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Sonntag» 26. Kpril 1914.

Morgen' Kusgabe.

Nr. 193« ♦ 62. Jahrgang.

Das Vieö aus Mexiko?

Von Dr. Joseph Bayer.

Um eilte Antwort gleich vorwegzunehmen: ein neues Ihtlkt! Ein mehr oder minder verhülltes Protek­torat der Vereinigten Staaten über die zur völligen Einverleibung ungeeignete Republik und die Aus­dehnung des politischen und wirtschaftlich überragen­den Einflusses der Amerikaner über ganz Mittel- A m e r i k a wird die Folge des Krieges sein, an dessen Anfang wir stehen. Die Ereignisse haben Len für die europäischen Interessen unerwünschtesten Verlauf genommen, der sich denken läßt. Aber Europa wird als „unbeteiligter Zuschauer" im Wetteifer, sich Amerikas Freundschaft 3 « erhalten, mit ansehen, wie die Regierung der großen Republik, nach ihrem Pro­gramm die friedlichste, die es jemals .gegeben, auf kriegerischem Wege über die europäischen Interessen am Mrttelmeer der neuen Welt hinwegschreitet. Die Nord- Amerikaner werden ein sehr schlimmes Kriegs­jahr, vielleicht eine noch längere Zeit bitterer Opfer durchzumachen haben, aber es wird sich schließlich für sie lohnen, wie sich der Feldzug gegen Spanien gelohnt hat, in den sie sür das Prinzip der Freiheit und Ge­rechtigkeit gezogen und dem Europa i ebenso selbstlos zugeschaut hat.

Es soll nicht geleugnet werden: die Dinge haben gegen den Willen des Präsidenten Wilson und seines Staatssekretärs Bryan Liesen Verlauf genommen. Ihr friedliches Programm, ihre Versicherung, Laß ihnen nur die Beseitigung des „Mörder-Präsidenten" Huerta am Herzen liege, Laß sie in das Recht der Selb st- b e st i m m u n g des mexikanischen Volkes nicht ein- greifen wollten, daß kein Krieg geführt werden soll, sind ganz aufrichtig gewesen. Die amerikanische Regie­rung hat alle zivilisierten Völker für das nächste Jahr zu einer W e l t a u s st e l l u n g und zu großen Festen eingeladen, die der feierlichen Eröffnung des Pana- makanals gelten sollen. Sie hat nicht gerechnet, daß die Einweihung des großen Kulturwerkes durch einen Krieg mit der größten an den Kanal grenzenden Schwester-Republik „gefeiert" und die übrigen fried­lichen Festlichkeiten dadurch in Frage gestellt werden sollen. So macchiavellistisch, wre einige erbitterte Aankee-Hasser in Europa glauben, daß sie hinter dem Deckmantel der „moralischen" Politik einen Eroberungs- krieg vorbereitete, ist bie Staatskunst des ohemMgen Professors der Prineeton-Universität „nicht ge>wesen. Er ist auch nicht bloß die Puppe der mächtigen amerikani- scheu Petroleum-Interessenten, die gerade in den letzten drei Jahren, seit die riesigen Ol-Felder Ni der Nähe des jetzt so viel genannten Tampico entdeckt worden sind, das Ihrige dazu beigetragen haben, daß Mexiko nicht znr Ruhe kontmt. Die Tendenzen dieser Gruppe sind ihm verhaßt, die rasch zugreifendc! und rücksichts­lose Politik gegen die Trusts ist ja auch bisher gerade

Wilsons erster und großer Erfolg gewesen. Dennoch gilt für seine Mexiko-Politik das Wort: „Du glaubst zu schieben und du wirst geschoben." Der friedliche Weg, den er gehen wollte, war eine Sackgasse. Das Ultimatum von Tanrptco bedeutet für den Präsidenten die freiwillige Umkehr aus einem als nicht mehr gang­bar erkannten Wege. Von dem Augenblick an, da es ergangen war, war der Krieg entschieden. Von diesem Augenblick aii hatte Wilson mit Bewußtsein den Weg der Machtpolitik gegenüber der schwachen und zerrisse­nen Republik im Süden betreten und war sich über die Folgen seines Vorgehens klar. Wohl hat er in seiner Botschaft, um die Inkonsequenz seiner Haltung zu verschleiern, um nicht zugeben zu müssen, daß seine eigene falsche Politik das Land in einen opferreichen Krieg hineingezogen, jede Absicht eines kriegerischen Vorgehens in Abrede gestellt und sich und die Nation mit der Hoffnung getröstet, daß alles ohne Krieg ablaufen werde. Wer man hat die Botschaft übel aus­genommen, und beide Häuser des Kongresses haben in ihrer Resolution jede Bezugnahme auf Huerta ge­strichen und nur die Ermächtigung dazu erteilt, von Mexiko bewaffnete Genugtuung zu erlangen.

Die Männer des Kongresses wußten so gut wie Wilson und wie die Admirale und Generale, was kom­men werde, und ebenso wie diese waren sie kaum so naiv, mit der Neutralität der Rebellen oder gar mit ihrer Unterstützung zu rechnen. Wenn jetzt versichert wird, die sehr wenig respektvolle Absage, die Carranza nach Washington gerichtet, habe dort Be­stürzung und Verwirrung hervorgerufen, so ist dies Schönrednerei, gleich wie es Phrase ist, daß die Nach­richt von den ersten Blutopsern in Veracruz dem Prä­sidenten Tränen erpreßt h"tte. Man mobilisiert nicht die drittgrößte Flottenmocht der Welt, wenn man nicht mit sehr ernsten Möglichkeiten rechnet, und man hat auch nicht Hunderte von genauen Kennern des mexika­nischen Landes im eigenen Lager, um sich über die wahren Gesinnungen des Volkes in allen Parteien zu täuschen. Gab es in Washington Täuschungen, so hat nran inzwischen längst bittere Erkenntnis gewonnen. Der Beschluß Carvanzas ist auch für den Fernerstehen­den gar nicht überraschend. Einmal hätte er seine Leute, die in dem Hasse wider die Aankees mit den Leuten Huertas ein Herz und eine Seele sind, überhaupt nicht zurückznhalten vermocht, und dann mußte er jeder Hoffnung, daß die bewaffnete Intervention der Amerikaner ihn seinen eigenen Zielen näher brin­gen werde, entsagen. Das konnte sich schließlich die große Republik, die zur Herstellung von Ruhe, Ord­nung und gesicherter Verwaltung ins Land gezogen, vor der Welt doch nicht nachsagen laßen, daß sie den einen „Halsabschneider" nur absetzte, um den .anderen Halsabschneider an seine Stelle zu bringen. Carranza wird wohl vernommen Ija 6 en, was der Sena­tor Lodge im Parlament über dre Gegner Huertas, ge­sagt hat.

Es besteht also jetzt Klarheit über das Problem, dem sich die Amerikaner gegenübersehen: sie haben Krieg mit allem, was in Mexiko Waffen trägt, zu führen, sie haben die Aufgabe, in Mexiko reinen Tisch zu machen, aufzuräumen sowohl mit der Regierung Huertas, die von ihnen als Briganten-Regierung ange­sehen wird, als mit der von ihnen bisher wohlgefällig geduldeten Schreckensherrschaft der sogenannten „Auf­ständischen" des Nordens, die zehnmal schlimmere Räuber und Mörder sind als Huerta. Sie haben für den Schutz des Lebens ihrer eigenen Landsleute und der Fremden, soweit diese nicht aus dem Lande flüchten konnten, zu sorgen; sie haben ungeheure Werte ame­rikanischen und fremden Eigentums vor der Zerstörung zu schützen. Sie sehen sich vor der Aufgabe, um dem Lande ihren Willen zu diktieren, nach der Haupt­stadt vorzudringen und auch in den ausgedehnten nördlichen Provinzen, mit denen sie eine Tau­sende von Kilometern lange Landesgrenze gemeinsam haben, das Pazifizierungswerk durchzuführen. All dies soll in einem überaus schwierigen Gelände, unter höchst ungünstigen klimatischen Verhältnissen mit einer schwer­lich über 80 000 Mann starken Armee, die vielleicht durch ebenso starke Miliztruppen ergänzt werden kann, durchgeführt werden. Das ist eine sehr schwierige, nur mit großen Opfern an Gut und Blut zu lösende Aufgabe, und die Zweifel, ob ein Jahr zu ihrer Be­wältigung ausreichen werde, sind berechtigt. Aber daß die Amerikaner die Aufgabe lösen werden, ist weni­ger zweifelhaft. Ihre Truppen sind, obschon der einzelne Mann ein wenig anspruchsvoll und verwöhnt sein mag, tapfer und tüchtig; ein überaus lebendiges National- bewußtsein verbürgt ihnen auch unter Schwierigkeiten nicht nachlassende frische Initiative; die Fähigkeit der Amerikaner, in langen, schwere Opfer heischenden Unternehmungen zäh durchzuholten, ist tvadftionell; ihre finanziellen Hilfsquellen sind unerschöpflich, und sie werden den Gegner, dem sie durch Blockade und Grenz­sperre die Zufuhren abschnitten, wenn nicht im raschen Ansturm, so sicher durch Erschöpfung sich botmäßig machen.

Es mag lange dauern; es inag viel kosten. Je größer die Opfer, um so ausgiebiger wird dann auch die Entschädigung sein. Wenn Kriege vorüber sind, pflegt man von den einzelnen Streitfragen, die zu ihrer Entstehung geführt, nicht mehr zu reden. Man kann sich heute schon ausmalen, welche Gestalt der Frie­densvertrag bekommen wird. Die Unabhängigkeit Mexikos wird auf dem Papiere bestehen bleiben. Auch Kuba ist durch die Vereinigten Staaten eine unab­hängige Republik geworden. Aber man kennt die E i n- schränkungen, denen diese Unabhängigkeit unter- N^orfen worden ist: die Beschränkung des Rechts der Vertrags-Abschlüsse mit anderen Ländern und der Schnldaufnahme, die Abtretungen zweier großer F1 0 t t e n st a t i 0 n e n an die Union gegen 2000 Dollar jährlich und den Abschluß einer diese be-

Rachdruck verboten.

Mein Erfolg.

Humoristische Skizze von Ignaz Paner.

Ich hatte eine Annonce gelasen: „Die Schriftistellerei als Nebenerwerb", und das regte mich auf! Das was

ich so dringend brauchte! Seit Jahren wußte ich was mir eigentlich fehlte, jetzt hatte ich's auf einmal "~ r el ” A . elt= erwerb! Ein solcher war mir um so nötiger, als ich einen Haupterwerb nie gehabt hatte. Sogar die Steuerbehörde war vergeblich bemüht gewesen, mir ein Einkommen nachzuwenen, und ich hätte mich dieser menschenfreundlichen Institution sehr zu Dank verpflichtet gefühlt, wenn dies begründet gewesen wäre. „Ja, aber wovon leben Sie denn eigentlich - haste mich der Beamte gefragt, als ich — feiner Einladung Folge leistend — im Amte erschienen war. Ich demonstrierte chm dies durch einen leider vergeblich gMieibenen Pumpverjuch, worauf er mich schleunigst entließ. Seitdem habe ich Ruhe.

Aber jetzt sollte es trotzdem anders werden, ich mußte eine geregelte Tätigkeit ergreifen, die Not drängte. Meine Bekannten waren sonderbarerweise nie zu Hause, wenn ich kam, sie zu besuchen, und traf ich zufällig einmal einen auf der Straße, dann hatte er es stets so eilig, daß er mir nicht Rede stehen konnte. Mein letztes Projekt war auch ins Wasser gefallen. Ich wollte einen Verein gründen zur Unterstützung seiner Mitglieder. Es sollten da Aufrufe erlassen, Theater­vorstellungen und Feste für die gute Sache veranstaltet und öffentliche Sammlungen durch hervorragende Persönlichkeiten eingeleitet werden. Ich wäre Präsident geworden, hätte für meine segensreiche Tätigkeit einen Hohen Gehalt bezogen, und alles wäre gut gewesen. Mitglieder hatten sich auch schon ge­meldet, leider aber versagte die kompetente Behörde die Ge­nehmigung der Statuten. So verkennt der Staat seinen Vor­teil! Er berücksichtigt nicht, wie viele neue Steuerträger bei Realisierung dieses Projekts -gewonnen worden wären.

Also her mit der Schriftstellerci als Nebenerwerb! Ich hatte einen guten Bekannten, bei dem ich mich vorerst infor- vsterte. ebe ich meine iäint liehen Werke begann. Der Mann

hatte das Bild eines gelehrten Pudels und war ein wandern­des Lexikon. Er wußte alles und jedes, und keine Frage der Welt vermochte ihn in Verlegenheit zu bringen. Allerdings verwechselte er bei seinen Erklärungen die Personen, Gegen- stände, Ereignisse und Jahreszahlen, wenn man aber vom diesen Nebendingen absah, war alles andere richtig. Einmal hatte er irrtümlich eine vollkommen richtige Antwort gegeben, oaS brachte ihn derart aus der Fassung, daß er mit Hilfe seines Hausarztes in eine schwere Krankheit verfiel, von der er sich lange nicht erholen konnte. Seitdem nimmt er sich in acht und ist bis nun gottlob gesund geUieben.

„Schreiben Sie ein Theaterstück", sagte mir dieser Herr, „und Sie werden damit ein Vermögen verdienen."

Ein Vermögen! — das war für mich ein dringendes Be­dürfnis! Ich hätte mir so gern ein Automobil angeschafft, das ich wegen Mangels an Raum bisher schmerzlich entbehren mußte. Ich -behalf mich daher vorläufig mit dem Benzin allein, das ich gleichzeitig auch zum Reinigen meiner Kleider benutzte.

Froh bewogt eilte ich heimwärts, wo mich meine Haus­wirtin ziemlich unfreundlich empfing. Sie war schon seit längerer Zeit nicht gut auf mich zu sprechen, was mich manch­mal einigermaßen irritierte, da ich im allgemeinen Glück bei den Frauen hatte. Das „Zimmer", das ich bewohnte, befand sich neben der Küche und war eigentlich für ein Dienstmädchen, das möglichst klein und anspruchslos sein mußte, bestimmt. Nachdem aber ein solches offenbar nicht aufzutreiben gewesen war, vermietete die spekulative Hausfrau diese Kiste an einen soliden Herrn. Ich lobte das Genmch über alle Maßen, und ohne um die Miete zu fragen, zog ich sofort -ein, d. h. ich blieb gleich drinnen, -meine „Sachen" hatte ich jä stets alle bei mir. Seitdem waren fast zwei Monate verstrichen, ich Mob immer freundlich und höflich mit der Dame, und dennoch < . . Ich stand vor einem Rätsel!

Ich war zu dem Entschluß gekommen, ein Trauerspiel zu schreiben. An solchen Stücken schien mir der größte Mangel zu Herrschen, und cs war mir vollkommen klar, daß ich damit einem dringenden Bedürfnis abhclfen würde. So zählte ich denn mein Geld, um mich in die richtige Stimmung zu ver­

setzen, und begann. „Mer Anfang ist schwer", sagt ein altes Sprichwort, das mir aber durchaus nicht zutreffend erschien, denn nichts auf der Welt war leichter, als ein Theaterstück zu schreiben. Es war wirklich nicht schwer, ein Vermögen zu er­werben, und -alles, was ich in kurzer Zeit geschrieben hatte, war furchtbar gut und gefiel mir ganz außerordentlich. Da ertönte lautes Klopfen an der Tür meines Käfigs. Das war unangenehm! Ein Dichter darf doch absolut nicht gestört wer­den, sonst verliebt er den Faden, und ich hatte nichts zu ver­lieren.

„Ms, Sie sind es, Frau Blaschke?" — Meine Wirtin hatte das „Herein" nicht abgewartet und die Tür geöffnet. Ein­treten konnte sie nicht, für eine Massenansammlung war daS Zimmer nicht berechnet. „Ja, weil Sie zum erstenmal zu einer Zeit daheim sind, wo man mit Ihnen sprechen kann." — „Aber, Frau Blaschke!" — „Ja, ich fürchte immer, daß Sie einmal gar nicht mehr heim kommen." — „Sind Sie so be­sorgt um mich," — „Freilich, so lange Sie den Zins nicht be­zahlt hoben." — „Ten Zins? Welchen Zins?" — „Aber Gott, so -eine Frage! Sie haben doch dieses Zimmer gemietet!" — „Gewiß, von einem Zins aber war doch keine Rede!"

Frau Blaschke schluckte, sie schnappte förmlich nach einer Antwort, die sich wohl jenseits der konventionellen Formen bewegen mochte. Ich aber bin ein Feind aller Unhöflichkeiten, und kam ihr zuvor. „Lassen Sie das gut sein, Frau Blaschke, Sie sehen, ich dichle, das heißt, ich erwerbe ein Vermögen, von dom Sie dann -a-uch befriedigt werden sollen." — „Schön, wissen Sie aber auch, was Sie mir schon schuldig sind?" — „Das will ich gar nicht wissen, das legt sich mir auf dis Nerven, ich frage auch niemand, was ich ihm schuldig bin." —i „Aber das geht doch nicht!" — „Das geht, Sie -werden sehen,

daß es geht — und dann-- Sie wissen, ich bin nicht

knauserig." — „Wann zahlen Sie also?" — „Sobald ich Geld habe — bald — ich werde mir einen bedeutenden Vorschuß geben lassen."

Frau Blaschke ging endlich. Sie war überzeugt, ihr Glück gemacht zu haben, und ich wandte mich wieder meiner Arbeit zu, die ich in wenigen Tagen ungestört vollendete.

Der Lerr Direktor -empfing mich mit großer FreunMch«