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Verlag Langgasse 21

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Berliner Redaktion des Wiesbadener Tagblatts: Berlin-Wilmersdorf. Giintzelstr. 66. Fernspr.: Amt Uhland 450 u. 151.

Donnerstag. 23. Hpril 1914. IVlOvgEN - BU$0df)C< Nr. 187. » 62. Jahrgang.

Nachdruck verboten.

Kleine Garnisonen.

Sonst — uni) jetzt.

Von K. E. Adolph (Wiesbaden).

Es hat eine Zeit gegeben, 80er und Mer Jahre bis zur Heeresvermehrung 1897, wo die Militär-Verwal­tung die Absicht hatte, alle kleinen Garnisonen fort­sallen zu lassen. Es waren hierfür in erster Linie militärische Ausbildungsgründe maßgebend. Allein­stehenden kleinen Truppenkörpern fehlt der Zusammen­hang mit der Masse, die lebendige Wechselwirkung, wie sie nur die Berührung in größeren Truppenverbänden bringen kann. Für die Ossizierkorps bedeutet die Zer­reißung der Verbände eine nicht zu unterschätzende Schädigung der inneren Zusammengehörigkeit.

Seit der Heeresvermehrung 1897 und der letzten 1913 kann davon nicht mehr die Rede sein. Nicht allem haben kleine Städte ihre früheren Garnisonen zurückerhalten, sondern eine erhebliche Zahl neuer Garnisonen mußte geschaffen werden.

Die Zahl der detachierten Bataillone ist erheblich gewachsen. Den für die Ausbildung daraus sich er­gebenden Nachteilen ist durch die fortschreitende Schaffung von Truppenübungsplätzen, wo die Verbände für die verschiedenen Dienstperioden vereinigt und zu- sammengeschweißt werden können, im wesentlichen ab­geholfen.

Übrigens stehen den Nachteilen auch wesentliche Vorteile gegenüber.

Die Ausbildung im kleinen wird durch die Verhält­nisse der Kleinstadt erleichtert. Dem Dienste werden nicht so viele Leute durch Abkommandierung, Wacht- dienst und dergleichen entzogen, wie es in großen Städten und Festungen unvermeidlich ist. Und damit stellt sich ein stetiger ruhiger Dienstbetrieb ein, der die Ausbildung im einzelnen fördert, den „furor militaris" fernhält und den Soldaten im Bewußtsein festhält, daß auch er Bürger, ein Glied des ganzen freien Volkslebens ist, das sich in gemeinsamer Arbeit bewegt.

Diese gemeinsame Arbeit hat früher kleine Garni­sonen so gemütlich gemacht, das Gefühl der Zusammen­gehörigkeit mit dem Bürger geweckt, gestärkt und unter­halten. Jst's heute anders geworden?

Fast scheint es so; es liegen manche Erscheinungen vor, die bedenklich stimmen müssen t und es nicht unwahrscheinlich erscheinen lassen, daß die recht haben, welche da behaupten, es bilde sich zwischen Armee und Bevölkerung eine Schranke.

Blickt man auf eine lange Soldatenlaufbahn zurück die in vielen Garnisonen jeder Größe verlaufen ist, so kann man nicht umhin, Vergleiche zwischen sonst und jetzt in dieser Richtung anzustellen, und sie fallen nicht zum Vorteil der Gegenwart aus.

Mit welcher Freude blicke ich auf die Jahre gleich nach dem Kriege zurück, die ich in einer mitteldeutschen Kleinstadt, in Fulda, verleben durfte.

Dienstlich waren die Verhältnisse angenehm und außerdienstlich standen wir mit der Bevölkerung auf dem freundschaftlichsten Fuße. Ein Kasino für das Jn- fanteriebataillon und die Batterie reitender Artillerie gab es nicht, wir aßen im Hotel. Den Abend verbrach­ten wir, sofern wir ausgingen, in den öffentlichen Wirtsstuben. Wir Offiziere verkehrten mit den Be­

amten und den Gutspächtern — es befanden sich nahe der Stadt eine ganze Anzahl von Staatsdomänen — auf dem freundschaftlichsten Fuße. Unteroffiziere und Mannschaften standen den Bürgern nahe, und mancher hat sich sein Ehegesponst dort geholt. An der Königs- Geburtstagsfeier bei den Kompagnien nahm die Bür­gerschaft teil und es galt nicht, wie jetzt in manchen Orten, als unanständig, daß das Bürgermädchen aus gutem Hause bei dieser Feier sich im Tanze vom Sol­daten schwenken ließ. Im Winter nahmen wir Ein­ladungen zu einfachen Tanzsesten bei den Honoratioren an, veranstalteten auch selbst kleine Theaterausführun­gen und Konzerte, da wir musikalisch gebildete Offiziere in unseren Reihen zählten. Im Sommer wurden ge­meinschaftliche Ausflüge in die Rhön gemacht. Leiter­wagen brachten uns aus den Mauern der Stadt auf luftige Höhen, wo wir im Freien lagerten. Die Familien _ stellten die Eßwaren, die Offiziere das Ge­tränk, meist eine gute Bowle. Der Verkehr war harm­los vergnügt und entbehrte nicht einer gewissen Intimi­tät, da sich alle genau kannten. Es wurde geflirtet und ernstlich geliebt. Die Heimfahrt in der Sommer- nacht war dann das schönste, Nie im späteren Leben bin ich so vergnügt gewesen als auf diesen einfachen Ausflügen mit den Fuldaern. Wir Leutnants gehör­ten einem bürgerlichen Gesangverein an und sangen dort, wie jeder andere, im Kreise junger Mädchen und Frauen mit Liebe und Andacht, Woche um Woche. Nie »ist in diesem harmlosen Zusammensein etwas An­stößiges vorgekommen. Die Menschen, die so ver­schiedenen Lebensverhältnissen angehörten, hatten ge­meinsame Freude am Gesang und Zusammensein. Unser gutes Einvernehmen erlitt auch keine Störung, wenn unser Betragen nicht einwandsfrei war. Wir waren manchmal mehr als vergnügt und verübten lustige Streiche, die uns weder die Bürgerschaft noch die Geistlichkost übelnahm. Auch religiöser Friede herrschte. So erinnere ich mich eines Falles.

Bor der .Kirche stand in einer Ecke am Kreuz immer ein Rollwagen, der uns schon oft geärgert hatte. In vorgeschrittener Nachtstunde schraubten wir die Räder los, ließen dieselben die abschüssige Straße Herabrollen und richteten das Gestell des Wagen vor der Haupt­eingangstür auf, so daß diese blockiert war und die Gläubigen am Morgen zur Messe die Kirche nicht be­treten konnten. Der betreffende geistliche Herr wußte sofort, wo er die Sünder zu suchen hatte. Er ließ es bei einer milden Vermahnung an einen ihm näher be­kannten Leutnant bewenden.

Ein andermal hätte die Sache leicht schlimme Fol­gen zeitigen können. In einem Eckhaus, wo sich im Erdgeschoß eine Wirtschaft befand, zu den „Drei Königen" geheißen, wohnten drei kinderlose Familien, darunter der uns bekannte Dr. S., mit dem wir sehr freundschaftlich standen. In der Nachtstunde beschlossen wir, das Wirtshaus nmzutaufen. Wir holten einen Tüncher aus der Kaserne und als sich die Bürger im Morgengrauen die schlafmüden Augen rieben, hieß die Wirtschaft nicht mehr zu den „Drei Königen", sondern zu den „Drei, Kapaunen". Das ging Dr. S. über den Spaß. Die Folge war eine Forderung, und nur müh­sam konnten wir ernsten Folgen Vorbeugen.

Ähnlich, wenn auch nicht ganz so intim im Verkehr habe ich es in anderen Städtchen gefunden, die mich in den achtziger Jahren aufnahmen. So an der Nordsee­küste, wo die Garnison in Emden und Aurich eng mit

der Bevölkerung verwachsen war. Einzelne Offiziere haben über 20 Jahre in einem der Städtchen zuge­bracht. Es ist beinahe undenkbar, daß Reibungen zwi­schen Zivil und Militär hätten Vorkommen können, und kam je ein Übergriff frecher junger Burschen gegen Soldaten vor, so konnte man sicher sein, daß die Bür­gerschaft wie ein Mann hinter den Soldaten in der Verurteilung einer derartigen Ausschreitung stand. Auch hier war unser Verkehr in den Familien und in öffentlichen Lokalen mit der Bürgerschaft durchaus harmonisch und beide Teile befriedigend. Als ich An­fang der 90er Jahre nach Konstanz ging, fand ich zwar gutes Einvernehmen mit der Bevölkerung dort vor, aber wenig Verkehr zwischen Militär und Bevölkerung.

Bald nach der Heeresvermehrung 1897 nahm uns ein Städtchen auf, wo bisher keine Garnison gewesen war, Lahr in Baden.

Einen liebenswürdigeren Empfang als den der neuen Garnison von der Stadt bereiteten kann man sich nicht vorstellen, und zunächst war als Nachwirkung das Verhältnis zwischen Militär und Bürgerschaft ein leidlich intimes. Wir Offiziere, oder wenigstens einige davon, verkehrten in Lokalen mit den Bürgern, auch wurden wir von diesen zur Jagd eingeladen. Als ich 10 Jahre später das schöne Städtchen, welches sich einer ungewöhnlich intelligenten Bürgerschaft erfreut — man hat dort eine reiche Industrie — wieder besuchte, fand ich die Verhältnisse verändert. Auch hier in Süddeutsch­land hatte sich die reinliche Scheidung zwischen Militär und Zivil, wie sie leider jetzt in unserem Vaterland Brauch geworden ist, vollzogen. Beide Teile gehen getrennt auf die Jagd, die Offiziere, die Stadt hat nun Infanterie und Artillerie, verkehren nur im Kasino, sehr wenig, so gut wie gar nicht, bei den angesehenen Familien der Stadt.

Und so ist es jetzt allgemein. Jeder Teil lebt für sich, jeder Teil geht seine Wege, ohne den anderen zu berühren. Bezeichnend in dieser Richtung ist die Trennung der Bürger vom Soldaten bei patriotischen Feiern, wie der Feier des Geburtstages des Landes­herrn. Es war früher in kleinen Garnisonen selbstver- stündlich, daß Bürger und Offiziere gemeinschaftlich feierten. Heute ist es zur Ausnahme geworden, die Offiziere bleiben unter sich in den Kasinos.

Die trennende Schranke besteht, auch wenn sonst das Verhältnis zwischen Militär und Zivil an Friedlichkeit nichts zu wünschen übrig läßt. Verhältnisse wie z. B. vor 40 Jahren in Fulda sind undenkbar geworden. Man denk? sich: der Leutnant in einem bürgerlichen

Gesangverein mitsingend! — Und die Gründe für die bedauerliche Scheidung zweier so innig miteinander verwachsenen Teile unseres Volkslebens, Heer und Volk? Wo liegen sie? Liegt die Schuld nur auf der einen Seite, beim Militär, oder auch beim Zivil? —

. Die Beantwortung _ der Frage ist schwierig. Auch spielen lokale Verhältnisse oft eine entscheidende Rolle. Die Entwickelung unserer Zeit hat wohl in der Haupt­sache die Erscheinung hervorgebracht. Auch der häufigere und raschere Wechsel der Offiziere spielt eine Rolle. Das soldatische Leben hat sich ganz auf den Beruf zugespitzt, der Dienst nimmt alle Kräfte von Offizier und Mann in Anspruch. Ist der schwere Dienst vor­über, so findet der Offizier Behagen in den gut ver­walteten Kasinos und kann alle Bedürfnisse befriedi­gen, die er früher nur im Städtchen und im Wirtshaus finden konnte. Es fehlt ihm an Zeit, um sich mit den

Was wissen wir van Shakespeare?

Von Professor Dr, Max I. Wolfs?)

Eine Lebensbeschreibung Shakespeares unterscheidet sich in wesentlichen Punkten von einer solchen Goethes oder Schillers. Bei diesen Dichtern steht uns eine Fülle tatsäch­lichen Materials zu Gebote, auf das wir bei dem großen eng­lischen Dramatiker verzichten müssen. Wir kennen genau ihren Bildungs- und Lebensgang, ihre innere und äußere Entwick­lung. Freunde haben uns ausführlich über ihre Erscheinung, über ihre Art sich zu geben, zu fühlen und zu denken, berichtet. Wir besitzen einen umfangreichen Briefwechsel von beiden, in dem sie ihre geheimsten Gedanken aussprechen. Dazu kommt bei Goethe eine große Zahl autobiographischer Schriften, in denen er es selber unternommen hat, sein Werden und Wachsen zu erklären. Auf Grund dieser ergiebigen Quellen ist es verhältnismäßig leicht, in ihre Werke einzudringen und sich zu dem vollen Verständnis ihrer Gesamtpersönlichkeit zu erheben. Anders bei Shakespeare. Wie dürftig sind die spär­lichen Angaben über sein äußeres Leben, die den Fleiß von zwei Jahrhunderten aus alten Akten und verstaubten Kirchen­registern zusammengetragen hat. Sie würden ebensogut auf irgend einen erfolgreichen Schauspieler seiner Truppe, auf Burbage, Herminge oder Condell passen, wie auf den größten dramatischen Dichter aller Jahrhunderte. Und was wir von den Zeitgenossen über seinen Charakter erfahren, geht kaum

*) Wir verweisen auf die Besprechung des Wolffschen Werkes in der gestrigen Abend-Ausgabe. Die Red.

über einige flüchtige Bemerkungen hinaus, die sein offenes, freies Wesen, seine vornehme Gesinnung, Liebenswürdigkeit und reiche, unerschöpfliche Arbeitskraft rühmen.

Manche Shakespeareforscher und darunter solche, die dem Dichter eine große Verehrung weihen, wollen darin keinen Zufall, sondern eine notwendige Folge erkennen: sein Leben und sein Charakter boten eben nichts Besonderes. Nach ihrer Ansicht ging dem Verfasser des „Hamlet" jede persönliche Eigenart ab; und ein Biograph, wie Hazlitt, erklärt kurzweg: „Er besaß keine ausgesprochene Individualität, er war ein Mensch wie andere auch, nur mit dem Unterschiede, daß er gleich allen anderen sein konnte. An sich war er nichts, außer daß er alles, was andere sind oder zu sein vermögen, in sich

umfaßte."

Wir müssen gegen diese Beurteilung des Dichters Ein­spruch erheben. Es will kaum glaubhaft erscheinen, daß ein Mensch' der selbst gar nichts bedeutet, die Gedanken und Wünsche, die Leidenschaften und Empfindungen aller anderen versteht und in vollendetster Weise zur Darstellung bringen kann. Eine solche Virtuosenbegabung, die Shakespeare auf den Rang eines geistigen Verwandlungskünstlers hinabdrückt, reicht nicht aus, um Meisterwerke, wie „Hamlet", „Lear" oder den „Sturm", zu schaffen. „Man muß etwas sein, um etwas zu machen", sagt Goethe. Ben Jonson, Shakespeares Freund und Widersacher, stimmt mit ihm überein und erklärt in der Widmung zu seinem Lustspiel „Bolpone", der gute Dichter müsse vor allem ein guter Mensch sein. Und dieser gute, große und edle Mensch ist es, den wir in Shakespeare erkennen wollen.

Wir fühlen seine Gegenwart deutlich: sein Hauch umweht uns bei jedem Wort der Dramen, aus den Versen seiner schwermütigen Sonette steigt das Bild in dunklen Umrissen auf; aber wenn wir zu den kurzen biographischen Notizen zurückkehren, dann zerrinnt der Schatten wieder, und es bleibt nichts als me durstigen Angaben aus dem Leben eines Londoner Schauspielers.

Shakespeares Zeit lebte voll in der Gegenwart. Man schätzte und genoß das Erzeugnis des Dichters, aber selbst wenn man dm Bedeutung des Werkes erkannte, kümmerte man sich nicht um das Leben und die Person des Schöpfers. Der Begriff der Literaturgeschichte war noch nicht erfunden. Man wußte nicht oder man wollte sogar nichts davon wissen, daß hinter dem Kunstwerk als höchster Wert und Hauptnenner des Geschaffenen die Persönlichkeit des Künstlers steht. Die Männer des anbrechenden 17. Jahrhunderts glaubten genug für ihren „guten William" getan zu haben, wenn sie seine Dramen zusammenstellten; von ihm selbst überlieferten sie uns nur wenig. Durch eine Reihe unglücklicher Zufälle, ver­schiedene Brände in London, die Kunstfeindschaft der bald dar­auf zur Herrschaft gelangenden Puritaner, den Ausbruch des langjährigen Bürgerkrieges, der alle literarischen Interessen in den Hintergrund drängte, und die veränderte Kunstrichtung der Restauration ist auch das wenige nur stark geschmälert auf uns gekommen. Wir besitzen kein Manuskript, keinen Brief, keine Zeile des Dichters; etwa ein halbes Dutzend Unterschriften auf verschiedenen Dokumenten ist alles, was uns von der Hand geblieben ist, die so Herrliches geschrieben hat. Wir müssen eS tief beklagen, Der Verlust ist ungeheuer^