Einzelbild herunterladen
 

Nr. 2T1. Oreitag, 1. Mai 1914c MrRSUM§Rr§ TKZNE» Morgen-NusgaSe, 1. Blatt. Sekte 8.

Unteroffiziere riefen bei den Wahlen wiederholt: „Es lebe der König!" Verschiedentlich begaben sich die Offiziere in voller Uniform zu den Wählern in die Wohnung, um sie zu­gunsten dieses oder jenes Kandidaten zu beeinflussen. Man hat eine strenge Untersuchung eingeleitet, um die Schuldigen der Bestrafung entgegenzuführen.

Valkanstaaten»

Ghenadiew über Bulgariens zukünftige Politik. Paris, 36. April. Der „Eclair" veröffentlicht heute ein längeres Interview mit dem bulgarischen Minister des Äußern Ghenadrew über die zukünftige Politik Bulgariens. Der Staatsmann dementiert energisch die im Umlauf befindlichen Gerüchte von einem bulgarisch-türkischen Bündnis, gibt jedoch zu, daß Bulgarien bestrebt ist, die Beziehungen zu dem ottomanischen Reich so herzlich wie möglich zu ge­stalten, da es im Interesse beider Länder liege, gute Nachbar­schaft zu halten. Er bestritt weiter, daß Bulgarien eine Annäherung an den Dreibund suche. Der Staatsmann beklagte sich bitter darüber, daß einzig und allein Griechen­land von den Großmächten unterstützt werde und daß beim Abschluß des Friedens sowohl F r a n k r e i ch wie D e u t sch­ind zum erstenmal seit 40 Jahren sich bereit gefunden hatten, König Konstantin auf Kosten Bulgariens Vorteile zu verschaffen.

Kein türkisch-bulgarisches Bündnis gegen Griechenland. S o f i a, 29. April. Die neuerdings von Athener Blättern veröffentlichten, angeblich aus Wien stammenden Meldungen von dem Abschluß einer gegen Griechenland gerichteten türkisch-bulgarischen Konvention werden amtlich mit dem Be­merken dementiert, daß diese Gerüchte zu dem Zweck lanciert werden, um die verleumderischen Meldungen von einem unmittelbar bevorstehenden Einfall türkisch-bulgarischer Banden in Mazedonien glaubhaft zu machen.

Schweden.

Einberufung des Reichstags. Stockholm, 36. April. Der Reichstag ist auf den 18. Mai einberufen worden.

Türkei

Das Marineprogramm. K o n st a n t i n o p e l, 30. April. Die Blätter melden: Das Marineprogramm ist nach langen Studien nunmehr fertig gestellt worden. Die Pforte werde französischen Werften in der Normandie 8 oder 10 Torpedobootszerstörer in Auftrag geben, die größer und schneller als der jetzige Zerstörungstyp der türkischen Flotte sein werden. Bei der C r e u z o t-Werft werde sie 3 Untersee­boote bestellen. Die Bauzeit werde 18 Monate nicht über­schreiten. Der Betrag soll weder auf das laufende Budget genommen, noch von Anleihen gedeckt, sondern durch Sammlungen des Flottenkomitees aufgebracht werden.

vereinigte Staaten.

Die Panamabill. Washington, 30. April. Die Bill des Repräsentantenhauses, durch welche die Bestimmung der Panamaakte, daß amerikanische Küstenschiffe von den Kanalgebühren befreit werden, aufgehoben wird, ist heute dem Senat mit einer Zusatzerklärung zugegangen, nach welcher die Vereinigten Staaten durch diese Aufhebung auf keine Souveränitätsrechte über den Kanal verzichten.

Mittelamerika.

Eröffnung des Panamakanals. New Uork, 30. April. Oberst Goethals richtet einen Schleppbootdienst auf dem Panamakanal ein, damit die Belastung der Panama-Eisen­bahn, welche seit der Schließung der mexikanischen Tehuantepec-Route ungeheuer angewachsen ist, einigermaßen behoben werde. Dieser Kanalderkehr soll jetzt regelmäßig stattfinden. Größere Schiffe können aber noch nicht fahren. (Franks. Ztg.)

China.

Die neue Verfassung. Peking, 30. April. Die Ver­sammlung, die kürzlich mit der Umarbeitung der provisori­schen Verfassung beauftragt wurde, hat endlich die abge- änderte Verfassung angenommen. Man erwartet, daß sie unverzüglich veröffentlicht wird. Sie sieht eine e i n- fache gesetzgebende Kammer vor und ersetzt den Premierminister durch den Staatssekretär. Man glaubt, daß die Demission Sunpaotschis als Premierminister gleichzeitig mit der Bekanntmachung der Verfassung angenommen und Hsu shihchang zum Staatssekretär ernannt wird. Der Entwurf sieht ferner bedeutende Erweiterungen der Rechte des Präsidenten vor. Mitarbeiter des an der Spitze der Verwaltung stehenden Präsidenten sind der Staatssekretär und neun von dem Präsidenten ernannte Minister. Geplant ist die Schaffung eines besonderen

Rats als beratenden Organs, mit dessen Zustimmung der Präsident das Parlament auflösen und die Veröffentlichung eines vom Parlament angenommenen Gesetzes verbieten kann. Der Rat soll biszur Einberufung des Parlaments dessen Funk­tionen übernehmen.

Bm Stadt mb taub .

wisLbsösnee Nachrichten.

— Der „Wiesbadener Tagblatt"-Fahrplan, Sommer- Ausgabe 1914, ist der gegenwärtigen Ausgabe beigefügt. Er tritt mit dem heutigen Tage in Kraft und geht allen ständigen Beziehern des „Tagblatts" unentgeltlich zu. Außerdem ist er :m Verlag für 20 Pf. das Stück käuflich. Auf den um 28 Seiten vermehrten Inhalt durch Erweiterung und Neuauf­nahme von Strecken sei noch besonders hingewiesen.

— Gasthausangestclltenversammlung. Der Reichsverband der Gasthausangestellten, Mitglied des Gesamtverbands der christlichen Gewerkschaften, hat vor einigen Wochen auch hier eine Ortsgruppe gegründet, was von seinen Gegnern unlieb­sam empfunden wurde. Es wurden.Gerüchte des Inhalts ver­breitet, der Reichsverband wolle den hiesigen Arbeitsnachweis 'bekämpfen, er tage, da er das Licht der Öffentlichkeit scheue, hinter verschlossenen Türen usw. Außerdem ließ der sozial­demokratische Verband eine Broschüre über: „Die christlichen Gewerkschaften, unter besonderer Berücksichtigung der christ­lichen Kellnerorganisation (Reichsverband)", zu Hunderten Exemplaren in Wiesbaden unter den Gasthausangestellten verteilen. Um zu den Angriffen Stellung zu nehmen, ande­rerseits um das Programm des Reichsverbands einem größe­ren Interessentenkreis klarzulegen, hatte er in der Rächt vom 28. bis 29. April eine öffentliche Versammlung in das „Katho­lische Gesellenhaus" einberufen, welche von 12 bis 5 Uhr mor­gens dauerte und in allen Teilen für den Reichsverband einen befriedigenden Verlauf nahm. Der Referent, Herr Oerke aus Düsseldorf, wies einleitend die Verdächtigungen, für die jeder Beweis fehle, zurück. Zweck des Reichsverbands sei, ziel- bewußte Standesarbeit zu leisten. Er schilderte im weiteren die Lage der Gasthausangestellten und forderte auf Grund der vielen Mißstände an Stelle des Trinkgeldes einen festen Lohn, genügende Ruhezeit, Einbeziehung der Gasthausange­stellten in die Unfallversicherung, Einschränkung der Frauen­arbeit, besonders zur Nachtzeit. Nach Schilderung der Orga­nisationsarten forderte der Redner zum Beitritt in den Reichsverband auf, der als eine auf nationalem Boden stehende Organisation, durch Sellist- und Staatshilfe, eine allgemeine Besserstellung der Berufsangehörigen erstrebe. Die von dem Vertreter des sozialdemokratischen Gastwirtsgehilfen- veroands, Herrn Reichert aus Wiesbaden, erhobenen Ein­wendungen wurden im Schlußwort des Referenten widerlegt und dann die Versammlung geschlossen.

— Dienstjubiläum. Heute steht der städtische Rohrmeister Ernst Hach 88 Jahre im Dienst der Stadt. Bei seinen Vor­gesetzten wegen seiner tadellosen Dienstführung geschätzt und seinen Untergebenen allezeit ein gutes Vorbild, erfreut er sich auch im Publikum besonderer Beliebtheit.

— Fernsprechwesen. Von zuständiger Seite werden wir im Hinblick auf die bevorstehende wärmere und daher auch ge­witterreichere Jahreszeit darauf aufmerksam gemacht, daß während der Dauer von nahen und' schweren Gewittern von der Fernsprechvermittelungsanstalt Gesprächsverbindungen nicht ausgeführi werden. Sämtliche Fernsprechapparate sind zwar mit äußerst empfindlichen Blihschuhvorrichtungen ver­sehen, welche etwaige Entladungen atmosphärischer Elektrizi­tät sicher auffangen und ableiten, indes wird immerhin emp­fohlen, bei nahen und schweren Gewittern die Fernsprech­apparate und Leitungen nicht zu berühren. Gleichzeitig soll hier nochmals darauf hingewiesen werden, daß das von man­chen so beliebte Aushängen des Hörer? während des Gewitters gar keinen Wert hat und eher Schaden als Nutzen bringt.

— Offertenbriefe zur Reifezeit. Man schreibt uns: Zum Beginn der Reisezeit ergeht an die Inhaber von Geschäften die Bitte, ihre Offertenbriefe an Privatleute mit dem Ver­merk zu versehen „Nicht nachsenden". Im vorigen Jahre hat Einsender öfters erleben müssen, daß auf diese Art geschlossene Stadtbriefe (frankiert mit 5 Pf.) bei Nachsendungen 20 Pf. Strafporto kosteten; denn die Absender der Offertenbriefe hatten keine Adresse angegeben; man weiß also nicht, van wem der Brief kommt und was er eventuell enthält. Im Zweifel zahlt man die 20 Pf. Strafe. In Zukunft möge man jeden­falls keinen nachgcsandten Brief, belastet mit Strafporto, an­

nehmen, sondern alle diese Offertenbriefe ahne weiteres an die Absender zurückgehen lassen, damit dieselben die Straf­gelder zu bezahlen haben. Dieses Mittel dürfte seine Wirkung nicht verfehlen. — Viele Geschäfte führen bereits die Stempel „Briefe nicht nachsenden". Die in die Bäder.Reisenden wer­den diese ärgerliche Strafportosache alljährlich empfunden haben und ebenfalls dagegen protestieren, wiederholt Straf­gelder für Geschäftsrcklamen zu zahlen.

^ „ — Treue Dienste. Heute sind 30 Jahre verflossen, seit Fräulein Johanna S t e i n e r t im Dienste der Familie L. Schcllenberg steht. Die Jubilarin hat sich während ihrer treuen Dienste durch nunmehr drei Jahrzehnte hin­durch die Achtung und Zuneigung ihrer Dienstherrschaft im höchstem Grade erworben. In unserer raschlebigen Zeit ist ein solch schönes Dienstverhältnis leider eine seltene Erschei­nung geworden.

— Warnung vor dem Privatforstdicnst. Erneut sei ge­warnt vor einem Beruf, der wegen starker Überfüllung, man­gelnder Anwartschaft und unsicherer Anstellungsverhältniffe nur wenigen der Tüchtigsten oder vom Glück Begünstigten eine gesicherte Zukunft gewährt, den meisten aber nur Ent­täuschungen bringt. Es gilt dies sowohl vom Försterberuf wie insbesondere auch von der Forstverwaltungslaufbahn. Durch statistische Erhebungen ist festgestellt, daß für die akade­misch ausgebildeten Privatforstbeamten in Deutschland nur annähernd 500 stellen in Frage kommen, so daß ein jährlicher Ersatz von 20 bis 25 Anwärtern genügen würde. Demgegen­über aber bezieht seit langen Jahren ungefähr die doppelte Anzahl die Forstakademien. Infolgedessen ist eine übermäßig große Zahl von stellenlosen und hoffnungslosen Anwärtern vorhanden.

hiesiger Bäderlieferant. Der Mann stand im besten Alter, soll aber in letzter Zeit gemütskrank gewesen sein.

— Nordlandreise. Wie in den Vorjahren, so veranstaltet auch m diesem Jahre das Hamburaer Reisebureau von Walter B a mb erg er eine größere Gesellschaftsreise nach Norwegen und Dänemark. Für diese Reise ist wiederum der norwegische Salondampser „Mrva" gechartert worden. Sie bietet neben mner Seefahrt eine größere Überlandreise, die Teilnehmer lernen daher nicht nur die herrlichen Fjorde der Westküste kennen, sondern auch die großartig angelegte Bergensbahn so­wie die Städte Kristiania und Kopenhagen. Die Reise findet in der 8eit_ vom 12. bis 27. Juni statt.

, — Kleine Notizen. Das S o m m e r f e st des Wahlver-

ems der Fortschrittlichen Bolkspartei findet am 28. Juni aus der „Alten Adolfsböhe" statt. Bekannte Redner haben ihr" Beteiligung zngesagt. Der Vergnügungsaus schuß wird für Unterhaltung aller Art sorgen. — Im „Restaurant Erbprinz am Mauritiusvlatz tritt von heute ab eine Damen- ka pelle auf, welche zum erstenmal in Wiesbaden ist und bisher nur in Weltstädten sich hören ließ.

w rncitn?ojer rvoncsvienit. Israelitische Kultus- gemsinde. Synagoge: Michelsberg. Gottesdienst in der Hauptsynagoge: Freitag: abends 7 Uhr. Sabbat: morgens 8.45 Uhr. nachmittags 3 Uhr. abends 8.40 Uhr. Wochentage: morgens 6.45 Uhr. abends 7.15 Uhr. Die Gemeindebibliothek Freitag von 3 bis 4 Uhr und Dienstagabend von o ms 9% Udr.

o. . Alt israelitische Kultusgemeinde, Synagoge: Frismichstpaße 33. Freitag: abends 7.15 Uhr, Sabbat: morgens 7 Ubr, Mussapb 9.15 Uhr. Vortrag 10.30 Uhr. JugendgotteS- dienst nachmittags 3.15 Uhr. nachmittags 4 Uhr. abends 8^35 Uhr. Wochentage: morgens 6.46 Ubr. nachm. 6.15 Uhr. abends 8.35 Uhr. Montag und Donnerstag, morgens 6.80 Ubr.

Talmud Thora-Verein Wiesbaden, Stift- stratze 3. Sabbat-Eingang 7.16 Uhr. morgens 8.30 Ubr. Mussaph 9.30 Uhr. Mincha 4 Uhr, Ansgang 8.40 Uhr. Wochentage: morgens 6.30 Uhr. Mincha und Schiur 8 Uhr. Maarif 8.40 Uhr. vsrberichte Uder Kunft. Vorträge und verwandtes.

* Residenz-Theater. Samstag gelangen zum 70. Male die „Fünf Frankfurter" zur Aufführung. Der Beifall, den die Neueinstudierung des Lustspiels „Kean" gefunden hat. voran- mßt dre Direktion, des Stück ccm Sonntagabend KU wieder- holen. Am Montag, nachnrittags 4 Uhr. findet zu halben Preisen ein einmaliges Gastspiel der „F.nglish Classical Plavs by the London Shakespearean Company" <Direktor A. Roubaud) unter dem Protektorat des Deutschen Nenphilologen- Verbandes statt. Zur Aufführung gekrngt „Ibe kckerclmiit ok venire" von Shakespeare. Diese einmalige Aufführung dürfte den Schülern und allen, die sich für die englische Sprache interessieren, eine willkommene Gelegenheit bieten, dos Werk des großen Briten in der Ursprache zu hören. Montagabend wird ans mehrseitigen Wunsch das Lustspiel „Kammermusik" gegeben. Diese Vorstellung beginnt um %8 Uhr.

* Tanz-Abcnd. Jutta von Mitschke-Collande. die im ver­gangenen Jahre sich zum erstenmal dem Wiesbadener Publi- kirm dorstellte. veranstaltet am 6. Mai im Kasinosaale (Fried- richstraße 32) einen Tanz-Abend mit auserlesenem Programm unter Mitwirkung von Kapellmeister Dr. Hans Rohr von der Münchener Hosopcr.

* Gastspiel Anna Pawlowa. Aus Frankfurt a. M. wird uns geschrieben: Bei den Gastjspielabenden am 11. und

gegnete mein Gewährsmann. „Einmal dringt er z. B. in das Haus eines der reichsten Kaufleute ein und verlangt von diesem 4 Unzen Gold (260 M.), und während der Kaufmann ihn überreden will, sich doch mit nur einer Unze zu begnügen, nimmt die Kröte ruhig den Revölver vor und fragt freundlich lächelnd: „Ah, Seüor, wie gefällt Euch mein Revolver?

Glaubt Ihr wohl, daß er gut schießt?" Und nachdem der Kaufmann mit zitternden Händen die verlangte Summe auf das Pult gezahlt hat, sagt die Kröte, mit bezaubernder Liebenswürdigkeit: „Nein, Seüor, jetzt stimmt es nicht mehr, jetzt müssen es fünf sein — — eine bekomme ich dafür, daß Ihr mich habt warten lassen . . ."

Schließlich trat die Liebe mit ihren schmerzlichen Folgen in seinen Lebensweg. Diese Liebesgeschichte klingt völlig un­glaublich. und hätte ich nicht die Bestätigung von Duhende>n anständiger Leute gehört und den Hauptbeteiligten, einen der besten Generale der Revolution, persönlich kennen gelernt, so würde ich das Ganze als boshaftes Geschwätz betrachtet und stillschweigend übergangen haben. Den Namen des Haupt- beteiligten muß ich hier verschweigen, denn der Mann hat durch heroische Tapferkeit seine schweren Verirrungen ver­gessen zu machen gesucht.

Er, nennen wir ihn Fernandez, war der Sohn eines Halbblutfranzosen aus Martinigue, war mit feinem Vater nach Barquesineto gekommen, und mit 14 Jahren, als er Waise geworden war, nahm ihn ein reicher, kinderloser Kauf­mann der Stadt als Lehrling in sein Geschäft. Dort benahm sich der hübsche und intelligente Junge so gut, daß ihn der alte kinderlose Kaufmann wie seinen Sohn behandelte, - im Gegensätze zu seiner noch jugendlichen Gattin, die ihm zwar auch Gefühle, über keineswegs mütterliche entgegenbrachte. Drei Jahre war der Junge im Hause und bereits zu einem stattlichen Bengel herangercift, als der innigste Wunsch des alten Kaufmannes erfüllt und er Vater einer Tochter wurde,, die er mit der unheilbaren Blindheit des Gatten und des Alters mit zärtlichen und stolzen Blicken hütete.

Die Jahre gingen über die KgWnballen und Hauptbücher

dahin, der Alte schrumpfte in gleichem Maße ein, wie sein Töchterlein sich entfaltete, und als dieses sechzehn Jahre er­reicht hatte, klopfte Imperator Mors mit dürrer Knochen­hand an die runzlige und pergamentene Stirn des Alten und lud ihn ein, sein Hauptbuch in Ordnung zu bringen. Wie es die guten Könige in den Märchen zu tun pflegen, rief er den Adoptivsohn und die Tochter an sein Lager und sagte: „Kinderchen, heiratet Euch, damit das Geschäft nicht Schaden leidet!"

Und Fernandez, der gute Junge, opferte sich und heiratete das Mädchen im vollsten Bewußtsein seiner Niederträchtigkeit, und die Mutter des Mädchens mußte alles geschehen lassen und dunste nichts zur ganzen himmelschreienden Gemeinheit sagen, um sich nicht selbst zu verraten! . . .

Der Alte starb, und wie eine so verbrecherische Ehe aus- fallen mochte, kann man unschwer erraten, denn mögen Sprichwörter im allgemeinen sehr dehnbar sein, so gibt es doch eines, das keine Ausnahme kennt. „Jede Schuld rächt sich auf Erden" — und hier rächte sie sich furchtbar. Je älter die Witwe wurde, desto eifersüchtiger wurde sie auf ihre Tochter, unid als sie endlich ihr Schwiegersohn zu verlassen Miene machte, rächte sie sich dadurch an ihm, daß sie ihrer eigenen Tochter Andeutung über ihre Herkunft machte, so daß diese endlich begriff. Um ihren Mann zu beschimpfen, machte sie Luis, die Kröte, zu ihrem Freunde, und dies so offen, daß die ganze Stadt von der Sache Wind bekam, nur vorerst nicht der Ehemann, denn dies wäre gegen alle Logik und alles Her­kommen gewesen. Der Hohn, den die ganze Stadt über ihn ergoß, der Schimpf, ihm den größten Schuft der Stadt zum Hausfreund gegeben zu haben, erfüllte die Herzen der beiden Weiber mit grausamer Freude.

Lange konnte allerdings dieses Verhältnis nicht unent- deckt bleiben, und als Fernandez Aufklärung bekam, lauerte er nachts der Kröte unter seinem eigenen Haustore mit einem Knechte auf. Aber wieder kam Don Luis mit mir einigen Messerstichen davon, schoß den Knecht nieder und entfloh aus Bcrrgugsineto. Von Fernandez, dem es unbekannt war, daß

seine Frau von ihrer Herkunft Kenntnis hattet 'lief zu den Ge­richten, um die Scheidung zu verlangen, und in der Haupt- vephandlung erhebt plötzlich sein Weib die Stimme und ruft vor Hunderten von Zeugen: „Was willst du, elender Schuft, wie kannst du, mein eigener Vater, mich verklagen?!" Eine furchtbare Sensation entsteht, als Mutter und Tochter, ihr» eigenen Verbrechen anerkennend, nun Anklage über Anklage auf Fernandez häufen ....

Die Scheidung wurde natürlich ausgesprochen, aber in diesem besten aller Länder fiel es niemandem bei, die Ver­brechen der Beteiligten gerichtlich zu verfolgen. Die öffent­liche Meinung verurteilte alle Teile und Fernandez verließ Barguesineto, wurde General und hat seither in allen Revo­lutionen wie ein Löwe gefachten. Als ich dem Prätendenten und Chef der Revolution eine Andeutung machte, daß solche Elemente eben nicht die lautevften seien, entgegneie er sehr philosophisch: „Aber das sind die Leute, mit denen man

Revolutionen macht; ruhige und wohlhabende Kausleute be­kommen wir nicht für unsere Armee!" . . .

„Und Luis, die Kröte?" . . .

Der hat es nicht mehr lange getrieben. Er floh nach Puerto Cabcllo und auch dort kannte man ihn dem Rufe nach genügend. Als er eines Tage? mit einsm anständigen jungen Mann in einer Schenke Streit bekam, zog dieser, ehe der Raufbold begriffen hatte, daß nun auch seine Reihe gekom­men sei, den Revolver, schoß seinen Widersacher vor den Kops, und am folgenden Tage begleiteten Hunderte von Strolchen, Mördern und Dieben die sterblichen Reste der Kröte aus ihrem letzten Wege.

* * *

Und da gibt es Leute, welche meinen, die Romantik und ihre Träger seien mit Eisenbahn und Elektrizität verschwun­den! Wohl möglich in unserem barbarischen Europa, aber hier im zivilisierten Mittel-Amerika blüht diese blaue Blume in der Verborgenheit, ohne daß ihr Duft uns erreicht, wen« sich eben nicht mal jemand das Herz nimmt, die Zustände, wie sie hier sind, der Wahrheit gemäß zu beschreiben.