Wikslmökiirr SanMatt.
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„Tagtl«tt-Haus" Nr. 6650-53.
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Dienstag, 12. Mai 1914.
Morgen - Kusgabe.
Nr. 219. «- 62. Jahrgang.
Oer Rriegsminister.
hnS et s (' r^Eenhayn macht in keiner Weise beit Ein- Reden um des Redens willen liebe, - macht vielmehr den Eindruck, ein Mann der Tätig-
f*,.m Ut ^r öer A a -. m f ein - ® r sucht nicht nach rhetori- p 7 L £! 3 ä)t ] lU A^ i: öus, was er zu sagen sür nötig hält, er verwirr^ sich sogar zuweilen im Eifer der Rede, läßt eine Konstruktion fallen, gebraucht, ohne sich viel darum , überflüssige Füllworte (die er, wie es sein Recht-ist, nackcher ini stenographischen Bericht ausmerzt);
wahrscheinlich sehr böse sein, wenn man ihm zulraute, daß er nach dem Lorbeer eines Rhetors strebe, “sn ÖÖ§ notf} P susen, so trifft dies auch auf Herrn v. Heeringen, in einer be- Mmmten Richtung ebenfalls zu: der frühere Kriegs- Minister gab sich erst recht als schlichter Militär, der nichts sein wollte als eben Soldat. Um so merkwürdiger isi es nun, zu beobachten, wie diesen doch gewiß anerkennenswerten Vertretern des Offizierstandes bei- nahe isdes Mal wenn sie vor dem Reichstag stehen, das Pathos m ihre, wenn auch noch so sachlichen Ausführungen elnströmt. Sie können sich seiner gar nicht erwehren, sie sprechen in gehobenem Tone, immer vibriert etwas in den Untergründen und Hintergrün, den ihrer Reden. Immer werden mit Vorliebe sehr jtolze Worte gebraucht, ohne Rücksicht darauf, daß ihre allzu häufige Anwendung ihren Glanz und ihre Kraft schwächen und verblassen machen könnte. Vaterland und Ehre, der Geist des Offizierkorps glühende Gefühle, außerordentliche und dreimal unterstrichene Hochachtung vor dem eigenen Beruf, allerkräftigste Heraus- arbeitung ethischer Pflichten, das alles kann man hören es wird mit weitausladenden Worten gebracht, und .Einfachste, was der Minister nntzuteilen hat, Nt stets eingetaucht in diese Atmosphäre von gestellterem Pathos. Es ist gewiß nichts Pathetisches dabei, davon kann gar keine Rede sein, vielmehr bekommt diese Ausdrucksweise etwas Gewinnendes durch die zweifellos echte Ü b e re z e u g t h e i t des Redners. Aber darüber sich einmal klar zu werden, verlohnt sich schon- Die Form, in der die Kriegsminister zu sprechen lieben, weicht ab von der sonstigen Art und Weise, wie sie der Verkehr zwischen den Regierunqsvertretern und dem Reichstag vollzieht. Auch der Reichskanzler hat große Anliegen zu verwalten, wenn er sich mit der Volksvertretung auseinandersetzt, auch der Schatzsekretär hat es, auch der Statssekretär des Innern, den Staatssekretär im Reichssustizamt nicht zu vergessen. Keiner von ihnen ergeht sich in der aparten Beredsamkeit, wie sie unsere Kriegsminister als anscheinend zu ihnen gehörende Eigenschaft betätigen. Sie alle können kaum schlicht genug sein, und wenn auch sie sich in gehobenen Augenblicken auf ein gesteigertes Niveau begeben, so tritt jedenfalls das rein Berufliche dabei zurück, es sind alsdann die allgemeinen Fragen, die jeden gleicherweise angehen, aus denen sie die Rechtfertigung zu Schwung und Kraft entnehmen. Im selbst der Staatssekretär des Reichsmarineamts_ weicht von diesem Typus ministerieller Beredsamkeit nicht ab: auch er ist noch niemals durch so rauschende und hochfliegende
Worte und Wendungen ausgefallen wie seine militärischen Kollegen. Wenn Herr v. Heeringen sich seiner Angreifer oder Kritiker nicht weiter zu erwehren wußte, dann kam er regelmäßig mit dem Geiste des Offizier- l'orps, mit den großen Überlieferungen der Vergangenheit, mit all dem freilich nicht inhaltsleeren, aber durch übermäßige Unterstreichung doch ein wenig detonierenden. Pathos (wir müssen immer wieder das Wort gebrauchen), das die sonst fehlenden Argumente außerhalb der simplen Sachlichkeit zu beziehen versuchte. Herr v. Falkenhayn ist ungleich gewandter als sein Vorgänger, er hat ein viel stärkeres intellektuelles Rüstzeug, er beherrscht einen weit ausgedehnteren Bereich. Aber das Grundwesen seiner Beredsamkeit ist schließlich doch nicht viel anders als das des Herrn von Heeringen. Wie kommt das nun? Die Antwort wird dem Betrachter nicht schwer gemacht, sie liegt in dem besonderen Verhältnis der Militärverwaltung zu den Institutionen, auf denen unser verfassungsmäßiger Gesamtzustand beruht. Kein Zweifel, Herr v. Falken- hayn meint es sehr ernst, wenn er glaubt und versichert, daß die Achtung vor der Verfassung ihm und der Militärverwaltung überhaupt als unverbrüchliche Pflicht im Busen lebe. Indessen hindert diese, übrigens selbstverständliche und deshalb keiner Anerkennung bedürfende Achtung nicht, daß das Militärwesen sich gleichwohl wie ein Staat im Staate fühlt und die Mitwirkung der Volksvertretung als etwas empfindet, was ja nicht anders sein kann, was aber als unwillkommen gefühlt wird. Gebotenermaßen steht der Kriegsminister Rede und Antwort, nur daß es mit einem Untertone geschieht, aus dem eine, dem Redner selbst wahrscheinlich gar nicht zum Bewußtsein kommende Gereiztheit heraustönt. Das wichtigste Moment aber ist dies: weil die geübte Kritik nicht immer entkräftet werden kann, müssen zur Entgegnung die allgemeinen Begriffe dienen, deren Wert ja niemand bestreitet, die aber gerade in ihrer Allgemeinheit und ihrer Unbestrittenheit am wenigsten dazu geeignet sind, einfache, sachlich zu erledigende Fragen nun wirklich zu erledigen. Da ist z. B. das Problem der Kommandogewalt. Keinem bürgerlichen Abgeordneten fällt es ein, die verfassungsmäßigen Rechte der Krone antasten zu wollen, aber die Frage, wie sich die Institution des Militärkabinetts in den Organismus unserer verfassungsmäßigen Zustände einfügen kann und ob sie in Liesen Organismus hineinpaßt, braucht doch nicht mit einem Aufwands von Pathos — wiederum steht uns kein anderes Wort zurVerfügung — mehr verdunkelt als geklärt zu werden. Wer will denn an den Grundpfeilern des Heeres rütteln, indem er diese Frage behandelt? Sind die Offiziere der süddeutschen Kontingente, wo es kein Militärkabinett wie in Preußen gibt, vielleicht weniger zuverlässig, vielleicht weniger vorn Offiziergeist erfüllt, vielleicht eher bereit und fähig, sich zu Werkzeugen ehrgeiziger Parteiführer zu machen, als es die preußischen Offiziere sind? Wir antworten auf diese Frage gar nicht erst, weil es uns überflüssig dünkt, aber nach der Darstellung des Herrn v. Falkenhayn könnte man, wenn man sich lediglich an seine übermäßig schwungvollen Worte hielte, beinahe glauben, daß ein verhäng
nisvoller Unterschied zwischen diesen preußischen und diesen nichtpreußischen Offizieren besteht. Wie mit dieser Frage verhält es sich auch mit den meisten anderen, die gegenwärtig der kritischen Untersuchung im Reichstag unterliegen. Man möchte mit Hamlet sagen: „Dies ist ein Brauch, von dem der Bruch mehr ehrt als die Befolgung." Nur werden wir auf den Bruch wohl noch geraume Zeit zu warten haben. Daß man mit dem Reichstag auch anders Verkehren kann, dafür zeugt das Vorbild des Herrn v. Einem, auch das des Herrn Bronsart v. Schellendorsf. Also ganz wollen wir die Hoffnung nicht aufgeben, daß wieder einmal ein Kriegsminister kommt, der den Spuren dieser seiner Vorgänger folgt.
politische Übersicht.
Ein Botschafter über die Lage.
O Berlin, 9. Mm.
Einer der Botschafter des Dreiverbandes in Berlin hat einem Mitarbeiter des „Lokal-Anzeigers" sein Herz über die europäische Lage ausgeschüttet. Wer dieser Botschafter ist, wird leider nicht mitgeteilt. Da es sich nur um drei Personen handelt, so scheint das Raten sa erleichtert, aber wir möchten uns an ihm nicht beteiligen, schon aus Höflichkeit nicht, wie sie einem fremden Gaste gebührt. Denn was dieser Diplomat durch das genannte Blatt der Welt mitzuteilen hat ist weder so neu, wie er selber glaubt, noch so richtig, 'wie er überzeugt zu sein vorgibt. Neu ist es durchaus nicht daß die Teilung der Großmächte in zwei Gruppen und die somit erfolgte „Au sba l an zieru n g" der Kräfte gewisse Bürgschaften des Weltfriedens 'in sich schließt, und andererseits ist es leider nicht richtig, daß diese Bürgschaften hinreichen, um den Frieden nun wirklich zu sichern. Dies Ziel würde uns verheißungsvoll nahe winken, wenn unsere Nachbarn in Ost und West so wenig tatendurstig wären, wie sie es in sichtbarer Weise in Wabrheit doch sind. Ins ungewollt Verräterische begibt sich der fremde Diplomat, wenn er davon spricht, wie es den westlichen und den östlichen Nachbarn manchemal zumute sein: müsse, wenn sie die Macht und den Reichtum des neuen Reiches der Mitte ins Ungemessene wachsen und dabei seine kriegerische Rüstung stetig an Stärke zunehmen sähen. Nun, wie ist ihnen denn zumute? Könnten sich dir Nachbarn nach derr Erfahrungen von mehr als vier Jahrzehnten nicht beruhigt sagen, baß wir, nachdem wir niemals unsere Macht mißbraucht haben, den Verdacht, sie jetzt plötzlich doch mißbrauchen zu wollen, eigentlich nicht verdienen. Die Nachbarn sagen sich das wohl auch, aber es gibt bei ihnen Bestrebungen, denen es gerade recht ist, mit der gründlich falschen Vorstellung von deutschen Gelüsten und Übergriffen und Angriffen das Feuer zu schüren, das, wenn diese fortgesetzten Unwahrhastigkeiten nicht wären, I ä n g st aus Mangel an Nahrrmg hätte verlöschen müssen. Der ungenannte Botschafter ergeht sich weiterhin in merkwürdige Klagen über das „schrankenlose Wachstum" der Macht der
Bilder aus der Aeichshauptstadt.
Der Ausstrllungsmvnak.
„Der Mai ist gekommen, die Säle stellen aus", könnte man seit ein paar Jahren das schöne alte Volkslied fachgemäß umändern. Der Mai, der alle Triebe schwellen läßt, ist besonders dem Ausstellungstvieü sehr günstig und von Jahr zu Jahr mehrt sich die Zahl der Schaus (vielleicht wäre der Plural „Schauten" nicht ganz unangebracht), die im Mai ihre Pforten öffnen. In Berlin hat man uns diesmal gleich zwei Ausstellungen beschert. Im Clou erinnert die Kochkunstausstellung an die verflossene Herrlichkeit der einstigen Markthalle, in den Ausstellungshallen ist das Dheatertrei'ben von „Maske und Palette" von dem bunten Lärm einer Varietö- ausstellung abgelöst worden, die kurz . „Eva" (E—erste V—arietö-A—usstellung) genannt wird. Die Kochkunstschau, >n der zwischen den erlesensten und raffiniertesten Genüssen der berühmten Küchenmeister unserer großen HotÄs die Berliner Hausfrauen in Sülzkonkurrenzen treten, schüfst nur vergängliche Werte, die vom Tage leben und am Tage vergehen, „Eva" aber baut aus Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft lockende Bilder von großem Interesse auf.
Im Grunde ist es ja verwunderlich, daß die vielgestaltige Welt des Varietes bisher noch me eine solche umfassende Darstellung erfahren hat. Vielleicht hat sie sich selbst bisher nicht ernst genug genommen, um für eine solche Schau der Schaus Interesse zu erwarten. Unsere Zeit aber rückt allen Dingen, rückt auch den leichtesten, flüchtigsten Erscheinungen des Vergnügens mit Würde zu Leibe, bemüht sich, ihr Wesen zu ergründen, und rubriziert sie sorgsam und genau ein. Diese Neigung berührt uns gewiß oft komisch, aber sie hat doch mitunter das Gute, Dingen Beachtung zu gewinnen, die vorher mit allzu gleichgültigen Augen kaum gewürdigt wurden. Das
1 Varietö kann heute eine übersichtliche Darstellung sehr wohl vertragen. Nicht als ob es nach allen Seiten zur Vollendung gediehen wäre und nichts als Bllwunderuntz zu heischen kommen dürfte. Viel mehr wird der Zweck dieser Ausstellung dadurch erfüllt, daß die Fachleute auf ihr Gelegenheit haben zu schein, was ihrer Kunst noch fehlt, wohlgemcrkt, nicht an KuNst, aber an Technik.
Daher mußte diese Ausstellung zu einem sehr erheblichen Teile eine richtige Jndustrieschau werden, in der man, von den kleinen Hilfsmitteln des Varietskünftlers abgesehen, die geheimnisvollen Kräfte kennen lernen kann, die dsnö Vorführungen !der bunten Bühne einen so großen Reiz geben. Die Form, in der man diesen Blick hinter die Kulissen tut, ist für die Massen besonders reizvoll. So hat man auf einer Bühne einen kleinen Kuppelhorizont eingebaut und eine große Beleuchtungssirma zeigt nun hier in der Praxis, welch Wichtiger Faktor das Licht für die Stimmungen der Bühne geworden ist. Tag und Nacht ziehen mit allen Nuancen und Erscheinungen vorüber, dom sanften Morgenrot folgt ein heißer Mittag, der Sturm heult los, Blitz und Donner regieren die Szene, bis die Nacht lieblich nieder,gleitet. Wenn man weiß, wie sehr gerade die Varietgbühnen in der Gestaltung des Bühnenbildes künstlerische Sorgfalt bisher noch vermissen lassen, wird man diesen Vorführungen einen recht tiefen Eindruck wünschen.
Den Clou der Jndustrieabteilung stellt freilich wieder einmal die Textilmanusaktur George Piek. Die neue Erfindung, die sie vorführt, bedeutet eine Umwälzung, deren -Folgen allerdings im Theater noch stärker sein werden als aus den Vavietsbühüen. In wachsendem Maße hat sich foic Bühnenkunst der letzten Jahre von den gemalten Dekorationsgeg-en- ständen zu praktikablen gewandt. Wir wollen heute keinen gemalten Baum mehr schwanken sehen, wenn sich ein Darsteller versehentlich dagegen lehnt, sondern wir verlangen auch
hierin Wirklichkeit. Aber es sind nicht allein die Kosten!, sondern -fast noch mehr der Platzmangel, der viele solche Wünsche unerfüllt läßt. Die praktikablen Gegenstände n-chmen sehr viel Raum sort und sind für die raschen Umbauten ein beträchtliches Hindernis. Piek beseitigt alle digse Schwierigkeiten, indem er mit Luft aufbaut. Aus dem Baden liegt ein kleines Häufchen, das wie eine Matte aussieht und kaum Platz beansprucht: Die scheinbare Matte wird an eine Luftpumpe angeschlossen und schwillt in wenigen Sekunden zu einem gewaltigen Baume empor, den ein Arbeiter nach Belieben im Winde schwanken und sich wieder aufrichten läßt, an den der- dickste Mann sich getrost anlehnen kann, und der doch in ein paar Augenblicken Widder als flache Decke -von demselben einzelnen Arbeiter bequem hinausgetragen werden kann. Aus einem grünen Stofs, der bescheiden in einer Ecke liegt, bäumt sich der Lindwurm fabelhast echt Siegfried entgegen und verröchelt eben so echt unter seinen Streichen. Die Aussichten dieser Erfindung, die in ihrer Einfachheit lebhaft -an das Ei des Kolumbus -erinnert, sind grenzenlos, zumal der Vorführer versichert, daß die nötigen Luftleitungen in jedem Theater ohne Neueinrichtungen an die vorhandenen Apparate angeschloffen werden können. Zurzeit ist er mit der Herstellung von 36 Bäumen beschäftigt, die bei Reinhardt im „.Sommernachtstraum" gleichzeitig aus dem Boden wachsen sollen. Auch bei de- „Pavsival"-EinstuLieruntz in Karlsruhe wird die Neuheit schon verwandt und es ist gar nicht zu bezweiselu, daß sie in Zukunft für die Gestaltung der Bühnenbilder geradezu bestimmend sein wird.
Doch man würde der „Eva" Unrecht tun, wenn man ihre Reize nur in der Industrie suchen wollte. Man findet sie nicht nur auf den Bühnen, wo ununterbrochen vom Mittag bis zum späten Abend gc>mimt wird, sei es, daß die Tänze aller Völker und Zeiten vorgeführt werden, sei es, daß ein entzückendes Fantochetheater alle Künste springen läßt, sei es, daß ein:
