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m ”*agf ' wfdie BwlSal?i»"sUdr^tachmittag^ Berliner Redaktion des Wiesbadener Tagblatts: Berlin-Wilmersdorf, Güntzelstr. 66, Fernspr.: Amt Uhland 450 u. 151. Tagen und Mätze» wird keine Krwö!uj?bmi°mmen.^

Lamstagx 25. Kpril 1914.

Morgen - Ausgabe.

Nr. 191. ♦ 62. Jahrgang.

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k)err v. OoebelL und öas Zentrum.

Die liberalen Parteien haben keine Veranlassung, Herrn v. Loebcll einen die Grenze der Vorsicht über­schreitenden politischen Kredit zu gewähren, sie finden in der früheren Tätigkeit, in der Person und in dem Charakter des neuen Ministers aber auch keine Nöti­gung dazu, ihm mit einem lähmenden Mißtrauen zu begegnen. Da Herr v. Loebell bald genug in die Lage kommen wird, durch Taten zu zeigen, in welchem Geiste er sein Amt zu führen beabsichtigt, io können diese Taten ruhig abgewartet werden; zum Urteilen wird dann immer noch Zeit sein. Indessen wenn etwas geeignet ist, für den Nachfolger des Herrn v. Dallwitz einzunehmen, so ist es die befremdliche Unruhe, die seine Ernennung bei den Konservativen wie auch beim Zentrum erregt hat. Die Verstimmung der Konservativen ist ja nicht ganz unverständlich, denn ein Minister, der seinerzeit mit dem Fürsten Bülo-W auf dein Boden der Überzeugung stand, daß das preu- ß i s che Wahlgesetz durchgreifend geändert werden müßte, erscheint den Führern der Rechten und ihrer Gefolgschaft naturgemäß verdächtig. Zwar ist bis­her in keiner Weise darauf vorbereitet worden, daß der Landtag sich in absehbarer Zeit, etwa im nächsten Winter, mit einer neuen Wahlrechtsvorlage zu befassen haben werde, aber auch das Unausgesprochene kann sich Gehör verschaffen, und in diesem Falle geschieht das auch, es braucht uns nicht nachdrücklich gesagt zu wer­den, damit wir alle, die öffentliche Meinung in Preu­ßen und im Reich, die Freunde und die Gegner einer Wahlreform, es erfahren und wissen, daß es so wie bis heute.mit der Verschleppung der Wahlreform­vorlage nicht weitergehen kann, daß.diese Vor» läge kommen m u ß und daß sie auch kommen wird. Dre Erfindung der überspitzten Formel, nach der ein zweiter Entwurf nicht eingebracht zu werden braucht, weil mit dem ersten schon die Verheißung der Thron­rede erfüllt worden sei, diese allzu kluge Unklugheit ist das nicht gerade beneidenswerte geistige Privateigen­tum des Herrn v. Dallwitz, und ein Mann wie Herr 8. Bethmann-Hollweg darf nicht beargwöhnt werden, als gefalle ihm solche anstößige Auslegung. Auch Herr von Loebell steht außerhalb der Vermutung, daß er der­artiges mit seinem Namen und ferner Amtsführung, zu decken wünschen möchte. Also, wie gesagt, die Konser­vativen haben schon einigen Grund dazu, dem neuen Minister des Innern zu mißtrauen, und auch das mag wiederholt werden, daß gerade drests Mißtrauen den Liberalen ihre Stellung zu Herrn v. Loebcll erleichtert, zum mindesten nicht erschwert.. Warum nun aber das Zentrum den jetzigen Minrster des,Innern mit seiner Abneigung beehrt, das ist weniger leicht zu ver­stehen. Denn gegen eine Reform, des preußischen Wahl­gesetzes ist das Zentrum doch eigentlich nicht vorweg eingenommen; eine Reform freilich, me vielleicht die Drittelung nach Urwahlbezirken beseitigte würde von dieser Partei bekämpft werden, ^edoch brauchte das Zentrum nicht um dieser Möglichkeit willen von vorn­herein nein zu einer Neuregelung zu sagen, und be­stehen bleibt jedenfalls, . daß die Reformforde - r n n g wiederholt und nachdrücklich a u ch vom Z e n-

Berliner Kunstbrief.

Seresstonsfrühling.

Auf dem Ausstellungsplakat der Freren Sezession wächst aus dürrem Baumstumpf ein grünendes Reis. _ ©• W ei tz hat dies Verkündigungszeichen gefunden, ein billiges Symbol und reichlich banal für eine Gruppe der programmatischen Unkonvention; ja auch als künstlerische Vignette bleibt es nur ein magerer und spärlicher Einfall. Jedenfalls scheint die Aus­stellung selbst anregüngsvoller und interessanter als,ihre An­schlagsfanfare. Die Veranstalter sind die Ur-Sezessionisten, die alte Stammgruppe um Liebermann, die sich nach Aus­scheiden der Frondeurs um Corinth — der Leeessio tiova Corittthiaca ; neu zusammenschlossen und so verbunden wieder in ihr altes Kurfürstendammhaus einzogen. Ihr neues Zeichen ist die gegen früher ungewohnte Gastlichkeit gegen die „gefährliche Jugend", die sie mit ihren robusten, grellen, oft sich selber überschreienden Experimentier- und Exzeßfreude zu sich kommen läßt durch einladend doppelt geöffnetes Tor. Und ihr alter guter Zug ist die von jeher betonte Dokumentie- rung des Zusammenhangs mit der reifen Kunst, wodurch noch jede dieser Veranstaltungen ein bedeutsames und über alles Tägliche überlegene Janusgesicht bekam, mit dem Blick ins Gewordene und ins Künftige.

Das wertvollste der rückwärts gewandten Prophetie bildet die Veröffentlichung der S a m m l u n g Stern, zum Ge­dächtnis des verstorbenen Bankdirektors und kennerhaften

Kunstfreundes, t

In feiner Auslese bieten sich hier d.ie Werke, der großen französischen Impressionisten: duftige Marinen von Monet, das flimmernde Geflirr Pissaroscher Boulevards (von oben ge-

trutn aufgestellt worden ist. Gleichwohl fahren die klerikalen Blätter, vor allem die „Germania", schwerstes Geschütz gegen Herrn v. Loebell auf. Er wird beschul­digt, die treibende Kraft bei der Vorbereitung der R e i ch s ta g s au f l ö s u n g im Jahre 1906 und bei der Blockpolitik gewesen zu sein, er soll alles getan haben, um den Konflikt des Fürsten Bülow mit dem Zentrum herbeizusühren und zu verschärfen, er soll während der Blockpolitik seine Animosität gegen das Zentrum deutlich haben merken lassen; kurz, Herr von Loebell würde als schwarzer Mann hingestellt werden, wenn die Zentrumsleute die Rolle der schwarzen Män­ner nicht, wenn auch in anderem Sinne, sich selber vor­behielten. Im Zentrum wird aber auch nicht ver­schwiegen, woher der Argwohn stammt. Herr v. Loebell gilt der Partei als der Mann, der eine neue Sam m- l u n g s p o l i t i k durchzuiühren bestimmt ist; also nicht "viel weniger als die Wiederkehr der Blockpolitik wird befürchtet!' Natürlich ohne das Zentrum. Denn wenn dies mit dabei sein sollte, würde die „Germ." nicht so nervös in der Führungsliste des Herrn von Loebell herumstöbern, sondern, je nachdem, schweigen oder auch reden, das letztere aber in anderem Tone und ohne Besorgnis. Möglich freilich, daß das Zentrum, indem es seine Frontstellung gegen Herrn v. Loebell nimmt, nur gewissermaßen auf den Busch klopfen will. Möglich, daß die Zentrumsführer , in Unruhe versetzt worden sind durch Herrn v. Zedlitz, der in dem jetzi- gen Minister des Innern wohl eine bessere Kraft für die Durchführung seiner Sammlungspolitik gefunden als in dem jetzigen Statthalter von Elsaß-Lothringen. Aber wo ist von solchen „Sammlungsbestrebungen" des Herrn v. Bethmann-Hollweg tatsächlich etwas zu merken? Und wann und wo hat der Reichskanzler und Ministerpräsident erkennen lassen, daß er das Zentrum a u s z u s ch a l t e n . beabsichtigt? Man wird der „Deutschen Tageszeitung" recht geben müssen, wenn sie findet, daß weder im Reichstag noch im Land­tag bisher etwas Greifbares in dieser Richtung wahr­zunehmen gewesen sei.

Oie Wahlkampagne in Frankreich.

P. Paris, 23. April.

Auch wer es nicht wüßte, müßte es dem Straßen­leben von Paris anmerken, daß Frankreich mitten im Wahlkampf steht. Noch wilder und leidenschaft­licher, als das sonst üblich ist, rufen die Zeitungs- Verkäufer ihre Journale aus, und jedes verfügbare Plätzchen ist mit Wahlplakaten in riesenhaften Lettern bedeckt, wobei man sich jetzt bereits vielfach zur Unter­stützung des Wortes der Illustrationen bedient. So wurde dieser Tage ein recht interessantes illustra­tives Wahlplakat der monarchistischen Gruppen ganz besonders von den Massen bestaunt, ohne daß es jedoch sonderlich imponierte. Man sieht darauf einen Franzosen, der von den Deutschen und Österreichern an­gegriffen wird, während der Russe, der wohl zu Hilfe eilen möchte, von einigen Asiaten festgehalten wird und der Engländer, die Hände in den Taschen und die Pfeife im Mund, gleichmütig zuschaut. Dies Bild illustriert die Weltanschauung der extremen Chau­vinisten, denen selbst die neuen Rüstungen und die

sehen), Manets Portrait der Schauspielerin mit dem aus Dunkel auftauchenden afftktdurchfluteten Antlitz; Sisleys funkelnde weich verfließende Seinelandschaft; der frühe Picasso mit der blumigen Reifrockdame auf grünem Sofa in träumerischem Crepuscule; C arrier es schattenhaft visionäre Freundinnen, Riobidengesichte, Astartenphantome in der Dämmerung der Bruria notte; Desgaz russische Tänze­rinnen im Elan des Rhythmus und der Koloristik; Vuillards dekorative Jnterieurlyrik und Denis blasser Ostersrühling voll Legendenstimmung weißer Märchensärge und abgeschiedener Kinderseelen im Flügelkleid. Dazu die Deutschen: Li ober mann mit der Kraft des Altmänner­hauses und des Biergartens; Trübners Kürassiere; Slevogts nerviges Rennen.

Doch wir müssen uns losreitzen von diesen Schätzen, aber mit dem Gefühl, daß sie bleiben werden. Solch Sicherheitsge- fühl einer in sich befestigten und beharrenden Kunst hat man auch zwischen den hier vereinigten frühen T h o m a s. Voll Dauer, altmeisterlich blicken uns die beiden Bildnisse von.1870 an; der Mann, ehrenfest, voll gesammelt geistig strengen Lebens im schmalen dunkelbärtigen bebrillten Gesicht; die Frau, lebhaft tüchtig, dabei aber in sich gekehrten Blicks; man mochte sich die Mutter von Kellers Grünem Heinrich so denken; dazu Landschaften, in Stille gebettet, im seidigen Blaugrün seligen Abends, und holder Kinderreigen voll Frühlingsstimmen. Tiefe große Odemzuge der Natur ver­nimmt man auch bei Trüb n er. ) Seine Bilder schwingen in Grün; Bäume und Sträucher neigen sich zum Waldbach, altes Gemäuer umspinnt dichtes Rankenweben — allereinfachste Motive, aber in beschwichtigtem. Gemüt fühlt man eratmend: Du bist die Ruh.'. - Trübner hat auch seinen Knaben gemalt, stattlich, schlank und aufrecht in Ritterpagenpanzer, gleich

dreijährige Dienstzeit nicht genügt, und die das Volk mit der „deutschen Gefahr" schrecken wollen. Ihre Antipoden sind die Sozialisten, welche in das an­dere Extrem fallen und ihre Agitationsreden um eine neue Erfindung bereichert haben, um einen franzö- s i s ch - d e u t s ch - e n g I i s ch e n Dreibund, von dem sie das Heil und den Frieden Europas erhoffen. Im übrigen machen, abgesehen von den Sozialisten, alle Parteien mehr oder weniger verschämt in C h a u- v r n i s m u s. Man kann das sogar in den Theatern und Varietes beobachten, wo jede Wendung oder Num­mer, die das soldatische Gebiet streift oder sonstwie vaterländische Saiten anschlägt, geradezu frenetischen Beifall Hervorrust.

Es gibt in Frankreich neun anerkannte Par­teien, die sich bei dem jetzigen Wahlkampf freilich nur zunr Teil feindlich gegenüberstehen. Bon rechts an gerechnet sind das die monarchistisch-konser­vativ-klerikale Rechte, die ihr einigermaßen gelstesver- wandte Action liberale, die progresfistischen Republi­kaner, die. republikanische Union, die demokratische Linke, die radikale Linke, die sozialistisch-radikalen Republikaner, die sozialistischen Republikaner und die „geeinigten" Sozialisten, die so wenig geeinigt sind, daß. sie in Jaurtzsisten, Guesdisten und Arbeiterpartei zerfallen. Es gibt übrigens auch in den anderen Par­teien etliche Gruppen, die sich bei Gelegenheit unter­einander befehden. Als Ausgleich hierfür haben sich wiederum etliche Parteien zu Der b ä n d e n zusam­mengeschlossen, und zwar in erster, Reihe aus wahltak­tischen Rücksichten. So sind die mittleren Gruppen in der Föderation der Linken zusammen­geschlossen, die unter der Führung Briands und Barthous steht, während die derzeitigen radikalen Regierungsparteien sich in der Entente d^rno- cratiquß zusamengesunden haben.

Während die Parteien der Rechten leidenschaftliche Anhänger der dreijährigen Dienstzeit sind und, wenn sie es durchsetzen könnten, die Militärlasten noch steigern möchten, suchen alle links von ihnen stehenden Parteien die Pille der neuen Wehr lasten wenig­stens etwas zu verzuckern. So verkündet die, Födera­tion der Linken in ihrem Wahlaufruf, daß „die loyale und vollständige Anwendung des Gesetzes über die dreijährige Dienstzeit notwendig ist", aber sie verspricht, „bei jeder internationalen Politik loyal mitzuarbeiten, die eine Erleichterung der Militärlasten zur Folge haben könnte". Die radikale und die radikal-sozialisti­sche Partei, deren Exekutivkomitee als Präsident der heißumstrittene C a i l l a u x vorsteht, stellt sich zwar fürs erste auf den Standpunkt der dreijährigen Dienst­zeit, tritt aber für die Anwendung aller Reformen ein, „die eine st u s e n w e i s e Herabsetzung der Mili» tärzeit gestatten werden. Die Sozialisten endlich for­dern sofortige Rückkehr zur zweijährigen Dienstzeit und zugleich die Einführung, der Proportionalwahl, die wiederum von den Radikalen heftig befehdet wird. ,

In diesen Punkten sind also Radikale und Sozia­listen Gegner, aber bei den Stichwahlen werden, sie sich sicherlich zusammenfinden, und darauf beruht die Hoff­nung des Kabinetts D o u m e r g u e. Denn an sich haben doch die jüngsten Affären, vor allem der Rochette-Skandal, den Radikalen Schaden genug zuge­fügt. so daß sie Ursache hätten, den am 26. d. M. statt-

einem Belasquez-Jnfanten anzusehen, doch mit kernig deut­schem Jungengesicht, der Georg des Götz von Berlichingen.

Von den anderen alten Sezessionisten führt immer noch Lieb ermann. Sein Portrait Fuldas blickt außerordent­lich charakteristisch und trifft vor allem eins: das durchaus

nacht heitere, eher hypochondrische Gesicht mit dem dennoch seiner Bestimmung gemäß epigrammatisch zum geflügelten Wort oder Klingelreim gespitzten Mund. Eine Überraschung werden daneben, dre beiden Hundebilder. Es will schier be- dünken, als ob, je mehr Liebermann die Menschen kennt, um so lieber ihm die Hunde werden. Mit solcher Liebe ist selten ein Zweifüßler von ihm gemalt worden, als diese beiden Kerl­chen. Dabei sind sie nicht einmal von seiner Favoritrasse, dem Dackelgeschlecht, über dessen Züchtungsgeheimnisse und letzte ,,Eonnaisseur"-Wissenschaft Liebermann und Oskar Fried, der Musiker und Teckelomane, sich so oft schon die amüsantesten Debattierschlachten im dicksten Berlinisch lieferten. Die beiden Hündchen sind langhaarig, braunweitzschwarzfleckig mit muscheligem Behang von warmem gefiederhaftem Glanz des Fells. Woran erinnert nur der matte Schimmer dieser glatten samtweichen Haare? — ich hab's: an einen von subtilster Hand gebügelter Zylinder a huit reflets. Jedenfalls ein Stück Malerei von allerhöchsten Graden. Fesselnde Portraits — um vom Hund auf den Menschen Aurückzukommen — zeigen Walter Bcndy, den gebirgigen, • von Geöankenwegen durch­furchten Philosophenkopf Hermann Cohens, und daneben, wie der Schüler seines Rabbi, über die Schrift gebückt, das talmu- dische Gesicht des Kant-Editors Cassirer, ferner Kardorff, Fritz Rhein. Verblüffend wirkt die Zeppelintype Pankoks. Der Graf, ganz blau gekleidet, im lichten blendenden Luftraum seines Flugzeugs. . Plakathaft flächig ist der Effekt. Die Modellierung des Hauptes geht darüber noch hinaus. In ihrer