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Verlag Langgaffe 21

„Tag»la»r-Hm»S".

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„Tagdlatt-Hans" Nr. SK50-SS.

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Freitag. 8» Mai 1914.

Morgen»Kusgabe.

Hr. 21F. » 62. Jahrgang.

Der öipLomatische Tenmsklub.

Bereits in der Budgetkommission des Reichstags hat die Haltung des deutschen Gesandten in Belgrad, aes Herrn v. Griesinger, insbesondere sein Z-Wist mit dem deutschen Konsul Schlieben, von den verschiedensten Parteien eine sehr abfällige Beurteilung gefunden, und es ist das Erstaunen darüber ausgesprochen worden, daß man einen so w en i g geeigneten Beamten noch an jener Stelle hält. Herr v. Griesinger scheint i aber noch weiterhin das Bedürfnis empfunden zu haben, den Befähigungsnachweis für seinen Posten zu erbrin­gen. Folgende Vorgänge, über die man uns berichtet, erregen jedenfalls in Belgrader diplomatischen Kreisen peinliches Aufsehen:

In Belgrad existiert ein diplomatischer Tennisklub, dem alle Mitglieder des diplomatischen Korps und der Berufskonsulate anoehören. Der Klub ist gleichzeitig ein gesellschaftlicher ^Treffpunkt, so daß ein Ausschluß ^us dem Klub eine Aussperrung aus der Gesellschaft bedeutet. Vor einiger Zeit fand die jährliche General­versammlung bei dem belgischen Gesandten statt. Es wurde hierbei auch die Liste der Mitglieder durchge­gangen, auf der sich der Konsul Schlieben nebst Gattin befanden, und die Liste wurde einstimmig angenom­men. Hierauf wurde wie immer die Liste zur Zahlung der Beiträge herumgeschickt.

Inzwischen war wer deutsche Gesandte v. Griesinger von seinem Urlaub zurückgekehrt. Einige Tage hierauf wurde dem belgischen Gesandten gemeldet, daß die drei Gesandtschaften der Tripel-Allianz die Zahlung der Beiträge verweigerten. Zu gleicher Zeit traf die Gattin des belgischen Gesandten mit Frau v. Griesinger zu­sammen, die ihr sagte, daß ihr Gatte allen Mitgliedern der deutschen Gesandtschaft und des Konsulats verboten habe, dem Klub anzugehören, wenn Konsul Schlieben und Frau nicht ausgeschlossen wür- den. Außerdem habe Herr v. Griesinger es als erste Persönliche Gefälligkeit von seinen österreichischen und sialienischen Kollegen verlangt, das gleiche Verbot für »ie Mitglieder ihrer Gesandtschaften und Konsulate aus- * ?>usprechen. Nach einer Besprechung im Vorstande ging ein Mitglied desselben zu Herrn v. Griesinger, um ihn nach der Richtigkeit der Behauptungen seiner Gattin zu befragen. Griesinger gab die Richtigkeit zu und antwortete auf die Frage, was Herr Schlieben 3 eigentlich gemacht habe, das seien ganz geheime Sachen. Da Griesinger aber nichts Positives sagte und nur ge- heimnisvolle Andeutungen gab, weigerten sich die Mit- , ttlieder des Klubs, außer denjenigen der Tripel-Allianz, dem Wunsche des Herrn v. Griesinger nachzugeben. Weil aber die drei genannten Gesandtschaften mit ihren 26 Klubmitgliedern bei ihrer Weigerung, die Beiträge zu zahlen, den Weiterbestand des Klubs wegen Geld­mangels unmöglich gemacht hätten, andererseits der Vorstand des Klubs von einem Ausschluß Schliebens absolut nichts wissen wollte, reichte der Vorstand seine Demission ein, und in einer zweiten Generalversamm­lung wurde die Auflösung des Klubs beschlossen. Hierauf ist von einem neuen Vorstand ein neuer Klub

begründet worden, in dessen Statuten auf Veranlassung des Herrn v. Griesinger ein Passus ausgenommen wurde, wonach die Aufnahme von Berufs- k o n s u l u nur stattfinden dürfe auf Antrag der entsprechenden Gesandtschaft; dem Konsul Schlieben und seiner Frau wurde dadurch der Zutritt zum Klub unmöglich gemacht. Herrn Schlieben gegenüber wurde von Mitgliedern des diplomatischen Korps leb­haftes Bedauern über den Fall zum Ausdruck gebracht und besonders die seltsame Tatsache hervorgehoben, daß ein d e u t s ch e r G e s a n d t e r im Auslande die Tripel-Allianz mobil mache gegen einen deutschen Konsul. Das diplomatische Korps sei von Herrn v. Griesinger in eine Zwangslage versetzt worden und habe daher seine Handlungsweise dulden müssen. Übrigens kannten weder der österreichische noch der italienische Gesandte den Konsul Schlieben, da sie erst während einer Abwesenheit Schliebens nach Belgrad ge­kommen sind; sie haben nur auf ausdrückliches Ver­langen des Herrn v. Griesinger gehandelt. Die ganze Affäre ist in Belgrad Tagesgespräch gewesen, und zwar begreiflicherweise nicht in einem für Herrn von Griesinger erfreulichen Sinne.

politische Übersicht.

Luftfahrt und Staatssicherheit.

Der Internationale Luftschiffewerband hat sich auf seiner Pariser Tagung für die Abschaffung bezw. Be­schränkung der verbotenen Lustzonen ausgesprochen, weil diese Luftschisser und Flugzeuge schwer behinder­ten und für die Freiballons ein wahres Todes­urteil bildeten. Vom Standpunkte des Luftschiffers sind jene Wünsche durchaus verständlich, und man wird dem Grundsatz nach gern bereit sein, für die weitest­gehende Freiheit der Lustschifsahrt einzutreten. Allein es darf darüber kein Zweifel bestehen, daß diese Frei­heit an der Staatssicherheit eine unverrückbare Grenze finden muß. Erscheint unter dem Gesichts­punkt der Staatssicherheit die Abschaffung der ver­botenen Luftzonen angesichts des herrschenden Spionagesystems von vornherein ausgeschlossen, so bedarf auch die Frage einer Beschränkung der ver­botenen Luftzonen auf den „Umkreis" von Befestigungs­werken der peinlichsten Prüfung. Denn mit dem Ver­bot der Mitnahme photographischer Apparate würde eine Sicherung gegen gefährliche Spionage auch dann nicht gegeben sein, wenn 'ein derartiges Verbot von allen Beteiligten loyal befolgt würde. Auf eine solche Befolgung ist jedoch um so weniger zu rechnen, als es eine wiederholt feststellbare Tatsache ist, daß ausländi­sche Flieger, die jenseits der heimatlichen Grenze lande­ten, das gebotene Verhalten auch dann nicht beobachte­ten, wenn es ihnen durch einen völkerrechtlichen Ver­trag, den ihr Heimatsstaat abgeschlossen hatte, vorge­schrieben war.

Angesichts so übler Erfahrungen darf die weitere Forderung des Internationalen Luftschifferverbandes,

daß mit einem Ausweis versehene Zivilführer eines Freiballons die verbotenen Zonen in jeder beliebigen Höhe sollen überfliegen dürfen, gleichfalls nicht berück­sichtigt werden. Bei dem Wettbewerb, der gegenwärtig auf dem Gebiet der internationalen Spionage besteht, ist nur. zu sehr mit der Möglichkeit zu rechnen, daß sich „Zivilführer" in Menge finden werden, die ihr „Zivil­verhältnis" als Deckmantel für Spionage benützen. Sind wir auf der einen Seite gezwungen worden, schärfere Bestimmungen gegen Spionage zu treffen, so wäre es auf der anderen Seite sträflicher Leichtsinn, der Spionage durch eine Art Freikarten für Freiballons Vorschub zu leisten. Die Behinderung, die das Luft- fahrwesen. infolgedessen erleidet, sind an sich gewiß b e- d au erlich; jedoch das entscheidende Wort hat auch in diesem Falle unbedingt die Staatssicher­heit zu sprechen.

Der Mangel eines österreichischen Zlotten- gesetzes

Die österreichische Marine entbehrt eines Flotten- g e s e tz e s, wie wir es besitzen, und wie es neuerdings nach unserem Vorgänge die meisten Staaten eingeführt haben. Dieser Mangel macht sich für die Entwicklung der öster- reichifchen Flotte sehr unangenehm bemerkbar, weil der Ersatz der veralteten Schiffe sich nicht von selbst vollzieht, son­dern jedesmal von neuem beim Parlament durch besondere Gesetzesvorlagen beantragt werden muß. Hierdurch wird die rechtzeitige Herstellung der Ersahbauten verzögert, häufig auf lange Zeit hinausgeschoben. Die Bewilligung der dafür erforderlichen Kredite ist von der jedesmaligen inner- politischen Lage abhängig. Der Grund, daß Österreich kein Flottengesetz besitzt, liegt in der österreichischen Ver­fassung. Alle gemeinsamen Angelegenheiten, die sowohl Österreich wie Ungarn betreffen, werden von den sogenannten „Delegationen" beraten und bewilligt. Diese Dele­gationen bestehen aus einer Versammlung von Delegierten, das sind Abgeordnete der zwei österreichischen und zwei unga- rischen Parlamente. (Österreich: Reichsrcrt und Herrenhaus, Ungarn: Reichstag und Magnatenhaus.) Diese Delegierten sind durch die Aufträge gebunden, die sie von ihren Körperschaften erhalten. Sie treten vor jedem gemein­samen Budget zusammen. Ihre Beschlüsse dürfen aber späteren Budgets nicht vorgreifen. Ein Flottengesetz nach deutschem Muster würde voraussetzen, daß der Wunsch nach einem solchen von den Delegationen ausgesprochen würde, worauf über das Gesetz bei den österreichischen und ungari­schen Parlamenten getrennt darüber verhandelt werden müßte. Bei den zahlreichen Fraktionen, die jede ihre Sonder- interesien vertreten, würde die Erledigung voraussichtlich mehrere Jahre in Anspruch nehmen, wodurch die Entwicklung der Flotte gehemmt werden würde. Der einzige gangbare Weg scheint zu sein, daß nicht der Sollbestand der Flotte fest­gelegt wird, sondern daß der Marine für die Erfordernisse von Schiffsbauten jährlich eine bestimmte Summe zur Ver­fügung gestellt wird. Deshalb ist jetzt bei den Delegationen ein Kredit von 427 Millionen Kronen beantragt, der ans fünf Jahre verteilt werden und zum Bau von vier Linienschiffen und drei kleinen Kreuzern dienen soll. Dies sind also nur Ersatzbauten für veraltete Schisse und be­deuten keine Vermehrung des Schisfsbestandes. y. F.

Strindbergs Koffer.

Eine Friedrichshagener Erinnerung von Bruno Wille.*)

Ich war zu dem Häuschen gelangt, das Olaf N o r s k e - borg gemietet hatte. Da er sich in Schweden nicht hin­reichend anerkannt fühlte, so hatte ihn seine lebenskluge Frau vach Berlin gebracht, wo das Skandinavische gerade Trumps war. Durch Bölsche, der die Zeitschrift „Freie Bühne" her­ausgab, war Norskeborg für Friedrichshagen interessiert und Mitglied der „Kolonie" geworden, um sich, was ihm keiner übel nimmt, in Deutschland entdecken zu lassen, wö schon u> an eher Prophet, der bei den eigenen Landsleuten wenig galt, den Grundstein zu seinem Ruh, inesmonument gesunden hat. War auch Strindberg in solcher Absicht gekommen? Nicht doch! Das wäre zu klein gedacht von diesem Wickinger, den wan naiv, nicht raffiniert nennen mag. Übrigens war er 7ur vorübergehend hier, wie meine Frau sagte — sonst in Paris ansässig.

Als ich bei Norskeborg die Türklingel gezogen, öffnete wir die Haushälterin Fröken Ingrid, eine stattliche Bauern- wchter aus Schonen. Von dort stammte auch Olaf Rorskeborg, der Sprosse eines alten Bauerngoschlechts. Eben trat er zu mir aus den Flur, wo ich den Mantel a'blegte. Ein schlanker Dreißiger, blauäugig, mit blondem Schnurrbart, etwas ner-

.. ) Eine fröhliche „Cbronik aus Friedrichshagen" läßt in

oresen Tagen Bruno Wille unter dem Titel „Das Gefängnis vorn Preußischen Adler" bei Eugen Diederichs in Jena er- Minen., Er erzählt darin von seiner mehrwöchigen Haft- vn t ' .bw er verwirkt hatte, weil er eine ,Geldstrafe wegen "siterrichts der Konfirmanden der .Freireligiösen Gemeinde c'S* Suhlen wollte. Zum Schluß erhielt , er „Urlaub" auf un- „„Pmmte Zeit, den er „seltsamerweise zurzeit noch immer n^nießt" Von den lustigen Episoden, die er schildert, heben fmr» 2 folgende heraus, die mich um der mitwirkenden Per- en willen besonderes Interesse hat. Die Schriftl.

vös. Die Röte seiner durchsichtigen Wangen ließ merken, daß er animiert war — sonst bewahrt das Angesicht dieser Skandinavier frostige Unbehaglichkeit. Seine Augen drückten Staunen aus: „Ssie tzind nicht im Gefängnis? Ihre Frau ßagte doch, wie?" — „Ich gehöre allerdings hinein — doch es behielt mich nicht — hat mich ausgespieen wie der Wal­fisch den Propheten Jonas — und, was komisch ist, momen­tan kann ich nicht zurück - der Kerkerschlüssel ist verlegt." — „Ssonderbare Ssache", lächelte Rorskeborg — „aber samos! Kommen Sie! Strindberg ist da —auch Przscki — Sie kennen doch den Polen?" — „Aus der Freien Bühne, ja! And wie steht es mit meiner Frau? Ist sie da?" — „Roch nicht — hat aber zugesagt." — „Immer noch nicht? Welche Verwick­lung! Doch spaßhaft, sich treiben zu lassen von diesem krausen Wellenspiel!"

Rorskeborg führte mich ins Speisezimmer, e? war eng, wie das ganze Häuschen. August Strindberg, dem ich nun votgestellt wurde, war mittelgroß und kräftig, schlank und elastisch, obwohl er hoch in den Vierzigern war. Hinter seiner felsenhaften Stirn lauerte finsteres Grübeln. Die Locken verrieten rebellische Wühlerei. Das ,graublaue Auge schien nicht nach außen gerichtet, sondern mit verstecktem Innenleben veschäfti-gt; wenn es aber die Außenwelt fixierte, fehlte selten ein Zug des Mißtrauens. Die kartosfekförmige, oben etwas platt gedrückte Nase ließ auf lappländisches Blut schließen. Eine Mischung von Trotz und Geziertheit sprach aus dem kleinen, dicklippigen Munde. Nach oben spreizte sich ein kurzes Schwede'nbärtch-en, eins aus dem dreißigjährigen Kriege, während über dem zurückliegenden Kinn, das winzig wie ein Knopf war, eine sogenannte Fliege saß.

Darf man Persönlichkeiten -mit Getränken vergleichen und in mancher Gesellschaft liegt dieser Vergleich nicht fern —i so hätte für Strindberg das schwere und zähe, -dunkle, bittere Porterbier gepaßt. Was ferner den Polen Przscki betrifft, so würde ihm moussierender Schnaps entsprechen, wenn -es welchen -gäbe. Ich meine etwas brennend Prickelndes

und Ausrütielndes. Wenn er zu mir sprach, kitzelte es in meiner Nase wie Kohlensäure oder -Schnupstwbak. Schon sein Name wirkte so — sieben zischende Konsonannten mit dejm Fistelgezwitscher des einen Vokals, in echter Aussprache klang es fast wie „pschih!" Als -ich ihm zum erstenmal begegnet war und er sich mir vorstellte, meinte ich, dieser Herr, der sich mir verneigte und da-bci „pschih" sagte, wäre von einem Nies-Kobold überfallen, und so hatte ich mit lächelnder H8f- lichkeit erwidert: „Pröstchen!" übrigens tränten die matt­blassen Augen des Polen, als habe er Schnuipfen. Paßte das Schlagwort Dekadenz nicht im mindesten aus Strindberg, so dchto besser aus Przscki. Seine schmächtige Gestalt hatte etwas Zusammengesunkkenes.. In den bleichen Zügen des schmalen Blondkopfes verschmolzen slawische Sinnlichckelt und romantische Träumerei mit dem ironischen Aufbegehren eines geknechteten Melvo-lkes, und es war, als müsse dieser polacki- sche Byron seine schwermütige Schlaffheit immer von neuem aufpeitschen durch einen Ruck seines Motors — will sagen durch einen Schluck aus dem Weinglas, das er hin und wieder mit Kognak füllte, überhaupt hatte an Norskeborgs Tafel die Abstinenz nichts zu schaffen, zumal sie auch sonst in jener guten alten Zeit fast bedeutungslos war ....

Da Przscki -aufsprang und mir einen schelmischen Wink gab, folgte ich ihm ins Nebenzimmer: „Höven Sie!" sagte er lebhaft, „ich habe fee einen gutten Witz — Sie müssen dichten parr Verse auf Strindberg... Sie habben doch gehöret von sein Koffer.— den man soll habben gestollen. — Wbber nich warr —- iS sich geblibben stehn auf Bannhof Frieidrich- stratz —und hirr is er nun! Jetzt abber der Strindberg! Das alles et weiß nicht! Soll sein Überraschung. Wirr, machen dramattische Szenne."

^ Vergnügt ging ich auf den Plan ein, während Fröken Jngrid die Tür nach dem Speisezimmer abschloß und mit de,n Polen das festliche Arrangement des Koffers vornahm- Außer den gewünschten Versen verfaßte ich noch einen Brief, mit dem der Dieb die -Rücksendung des „wertlosen" Koffers