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Sreitcrg. I. Mai 1914.
Morgen - Krisgabe.
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Nr. 20?. » 62. Iahrgang.
Oie vallplatzpolitik.
Herr v. B e t h m « n n - H o l l w e g wird im Reichs- M manches. ernste Wort wegen seiner auswärtigen Potrtu zu Horen bekommen, aber was für ein sanftes Säuseln wird das sein im Vergleich zu den peinlichen Fragen, denen Graf Berchtold jetzt in den Dele- gationssitzungen zu Budapest standzuhalten hat! Gewrtz, die Delegationen werden alles bewilligen, was die gemeinsame Regierung von ihnen zur Sicherung des Reichs zu Lande und zu Wasser fordert, und zuletzt wird Graf Berchtold auch, wenn er seine Balkanpolitik vertritt, mit einem blauen Auge davonkommen. Denn was sollen die Mitglieder der Dele- Mtwnen anderes tun als ihm Indemnität erteilen? Sre können gar nichts anderes tun, sie müssen selbst- verständlich den Staatsmann stützen, der nun einmal dazil berufen ist, den Schwierigkeiten, unter denen die Donaumonarchie immer wieder erbebt, zu begegnen, so gut es eben gehen will. Vielleicht würde ein anderer Minister des Auswärtigen es auch nicht anders gemacht haben, wahrscheinlich hätte er es nicht besser gemacht. Dre Valkanpolitik Österreich-Ungarns ist nun einmal (und das kann dein Grafen Berchtold nicht aufs Konto geschrieben werden) mit dem Erbteil der Aehren- t h a l s ch e n Politik belastet, die sich so glanzvoll ausnahm, wahrend sich bald genug herausstellte, daß auch bei ihr nicht alles, was glänzte, Gold war. Vom deutschen Standpunkte aus tut man aus freundnachbarlichen Gründen Wohl gut daran, die Annexionspolitik, die Bosnien und Herzegowina in den Reichsverband hineinbrachte, nicht allzuscharf auf Herz und Nieren zu prüfen. Sollte es geschehen, so würde sich bald zeigen, daß sie das Ergebnis einer Richtung war, die darauf ausging, eine Verständigung -wischen Wien und Petersburg direkt und mit Ausschaltung Deutschlands durchzuführen, nur daß diese Politik unweigerlich zu einem um so schärferen Konflikt mit Rußland führen mußte, sobald sie aus dem Nebel allgemeiner Besprechungen in die Realität der Verwirklichung unverbindlicher Unterhaltungen heraustrat. Mit anderen Worten: Herr v. I sw olski hatte die Sache ganz anders verstanden als Graf Aehren- thil, und als die Annexionserklärung erfolgte, glaubte sich Rußland bitter getäuscht und jedenfalls noch bitterer enttäuscht. Dafür kann, wie gesagt, Graf Berchtold nichts, aber er mußte die Folgen des russischen Grolls tragen. Ob er die Machenschaften, die zum Balkanbunde unter russischer Oberleitung führten, rechtzeitig hätte durchkreuzen können, kann inan nicht so genau wissen. Behauptet wird es, am Ballplatz freilich wird man es nicht zugeben wollen. Jedenfalls steht es heute so, daß die allerdings nicht zu bestreitenden Mißerfolge, die auch Rußland auf dem Balkan erlitten hat, überreichlich ausgewogen werden durch die Mißerfolge der in Wien betriebenen Politik. Einzig die Schaffung des Fürstentums Albanien kann als positives Ergebnis in die Rechnung eingestellt werden: aber was sür ein unsicherer Posten ist das! Unvergleichlich sicherer, dafür aber um so bedenklicher sind die Posten, die das Debet der _ österreichischen Balkanpolitik beschweren, in erster Reihe die T o d -
Lols e! zäpo - Luis, die Kröte.
Mittelamerikanische Sittenbilder.*)
Von E. Baron Binder - Krieglstein.
Die Spanisch - Amerikaner sind große Illusionisten und verstehen es trefflich, den Fremden, welche in ihr Land kommen, lei es, um Studien zu machen, sei es, um sich anzusiedeln, über den wahren Wert ihrer Moral so viel Sand in die Augen zu streuen, daß fast alles, was bisher über die Einwohner Mittelamerikas an die Öffentlichkeit gedrungen ist, als gründlich falsch und verkehrt erscheint, wenn man Gelegenheit gehabt hat, dieses Volk dort zu beobachten, wo es beobachtet sein mutz, nämlich im Innern des Landes, in ihrem gegenseitigen intimen Verkehr.
Nicht nur die zahlreichen Reisewerke und Veröffentlichungen über Mittelamerika, sondern auch alle in den großen Handelsstädten ansässigen Fremden finden nur Worte überschwenglichen Lobes für die angeblich beispiellose Ehrlichkeit des Volles; es wird einem stündlich eingeprägt, man könne mit Tausenden von Talern allein die Republiken vom Rio Grande del Norte bis zum Orinoko durchstreifen, ohne irgend
*) Die Augen der ganzen Welt sind momentan auf Mittelamerika gerichtet, wo menschlicher Voraussicht nach die selbständigen kleinen Raubstaaten, die seit Jahrhunderten stets von Revolutionen dürchwühlt sind, von der nordischen Schwester -- Republik langsam aufgesogen werden dürften. Welchen Lebensweg die berühmten Generale der verschiedenen Revolutionen genommen haben, wir erinnern nur an die bekannte Tatsache, daß „General" Villa ein zehnfacher Räuber und Mörder ist), unk zu ihrem Ansehen zu gelangen, charakterisiert treffend der auch unseren Lesern wohlbekannte Kriegs- korresvondent v. Binder-Krieglstein in nachfolgendem Feuilleton. das uns einen interessanten Einblick in die ungeheure Unmoralität dieser Halbwilden bietet. Die Schrrftl.
feindschaft Serbiens, das nicht aufhören wird, nach dem M e e r e hinzustreben und das auf russische Unterstützung bei jedem Schritte rechnen kann, der dem Donaureiche neue Verlegenheiten bereiten soll. Es kommt hinzu die Schwächung Bulgariens, auf das Gras Berchtold gewettet hatte, obgleich das Rennen schon im Beginn als verloren gelten mußte. Es kommt ferner hinzu die Spannung mit Bukarest, die kein noch so freundlich schminkender osnzioser Ableungnungsversuch vom Ballplatz her aus der Welt schassen kann. Die Differenzen zwischen Wien und Petersburg sind soweit gediehen, daß der gegenlvärtige Zustand eine verzweifelte Ähnlichkeit mit ernem latenten Kriegszustände hat, und niemand vermag zu sagen, wie dies Verhältnis gebessert werden könnte. Müssen doch auch wir uns darauf einmchten, daß wir unter den Wirkungen der russisch- österreichischen Spannung zu leiden haben werden. Am letzten Ende ist u n s e r e H e e r e s v o r l a g e von 1913 mit den ungeheuren Opfern an Rüstungen und an Milliardenkosten auch nur die Folge davon, daß die Politik des Ballplatzes in eine Sackgasse geriet. Es hat wenig Sinn, die Augen vor allen diesen Tatsachen zu verschließen. Wie e r n st die Lage ist, das erkennt man am besten daraus, daß das zwingende Bedürfnis, sie wenigstens einigermaßen zu mildern, neuerdings iminerhin den Starrsinn der ungarischen Regierung gebrochen und die leitenden Männer in Budapest dazu bewogen hat, den Rumänen in Siebenbürgen nach Möglichkeit entgegenzukommen, uni so vielleicht doch noch die über die Grenzen nach Bukarest hin angesponnenen, hon der rumänischen „Kulturliga" eifrig zusammengezogenen Fäden zu zerreißen. Ob es gelingen wird, steht dahin. Das Urteil über die österreichisch-ungarische Balkanpolitik wird nun aber dadurch — man kann sagen: leider — nicht entkräftet, daß Graf Berchtold sich bemüht, in seinem, den Delegationen vorgelegten Rotbuch, über das wir in der Morgen-Ausgabe berichteten, die freundlichsten Lichter aufzusetzen. Die Lektüre dieses Aktenbandes wird den Delegationsmitgliedern, nach den bisherigen Auszügen zu beurteilen, merkwürdige Eindrücke bereiten. Wir wollen nicht alle Einzelheiten unter die Lupe nehmen, aber wenn es beispielsweise so dargestellt wird, als habe der Ballplatz die Bestrebungen Serbiens nach einer ansehnlichen Gebietsvergröße- rung wohlwollend anerkannt, und wenn es weiter'unter Beweis gestellt zu werden versucht, daß das Wiener Kabinett den rumänischen Wunsch nach einer Kompensation für berechtigt gehalten habe, und endlich, daß es auf Grund der Wiener Proteste gegen den direkten Friedensschluß zwischen den Balkanstaaten zu einer freundschaftlichen Aussprache zwischen dem Wiener und dem Petersburger Auswärtigen Aut gekommen sei, die in ihren Auffassungen über den Bukarester Frieden vielfach übereingestimmt hätten, so muß man wohl sagen: formal mag das alles stimmen, in Wirklichkeit aber widerspricht es der sichtbaren Sachlage. Denn nach diesen Akten des Rotbnchs müßte man ja glauben, daß zwischen Wien und Bukarest und ebenso zwischen Wien und Petersburg stets das freundlichste Sommerwetter geherrscht habe und noch herrsche. Jeder
wie belästigt zu werden. Die Ehrlichkeit sei wie in der Zeit des Augustus so felsenfest, daß man sein Geld offen auf der Straße liegen lassen könne. Die Statistik gesteht jährlich nur einige Morde und ein Dutzend Diebstähle zu, und der Fremde betet diese Zahlen mit knechtischer Ehrfurcht nach, entsetzt über die Verderbtheit unserer Sitten im alten Europa, wo in Berlin bei nur halb so viel Einwohnern die Diebstähle nach Tausenden zählen.
. Ich selbst, den jahrelanges Reisen unter Griechen, Armeniern, Arabern, Indiern und Chinesen gewitzt gemacht hat, ließ mich durch diese endlosen Hymnen recht gründlich übers Ohr hauen, denn die Überzeugung, daß in keinem Lande der Erde mehr geraubt und gestohlen wird als in Mittelamerika, kostete mich die Erträgnisse wochenlanger Arbeiten, weil ich mich in völlige Sorglosigkeit einwiegen ließ. Dreimal bis auf die Kleider, die ich am Leibe trug, bestohlen und einmal auf der Straße von Räubern überfallen, das, glaube ich, ist für vier Monate Reisezeit eine ganz anständige Leistung, und da dämmerte mir denn eine Ahnung davon auf, daß die"Statistik, welche das Justizministerium veröffentlicht, durch etwas zu rofige Glaser betrachtet zu sein scheint. Diese Ahnung wurde später zur Gewißheit, als ich mit Leuten sprach, welcke im Innern des Landes leibten, und als mir jedesmal, wenn ich mich allein auf die Reise machte, selbst die Behörden die größte Vorsicht an empfahlen, ja, sich sogar eintgemale weigerten, mir allein einen Paß ausgustellen, und mich baten, so lange zu warten, bis mehrere Reiter desselben Weges zögen.
Man hat mir Hunderte von Räuber- und Mordgeschichtcn erzählt, darunter solche, welche in Kalifornien selbst zur Zeit der Goldsucher unmöglich gewesen, wären, und aus diesem Kranz räuberischer Heldentaten habe ich jene von „Luis, der Kröte" ausgezeichnet, erstens weil sie im Munde der Arrieros und Vaqueros wie jene eines Nationalhelden fortleben und
Beurteiler weiß aber, daß das bedauernswerterweise nicht richtig ist. Es braucht eben nicht alles zu stimmen, wofür Belegstücke beigebracht werden, und nirgends läßt sich mit solchen Belegen leichter als im Reiche der Diplomatie arbeiten. Um so schmerzlicher ist dann in der Regel die Enttäuschung, wenn sich herausstellt, daß die vermeintlichen Beweise ein Ding sür sich sind und die Wirklichkeit wieder ein ander Ding.
Ulster.
(Von unserem Londoner Mitarbeiter.)
XX London, 29. April.
Wer immer „reichstreu" fühlt in England, jubelt laut über den Schmugglerstreich der Ulster-Männer, und auch radikale Homeruler können bei aller grundsätzlichen Entrüstung über das „Bubenstück" nicht die kecke Durchführung wegleugnen. Wie das Schiff „Fanny", trotzdem seine Ladung schon in dänischen Gewässern verraten war und alle irischen Küstenwachen nach ihm ausspähten, in der Bucht von Belfast zur verabredeten Minute eintrisft, wie Tausende der „Freiwilligen" die ganze Gegend absperren, Hunderte die 25 000 Gewehre und 3 Millionen Patronen ausladen, ein Kraftwagen und ein Leichter nach dem anderen mit seiner Fracht im Nachtdunkel verschwindet, bis alles, Schisse und Wagen, Auslader und Postenketten beim ersten Hahnenschrei wie ein Spuk von Geistern und Heinzelmännchen ins Morgengrau zerfließt — die verspotteten Ulster-Empörer, Führer wie Truppen, haben damit immerhin eine Leistung an Organisation und Schlagfertigkeit vollbracht, wie sie die reguläre Armee Schwierigkeiten haben würde vielleicht am hellen Tage zu beweisen.
Indessen Ulster hat damit auch den Stein ins R o l I e n gebracht. Jetzt muß die Regierung eingreistzn. Bislang hat sie ja dem monatelangen Drillen der „Rebellen" und dem so planmäßig und so offen vorbereitsten Widerstand mit beispielloser Geduld zuge- sehen, teils weil sie Ernst und Kraft der Bewegung wohl unterschätzte, teils weil sie aus politischer Klugheit durch, eine Verfolgung keine Märtyrer schaffen wollte. Bislang hielten sich ja auch die Ulster-Männer doch immer dicht an — oder wenigstens nicht gar zu weit über der Grenze des Gesetzlichen — nach englischen Begriffen. Jetzt aber habe sie zum ersten Male klare Übergriffe begangen. Selbst wenn die Regierung über die Hauptsache hinwegsehen wollte, daß ihr Verbot der Waffeneinfuhr schiffsladungsweife übertreten wurde, sie kann, wie das so zu gehen pflegt, einige Nebensachen nicht ungeahndet hingehen lassen. Die „Schmuggler" zerstörten die Drahtverbindungen mit Belfast, sie hielten die Hafen- beamten, die königliche Polizei und Zollwächter gefangen, wenn auch nur zeitweilig und vielleicht nicht ganz so unfreiwillig. Aber was kann die Regierung tun? Den Kriegszustand erklären? Und damit das ganze Land erst recht in Wallung bringen! Die nun einmal eingeschmuggelten Waffen aufzufinden suchen? Auch das würde ja bei der allgemeinen Verschworenheit des Landes in vielen Fällen
allgemein bekannt sind, dann weil sie wahr sind und viele der Beteiligten noch leben, seine Laufbahn erst vor fünf Jahren endete und ich einen der Haupthelden persönlich kennen ge-. lernt habe.
' ' --' ~ ViitCLH UHU
ipuotz me allgemeine Liebe und Achtung seiner Verwandten i? 1 *Y m tne nt '* ^Kudern. Das Vertrauen, das ihr ^mkc. Romero Montes von Barguesineto auf sie setzte, war so groz und unerschütterlich, daß er die jungen Leute gegen gute Bezahlung für seine politischen Absichten warb. Es waren in Barguesineto eben die Wahlen im Gange; Montes, ziemlich wohlhabend, aber von geringem politischen Anhänge, hatte • m Gegenpartei einige arme, aber sehr einflußreiche Nebenbuhler und beschloß, durch ein kleines Wablmanöver mit Geld das zu ersetzen, was ihm an Einfluß fehlte. Er machte diesen Prozeß so glatt und geschickt, daß am Tage vor der Wahl zwei seiner Gegner mit bösen Schüssen tni Leibe auf gefunden wurden, und da sie ihren eigenen Tod Nicht überleben konnten, so war am nächsten Tage Montes, begleitet von seinen drei Heldenneffen, ohne Widerrede zum Bürgermeister von Barguesineto gewählt.
Obwohl man in der ganzen großen Stadt wußte, daß die Nes.en eben eifrig damit beschäftigt waren, ihre Revolver zu putzen, weil es am Vorabende aus der Straße eine kleine Schießerei gegeben hatte, so achtete man weiter nicht darauf; venn es gab am folgenden Tage wieder einige Differenzen politischer Art in der Stadt, und es brach das aus, was man hier mit dem nichtssagenden Wort L o k a l k r i e g bezeichnet, wo die Meinungen so gespannt werden, daß man sie am besten inrt Flinten- und Revolverschüssen beruhigt. Die Partei der verstorbenen Kameraden hatte sich wohlbewaffnct in einem Hause verschanzt und aus reiner Langeweile angefangcn, ein kleines Preisschießen auf Passanten der Gegenpartei zu er-
