wöchentlich
Verlag Langgasse 81
„Tagblatt-HauS".
Schalter-Halle geöffnet von 8 Uhr morgens bis 8 Uhr „bends.
Sejugs-PreiS für beide Ausgaben: 70 Psg. monatlich, M. 2.- nisrteliäbrli» h.tr-A sn„ü7
»"deN'N en und in den henachZarten Landorten und im Rheingau die beNeffenÄn TaMatt-Trüger
«ngeigen^Annabme: Für dieAbend-Ansg,bistSUhr "V
mmags: iür di? Mora-n-Ausg, bis subr nachmittag», Berliner Redaktion des Wiesbadener Taablatts- Berlin
12 Ausgaben.
Fernruf:
„Tagblatt-Hans" Nr. 6650-53. i 8 Uhr morgens bis 8 Uhr abends, außer
t“ r , 15 ?f8’ für lokale Anzeigen im „ArbeitSmarkt" und „Kleiner Ameiaer"
in einheitlicher Satzsorm: LOPsg. in davon ahmeichender Sahausiührnna sowie fiir „ir, , .
Anz-'gen: 80 Pfg. für alle auswärtigen Sünaeigen; 1 Wtt friZaS KSra- 2 Mk SÄ fe ®me. halbe, drittel „und viertel"Seiten, durchlaufendnachLdererBÄ-chuma ?- Be. wiederhcltcr Aufnahme unveränderter Anzeigen in kurzen Zwjschenräunien entsprechender Rabatt.
Samstag». 9 . Mai 1914 .
Französische Theaterpolitik.
cv Wenn auch die Hitze des Stichwahlkampfes in
drrnVftr!? • TlQn ^ e ? Iei entschuldigt, so ist es denn doch allmahlrch eine zwingende Notwendigkeit geworden der ^erhetzungstatigkeit der Pariser Boulevard-Presse' ein- mal energisch entgegenzutreten. Die französischen ^?^ovalisten suchen aus den Stichwahlen für sich noch viel herauszuholen. Das ist gewiß ihr gutes Recht. Es kann uns auch gleichgültig sein, wie sie ihren Minister, Herrn Doumergue, behandeln, aber Nicht gleichgültig ist es, wenn dabei eine Verhetzuna zwischen zwei großen Völkern getrieben wird, die sich E^.dle Dauer zu einer kulturellen Gefahr auswachsen
- ^ vergangenen Woche hat in Berlin ein soge-
Wvuter Hilfsbund gegen die Fremdenlegion ein Wohl- tatigkeltsfcst gefeiert. Dabei sind Lichtbilder über die Fremdenlegion vorgesührt worden und zum Schluß auch eine der üblichen patriotischen Pantomimen wie sie sehr oft in Krieger- und Militärvereinen veranstal- tet werden. Der Verein, den der deutsche Hauptschntz- ^rband gegen die Fremdenlegion übrigens von seinen Rockschoßen schüttelt, hat an die Zeitungen natürlich einen Reklameberlcht verschickt, und auch die „Nordd. Allg. Ztg." hat in ihrem lokalen Teile diesen "Bericht ausgenommen. Darüber ist man nun in Paris ganz außer dem Häuschen geraten. In spaltenlangen Artikeln berichtet die französische Presse, daß in der Pantomime ein Schauspieler in der Uniform eines französischen Soldaten von deutschen Soldaten erschossen worden sei, und diese deutschen Soldaten seien sogar echt gewesen, sie wären für die Aufführung extra zur Ver- aigung a^siellt worden. Einige hellsehende Franzosen, che angeblich der Aufführung beigewohnt haben, sollen wgar festgestellt haben, daß der Erschossene die Feld- Ausrüstung eines Fremdenlegionärs getragen habe Der Veranstalter des Abends bestreitet das entschieden und erklärt, her Darsteller habe eine Phantasieuniform getragen, die der französischen oder Lersenigen der Fremdenlegion nicht im entferntesten ähnlich gewesen 'eg Berlin hat man von der ganzen Sache' so aut Wie nichts gewußt, nnd erst aus Pariser Telegrammen erfuhr die deutsche Öffentlichkeit von dem „Ereignis" Damit auch der Humor nicht fehle, haben die Sozialdemokraten Weill uiid Wendel eine kurze Anfrage im Reichstage eingebracht, ob in der Aufführung wirklich Soldaten in Uniform mitgewirkt hätten. Die deutsche Presse hat diese Anfrage natürlich in der üblichen Form verzeichnet. Aber auch das genügt den gewissenlosen Berliner Korrespondenten der Pariser Boulevardpresse nicht. Wahrheitswidrig telegraphieren sie, die W'il- helmstraße habe die Berliner Presse veranlaßt, die Anfrage zu unterdrücken und den Vorfall möglichst nicht zu besprechen. Mit allen Kräften möchte die Pariser Hetzpresse aus dem lächerlichen Vorkommnis einen diplomatischen Zwischenfall konstruieren, * mir um auf ihre Parteikasten m kommen, die ja allerdings identisch mit ihren Geschäftskosten sind!
Der nüchterne Teil der französischen Bevölkerung sollte sich aber doch einmal die Frage Vorlagen, ob es
-Wilmersdorf, Güntzelstr. 66. Fernspr.: Amt Nhland 450 u. 451.
Nr. 213 - * 62 . Jahrgang.
Morgen'Kusgabe.
uicht dem Kulturruf Frankreichs Eintrag tun muß, wenn er sich nicht gegen eine solche Vergiftung des politischen Lebens wendet. In Deutschland nimmt kein ernsthafter Mensch Partei für chauvinistische Taktlosigkeiten, und das Kriegsministerium hat erst kürzlich die reklamehafte Agitation^ gegen die Fremdenlegion, die leider von mancher Seite geschäftlich fruktifiziert zu werden scheint, deutlich gemißbilligt. Ein deutsches Gericht hat keinen Anstand genommen, sich aufs schärfste gegen die völkerverhetzende Jugendliteratur auszusprechen, und es hat, die Kritik eines Lehrerorgans, das diese Literatur für „patriotische Schundliteratur" erklärte, ausdrücklich gebilligt.
Wenn man einmal die Frage aufwerfen will, wer damit angefangen hat, den Chauvinismus auf die Buhne zu bringen, dann schneidet Frankreich im allgemeinen und Paris im besonderen sehr schlecht ab. In Paris hat man sich nicht geniert, selbst auf der ernsthaften Bühne chauvinistische Stücke aufzuführen. Wurde doch erst vor einem Jahre in dem Theater der Madame Nejüne ein Theaterstück gegeben, in dem die preußischen Gendarmen und die deutschen Offiziere äußerst gehässig behandelt wurden. Non der Probe wurde damals entgegen den französischen Theaterge pflogenheiten die deutsche Kritik in brüsker Weise ausgeschlossen. In Deutschland hat man diesen Vorgang für das hingenommen, was er war: eine Ungezogen
heit! Aber es ist auch nicht einem ernsthaften politischen Menschen eingefallen, darum patriotische Tränen zu vergießen oder gar den Herrn Reichskanzler darüber zu interpellieren! In Frankreich aber fragt der „Figaro" allen Ernstes: „Ist es wahr, daß Herr
Doumergue noch immer nichts davon zu wissen scheint, daß letzten Donnerstag auf der Bühne eines Berliner Theaters ein französischerSoldat pantomimisch erschossen worden ist? Ist es wahr, daß Herr Doumergue nicht einmal den Empfang einer Depesche unseres Botschafters in Berlin bestätigt hat, der ihn davon ver- ständigte, daß er aus eigenem Antrieb gegen diese anstößige Vorstellung Einspruch erhoben und ihn völlig über den Zwischenfall unterrichtet hat? Haben wir überhaupt noch einen Minister des Äußern?"
Man begreift es einfach nicht, wie in Paris so etwas geschrieben werden kann, ohne der allgemeinen Lächerlichkeit zu verfallen. Frankreich muß sich sagen, daß auf die Dauer so etwas nirgends mehr ernst genommen wird und die Theaterpolitik allgemach das' besondere Kennzeichen Frankreichs werden muß.
Österreich und Italien.
(Bon unserem römischen Mitarbeiter.)
8. Rom, 6. Mai.
Nur unverbesserliche Optimisten konnten sich eine Besserung in den Beziehungen zwischen unseren beiden Partnern am Dreibund von gelegentlichen Zusammenkünften der für die Führung der auswärtigen Politik verantwortlichen Männern versprechen. Seitdem sich die Herren Graf BerchtoId und Marquis di San G i u l i a n o in Abbazia getroffen und vier Tage lang
besprochen hatten, sind knapp zwei Wochen her. Wie das offizielle Communiqus über das Ergebnis ihrer Beratungen damals mitteilte, hatten sich die beiden Herren u. a. auch die Aufgabe gestellt, die Richtlinien der inneren Politik in möglichsten Ein- t.wugmlrt der Außenpolitik zu bringen und auch auf die öffentliche Meinung in diesem Sinne Zu wirken. In stallen wurden sofort Zweifel laut, daß Österreich eine sauere, will sagen: eine Italien genehmere Jnnen- politik zugunsten der Staatsangehörigen italienischer Zunge treiben würde. Die blutigen 1: Mai--Exzesse zwischen Slowenen und Italienern in Triest haben jetzt in ganz Italien einen Stimmungsumschlag bewirkt, wie wir ihn in ählichem Umfang schon seit einem Jahrzehnt nicht mehr erlebt haben. Wir könnten zur Not über die Kundgebungen der Studenten an allen Universitäten zur Tagesordnung übergehen. Man braucht derlei Demonstrationen nicht allzu hoch zu wer- ten- Aber leider geht eine starke Mißstimmung gegen Österreich und namentlich gegen Ungarn weit über die studentischen Kreise hinaus. Die nächsten Tage werden uns die Interpellationen über die Vorgänge in Triest innerhalb der Deputier- tenkammer bringen. Schärfer noch als in der Kammer äußern sich sonst sehr gemäßigte Kreise über die angebliche Nichtachtung der Wünsche Italiens von seiten der Wiener Regierung und über die Maßnahmen cn So ^ Ibe ^rben, we es mit den Slowenen halten rü!? 6 ?» , es zuerst schien, als ob der ganze italieni-
sche Unmut lich diesmal Heg>en die für die Vorgänge an der Adrm verantwortliche Regierung in Budapest wenden wurde, so sieht man sich jetzt getäuscht. Fast die geiamte Presse wendet sich wie auf ein Signal hin speziell gegen die Regierung in Wien.
In den Wandelgängen der Kammer erzählt man sich schon heute, daß die Stellung des Marquis d i San Giuliano erschüttert sei. Wir wollen hoffen, daß die Schwarzseher unrecht behalten. Denn fällt di San Giuliano, dann wird unter dem Druck der öffentlichen Meinung, die in Italien mehr als in jedem anderen Lande Europas auf die. Haltung der Aus- wärtigen Politik einwirkt, kein Nachfolger es auch nur im entferntesten wagen, die so scharf prononciert drei- bund freundlichen Wege San Giulianos einzu- schlagen. Unmittelbar nach der Zusammenkunft von Abbazia wurde mir von einem außerordentlich versierten Deputierten gesagt, daß San Giuliano dem Grafen Berchtold die Krisis im Dreibund für den Fall vorausgesagt hat, daß Wien auf die Stimmen der öffentlichen Meinung Italiens auch in Zukunft nicht besser zu hören verstehe. Jetzt hageln die Angriffe 'auf San Giuliano auch in den Organen hernieder, die ihm sonst mit Feuereifer gedient haben. Im „C o r r i e r e d e l l a Ser a" z. B., dessen Dreibundfreundlichkeit ganz außer Frage steht, läßt sich der Deputierte Prof. T o r r e u. a. wie folgt vernehmen: „San Giuliano hat den Dreibund in einer Weise interpretiert, die den beiden anderen Alliierten größere Dienste leistet als dem von ihm vertretenen Lande. Dabei hat er die Freundschaft mit bat übri gen Mächten so ausgelegt, daß sie miß-
Vogesen- Burgen.
Zum Kaiserbesuch im Elsaß.
Von H. Schede-Heller (Straßburg).
Oberhalb des Bergstädtchens Zabern mit den Fachwerkhäusern und kleinen krummen Gassen schlängelt sich jene wunderbare „Steige" empor, die von Alters her .den großen Heerweg zwischen Gallien und Germanien bildete. Hier zog der mächtige Ludwig XIV. mit seinem Troß herab, als er von dem Elsaß Besitz ergriffen hatte. „Quel beau jardin!" rief er bewundernd aus, als sein Blick über die blühenden Fluren hinauf zu den buvggekrönten Hohem schweifte.
An den Bengabhängen zwischen rauschenden Wäldern beiten die Wiesen und grünen Matten sich ein. In den Säge- mühlen klappert das Rad. Die roten Dächer ducken sich wie Pilze unter den weiten Fittichen der Buchen und Platanen. In weichen Linien türmen die Berge sich auf, einer neben dem anderen, einer hinter dem anderen, kulissenartig eingoschoben in unabsehbare Ferne.
Aus den schroffen Felsenklippen, die die sanfteren, reich bewaldeten Höhen überragen, steigen die Burgen hervor. Sie sind so eng mit dem Gestein verwachsen, daß sie wie Adlerhorste in ihnen liegen.
Stolz und siegreich stürmt über die Banmwipfel die Hoh-Barr in die Höhe, jene gewaltige Burg, die durch Jahrhunderte die Ehrenwache über das jetzt so stille Städtchen Zubern gehalten hat. Sie gehörte den Bischöfen von Straßburg, und oft genug hallten ihre Wände von dem Lachen und Rufen der wilden Zecher, die um das riesige Ur-Horn saßen, das die Ritter nach einem alten Brauch mit einem Zuge lleren mußten. In einer Chronik wird von einem Herzog erzählt, her danach.fünf Tage lang krank in Zabern liegen
mußte. Nach dem dreißigjährigen Krieg wurde die herrliche I Burg zerstört; nur den mächtigen Quaderturm konnten keine Pulverminen sprengen, und trotzig stcht er noch heute über den Ruinen.
Es ist dort oben jetzt wundersam still. Die Trompeten find verstummt. Die Ritter, die den Glanz und den Verfall Zaberns miterlebten, ruhen längst in ihren Grüften. Aber um die Felsen spinnt sich die Sage und das Volk will von mondhellen Nächten wissen, an denen die tapferen deutschen Recken auf die Burgen steigen und schützend die Hände über das schlummernde Land halten.
Die Hoh-Barr ist „das Auge des Elsaß", wie ein Redner sie auf dem Konzil zu Konstanz nannte, sie beherrscht das ganze Land bis hinüber ins weite blühende Rheintal.
Andere Burgen schließen aus den Bergen sich in granitenen Ketten der Hoh-Barr an. In den Geroldsecker Schlössern sind die großen Helden Ariovist und Hermann der Pheruskerfürst versteckt, um in der Stunde der Not das Volk zu retten. In der Nähe des Cr au ft als mit seinen Felsenwohnungen und Gramthöhlen stcht der G r ei f e n ste i n, durch dessen zerfallene Trümmer und zerrissene Mauern der Himmel wie ein blaues ausgezacktes Spitzentuch strahlt. Über weit ausgedehnte Waldungen,, in denen die Axt der Schlitter u-nid Holzhacker blinkt, erhebt sich die Dagsburg, deren Name auf das keltische Dages, kleine Wohnung, zurückzuführen ist. Auch sie war einst eine starke Feste, die auf mächtigen Fels- platten stand und sich hinter ihren Mauern und Zugbrücken vor dem Feinde sicher fühlte. Als im Jahre 1675 die Kaiser- nchen die Burg umschlossen, verspotteten die tapferen Verteidiger die Belagerer und warfen ihnen eine tote Ziege mit dem Reim hinunter:
„So wenig Ihr die Geis lchrt springen.
So wenig werdet Ihr Dagsburg gewinnen,"
Jetzt ist Tagsburg ein viel besuchter Wallfahrtsort. Am Pfingstmontag, am großen Prozössionstag, kommen die Bauern aus deutschen und französischen Ortschaften und ziehen betend und singend mit wehenden Bannern den Berg hinauf zu der geweihten Burykapelle, und an der Stelle, wo frühere Geschlechter gelebt und gekämpft haben, werden Blumen gestreut und ex voto gestiftet.
Nördlich von der Zaberner Gegend, da wo das Elsaß die Pfalz berührt, sitzen ein paar verwitterte Burgen wie alte Recken, deren Züge grau und müde geworden sind. Sie hocken mit weit, aufgerissenen Fensteraugen zwisö^n dunklem Tannen grün ans zerklüfteten Sandsteinfelsen, die trauernden Zeugen einer toten Vergangenheit.
Fast senkrecht steigt die Felssäule empor, die das Schloß der Herren von Fleckenstein trug, eines mächtigen Geschlechtes, das schon m Barbarossas Zeiten auiftritt. „Strack wie eine WaiÄ> und „glatt wie ein Diamant" erhob sich die Burg, die feiv,t bei den Zeitgenossen Vebblüffung erregte und als uneinnehmbar galt, bis Vauban diesen Nimbus zerstörte und ven sühnen Bau gewann. Die Treppen sind im Stein gehauen uuld die Turme scheinen cher Falken und Adlern, als Menschen zum Horst gedient zu haben.
Etwas tiefer glüht im Sonnenbrand die rotsandsteinige ö o h enb u r g, em Renaissancejnwel, über wehende Baum- wrpsel und wellen,chlageude Getreidefelder. e>r Mächtiger und stolzer noch ragt über zwei durch eine tiefe Kluft getrennte Felsblöcke der W a s i g e n ft e I n empor.
m. a ! ier ”' Steintreppen, zersprungene Türme und e Rlttersäle reimen sich zu einer wundersamen Malade zusammen, in der cs von WäsfenMang und Minnesang rauscht. Da reitet durch den tiefen Forst die Vergangenheit heran. Voran Walter von Aquitanien und Hildegund, u-rd auf ihrer Spur Hagen von Tronje und Gunter von Worms. Man kämpft um König Etzels Gold. Die Erde Mt,
