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Donnerstag» 7. Mai 1914.
Morgen'Ausgabe.
Nr. 211. » 62. Jahrgang.
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Die Kommission zur Prüfung der Rüstungsforöerungen.
c^ ^on Rechtsanwalt Theodor Liesching, M. d. R.
sn;rs^ n0 ? Erschien in einem süddeutschen Witzblatt ein <>!tö, auf dem die Mitglieder dieser Kommission, oder s sw. gewöhnlichen Sprachgebrauch abgekürzt heißt, .der Rustungskommission", in schlafender Stellung ruyen. Und in der Tat könnte es in der Öffentlichkeit lchelnen als ob diese Kommission, wie manche andere Kommissionen vor rhr, ein stilles Grab für die ihr uverwlesenen Aufgaben zu bilden bestimmt wäre. Und ^>och trugt dieser Schein. Allerdings sind die Berhand- ^^ßEN der Kommission zunächst vertraulich und es kann oeohalb über ihren Inhalt außer dem ausgegebenen oMzmllen Bericht nichts in die Öffentlichkeit gebracht wsroen. Aber der Zweck der Kommission und der bis- pEnge Gang ihrer Verhandlungen weisen darauf hin, oatz rhr Ziel langsam aber sicher erreicht wird, wenn schel in an ^ erer ^oise als dies manche anzunehmen
ist daran zu erinnern, daß, als im April "16 der Abgeordnete Dr. Liebknecht im deutschen okeichstag den Vorwurf erhob, daß der Firma Krupp Militärische Geheimnisse infolge von Beamtenbestechung ausgeliefert worden seien und gleichzeitig einen an die Adresse des „Figaro" gerichteten Brief der Deutschen Waffen- und Munitionsfabriken verlas, die Budget- wminission den Antrag stellte, „den Herrn Reichskanzler zu ersuchen, zur Prüfung der gesamten Küstungslieserungen für Reichsheer und Marine eine Kommission zu berufen, zu welcher vom Reichstag zu wählende Mitglieder des Reichstags und Sachverstän- orge zuzuziehen sind. Der Herr Reichskanzler wird er- lucht, den Bericht der Kommission den gesetzgebenden Körperschaften mit Vorschlägen zur Beseitigung etwaiger Mißstände mitzuteilen," Bei der Verhandlung über wefen Antrag im Reichstag vom 23. April 1913 wurde Ein Antrag, der Kommission das Recht zu eidlicher »engen- undSachverständigenvernehmung zu verleihen, abgelehnt und der Antrag der Budgetkommission ange- uominen. Bei der Beratung wurde ausdrücklich betont, aaß die gesamten Rüstungslieferungen v-on Heer und Marine insbesondere auf ihre Wirtschaftlichkeit - hin geprüft werden sollen. Schon damals wurde darauf hingewiesen, daß diese Kommission selbstverständlich nicht neben dem Plenum des Reichstags shre.Sitzungen halten könne, sondern nur während der Pausen. Da der Kommission ausdrücklich das Recht, richterliche Funktionen in der Kruppangelegenheit aus- wüben, versagt war, so mußte selbstverständlich zunächst das Ergebnis der bei den Militär- und Zivilstraf- gerichten anhängigen Krupp-Prozesse abgewartet werden. So konnte die Kommission erst im November ^13 berufen werden. Die Tagung des Reichstags vor Weihnachten 1913 verhinderte weitere Sitzungen und, da der Reichstag im Jahre 1914 schon am 13, Januar Wieder zusammentrat und erst am 28. März in Ferien Bng, so konnten nur zwei Sitzungen anfangs Januar ^gehalten werden. Damals wurde die Frage des
Entartung der modernen Lyrik.
Von Professor Dr. E. SWeutnann.*)
Das Suchen nach neuen Ausdrucksmitteln zeigt sich be- londers deutlich in der modernen Lyrik, zum Teil auch im j^Stan; die Lyrik ist geradezu gekennzeichnet durch den Berich unserer Modernen Dichter, den sprachlichen Ausdruck als wichen zu steigern, um die dichterische Sprache in stärkerer Weise an den Ausdruck des inneren Lebens anzupassen und durch daZ völlige Mißlingen dieses Versuchs! Der Dichter soll geradezu alles sagen können ohne jede Rücksicht auf die dichterische Form und die Formgesetze. Das Streben, die Aus- orucksmöglichkeiten der dichterischen Sprache zu steigern, ist Natürlich durchaus berechtigt, solange dabei überhaupt noch wirkliche Dichtung. entsteht, solange dabei noch künstlerische isistnrig und wirkliche Bereicherung der Sprache erreicht wird, jj-cj, sie märe auf das lebhafteste zu begrüßen, wenn mit diesem Streben neue dichterische Kunstformen geschaffen würden und die poetische Sprache wieder einmal einen ähnlichen Aufschwung erlebte, wie durch die schöpferische Kraft eines Goethe oder eines Heine. Allein es ist nur wieder charakteristisch für die Kunst unserer Zeit, daß dieses Suchen uach gesteigertem Ausdruck der Sprache und nach engerem Anschluß^ der Sprache an das gesteigerte Innenleben unserer Zeit in der modernen Dichtung gerade zur radikalen Auslosung aller dichterischen Form und zur Verletzung der elementarsten Sprachgesetze geführt hat.
Da nun der moderne Lyriker nicht immer imstande ist,
,,. Diese scharfe Kritik findet sich in dessen soeben er- MEnenen überaus interessanten Buche „System der Ästhetik" wen. Wissenschaft und Bildung, Bd. 124. Verlag von Kiw+rL-Vi Ketzer in Leipzig.). das sich eingehend mit den unitterischen Bestrebungen der Gegenwart auseirmuderseht.
Briefs der Deutschen Waffen- und Munitionsfabriken, der gar nie an die Adresse des „Figaro" abgegangen war, unter Zuziehung der Beteiligten erörtert und geklärt.^ Dann aber ging die Kommission an die überaus schwierigere Aufgabe, die Wirtschaftlichkeit des gesamten Lieferungsbetriebs von Heer und Marine zu prüfen. _ Wie wichtig war es, in der Kommission zwischen Mitgliedern des Reichstags und Vertretern von Handel und Industrie die schwierige Frage zu erörtern, ob für das Reich die Herstellung in staatseigenen Betrieben der Bestellung bei privaten Betrieben vorzuziehen sei. Eine Hauptrolle spielte hierbei die Frage, wie in Staatsbetrieben die Generalunkosten zu berechnen seien. Daß sich hierbei wesentlich verschiedene Berechnungsarten zwischen den Vertretern der Staatsbetriebe und der Privatindustrie ergaben, war eigentlich selbstverständlich. Denn schon in Privatbetrieben, deren Endzweck doch die Erzielung eines Gewinns ist, sind die Generalunkosten selbstverständlich außerordentlich verschieden, wie viel weniger ist ihre Berechnung geklärt bei den Staatsbetrieben, die eine eigentliche Bilanz mit _ Gewinn- und Verlustberechnung gar nicht kennen. Die Rüstungslieferungen verteilen sich aber auf die allerverschiedensten Wirtschaftsgebiete. Von den Lieferungen von Artillerie- und Handfeuerwaffen sowie Munition, Kohlen, Ölen geht es zum Be- kleidungs- und Verpflegungswesen, zum Ankauf von Pferden und Futtermitteln, zum Bau von Festungen und Kasernen, zum Bau von Schissen und zu deren Armierung. Während bei der Waffen-, Munitionsund Kohlenlieferung, beim Festungs- und' Schiffsbau und er Armierung der Schiffe in der Hauptsache die Großindustrie mit teilweise monopolartigem Charakter allein zngezogen werden kann, soweit nicht Herstellung in staatseigenen Betrieben (Spandau, Lippstadt u. a. und die Werften) erfolgt, überwiegt bei nahezu allen anderen Lieferungen das Interesse, auch kleinere Betriebe, sei es auf industriellem, sei es auf landwirtschaftlichem Gebiet, heranzuziehen. Häufiger besteht ein heftiger Interessengegensatz zwischen größeren und kleineren Betrieben, alle Formen des genossenschaftlichen Zusammenschlusses treten in Bewerbung. Während der Reichstag bei den Artillerie- und Handfeuerwaffen und den Panzerplatten stets die zu hohen Preise und damit den zu großen Nutzen der Monopolfirmen beklagte und Ausdehnung des Staatsbetriebs gewünscht hatte, hat er umgekehrt bei anderen Lieferungen sein Augenmerk auf eine Verteilung unter möglichst viele kleine Unternehmer zu angemessenen Preisen und Einschränkung staatlicher Betriebe gerichtet. Er bat auch stets die Berücksichtigung der Arbeiter z. B. durch Einschränkung der Verwendung von Ökonomiehandwerkern verlangt.
Die Aufgabe, alle diese Gesichtspunkte, die außerordentliche Verschiedenheit der Art der Vergebungen nach ihrer Wirtschaftlichkeit zu prüfen, ist eine überaus schwere und verantwortungsvolle. Kommen doch auch ungeheure Summen hierbei in Betracht. Es sollen hier nur einzelne Etatsposten aus den sächlichen Ausgaben, bei denen es sich meist um reine Lieferungen handelt, herausgegriffen lein:
wirklich brauchbare Ausdrucksmöglichkeiten zu finden, so entsteht nun teils ein willkürliches Umgehen mit dem Sprachgebrauch, teils ein schablonenhaftes Befolgen gewisser Kunstgriffe und Rezepte, wie die Häufung und Wiederholung der Adjektiva, die Neubildung von Klangmalereien höchst geschmackloser Art, die Erfindung sinnloser Klanggebilde, die nicht mehr an den Sprachgebrauch anknüpfen, teils eine gänzlich formlose Behandlung von Versmaß und Reim, die die Tendenz hat, jeden Gedanken so platt als möglich herauszu- plaudern.
Wenn man sich überhaupt die Müh e geben will, die Sprach- verhunznng unserer modernen Lyriker einmal genauer zu betrachten, so kann man dabei zwei Klassen von Mißhandlungen unterscheiden: Die eine Art sprachlicher Veränderungen ist relativ harmlos, sie zeugt nur von dem immer mehr verschwindenden Sinn für sprachlichen Stil und grammatische Richtigkeit der Sprache, sie ist zum Teil einfach ein Produkt der Unbildung. Da werden z. B. Worte bevorzugt, wie die „Jetztzeit" (statt Gegenwart, was schon von Schopenhauer getadelt wurde), oder Wörter, wie „völkisch", „gedanklich", das „Dämmer" und das grammatisch unrichtige „diesbezüglich", oder unschöne Pluralbildungen, wie die „Lüste", die „Sehnsüchte", die „Tränensüchte", die „Zukünfte". Geschmacklose Wortzusammensetzungen verraten die sprachliche Hilflosigkeit, wie „torkeltrunken", „Silberschlttzen", „du schmerzwahres Alles", „Weltallerbrennen", „Glutmuskeln", „Schmerzsternge- stiebe", „Urschwulstgekröse", „Flammenentstammen". Ganz besonders beliebt ist auch die falsche Verwendung der Adjektiva, indem optische Eigenschaften den akustischen oder Tasteindrücken beigelegt werden; oder akustische Eigenschaften werden optischen Gebilden beigelegt. Ein paar Beispiele: Ich lese in einem modernen Roman „Ein die weiße Kühle opalisierender Schleier", oder „Ein Glockenrosentag" und in einem Gedicht: „Die Sonnenstrahlen klangen bei jedem leisen Schritt"; „die
Die Beschaffung der Munition für das Heer erfordert jährlich über 53 Millionen Mark, sür die Marine über lSy 2 Millionen Mark. Für die Mundverpflegung des Heeres mit Ausnahme des bayerischen werden jährlich über 112 Millionen Mark ausgegeben. Die Beschaffung von Naturalien sür Mannschaften und Pferde (Weizen, Roggen, Hafer, Stroh und Heu) kostet 108 Millionen Mark. Die Zubereitung des Brots über 13 Millionen Mark. Der Preis für die Lieferung von Tuch, Leinen und Baumwollstoffen beträgt jährlich 17 Millionen Mark, die Abfindung der Truppen sür den gewöhnlichen Verbrauch an Kleidungs- und Aus- rüstungsstücken 29' Millionen Mark. Die Heizung und Beleuchtung der Heeresgarnisonsgebäude erfordert jährlich 18 Millionen Mark, der Ankauf der Remonte- pferde 19,4 Millionen Mark. Bei der Flotte wird für die Schiffsverpslegung I 61/2 Millionen Mark, sür die Bekleidung der Mannschaften über 7 Millionen Mark verbraucht. Der Bedarf an Kohlen und Maschinenbetriebsmaterialien wird mit nahezu 39 Millionen Mark gedeckt, der allgemeine staatliche Werftbetrieb erfordert dagegen über 33 Millionen Mark. Zu diesen nur beispielsweise angeführten jährlich Wiederkehr e n d e n Ausgaben kommen im Jahr 1914 e i n- malige Ausgaben in der Hauptsache für Festungs-, Kasernen- und Schiffsbauten beim Heer in Höhe von 865 Millionen Mark, bei der Flotte im Betrag von nahezu 258 Millionen Mark. Um nun bei dieser Fülle und Verschiedenartigkeit der Lieferungen, insbesondere auch in der Mannigfaltigkeit der zu erfüllenden wirtschaftlichen Zwecke, die Arbeiten der Kommission nicht ms uferlose zersplittern zu lassen, einigte man sich dahin, die Lieferungen nach einzelnen Ressorts einzuteilen. Es wurde dann sür jedes besondere Ressort ein Berichterstatter aus der Mitte der Kommission ausgestellt, der die Aufgabe hat, an der Hand von Beispielen die Ber- gebungsart von Arbeiten und Lieferungen in diesem Ressort zu erläutern, sie auf ihre Zweckmäßigkeit einerseits im Interesse der Tüchtigkeit. von Heer und Flotte, wie der Finanzen des Reichs andererseits für die Erwerbskreise des deutschen Volkes zu prüfen, besonders auch zu untersuchen, ob die Möglichkeit von Unregelmäßigkeiten bei der Vergebung ausgeschlossen sei. Es wurden Referenten ausgestellt für das Handbewafs- nungswesen und die d2zu gehörige Munitionslieferung, dann für die Bewaffnung und Munition für Feld- und Fußartillerie sowie Marinegeschütze, weiter für Schiffsbau und Schifssarmierung, dann für die Mundverpflegung, weiter für die Bekleidungs- und Ausrüstungslieferungen, ferner für Lieferung von Kohlen, Ölen und andere Treibmaterialen, dann für Sanitätsmaterial, ein weiterer für Remonteaufkauf, ein fernerer sür Auskauf von Grundstücken, ein solcher für Garnisonsbauwesen, dann noch für Forfifikationen und Docks. Die Reichsbehörden wurden angewiesen, den Referenten das von diesen gewünschte Material zu beschaffen und ihnen jede dienliche Auskunft zu gewähren. Da die Referenten zur Hälfte aus der Reihe der der Kommission angehörigen zwölf Reichstagsmitglieder gewonnen wurden, so lag es auf der Hand, daß es diesen Mitgliedern, die großenteils auch gleichzeitig Mit
kalten Schatten klettern (mir) im Nacken". In Wahrheit ist das natürlich eine geschmacklose Vermischung verschiedener Bilder, die darum verfehlt ist, weil sie gar keinen einheitlichen Eindruck erzeugt. Am meisten Unfug wird aber mit der Bildung »euer Zeitwörter getrieben: „Es herbstet, es wintert, es sommert, es frühlingt", oder wir lesen Zeitwörter, wie „geistern", „sirren", „glasten", „raglastern" (Beispiele von sinnlosem ^ Wortgerassel), oder: „begluten", „lichtern", „ent- schimmern" u. bergt.; in der Analogie von Ernüchterung wird gebildet „Ersättigung", in der Analogie von Zukunft wird gebildet: „Meine Fortkunft" — ein typisches Beispiel für die abscheuliche Vermischung der Bestandteile verschiedener Worte, nämlich von Fortkommen und Zukunft. Die ganze Geistlosigkeit und Gedankenarmut dieser modernen Lyrik zeigt sich aber in der Verwendung solcher Rezepte, wie der bloßen Wortverdoppelung, z. B. „Mein Auge schweift in fern, ferne Weiten", oder: „Eine klein, kleine Hand", oder „Das still, stille Dorf"; das ist geistlos, weil es so billig und süßlich sentimental ist. Alle diese Dinge sind aber noch relativ harmlos; weniger harmlos wird die Sache, wenn das bloße Wortgerassel an Stelle aller klaren Gedanken und Phantasiebilder und an Stelle aller echten und wahren Stimmung tritt.
Das abschreckende Beispiel für diese Auflösung des künstlerischen Sinnes und für die Verdrängung wirklicher Phantasiearbeit und wirklich erlebter Stimmung haben wir in den Produkten der Charonbewegung, und wie weit die Verwirrung des künstlerischen Urteils gedrungen ist, kann man daraus sehen, daß selbst der „Kunstwart" diese Bewegung ernst genommen hat. Die Begründung, die der ..Kunstwart" dafür gibt, verdient tiefer gehängt zu werden! Cr meint nämlich, an dem „Charon" müsse doch wohl etwas sein, weil er sich so lange gehalten hat. Wissen die Ästhetiker des Kunstworts nicht, daß sich die schlimmsten Sorten von Schundromanen noch länger gehalten haben?
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