaufskommissionen für Reuwntcu ist jünM vermut worden. Es ist aber nicht leicht, die geeigneten Herren für diesen Posten zu finden, denn
der Umgang mit den Herren Landleuten ist urcht immer sehr einfach.
(Heiterkeit links, Widerspruch rechts.) m r ..
Mg Krell, (kauf.): Die Ausführung der Resolutwr
wird ,eic,-n. welche Mißstände bestehen. Die Händler sollten
nsiht ausgelschaltet werden. Die berechtigten Forderungen der Bauern, mit denen es sich sehr wohl gut verkehren laßt.
müssen berücksichtigt werden. m hpr
Abg. Fcgtcr (Fortfchr. Vpt.): ^ Be,on>dere Rücksicht ver
dient der kleine Pferdezüchter, damit er immer mehr für d > Merde^ucht interessiert wird. ^ ..
Das Kapitel wird bewilligt und die Resolution angenommen.
Es folgt das Kapitel
Militarerziehungs- und Btldungswcsen.
Abg. Schultz-Erfurt (Soz.): Der Kriegsminister mag rn
erster Linie dafür sorgen, daß keine Schundliteratur in t Kaserne hinöinlkommt. Die gegenwärtigen Mittel reichen nicht aus um dem Soldaten die Möglichkeit zu bieten, daß er e,n gutes Buch in die Hand bekommt.
Man sollte wenigstens etwas tun, um den Sollmtcu den Dienst angenehm zu machen und zu erleichtern.
Nach Erledigung einiger weiterer Kapitel folgt die Beratung des vorgestern zurückgestellten Kapitels
Gouvernements, Kommandanturen und Platzmajore. jQictgii liegen mutete Äöänbemng^crnitäge bot.
General Wild von Hohenborn: Aus mMtärifchen Gründen bitten wir Sie, die Vorlage in vollem Umfange zu de- willigen. Wir fordern das mit Rücksicht auf die Mobilmachung, die hier nicht mehr zu erläutern ist. Das trefft besonders zu für die Kommandanturen Karlsruhe, Darmstadt
und Königitmn. s ,
Aba. Rogalla von Bibcrstein (koch.): Der Antrag des
Zentrums, die Kommandanturen Karlsruhe und Konigste,n zu streichen, dagegen Darmstadt wiederherzustellen, M den Zustand so festlegen, wie er im vorigen ^ahre rm Etat gestellt
^^Badiichsr Gesandter Freiherr v. Berckhcim tritt für die Aufrechterhaltu'Ng der Kommandantur Karlsruhe . ein. Hessischer Gesandter Freiherr v. Biegeleben für dieMtge an Darwsiadt. Sächsischer Generalleutnant Freiherr Leuckart non Weistdorfs: Wir bitten die Kommandantur in Komg-
stein zu bewilligen. Württeiulbergischer Generalleutnant v. Grnvcnitz: Ich" bitte, für Stuttgart einen Kommandanten
im Hauptamt zu bewilligen. .
Ohne weitere Debatte wirb der Antrag Spahn in allen seinen Teilen angenommen, d. h„ die Kommandanturen Karlsruhe, Darmstadt und König stern in Sachsen werden gestrichen. Der Truppenübungsplatz Darmstadt belommt als Kommandant einen pensionierten Offizier, ebenso Dresden uNd Stuttgart. Die übrigen Anträge sind damit erledigt und das Kapitel wird mit dieser Änderung bewilligt. Darauf geht das Haus zu dem Kapitel Artillerie- und Waffenwesen
über.
Abgeordnetenhaus.
Eigener Drahtbericht des »Wiesbadener TaablatlS".
$ Berlin, 11. Mai,
Am Ministertisch: Kultusminister v. Trott zu Solz.
Vizepräsident Porsch eröffnete die Sitzung um 11 Uhr
15 Min. .
Die Beratung des K u l t u s e t a t s wird bei dem Kapitel
Elemsntarunterrichtswesen
fortgesetzt.
Abg. Dr. Jdcrhosf (freik.) befürwortet den Antrag der B u d g e t k o m missio n, nach welchem die Vergütungen für die Umzugskosten der Lehrer und Lehrerinnen angemessen e r - höht werden sollen.
Abg. Thurm (Vpt.) tritt für eine gesetzliche Regelung der Gehälter der M i t t e l sch u ll e h r er ein.
Abg. Wittrock (Vpt.) befürwortet einen Antrag seiner Partei,"daß die Umzugskosten der Lehrer den für die mittleren Beamten geltenden Sätzen gleichgestellt werden sollen.
Kultusminister v. Trott zu Solz: Die Prüfung dieser Angelegenheit hat ergeben, daß die bisherigen Bezüge für die Umzugskosten der Lehrer tm allgemeinen ausre.ichte n. Es besteht die Absicht, den Lehrern eine angemessene Entschädigung der wirklich entstandenen Unkosten zu gewähren. Insbesondere soll auch Ersatz gewährt werden für Verluste, welche die Lehrer bei der Versetzung durch die Aufgabe eures kleinen landwirtschaftlichen Grund st ücks erleiden. Den Lehrern wird am besten durch die Annahme des Kommissionsantrags gedient sein. .
Abg. Dr. Heß (Zentr.): Da die Staatsregierung nicht für den freisinnigen Antrag zu haben ist, halte ich es für das praktischste, ihn abzulehnen.
Hierauf wird der Antrag der Freisinnigen zurückgezogen und der Antrag der Budgetkommission angenommen.
Abg. Dr. v. Schenlcndorff (begründet einen Antrag, wonach erhöhte Mittel für die Einrichtung, die Erhaltung sowie die zeitgemäße Ausgestaltung der Horte für Schulkinder gefordert werden. Es handelt sich hier um ein be
deutsames soziales Werk, um eine vorbeugende erzieherische Maßnahme rm Interesse unserer Kmder. Dre Industrialisierung unseres Wirtschaftslebens, ^welche auch dre Mutter zur Arbeit außer dem Hause zwingt, hat ern großes Heer aufsichtsloser Schulkinder geschaffen, für deren Erziehung unbedingt gesorgt werden muß. (Verfall ber den
Nationälliberalen.) t r .. m .
Abg. v. Ersfa (kons.): Wir begrüßen es, daß dre Regierung zur Ausbildung geeigneter Kräfte für dre Hortfurforge Mittel
in den Etat eingestellt hat. .. , ... •
Aha Schmedding (Zentr.): Wrr erkennen dre Zweckmäßigkeit des vorliegenden Antrags an. Wir müssen dafür sorgen, daß die Schulkinder nicht ohne Aufsicht auf dre Straße geschickt werden, wo sie allgemeinen Verführungen ausgesetzt jrttv. Wir stimmen dem Antrag auf Kommrssionsberatung zu.
Mg. Cassel (Vpt.): Die Unterstützung des fudrichen Retr- qionsunterrichts ist an die Bedingung geknüpft, daß ^mindestens 12 Schüler an dem Unterricht teilnehmen. Wrr wünschen, daß die Unterstützung auch gewährt wird bei einer geringeren
Anzahl von Schülern. , , ,
Abg. Dr. Heß (Zentr.) begründet fernen Antrag, wonach der Handarbeitsunterricht für schulpflichtige Mädchen in größerem Umfang als bisher gefördert werden ,oll. Aus sozialen Erwägungen sollte der Handarbeitsunterricht als
Hauptfach gelten. . r
Abg. Münsterberg (freik.): Wir müssen den Krnderhorwn genügende Beschäftigungsmittel zur Verfügung stellen. Die Räume müssen so ausgestaltet werden, daß dre Kinder an ihr Elternhaus erinnert werden.
Abg. Hirsch (Soz.): Wir werden dem Antrag v. Schenken- dorsf zustimmen, wünschen aber, daß p o l i t i sch e Gesichtspunkte bei der Aufnahme der Kinder nicht mitsprelen.
Abg. Lieber (natl.): Die private Wohltätigkeit und dre Leistungen der Gemeinden reichen oft nicht aus, um eine genügende Anzahl von Horten zu errichten. Es muß also der
Staat eingreifen. , .
Die beiden Anträge werden darauf der Unterrichtskommission überwiesen. ........
Präsident Graf Schwerrn-Lowrtz: Soeben erhalte ich dre Nachricht, daß die Gemahlin des Ministerpräsidenten in dieser Nacht entschlafen ist. Ich darf annehmen, daß dieser schwere Verlust, der den ersten preuhrschen Staatsbeamten getroffen hat, das preußische Abgeordnetenhaus mit i n n i g e r T e i l n a h m e erfüllt, wie Sie das durch Erbeben von den Sitzen bestätigen. Der Präsident erbittet und erhält die Ermächtigung, dem Ministerpräsidenten dre A n t e i l n a h m e deS Hauses auszusprechen.
Abg. v. Schenkendorff (natl.): Die uns vorliegende Übersicht über die Ausbildung von I u g e n d p f l e g e r n im Jahre 1918 zeugt von einer großen Arbeit und legt ein Zeugnis ab von der Lebhaftigkeit des Interesses in weiten Kreisen der Bevölkerung für die Jugendpflege. Wir halten es für bedauerlich, daß die
mit den konfessionellen Vereinen verbundenen neuen Turnvereine den alten Turnvereinen eifrig das Wasser abgraben.
Wir würden es für einen glücklichen Gedanken halten, die Fortbildungsschulen, die städtischen wie die ländlichen, mehr in den Dienst der Jugendpflege zu stellen, da sie politisch und religiös neutral ist und strenge Schulzucht in ihr herrscht. (Beifall bei den Nationalliberalen.)
Abg. Graf Moltke (freik.): Wir haben auf dem Gebiet der Jugendpflege schon Großes geleistet, wir dürfen aber nicht verkennen, daß sich in jüngster Zeit Auswüchse bemerkbar gemacht haben, die unsere Jugend schädigen müssen. Wir verurteilen es, wenn z. B. antisemitische Tendenzen in unsere Jugendbewegung hineingetragen werden. (Beifall bei den Freikonservativen.)
Abg. Kanzow (Vpt.): Das Ziel unserer Jugendbewegung muß sein, den vaterländischen Geist und das Verantwortlichkeitsgefühl in unserer Jugend zu stärken. Die sozialen Gegen- sütze müssen ausgeglichen werden. Deshalb wenden wir uns gegen konfessionelle Jugendvereine.
Wir wollen der Jugend die Lebensfreude erhöhen, wollen ihr aber nicht das Leben verekeln.
Wir wollen keinen Byzantinismus und keine Hurrapolitik in unserer Jugend großziehen, sondern echte vaterländische Gesinnung.
Abg. Hönisch (Soz.): Die hinterhältische Art der antisemitischen Agitation läßt eine ruhige objektive Behandlung der Jugendpflege nicht aufkommen. Die Angriffe gegen die freideutsche Jugendbewegung sind nicht angebracht. Die ganze übrige Jugendbewegung ist doch nur die Angst vor dem Erwachen der proletarischen Jugend. (Als Redner, um seine Behauptungen zu beweisen, zahlreiche Schriftstücke verliest, wird er vom Präsidenten ersucht, sich Beschränkung aufzuerlegen.) In den übrigen Jugendvereinen dürfen politische Vorträge gehalten werden, in den unseren nicht. Ist das Gerechtigkeit? Wir wollen die jungen Leute zu wissenden und denkenden Menschen heranziehen, indem wir ihnen besonders Abscheu vor dem Völkermord einflößen. Die freie Jugendbewegung wird seitens der Behörden geschunden, und das duldet der Minister. (Vizepräsident Dr. Porsch ruft den Redner wegen der letzten Äußerung zur Ordnung.) Wir werden nicht aushören, die freie Jugendbewegung zu fördern. (Beifall bei den Sozialdemokraten.)
Die Wetterberatung wird dann auf Dienstag 11%, Uhr pünktlich vertagt. — Schluß 6 Uhr.
Oie Probefahrt des Dampfers Vaterland.
vsi. Cuxhaven, 11. Mai. Zur Teilnahme an der Probefahrt des Dampfers „Vaterland" trafen gsstern im SonderJuge etwa 120 Gäste ider Hambuog-Amerika-Linie ein, vornehmlich Vertreter des Senats, der Bürgerschaft, der Marine-, Militär- und Zivlilbehörden, der HandelAammer, des SchiffNbaus und ^der Reeidereien, an der Spitze Bürgermeister Predöhl, der Präsident der Bürgerschaft Schön, Großadmiral v. Köster, die Admirale v. Holtzendorff und v. Uisedom, Konteradmiral Trummler, der Kammandierende Generäl des 9. Armeekorps v. Quast, Kommandant v. Buerries, der preußische Gesandte v. Bülow und zahlreiche andere Gäste. Die Gäste wurden von dem Direktor v. Holtzendorff begrüßt. Sie begaben sich an Bond des Salondampfers „Cobra" und fuhren bei schönem kühlen Wetter zu dem bei dem Feuerschiff „Elbe 4" liegenden Riejsendamstfer, wo sie Generaldirektor Ballin freundlichst empfing. Gegen 7 Uhr traf Prinz Franz von Bayern ein. Alsdann stach die „Vaterland" in See. Bei dem Festmahl gelegentlich der Probefahrt der „Vaterland" hielt Generaldirektor Ballin eine Ansprache. Nach einem Hinweise darauf, daß die deutsche Flagge auf dvm größten der Welt, der .besten und schnellstem einem, wehe, chara«e<ru>
