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Montag, II. Mai 191«.
KbenÄ-Kusgabe.
Nr. 218. - 62. Jahrgang.
Die Tauffeierlichkeiterr in Sraunschrveig.
Der Taufakt.
* Braunfchweig, 9. Mai. Nach einem kleinen Regenguß H herrschte gestern wieder bas schönste Wetter, als sich die Taufgäste in der Burg Dankwarderode in der sechsten Abendstunde zum Taufzuge ordneten. Der Zug bewegte sich über den Verbindungsgang zum alten Dom bis zur Orgel, am Grabmal Heinrichs des Löwen vorbei, zum Hochaltar. Den Beschluß des feierlichen Zuges bildeten der Kaiser, die Herzogin-Mutter, der Herzog, der die Herzogin führte. Während der Feier nahm die Kaiserin gegenüber dem Altar Platz. Rechts und links saßen oie Herzogin und der Kaiser, dahinter der Herzog und die Herzogin-Mutter, während im Schiff die übrigen Gäste Platz genommen hatten. Nach Gesang des Kirchenchors vollzog der Hof- und Domprediger D. von C ch w a r tz den Taufakt, worauf die Rückfahrt unter lebhaften Kundgebungen der zahlreichen Menschenmenge, die Spalier bildete, zum Schloß erfolgte. Nach der Taufe nahmen der Herzog und die Herzogin in der Burg Dankwarderode die Glückwünsche der Fürstlichkeiten und diejenigen des diplomatischen Korps entgegen. Daran schloß sich eine G ratulationscour, ebendaselbst das Defil« des Gefolges und des Ehrendienstes, des herzoglichen Staatsministe- riunis, des herzoglichen Konsistoriums, des Ausschusses der Landesversammlung und des Ausschusses der Landessynode, des Magistrats der Stadt Braunschweig und anderer Herren.
Die Galatasel.
wb- Braunschweig, 9. Mai. Um 8 Uhr war Galatafel für die Fürstlichkeiten im großen Saal, für die Gäste in der Halle des Residenzschlosses. Der Kaiser führte hierbei die Herzogin, der Herzog die Kaiserin, der deutsche Kronprinz die Herzogin- Mutter, der Herzog von Mecklenburg die Kronprinzessin. An der Mitte der hufeisenförmigen Tafel saß der Kaiser rechts neben dem Herzog, neben jenem die Herzogin, neben dieser die Kaiserin, die anwesenden Fürstlichkeiten schlossen sich nach links und rechts an, gegenüber Hofmarschall v. Klencke zwischen dem Botschafter v. Szögheny-Marich und dem Botschafter Sir Goschen.
Der Trinkspruch des Herzogs Ernst August.
wb. Braunschweig, 9. Mai. Die Tafel im großen Saale war ganz in Rosa und mit Nelken geschmückt. Die Kapelle des 92. Infanterie-Regiments konzertierte. Im Verlaufe des Mahles brachte der Herzog folgenden Trinkspruch aus: „Eure Majestäten, erlauchte und geehrte Gäste! An dem heutigen Tage, der für mein Haus und das Braunschweiger Land so bedeutungsvoll ist, sind die Herzogin und ich von Dank gegen Gottes Güte und von inniger Freude über das uns beschie- dene große Glück durchdrungen. Die Feier der Taufe unseres Erstgeborenen erhält ihre besondere Weihe durch die Teilnahme der Gevattern des Erbprinzen, die persönlich oder in Vertretung hier zu begrüßen uns zur hohen Freude gereicht. Wir danken von Herzen Euren Majestäten für die Übernahme der Patenschaft und für die uns hochbeglückende persönliche Teilnahme an diesem Freudentag, die zugleich den so sehr
herbeigewünschten erstmaligen gnädigen Besuch Eurer Majestät an meinem Hofe in sich schließt. Diesem Dank schließen wir gleich unseren herzlichen Dank an die königlichen Hoheiten, meine erlauchten Eltern, an. Liebe und Fürsorge ist seitens der erlauchten Großeltern unserem Kinde vom ersten Tage seines Daseins an in herzerquickender Weise zuteil geworden. Möge dem Erbprinzen diese Liebe und Fürsorge, verstärkt durch die nahen Beziehungen der Patenschaft, allezeit erhalten bleiben! Wir danken sodann von Herzen den erhabenen Monarchen, die unter gnädiger Übernahme der Patenschaft ihre Teilnahme gn der freudigen Feier durch Entsendung besonderer Vertreter bekundeten. Wir danken allen sonstigen erlauchten und geehrten Gevattern und bitten alle diese Herren Gevattern, auch ihrerseits über unseren Sohn eine gütige und behütende Hand zu halten. Möge es uns gelingen, mit Gottes Hilfe und unter Beistand der Gevattern unseren Sohn auf christlicher Grundlage zu einem guten und tüchtigen Menschen zu erziehen, auf daß er dermaleinst unter den Gliedern des Reiches als ein echter deutscher Fürst sich bewähre. Möge andererseits durch Gottes Gnade den Gevattern selbst eine gesegnete Zukunft beschieden sein. In diesem Sinne ersuche ich die festliche Tafelrunde, mit mir in den Ruf einzustimmen: Die erlauchtern und geehrten Gevattern des Erbprinzen, insbesondere Ihre Majestäten der Kaiser und die Kaiserin, Hurra, Hurra, Hurra!" — Die Musik spielte die preußische Hymne.
Der Trinkspruch des Kaisers
hat folgenden Wortlaut: „Durchlauchtigster Herzog, vielgeliebter Schwiegersohn! Mil inniger herzlicher Freude bin ich mit Ihrer Majestät der Kaiserin und Königin der freundlichen Einladung Eurer Königlichen Hoheit zur heutigen weihevollen Feier dieses Herzogshauses gefolgt, nicht nur um Zeugen des ehelichen Glückes unserer vielgeliebten Tochter z>r sein, sondern zltgleich an geweihter Stätte die ernsten Pflichten eines Taufpatens des neugeborenen Kindes zu übernehmen. Ich darf wohl im Namen der sämtlichen durchlauchtigsten Taufpaten des Täuflings Eurer Königlichen Hoheit unseren tiefgefühltesten Dank aussprechen. Gott der Herr hat Eure Königliche Hoheit reich gesegnet, indem er dem Hause Braunschweig-Lüneburg und dem schönen braunschweigischen Lande einen Thronerben bescherte. Die treuen Wünsche und Gebete der Eltern und Großeltern wie des braunschweigischen Volkes sind glücklich in Erfüllung gegangen. Gottes Güte wird in treuer Elternliebe und Fürsorge der Erziehung des erstgeborenen Sohnes seinen Beistand leihen und ihn heranwachsen lassen zu einem tüchtigencharak- t e r v o l l e n M a n n zur Freude seiner Eltern und Großeltern und des ganzen Landes. Möge der junge Erbprinz, wenn ihm dereinst die Bürde der herzoglichen Krone aufer- lcgt wird, sein größtes Glück und seine höchste Befriedigung darin finden, für das Wohl feines angestammten Braunschweiger Landes alle Kräfte einzusetzen, im Rate der Fürsten zu wirken für die Größe und Macht des deutschen Vaterlandes als eine feste Stütze unseres protestantischen Glaubens! Ich fordere Sie auf, mit mir die Gläser zu erheben und auf das Wohl des jungen Erbprinzen von Braun- schweig Ernst August und seiner erlauchten Eltern zu trinken.. Hurra, Hurra, Hurra!"
Eine Huldigung.
wb. Brmrnschweig, 9. Mai. Den Festtagsschlutz bildet» ein Fackelzug mit Serenade. Etwa 2000 Sänger und 4000 Fackelträger bewegten sich in einem langen Zuge nach dem Schlotzplatz, wo sie Aufstellung nahmen. Nachdem das erste Lied verklungen war, erschienen die Fürstlichkeiten auf dem Schloßbalkon und hörten den Vortrag des Niederländischen Dankgebets. Hierauf hielt Stadtrat v. Franken- b e r g eine Ansprache. Nach einem weiteren Liede wurden der Dirigent Hof und der Domkantor Wilms sowie die Vorstände der Vereine in das Schloß befohlen. Eine gewaltige Menschenmenge wohnte der Veranstaltung bei und brachte den Allerhöchsten und Höchsten Herrschaften lebhafte Huldigungen dar.
Die gestrigen Veranstaltungen.
wb. Braunschweig, 10. Mai. Heute abend fand im herzoglichen Hoftheater Galavorstellung statt. Das Haus war mit Rosengirlanden reich geziert. Im Parkett, in den Logen und Rang sah man Minister, die Hofgesellschaft, das diplomatische Korps, Herren und Damen der Gefolge, die zur Tauffeier anwesenden Abordnungen der bayerischen und der preußischen Regimenter, das Offizierkorps der Garnison und die Vertretung der Stadt Braunschweig. Unter Fanfarenklängen betraten die Fürstlichkeiten die große Hofloge und verneigten sich gegen das Publikum. Der Oberbürgermeister Retemeyer hielt eine Ansprache, in der er sagte, an seines Fürstenhauses sonnigem Glück nehme das ganze Land und die Residenz innigsten Anteil. Aller Wunsch sei, daß ein gutes Geschick auch künftig über dem Herrscherhause walten möge und daß der junge Welfensproß aufwachsen möge zur Freude seiner Eltern und Großeltern, seinem engeren Vaterlande zum Heile und dem großen deutschen Vaterlande zum Segen. In das Hoch auf das Herzogspaar und seinen jungen Sproß, die durchlauchtigsten Gäste und besonders die Großeltern stimmten die Anwesenden begeistert ein. Die Musik spielte die Nationalhymne, die vom Publikum mitgesungen und von den Fürstlichkeiten stehend angehört wurde.
wb, Brannschweig, 11. Mai. Das Kaiserpaar und das Herzogspaar sowie die anderen Fürstlichkeiten nahmen gestern vormittag am Gottesdienst im Dom teil. Darauf hörten die Fürstlichkeiten in der Burg Dankwarderode Gesangsvorträge von Schulkindern. Mittags und abends fand Familientafel im Residenzschlotz statt. Das Kronprinzenpaar und das Prinzenpaar Eitel Friedrich verließen Braunschweig heute morgen. ^
Die Abreise des Kaiserpaares.
wb. Braunschweig, 11. Mai. Der Kaiser und die Kaiserin sowie Prinz und Prinzessin August Wilhelm und die Prinzen Oskar und Waldemar von Preußen haben gestern abend Braunschweig verlassen. Nach herzlicher Verabschiedung von dem .Herzogspaar fuhr die Kaiserin um 10 Uhr im Sond'er- zug "nach Wildpark, wo die Ankunft nachts erfolgt. Die Kaiserin verläßt den Zug erst des Morgens. Um 10,10 Uhr erfolgte die Abreise des Kaisers nach Metz.
Feuilleton.
Residenz-Theater.
Samstag, den 9. Mai: „Als ich noch im Flügel
kleide ..." Ein fröhliches Spiel in vier Aufzügen von Alberr Kehm und Martin Fr eh fee.
„Silentium, onrnes ad loca!" So sschallt die Stimme des ersten Chargierten vernehmlich von der Rhenanenkneipe herüber in das Mädchenipensionat, das von Frl. Isolde Gutbier kommandiert wird. „Ad exercitrum salamandri . . .! O Wie Burschenherrlichkeft, wohin bist du geschwunden! Jedem, der sich einst aus denn undefinierbaren Zustand des „mulus" durch den Fuchsenstall und den Burfchenfalon in das Phi- listrium „manifestierte", sei dieses fröhliche Spiel empfohlen. Es ist ein Gemisch aus Fidelität, Bierehrlichkeit, ülber- schäumender Lust und jerwm wunderbaren Gefühl von Freiheit und Sicherheit dem Leben gegenüber, das uns in den ersten Semestern,, wenn der Himmel ncch rein von Examenswolken auf uns herniederblaut, so wonnig (durchströmt. Etwas von der köstlichen, naiven Selbstüberschätzung jener Zeit, die auf dem Standpunkt steht — „ich habe 'neu Daler in der Tusche, was kostet die Welt?" .— packt uns wieder und beim Anblick der luftigen Streiche auf der Bühne guckt es in allen Gliedern von Wermut, irgendeine fidele Teufelei auszuführen (nachher tut man's ja nicht). Und die Frauen sehen Ebenfalls in den laugen Zöpfen und kurzen Kleidern, dem Tollen, und Jagen, Kichern und Plappern, in den lebenshungrigen Augen und den erwachenden Wünschen dieser- munteren Mädels den Mai ihres Lebens, die herrliche Zeit ihres Backfischalters wieder erstehen. Unsere Jugend grüßt uns von der Bühne herab, kein Wunder, daß ein frohes Wiedersehen gefeiert wurde. Die Handlung ist mehr wie harmlos, der Geist des Dialogs wiegt einige Lot, dennoch herrschte die fröhlichste Stimmung und eine gewisse Aufregung, weil die Erinnerung tätig mitwirkte, indem sie die Bedeutung der Vorgänge steigerte und alles mit dem poetischen Schimmer vergangener Zeiten vergoldete. Aber abgesehen ^üervon. ein bißchen Kindlichkeit und Freude am Kobolz-
jschießen sollte sich der Mensch doch auch im Alter bewahren». Im übrigen ist dieses Genre so existenzberechtigt wie jc'deL andere und es bedeutet eine ernst zu nehmende, künstlerische. Aufgabe, den charakteristischen Stil dieses Studenten- uni!) Backfischspiels zu treffen. Herrn Bertram ist das ausg«- zeichnet gelungen; obwohl die Verfasser vier Akte für nötig hielten, flaute die Stimmung dank des flotten Tempos und der vorgütztichen Ensemble- und Einzelleistuntzen keinen Moment ab. Das fröhliche Durcheinander der Mädchenszencn ergab sich ungezwungen, und die verschiedenen technischen Schwierigkeiten ' waren Uv eckmäßig gelöst. Ich möchte empfehlen, die Studenten weniger als Karikaturen vom Korpsstudenten aufzu,fassen. Diese Szenen fielen merklich aus dem Rahmen des fröhlichen Spiels heraus. Frl. Porst war jeder Zoll eine klassische Pensionsmutter, halb Spinne, halb .Dompteuse, Herr B a r t a k ein flotter Studio von echtem Schrot und Korn, Herz und Mund auf dem rechten Fleck, irild von einer Unternehmungslust, die (Mit 20 Jahren) «selbst vor einer Verlobung nicht zurückschreckt. Unter den Mädels stand Frl. Horsten als reizender, vorlauter Backfisch an ersüer Stelle. Frl. A g te war das imponierende Prachtstück einer drallen und schnodderigen Wirtschafterin, in ihrem Zorn war sie wahrhaft furchterregend. Der Abend «bedeutete einen vok'.en Erfolg .für das Residenz-Theater. a-
Konzert.
In einem Extrakonzert des Kurhauses erschien gestern als Solist: der besonders in den letzten Jahren auch in Deutschland so berühmt gewordene italienische Sänger M/atna Battistini. „Der gloriose Battistini" — wie ihn auswärtige Berichte jüngst ankündigten! Und als Gefangsvrctrios gebührt Battistini in der Tat die Gloriole selten erre ichter Meisterschaft. Sein umfangreicher Bariton entspricht a^en Forderungen, die man an eine schöne, edle Mannesst tmme stellen kann: der Ton — wenn ihm vielleicht hier und der aucq der zartere jugendliche Schmelz abgeht — zeigt ebenso vre! Kraft, Fülle und Charakter wie Milde, Weichheit und Seele, so daß er sich jedem Ausdruck willig fügt. Jedem Astlsdruck
— so weit derselbe im Umkreis wirklich melodischen Gesanges, nicht modern r melodramatischer Deklamationsmanier steht. Denn Battistini ist einer der glänzendsten Vertreter des italienischen Belcanto, des virtuosen Kunstgesanges. Wo hört man wieder eine solch absolute Beherrschung der Stimme in allen ihren Phasen!, eine Stimme, für die das Schwierigste
— Spielerei ist! Denn jeder Ton steht diesem Sänger mit der weitesten Ausspinnung und Ausspannung, mit der höchsten Steigerung und Schwellbarkeit — dieser feinsten Blüte des Belcanto — frei zu Gebote. Zuweilen erschien das Forte von fast allzu robuster Wirkung; doch es mag wohl schwer sein, hauszuhalten, wo man so verschwenden kann! Die Ton- und Registerverbindung ist einfach vollendet: das Porta- mento wird mit sublimem Geschmack verwendet. Die Klangfarbe des Organs ist, der italienischen offenen Vokälisation entsprechend, außerordentlich hell, und in der Höhe so strahlend, daß man oft fast einen Heldentenor zu hören glaubt. Die Grenzlinien der Vortragskunst sind schon angedeutet: das Programm umfaßte dramatische und lyrische Gesangsstücke von melodiösem gefälligem Charakter, die, mit Ausnahme von zwei französischen Chansons, in italienischer Sprache gegeben wurden, und in denen die Nuancierung und Schattierung mit allem Raffinement auf die Geltendmachung der stimmlichen und technischen Vorzüge des Sängers berechnet waren. Innerhalb dieser Grenzen ließ Mattia Battistini aber seinem lebhaften Temperament, seinem impulsiven Empfinden im Ausdruck frei die Zügel schießen. Mit der rhythmischen Gliederung wurde nicht selten etwas eigenmächtig verfahren: namentlich in dem „Prolog" aus „Bajazzo", in der „Arie" aus „Tannhäuser" (Wolframs Minnesang klang fast so süß wie die Cavatine aus einer Bellinischen Oper) und in der „Arie" aus Donizettis „Favorite", — wo denn unser Kurkapellmeister Herr H. I r m e r all seine bekannte Dirigententüchtigkeit aufzubieten hatte, um eine feste Leitung mit geschmeidiger Begleitung zu vereinen. Die Kurkapelle tat das Ihrige zum harmonischen Ausgleich. Angenehme J * Wechslung boten die vom Orchester gespielten Ouvertüren S Wagners „Tannhäuser" und Goldmarks „Im Fruy - welche unter Herrn Jrmers sicherer Führung klar, sa
