Eette ». Morgen-Ansgabe, 1. Blatt. WiesbadSttSr TKgblKlt» Donnerstag, 7. Mai 1S14.Nr. 811.
glreder der Budgetkommission waren, nicht möglich war, ihrer umfangreichen, schwierigen Aufgabe während der Tagung des Reichstags gerecht zu werden. Sie müssen vielmehr die Pause benützen, um das Material, das ihnen nicht bloß von der Regierung geliefert wird, das ihnen vielmehr fast in noch größerem Maß von den Lieferungsinteressenten zugeht, systematisch zu verarbeiten, um der Kommission einen gedruckten Bericht rmt etwaigen Verbesserungsvorschlägen vorzulegen. Es zeigt sich auch, daß die Aufgabe der Kommission, bei den Lieferungen für das Reich Ersparnisse zu erzielen, von den Interessenten meist in ganz anderem Sinn verstanden wird. Sie wünschen alle, daß das Reich womöglich höhere Preise als bisher bezahlen soll, teils durch andere Art der Vergebung, teils durch Erleichterung und Änderung der Lieferungsbedingungen. Und es läßt sich nicht bestreiten, daß, soweit der kleine Handel und das Handwerk in Frage konunen, sich diese Absicht mit den bisherigen Absichten des Reichstags teilweise deckt.
Daß bei dieser gründlichen Arbeit noch einige Zeit vergehen wird, bis die Kommission ihre Aufgabe erfüllt hat, liegt auf der Hand. Es erhebt sich nun die Frage nach dem Ergebnis der Arbeiten der Kommission. Wird es zu der vielen aufgewendeten Mühe und Arbeit im Verhältnis stehen? Die Frage wird jetzt schon zu bejahen sein. Allerdings werden alle die, die in Verkennung der Machtbefugnisse der Kommission und hoffentlich auch der tatsächlichen Verhältnisse unserer staatlichen Lieferungen, teils hoffend, teils fürchtend neue Sensationen im Stil der allerdings in der Wirklichkeit etwas zusammengeschrumpften Liebknechtschen Enthüllungen erwarteten, nicht auf ihre Rechnung kommen. Wohl aber wird der Umstand, daß ihre Mitglieder, besonders aber die Berichterstatter, nicht bloß Gelegenheit haben, das amtliche Material kennen zu lernen, sondern auch durch Mitteilungen von seiten der Lieferanten und ihrer Konkurrenten auf wirkliche und angebliche Mißstände aufmerksam gemacht werden, die Kommission in die Lage versetzen, die gesamten Rüstungslieferungen eingehend zu prüfen unter Berücksichtigung der Sicherheit und der Finanzen des Reichs, aber auch unter Berücksichtigung der Wirtschaftlichkeit für die Gesamtheit des deutschen Wirtschaftslebens. Eine solche Prüfung war der Budgetkommission bisher nicht möglich. Wohl hat sie hin und wieder einzelne Materien eingehender, aber ohne Zusammenhang behandelt. An der Hand des von der Rüstungskommission zu erstattenden Berichts wird aber der Reichstag mehr denn bisher einen Überblick über die Verwendung der enormen, von ihm für Heer und Flotte bewilligten Ausgaben erhalten. Wenn es dann Regierung und Reichstag gelingt, dem Ziel näher zu kommen, die fü'- die Sicherheit des Reichs bewilligten Mittel unter möglichster Schonung der Steuerzahler zu verwenden, sie aber auch möglichst weiten Erwerbskreisen des deutschen Volkes zu gut kommen zu lassen und dabei tunlichst alle Mißbräuche abzuschaffen, so wird die Arbeit der Kommission nicht umsonst sein.
Wenn die -Öffentlichkeit aber auch in nächster Zukunft nicht so viel von der stillen, aber um so eifrigeren Arbeit der Kommission und ihrer Mitglieder hören wird, so wird man dabei vielleicht sich an das Urteil erinnern, das man gerne über die Frauen fällt: „Die besten Frauen sind die, von denen man am wenigsten spricht."
OeMches Reich-
— über die Krankheit Unpolitik äußert sich Abgeordneter D. N a u m a n n in der neuen Nummer lder „Hilfe" in beherzigenswerten Worten. Er schildert diejenigen, die sich selbst als unpolitisch bezeichnen, als freiwillige Mitläufer einer MenschenKasse, denen das beste versagt ist, was es in der neuen Zeit gibt, das S t a a t sb ü r,g er g e f üh l. Er schließt: „In einem gesunden Stamme oder Volke herrscht
Gemeinschaftsgefühl. Da ist jeder mitverantwort- l i ch. Da gibt es keine Achtung vor denen, die sich selber den öffentlichen Aufgaben entziehen. Wer politisch krank ist, muß zwar mitgetragen und geduldet werden, aber er bleibt ein Unnormaler, ihm fehlt der Sinn für das Ganze. Bei uns aber trifft man gelegentlich Leute, die gehen über die Straße, als seien sie etwas ganz besonders Feines, weil sie an Un- polrtik leiden. Denen soll man wenigstens /einmal ordentlich sagen, was von ihnen zu halten ist."
* Zur Einigung zwischen Krankenkassen und Ärzten schreibt die „Betriebskrankenkassen-Korrespondenz": In dem allgemeinen Einigungsabkommen zwischen Krankenkassen und Ärzten ist vorgesehen, daß die an den sogenannten Streitorten von auswärts herangezogenen Ärzte abgefunden werden und daß die Kassen und Ärzte je die Hälfte der Kosten tragen. Der Anteil der Kassen soll aufgebracht werden, indem die Kaffen für jedes Mitglied jährlich 5 Pf. an den bei der Königlichen Seehandlung geführten Abfindungsfonds zahlen, bis die Kosten gedeckt sind. Die Regierungen, die Nachgeordneten Behörden und die Kassenverbände bemühen sich zurzeit, alle Kassen zu veranlassen, den Beitrag zu leisten. Es wird darauf hingewiesen, daß diese Zahlung eine der wesentlichsten Voraussetzungen für den Abschluß und die Aufrechterhaltung des Abkommens sei, woran alle Kassen ein ernstes Interesse hätten. Alle Kassen würden im Laufe der Zeit vor die Notwendigkeit gestellt, neue Verträge zn schließen oder neue Ärzte anzustellen, was durch das Abkommen wesentlich erleichtert werde. Auch die einem Verbände nicht angeschlossenen Kassen und diejenigen, die sich noch vor Abschluß des Abkommens mit ihren Ärzten geeinigt hätten, kämen für die Bewilligung in Frage. Die Beträge könnten von den Kassen um so unbedenklicher bewilligt werden, als der auf die einzelne Kasse entfallende Teil nicht erheblich sei, auch nicht bei den großen Kaffen. Rechtlich sei eine solche Zahlung auch unbedenklich. Man darf wohl annehmen, daß sich alle Kassen bereit finden werden, diesen geringen Friedensbeitrag zu leisten!
Rechtspflege und Dertoaltung.
Eine „Deutsche Strafrechts-Zeitung" beginnt soeben im Verlage von Otto Liebmann, Berlin, zu erscheinen. An der Spitze dieses neuen Zentralorganes für das gesamte Strafrecht, Strafprozeßrecht und die verwandten Gebiete in Wissenschaft und Praxis des In- und Auslandes stehen als Herausgeber Geh. Justizrat, Prof. D. Dr. Kahl, ReMerungsrat Dr. Lindenau, Geh, Justizrat, Prof. Dr. von Liszt, Wtvkl. Geh. Rat Dr. L'ucas, Justizrat Dr. MamroLh, Ministerialrat Dr. Meyer, OberlandesgerichtSpräsident Dr. von Staff, Senats- Präsident beim Reichsgericht Dr. von Tischendorf und Wirkt. Geh. Rat, Prof. D. Dr. Wach, während besondere Spezial- berichtevstatter gewonnen sind für: Internationales Straf
recht, Kolonialstrafrecht und Auslieferungsrecht. — Militärstrafrecht und Disziplinarstrafrecht. — Polizeiwesen und Ver- wailtungsftrafrecht. — Kriminalistik, Kriminalpolitrk, Kriminal-Anthropologie, Kriminal - Psychologie, Kriminal - Soziologie, Kriminal-Statistik. — Prostitution. — Gerichtliche Medizin und Chemie, Psychiatrie, Jrrenrecht. — Jugend- ' strafrecht und Jugendfürsorge, Befferungs- und Sicherungswesen. — Strastwllgug. — Strafrechtliche Nebengesetze. Diese neueste Zeitschrift kann dadurch von vornherein Anspruch erheben, ein durchaus modernes, großzügig geleitetes Organ zu werden. Das erste Heft hat einen Umfang von 160 Seiten. Die maßgebendsten Männer der Wissenschaft und Praxis kommen darin mit meist aktuellen, sich unmittelbar auf die jüngsten Vorgänge beziehenden Arbeiten zum Worte.
yeer und Slotte.
Eine Gedenkfeier der Schlacht bei Helgoland. Am 9. Mai
jÄhrt sich zum 80. Male der Tag der Seeschlacht bei Helgoland zwischen d ä n i s ch e n und österreichisch-preußi- s ch e n Kriegsschiffen, wobei die österreichischen Fregatten „Schwarzenberg" und „Radetzky" im Vordergründe des Kampfes standen und schwere Verluste erlitten. Von den in dieser Seeschlacht Gefallenen sind 37 Tote auf dem Ritze- bütteler Kirchhofe in einem Massengrabe bestattet worden, das ein entsprechendes Denkmal schmückt. Aus Anlaß der 50jährigen Wiederkehr dieses Tages wird von der Marinestation Cuxhaven eine Gedächnisfeier veranstaltet, di« am 9. Mat um 10 Uhr vormittags in der katholischen Garni- sonkirche mit einem Requiem eing-Äeitet wird, woran sich dann eine Fejer auf 'dem Ritzebütteler Friedhofe anschließen wird. An dieser Gedächtnisfeier wird auch der MarineattachH der österreichischen Boffchaft in Berlin terlnehmen.
Probefahrtsergebnisse der neuen Kreuzer. „Rostock" erzielte eine Höchstleistung von 29,21 Knoten im Mittel. Auf einer sechsstündigen Fahrt bei mäßiger Forcierung erreichten . „Rostock" 27,4 und „Karlsruhe" 27,6 Knoten Durchfchnitts- geschwindigkeit.
teilweise große Unzufriedenheiten hervorgerufen haben und daß durch ^besondere Aiusjührungsbesttmmungen einzelner Direktionen die Vorteile der Lohnordnung ganz wesentlich eingeschränkt worden sind. Um so erfreulicher wirkt da ein Erlaß des Ministers der öffentlichen Arbeiten, der die einzelnen Dienstbehörden anweist, bei der Ausführung der neuen Lohnordnung in steter Fühlungnahme mit der Arbeiterschaft zu bleiben.
ids. x>. C- Formen und Fristen des kaufmännischen Verkehrs bei Materialeinkauf. Ein praktischer Fall hat dem preußischen Eisenbcchnminister Anlaß gegeben, darauf hinzuweisen, daß 'beim Abschluß von Geschäften, die auf -dem eigentkichsten Gebiete des kaufmännischen Handels liegen, insbesondere also beim Grotz-Ein- und Verkauf von Materialien, auch seitens der Eisenbahnkbehörden tunlichst die Formen und Fristen des kaufmännischen Verkehrs innezuhalten sind. _
Kurland.
Österreich-Ungarn,
Ein Konflikt zwischen dem Budapester Magistrat und der i Militärbehörde. Budapest. 5. Mai. Zwischen der hiesigen ; Militärbehörde und dem Budapester Magistrat ist wegen Be- j Nutzung der Gemeindewieseu in Ofen ein Konflikt ausge- ! brcchen. Der Korpskommandant von Budapest T e r s z t i -1 a n s k i verweigert, trotzdem das Bezirksgericht zugunsten der Stadt Budapest entschieden hat, dem Publikum den Über- j gang über die Wies e und läßt die dort aufgestellten Milt- -! tärwachen nicht einziehen. Man ist allgemein auf den Aus- I gang dieser Affäre, welche eine Störung des guten Verhältnisses zwischen Bürgerschaft und Garnison befürchten läßt,i sehr gespannt.
Frankreich.
Der Diebstahl in einem Fort. Paris, 6. Mai. Wie gestern gemeldet wurde, ist aus einem Fort in Dünkirchen das Verschlußstück einer 76-Millimeter-Kanone gestohlen worden. - Die Diebe warfen, als sie sich verfolgt sahen, das Verschluß- ' stück weg, konnten jedoch über die belgische Grenze entkommen. Die von der Militärverwaltung eingekettete Untersuchung ergab, daß die Tat von langer Hand vorbereitet war. Zur allgemeinen Überraschung stellte sich heraus, daß das Verschlutzstück eines 80-Mtllimeter-Geschützes ebenfalls verschwmcden war. Man glaubt, daß mehrere Kanoniere des in Dünkirchen stehenden 6. Artillerie-Regiments ihre Hand im Spiel gehabt haben.
Zum Prozeß gegen Fra« Caillaux. Paris, 6. Mai. Rach einem in Advokatenkreifen verbreiteten Gerücht hält man es für möglich, daß der erste Präsident des Appellationsgerichts Senator F o r i ch o n ausnahmsweise den Vorsitz in dem ! Schwurgerichtsprozeß gegen Frau Caillaux führen und der! nenernannte Oberstaatscmwalt H e r b a u x die Anklage vertreten werde.
Balkcrnftacrten.
Die Bahnen in den neueroberten Gebieten Serbiens. Belgrad, 6. Mai. Präsident Paschitsch ist mit dem Acker- J bauminister Jowanowitsch von der Bereisung der neuen Gebiete zurückgekehrt. Von informierter Seite erfährt man, daß! die Orientbahngesellschast für die Ablösung der Bahnen! 60 Millionen Franken verlangt. Serbien bietet dagegen nur 36, da sowohl die Bahnkörper als auch die Betriebsmittel in: sehr desolatem Zustand bei der Übernahme in die serbische Regie waren, überdies habe sie durch langjährige Expli-; kationen schon große Gewinne eingeheimst. Die Verhand- ’ lungen werden demnächst fortgesetzt. Man erhofft einen günstigen Abschluß.
Türkei
Die Schiffsbestellungen in Frankreich. Paris, 6. Mai. Schon vor einiger Zeit wurde gemeldet, daß die Türkei in Frankreich sechs Torpedobootszerstörer bestellen wolle. Nunmehr ist dieser Auftrag erfolgt, der aus der Werst von Havre zur Ausführung gelangen wird. Jedes der Schiffe kostet 4 y 2 Millionen Franken. Auch die Firma Schneider-Creuzot hat einen bedeutenden Aufttag zur Lieferung von Kriegs-, Materialien erhalten.
vereinigte Staaten,
post und Eisenbahn.
— Eine neue Lohnordnung ist jutn 1. April für die sämtlichen nahezu 400 000 Handwerker und Arbeiter der preußisch-hessischen Staatsbahnen und der Reichs- effenbahn auf ministerielle Anordnung eingesührt worden. Durch die Vereinheitlichung des ganzen Lohnverfahrens sind zahlreiche formelle Vorteile damit verbunden. Leider scheinen diese in vielen Direktionsbezirken wieder dadurch ausgeglichen zu werden, daß die Lohn- tafeln, deren Fesffetzung den einzelnen Direktionen nach wie vor überlasten bleibt, bei -der beteiligten Arbeiterschaft
Ein Schiebsgerichtsaükommen mit Italien. Washington, 6. Mai. Staatssekretär Brhan und der italienische Botschafter Unterzeichneten gestern ein Abkommen, wonach alle Fragen, die 'nicht diplomatisch geregelt werden können, einer internationalen Kommission von fünf Mitgliedern überwiesen werden sollen.
Die Lage im Streikgebiet von Colorado. Rom, 6. Mai. Der Agencia Stefani ist aus Walsenburg in Colorado die Nachricht zugegcmgen, daß die Ordnung im Streikgebiet wie- derhergcstellt fft und daß die Bnndesttuppen zur Entwaffnung der Grubenarbeiter schreiten.
Man schämt sich, die Druckerschwärze in Anspruch zu nehmen, um zu zeigen, worin die Geschmacklosigkeiten, die Stilwidrigkeiten und die radikale Auflösung alles künstlerischen Feingefühls bei dieser Lyrik besteht, und um zu begründen, warum in diesen Gedichten der elendste Kitsch vorliegt, aber es scheint doch nötig zu sein, wenn Zeitschriften wie der „Kunstwart" oder „Das literarische Echo" sich durch das Wortgeklingel und die kraftgenialische Manier der Charonherren oder durch die süßliche Sentimentalität der Charondamen blenden lassen.
Die meisten Charongedichte sind würdig, als studentische „Bierzeitungen" verlesen zu werden; sie passen im besten Falle ftir die letzten Stadien der Alkoholstimmung. Zum Überfluß sind viele unter ihnen schlechte Nachahmungen von Nietzsches Gedichten seiner letzten Periode. Sie verstoßen gegen die elementare Regel alles künstlerischen Schaffens, daß der Künstler nicht alles sagen soll. In platter Weise sprechen die Lyriker dieser Art jeden Gedanken heraus, so, wie er ihnen kommt. Als eine Probe des sinnlosen Wortgerastels möge hier der Schluß eines Gedichts von Dauber mitgeteilt werden; ob man den Zusammenhang kennt oder nicht, ist gleichgültig; das Wortgeraffel bleibt dasselbe:
„Ra. Ra. du kannst rasende Schmerzen erwecken,
Du siegst. Hascher. Häscher! Es wächst das Geknaster
Verpraßter Brandgarben. Jetzt wackelt das Pflaster.
Dort aualmen die Fackeln. Hier schwirren die Kerzen (!)
Ks fallen die raalasterfaßten Pilaster.
Und mir greift von unten jetzt jemand zum Herzen!"
Anschönheit und Geschmacklosigkeit der Schilderung und Verschwommenheit der Phcmtasiebilder wetteifern hier mit Banalität der Sprache und unwahrem Pathos.
Der von Professor Meumann angeführte Vers kennzeichnet allerdings trefflich genug den gefchmack- und sinn
losen Stil, in dem viele der modernen Überpoeten „dichten", um originell um jeden Preis zu fein. Vielleicht auch, weil sie's nicht besser können. Man hat wirklich oft das Gefühl, äls verberge sich hinter der gräßlichen Geschraubtheit und Verschrobenheit absolute Unfähigkeit. Vor uns liegen wieder ein paar Bändchen Gedichte moderner Lyriker, von denen der Verlag behauptet, daß sie der Dichtkunst neue Wege zeigten! Me die neuen Wege aussehen, mögen die nachstehendenProben dartun, die wahllos herausgegrisfen sind und sich sicher hundertfach vermehren ließen. Einer betet für die Feinde so:
„Allgegenwärtiger! Tm in Jahrhunderten unverwandeltes
Lächeln!
Umarmung, umfastend die Unendlichkeit! Singendes Pochen
tausender Herzen!
Flammen, enffprühend vor Lust verlöschenden Blicken!
Du. dessen Liebe wie brennender Schwefel fällt in die Gärten
der irdischen Liebe!
Wir beten ein Gebet für die Feinde, die im Dämmern des
Lebens uns nahen.
Und für sie, die außer uns gehen, unbekannt in die Ferne
,, t der Erde, des Todes,
Und für jene, die am künftigen Morgen erwarten den Morgen
unseres Geschlechts!"
Wer ist imstande, sich ein Bild von der Vorstellung zu machen, die der Verfasser hatte, als er Gott „in Jahrhunderten unverwandeltes Lächeln" und „Umarmung, umfassend die Unendlichkeit" nannte? Ganz abgesehen von dem andern Unsinn, der in diesen paar Strophen blüht.
„Wo du gehst, wird Herbst und Abend.
Maries Wild, das unter Bäumen tönt.
Einsamer Weiher am Abend.
Lesse der Flug der Vögel tönt.
Die Schwermut über deinen Augenbogen.
Dein schmales Lächeln tönt.
Gott hat deine Lieder verbogen.
Sterne suchen nachts. Karfteitagslied,
Deinen Stirnenbogen."
Ist das nicht verständlich und erhaben? Dies ist nicht weniger herrlich und klar:
„So viel weiche Wärme mir entrinnt.
Daß ich ein Verblutender verbleiche.
Mir ist sehr kalt, ich friere tief — adieu!
Und alles Bleibende tut grausam weh.
Wie aufgeriffene, verletzte Herzensweiche!"
Man könnte sich die Leute ruhig in ihrer Weise aus-! toben lassen, solange sich Verleger sinden, die für gutes Geld den krassesten Blödsinn drucken, wenn ihre .^geniale" Art j tüchtigen jungen Talenten weniger gefährlich wäre, als sie es , in der Tat ist.
Aphorismen.
Von Moritz Goldschmidt (Frankfurt a. M.).
Um stärker zu sein als der Mann, dazu braucht eine Frau viel — Schwäche.
Die ganze Menschheit kann dir den Glauben an einen Menschen nicht zurückgeben, ein Mensch aber schenkt dir den j Glauben an die Menschheit zurück.
Für die große Masse ist die Regel das, was für den einzelnen die Ausnahme.
Leute, die nicht mit Geld umzugehen verstehen, kennen nur zwei Möglichkeiten: Verschwenden oder geizen.
Es gibt Fanatiker, die nehmen jede Sklaverei auf sich --> ihrer Freiheit zuliebe.
Wer schweigen kann, beweist damit beinah' schon, daß er j etwas zu sagen hat. — Die Menge, die nie etwas zu sagen ; hat, kann nie schweigen.
Wenn die Vielschreiber mehr nachdächten — würde ihnen weniger einfallen!
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