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Donnerstag. 30. Kprii IM4.
Morgen - Kusgabe.
Nr. 199. » 62. Jahrgang.
Gesetz unö Vilöung.
Von Lic. D. h. c. Gottfried Traub,
Mitglied des Abgeordnetenhauses.
In der letzten Zeit wächst das Mißtrauen gegen gesetzliche Festlegungen; man schilt über Gesetzesmacherei. Gerade in Kreisen, denen ein überblick über die Gegenwart und Geschichte zuzutrauen ist, wird die Arbeit der gesetzgeberischen Körperschaften oft minderwertig beurteilt. Selbstverständlich handelt es sich dabei nicht um _ solche Gesetze, die mit Verwaltungsfragen oder wirtschaftlichen Angelegenheiten zu tun haben; gemeint sind vor allen Dingen Gesetze auf dem Gebiet der allgemeinen Erziehung und Gesittung. Bon diesen erwartet man wenig, tadelt die Überschätzung gesetzlichen Eingreifens, z. B. bei der Schundliteratur und dem Kinowesen.
Wir glauben, daß die Einschätzung der Wirkung eines Gesetzes bei denen, welche die Gesetze beruflich z u machen haben, eine weit geringere ist als im Publikum. Man ist in jenen Kreisen nicht nur von der Schwierigkeit der Formulierung gesetzlicher Bestimmungen im allgemeinen überzeugt, sondern hat die praktische Erfahrung über die Unberechenbarkeit der Wirkungen gesetzgeberischer Maßnahmen zu oft gemacht. „Man soll nie prophezeien, ehe etwas einae- troffen ist." Diese weise Mahnung bestätigt sich vor allem bei' der Beurteilung gesetzgeberischer Einflüsse. Oft haben gerade die Bestimmungen, welchen die beste und wärmste Absicht zugrunde lag, Folgen gezeitigt, von denen sich ihre Urheber niemals träumen ließen. Das Gesetz von dem Umschlag der Wirkungen ist eine der unbestrittensten, aber auch am wenigsten berechenbaren Erscheinungen des geschichtlichen Lebens. In weiten Kreisen des Publikums dagegen ist man gewöhnt. mit einer Sache fertig zu sein, sobald eine gesetzliche oder polizeiliche Bestimmung darüber vorhanden ist, dann gilt sie als geordnet oder wenigstens ge- nau bestimmt. Dieser Aberglauben rächt sich; er trägt Schuld daran, daß man sich weithin der persönlichen Verantwortlichkeit entzieht, welche man gleichzeitig von dem Gesetzgeber in ungerechtem Umfange verlangt.
Trotz alledem steckt viel Wahres in dem oben geschilderten Mißtrauen. Die Erscheinungen des gesellschaftlichen Lebens sind dort schwer zu fassen, wo es sich um Erziehung und Bildung handelt. In all diesen Fragen kreuzen sich eine solche Fülle verschiedener Einflüsse, daß man selten eine Stnte_ herausnehmen kann, ohne die anderen alle zu verwirren; besonders die Gradlinigkeit eines Erfolges ist auf diesem Gebiet am meisten in Frage gestellt. Darum haben alle diejenigen recht, welche das Hauptgewicht aus Vertiefung der Bildung und Pflege der Erziehung und Gesittung legen. Die Selbsttätigkeit muß wieder zeigen, was sie vermag; ohne sie ist die Verantwortlichkeit undenkbar und alle Handlungen der erziehlichen Tätigkeit bedürfen nichts dringender als den höchsten Grad persönlicher Verantwortlichkeit, sonst sind sie
Es''ist leicht, etwas vorzuschreiben ist Gebieten, auf denen die Maße äußerlich sichtbar sind, auf allen an-
Entzürken.
Von John Galsworthh.
Autorisierte Übertragung aus dem Englischen von L. Leonhard (London).
Eines Nachmittags nahm mich ein Freund ins Theater mit. Ws der Vorhang in die Höhe ging, war die Bühne ganz leer, hohe graue Vorhänge schlossen sie aus allen Seiten ein; bald aber kamen durch ihre schwarzen Falten Kinder hereingetanzt, einzeln oder in, Paaren, dis eine ganze Schar von zehn oder zwölf beisammen war. Lauter Mägdlein, kemes schien mehr als vierzehn Jahre alt zu sein, eines oder zwei gewiß nicht mehr als acht. Sie trugen nur ganz leichte Kleidchen, die Beine, Füße und Arme waren nackt. Auch ihr Haar hing lose herab; und ihre ernsten lächelnden Gesichter sahen so Unendlich anmutig und voller Freude -auS, -daß man sich bei ihrem Aniblick nach dem Garten der Hesperiden verzaubert wähnte, wo der Geist in reinem Äther körperlos dahinschwebt. Einige dieser Kinder waren blond und rundlich, andere dunkel und elfenhast zart; aber alle zusammen schienen vollkommen glücklich zu sein und ihrer selbst ganz unbewußt, ohne dadurch den leisesten Eindruck des Gekünstelten wachzurufen, obgleich sie augenscheinlich die beste und gründlichste Schulung genossen hatten. Jeder Schwung und jeder Wirbel schien unmittelbar aus der bloßen Freude am Dasein hervorzugehen — gewiß hatten sie das Tanzen nie als eine Arbeit empfunden, weder in der Probe noch bei der Ausführung. Sie brauchten nicht aus den Zehen zu trippeln und sich in Pose zu werfen, keine verzweifelten Muskelkünste vorzuführen; alles war Rhythmus, Musik, Licht, Luft, und über allem lag eitel Glückseligkeit. Lächeln und Liebe hatten diesen
deren Gebieten des geistigen und sittlichen Lebens dagegen ist die innere Absicht und Haltung das Ausschlaggebende. Ebenso muß aber auch nach der anderen Seite Kritik geübt werden. Es machen sich's auch manche, welche die Pflege der Bildung gegen die Ge- setzmacherei ausspielen, sehr bequem, denn auch sie begehen die gleichen Fehler, den sie den anderen vorwerfen. Sie wünschen keine Uniform des Gesetzes, wollen aber wiederum einheitliche äußere Maßstäbe sür die Bildung ausgestellt sehen — als ob man auf diesem Gebiet uniform Vorgehen könnte —, aber sie erschrecken vor der Vielgestaltigkeit der Bestrebungen. Sie finden sich nicht gleich zurecht und werden hilflos. Sie wollen nicht selbsttätig handeln, sondern vorher genau die Regeln kennen, welche ihnen die Sicherheit des Erfolges verbürgen sollen. Ja, wenn man immer -genau wüßte, was gesund wirkt, und wie dem Volke in dem einzelnen in seiner Erziehung zu helfen ist, dann wäre es mehr wie unverständlich, daß man diese Wege nicht einschlägt. Aber diese Fragen sind so verwickelt und man erschrickt vielfach vor der Fülle sich oft widersprechender Bestrebungen und Bewegungen, und sehnt sich innerlich wiederum nach dem Gesetzgeber, den man eben vorhin noch verwünscht hat. Aus solchen Widersprüchen kann nur die klare Erkenntnis helfen, daß m.an, besonders bei einem solchen großen Volke, wie wir es geworden sind, ein starkes Vertrauen in die Kräfte des Volkes selber haben muß, will man sich die Frische und Natürlichkeit- seines .„eigenen Handelns bewahren. Mit aller Energie bekämpfen wir fressende Schäden. Wir sind nicht blind dagegen, aber wir -bilden uns nicht ein, daß gerade der Weg, auf dem w i r gehen, der einzige mögliche sei. Wer die Geschichte der Völker ein wenig kennt, empfindet die Schwierigkeit zentnerschwer, darüber zu urteilen, welche Erscheinungen zum Verfall oder zum Aufstieg geholfen haben. Ich meine, daß man sich die Entscheidung -hierüber manchmal recht leicht macht. Darum kommt es auch auf diesem Gebiete, und hier erst recht, einzig -auf die Ehrlichkeit der inneren Gesinnung an. Wo diese aufrichtig ist, da wird es wohl gelingen.
Wir meinen damit nichts Neues gesagt zu haben und wissen sehr genau, daß nun gerade die Frage angeht, wie man zu solcher inneren Ehrlichkeit erzieht. Aber wir haben die Hoffnung, daß auch hierzu verschiedene Wege führen, da die Menschen nach Natur und Anlage die größten Mannigfaltigkeiten zeigen, und man immer wieder erstaunt ist, wie sich trotz der Schablone die Menschennatur selbst durchsetzt und uns immer wieder eine erfreuliche originale Erscheinung schenkt. Das Leben ist größer als die Gesetze, aber auch der größte Strom braucht seine Ufer.
politische Übersicht.
Prof. Delbrück über Minister v. Loebell.
In: Maiheft der „Preußischen Jahrbücher" kommt Professor Hans Delbrück -auf die neuen Verhältnisse in Elsaß-Lothringen zu sprechen. Besonders begrüßt er es freilich, daß im preußischen Ministerium des Innern an die Stelle des Herrn v. Dallwitz Herr v. Loebell ge-
Tanz geschaffen; und Lächeln und Liebe strahlten aus jedem Antlitz und aus den behenden Wendungen ihrer weißen Glieder.
Obzwar mich alle entzückten, waren es besonders zwei, die meine Aufmerksamkeit fesselten. Das erste dieser beiden war das größte aller Kinder, ein dunkles, schlankes Mädchen; in jeder seiner Bewegungen und in jedem Ausdruck lag etwas wie ernste, feurige Liebe.
In einem der vielen Tänze mußte cs -den Verfolger eines blonden Kindes spielen, dessen Bewegungen einen seltsamen weichen Zauber ausübten; und diese Jagd war wie das Schwärmen einer Libelle um eine Wasserlilie oder wie das Werben eines Mondstrahls in der JuniNacht und verriet eine holde unwiderstehliche Leidenschaft. Diese dunkle zarte Jägerin, so voll von feurigem Verlangen, besaß eine wunderbare Macht, einem ans Herz zu greifen und alles Sehnen zu symbolisieren. Während sie mit solch brennendem Eifer ihr lichtes Liebchen verfolgte und jedesmal gerade im Augenblick des Sieges zurückgsstoßen wurde, schien die mächtige geheime Kraft verkörpert, welche die Welt durchjagt, weiter und immer weiter, in ewiger Unrast, in ewigem Lisbesibedürfnir.
Das andere Mägdlein- das es mir besonders angetan hatte, -war das zweitkleinste, ein hra-unlockiges ClfeMnd mit einem. -Weißen Blumenkranz im Haar, und es war entzückend anzüschauen, wie sein dünnes rosenfarbenes Hemdchen um seine Glieder flog. Es tanzte, wie nie ein Kind getanzt hatte. Jeder Zoll seines kleinen Körpers war vom heiligen Feuer der' Erregung durchglü-ht, und in dem kleinen pas seul kam es uns wie die Seele aller Bewegung vor. Man fühlte, wie sich die Freude herabgelassen, um dort ihren Wohnsitz aufzu- schlagen; man hörte das jauchzende Lachen der Freude. Und in der Tat strich es durch das ganze Theater wie ein Raunen und Flüstern und manchmal wie Lachen des Entzückens.
treten ist. Er sagt von ihm: Auch ein preußischer Junker, auch ein Konservativer. Aber es ist ein Unterschieb. Gemäß der gewaltigen Position der konservativen Fraktion im Abgeordnetenhaus hat Herr von Dallwitz es für richtig befunden, ihr im Ministerium die Stange zu halten und im besonderen der Wiederaufnahme der W-ahlreform zu widerstreben. Von Herrn v. Loebell ist kaum anzunehmen, daß er das tun werde. Er war einst die rechte Hand des Fürsten Bülow, als -dieser den Block schmiedete. Die -Spitze dieses Blockes war dainals gegen das Zentrnm gerichtet, aber das Zentrum hat seitdem sein Verhalten sehr verändert, daß auch-Herr v. Loebell keine Feindschaft mehr verspüren wird. Aber die Gedanken, die Fürst B ü l o w in seinem sogenannten Rechenschaftsbericht so schön ausführt, daß auch ein konservativer Minister in Preußen niemals mehr so regieren dürfe, daß er sich die Liberalen zu Feinden mache, diese Gedanken haben wir ein Recht, auch in Herrn v. Loebell noch zu suchen und voraus-zusetzen. Als Inhaber von Aussichtsratsstellen in großen Bank- und industriellen Gesellschaften ist er auch vielfach in persönliche Berührung zu freisinnigen Kreisen getreten. Man wird annehmen dürfen, daß das nicht ohne Frucht bleibt, und bewundert von neuem die feine Hand des leitenden Staatsmannes, die Herrn v. Dallwitz auf den Statthalterposten von Elsaß-Lothringen hinüberführte.
Verschleppung katholischer deutscher Rinder ins Kurland.
Man hat schon manchmal mit Recht darauf hingewiesen, daß es eine Schädigung der deutschen nationalen Empfindungen im Katholizismus bedeutet, wenn katholische Kinder im Ausland (besonders Belgien) in klösterlichen Erziehungsanstalten unterrichtet werden, anstatt daß sie in Deuitschkanid eine katholische mittlere oder höhere Schule besuchen.
Eine noch bedenklichere Erscheinung ist aber die Verschleppung deutscher katholischer Kinder in das Ausland, damit sie dort in klösterlichen Schulen für den Ordens- begw. Missionsberus vorbereitet werden und dann in Orden bezw. religiösen Kongregationen eintreten, die zu.m deutschen Katholizismus gar keine Beziehungen haben, die weder in Deutschland selbst vorhanden sind, noch in den deutschen Kolonien der Missionsavbeit obliegen. Von Zeit zu Zeit kann man in klerikalen Zeitschriften wie in ultramontan politischen Blättern Lockariikel finden, in denen die Eltern durch in Aussichtstellung bequemer Versorgung verfiihvt werden sollen, ihre oft noch recht unmündigen Kinder solchen Kongregationen und ihren Anstalten zu überweisen. Wir wollen ganz außer Betracht lassen, in welches Licht sich derartig handelnde katholische Eltern setzen, selbst wenn sie aus angeblichen, aber falsch verstandenen religiösen Beweggründen handeln. Wenn schon ein katholischer Jüngling den Beruf zum OrdenAeben in sich verspürt, so gibt es in Deutschland und seinen Kolonien Orden und Kongregationen genug, in denen er seinem Glauben leben und dabei dem deutschen Vaterland zu seinem Teil Dienste leisten kann. Und von eigentlichem „Beruf" kann man doch wohl bei Kindern unter 16 Jahren, die so in das Ausland verschleppt werden, nicht reden. Daß aber dieses Wegf.angen deutscher Jünglinge für ausländische Ordenshäuser nicht ohne Erfolg ist, dafür liegen die Beweise vor. So hat die neue spanische, 1848 gegründete Weltgerichtskon- gvegation der „Söhne vom Unbefleckten Herzen Mariä" vor etwa sieben Jahren in Cervera ein ldeuitsches Missionshaus
Ich blickte meinen Freund an; er fuhr sich verstohlen mit der Hand über die Augen. Und ich selbst sah die Bühne nur wie durch einen Schleier, und alle Dinge der Welt schienen mir liebenswert zu sein, als strahlte von diesem tanzenden Elfenkind ein sanftes Licht aus, das alles,um!floß und mit seinem Schein vergoldete.
Gott allein weiß, wo das Mägdlein die Macht her hatte, unsere sonst so gleichgültigen Herzen mit Freude zu erfüllen, Gott allein weiß auch, wie lauge es diese Macht behalten wird! Aber dieses liebreizende kleine Wesen war von dem erfüllt, was man in satten Farben, in der Musik, im Winde, in der Sonne und in manchen erhabenen Kunstwerken finden kann: Die Kraft, alle Bande des Herzens zu lösen und es mit Entzücken zu überfluten.
Berliner Theakerbrief.
Monsieur Bonaparke.
Eine komische Oper von Bogumil Z e p l c r fand im Deutschen Opernhaus den sehr freundlichen Beifall eines gebe- srohen Publikums. Nicht unverdient, denn der Komponist lieferte anständige und dabei wirksame Arbeit in musikalischen Ensemble-Liedern und Duetten. Nur kam nicht recht eine ganze und runde Gattung heraus. Wieder einmal Zwischenstufe zwischen Operette und der Musikkomödie. Das liegt zum großen Teil am Textbuch der Herren B r e n n e r t und H o ch- ; e l d, das trotz der dankbaren Verwicklung, die sich aus der Ähnlichkeit des Pariser Damenschneiders Franqois Bonheur mit dem General Vonaparte ergibt, keine leichte Lustigkeit aufquirlt, sondern allzu beschwerlich den Thespiskarren der Handlung vorwärtsschiebt.
Besagter Damenschneider ward aus Paris ausgewiesen, weil seine geschlitzten .Röcke der ^Polizei- aflzu msralgefährlich
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