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Mittwoch, 22. Hpril 1914.

Morgen-ktusgabe.

Nr. 185. » 62. Jahrgang.

Valkansorgen unö die russische

Gefahr.

Von Ernst Bassermann. Mitglied des Reichstags.

) Die Balkanfrage steht erneut in der Presse aller Länder zur Diskussion.

Verschärft ist die Lage durch die russischen Rüstun­gen^ und das unfreundlicher gewordene Verhältnis Swischen Rußland einerseits und Österreich-Ungarn und Deutschland andererseits.

Woher kommt dies russische Mißbehagen, das wie ern Alp auf der europäischen Politik lastet?

Man kann wohl anknüpsen an die Niederlage, welche die russische Politik Lei der Annexion von Bosnien und der Herzegowina erlitt. Die Festigkeit Aehrenthals, dre durch die treue Bundesgenossenschaft Deutschlands ermöglicht war, die Entschlossenheit, es auf die Ent­scheidung durch das Schwert ankammen zu lassen, brachte Österreich-Ungarn den friedlichen Sieg und erhielt den europäischen Frieden. Aber die zurück- bleibende russische Verstimmung schuf oder ermöglichte den Balkanbund. Als Italien Tripolis und die Cyrenaika schluckte, da trat alsbald der Balkanbund in eine zunächst glänzende kriegerische Aktion gegen die Türkei. Dann erlahmte die Offensive des Bundes aus Erschöpfung und führte zum Zusammenbruch desselben. ! Zum zweiten Male hatte die russische Politik eine - Niederlage erlitten. Nicht nur, daß die Einigkeit zwi­schen, den Schützlingen Rußlands, den Bulgaren und Serben, in die Brüche ging, auch die bulgarische Ent- ivicklung war wohl kaum Rußlands Wünschen ent­sprechend. Als Bulgarien in glänzender Siegeslaus- bahn sich Konstantinopel näherte und oströmische Kaiserträume in dem Gehirn des Bulgaren-Zaren sich ' zum lebendigen Wunsche verdichteten, da rief Rußland dem Stürmer ein Halt zu, und als der Friede von Bukarest bittere Enttäuschung dem .Bulgarenvolke brachte und den großen Opfern ein Siegespreis, wie erträumt, nicht zuteil wurde, da konnte und wollte der Russen-Zar den Bulgaren, die auf ihn hofften, nicht helfen, da zog Enttäuschung, die bis zu Haßausbrüchen liegen Rußland sich steigerte, ein, und heute schwankt in Sofia die Wage zwischen Russenfreundschaft und -feind- ichast.

Nun tritt ein Irenes in der russischen Politik hervor. Das Zarenreich wirbt um Rumänien, Frankreich hetzt und hilft durch seine Vortragsmeister Mißstimmung gegen den Dreibund in Rumänien zu verbreiten.

Di- österreichische Politik, die zeitweise zu bulgaren­freundlich war und die Revision des Bukarester Frie- d>ens betrieb, hat in Rumänien starre Verstimmung ' hervorgerusen. Die zeitweise Spannung zwischen Österreich und Rumänien mußte naturgemäß die rumä- uische,Bewegung in Ungarn beleben, bis sie zu den un­liebsamen Ausbrüchen der letzten Wochen stch steigerte.

Nachdruck »erboten.

Käihchen.

Von Fritz Müller (Cannero).

Käihchen ist ein prächtiger Mensch — Eip ich mutz sagen, war ein prächtiger Mensch. Denn da ist ein — ein •— ! tote soll ich sagen — ein Knacks in ihrem Leben gewesen, ern ganz unverständlicher Knacks.

Sic war noch ein halbes Kind, als sie zur ^.ante Mtna kam. Aha, Tante Mina, meint ihr. Nein, bitte sehr, da iag der Knacks nicht. Tante Mina war eine tüchtige Mau, sine sehr tüchtige Frau sogar. Unid Käihchen konnte froh sein, daß sie eine solche Tante hatte.

, Oder ist es vielleicht kein Glück, wenn ein elternlos ge- J toordencs Mädchen zn einer Tante kommt, die ihr Schutz und Dach gewährt. Die sie vor der Fährlichkeit der Welt be­hütet. Die für sic sorgt. Nicht nur mit Speise und Trank, -lein, auch mit Kleidern. Und was noch wichtiger ist als Speise und Trank unid Kleider — die auch für ihre Bildung sorgt und für die Moral. Oder ist in diesen traurigen Zert- lauften, wo sich allerorten festgefügte Bande lockern wollen, i dix Bildung und Gesittung nicht viel, viel mehr als Essen?

Tante Mina sagte es immer: „Käthchen", sagte sie, „iß nicht zuviel — nicht als ob ich's dir nicht gönnte —_ ber Himmel weiß, daß ich's dir gönne — aber ich habe erst im Hufeland gelesen, ja im Hufeland, daß viel mehr Menschen am zu vielen Essen sterben als am wenig Essen."

Nein, nein, sterben wollte Käihchen nicht. Da atz sie lieber toenig, recht wenig.

„Denn siehst du", fuhr die Tante Mina fort, „aufhören -nutz man dann zu essen, wenn's am besten schmeckt — ja, ja, toenn's am besten schmeckt — das steht auch im Hufsland, Ntein Käihchen." . ..

Und so kam es, datz Käihchen immer, immer aufhörte, > toenn's am besten schmeckte.

„Das heißt", ergänzte sich die Tante Mina später, „das beißt, bei der Arbeit ist das anders. Arbeiten kann man ^-Nmer. Arbeiten ist gesund. Unid viel arbeiten ist noch ge-

Jn Deutschland hat man diese Politik des Ballplatzes als wenig glücklich erachtet. Österreich hat seinen alten Bundesgenossen verärgert, ohne in Bulgarien einen neuen Freund zu gewinnen und ohne ihm in seiner Niederlage Helsen zu können. Für die russische Politik ist natürlich ein Österreich feindliches Rumänien eine wichtige Figur auf dem- Schachbrett, wiewohl die klug geleitete rumänische Politik sich wohl hüten wird, zum Bundesgenossen des Zarenreiches zu werden. Die Politik der freien Hand gewährt Rumänien heute am Balkan die größten Aussichten.

Ähnlich unsicher liegen für Rußland die Entwick­lungen in Griechenland und Serbien. Griechenland hat mächtigen Landgewinn eingesteckt und ist nahe an Konstantinopel herangerückt. In den griechischen Köpfen ist der Traum der Eroberung von Konstantinopel als Hauptstadt des großgriechischen Reiches heute nicht mehr zu verscheuchen. Hier aber trifft es, ebenso wie Bul­garien, aus den Widerstand Rußlands. Was aber Ser­bien anlangt, so sollte man meinen, daß die österreichi­sche Politik darauf gerichtet sein müßte, in Serbien sich dauerhafte Sympathien zu erwerben. Der Weg hierzu geht über Handelsverträge und Handelswege, die Ser­bien dringend notwendig hat. Auch hier ist in Deutsch­land die Meinung verbreitet, daß die österreichisch­ungarische Politik Serbien gegenüber zu starr und un­freundlich ist. Wobl haben wir volles Verständnis da­für, daß Österreich sich die Adria von serbischen Kriegs­häfen freihält. Darin haben wir Österreich kräftig unterstützt. Das hindert aber nicht, daß dem streb­samen tüchtigen, serbischen Volke für seine wirtschaftliche Entwicklung die österreichische Hand gereicht wird. Ein wirtschaftlich erstarktes Serbien wird angesichts der geographischen Lage, alte Traditionen vergessend, lieber mit Österreich als mit Rußland gehen. Deutschland aber hat, wie für alle Balkanstaaten, von denen wir hassen, daß sie aufblühen, wirtschaftlich erstarken und gute Geschäftsfreunde werden, so auch für Serbien das Interesse, diesen intelligenten,^fleißigen Volksstamm in die Höbe kommen zu sehen. So liegt für Rußland auf dem westlichen Balkan, zumal wenn man das. in der österreichisch-italienischen Sphäre liegende Albanien mit in Betracht zieht, die künftige Entwicklung durchaus unsicher.

Wenden wir unseren Blick auf die Türkei, so sehen wir, daß das energische Jungtürkentum Armee und Flotte reorganisiert. Man wird abwarten müssen, was die englischen und deutschen Reorganisatoren zustande­bringen. Immerhin muß Rirßland damit rechnen, daß die Wehrkraft der Türkei nicht nur in Europa, sondern auch in Kleinasien erstarkt und russischen Vorstößen in die Meerengen und nach Armenien künftrghm kräfti­gen Widerstand keiftet.

Faßt man diese Entwicklung zusammen, so mag man es begreiflich finden, daß Rußland mit dem reichlich zur Verfügung gestellten französischen Geld sich rüstet für

den Fall neuer Konflikte, neuer Explosionen, die in den Balkanstaaten jeden Dag erfolgen können, um tritt starkem Schwert eingreifen zu können. Deutschland hat die Konsequenzen dieser gespannten Lage in seiner jüngsten Wehrvorlage gezogen. An Österreich-Ungarn, das am stärksten engagiert und exponiert ist, wird es nun sein, eine kluge und starke Politik zu treiben. Eine kluge Politik, indem es sich den rumänischen Freund zurück- und Serbien als neuen Freund hinzugewinnt; eine starke Politik, indern es seine Wehrkraft so aus­baut, daß sie jeder Gefährlichkeit gewachsen ist.

Jeder Großstaat wird heute bei Liesen Riesen­armeen sich der Gefahr eines Weltkrieges für die eigne Existenz bewußt sein müssen.

Diese Gefahr wirkt friedenerhaltend, wenn der feindliche Nachbar stark und bis in die Zähne gewappnet ist.

Dies gilt für Deutschland, noch mehr für unseren Bundesgenossen Österreich-Ungarn.

Dallwitz und Loebell.

O Berlin, 20. April.

Da die Ernennung des Herrn v. Dallwitz zum Nach­her des Grafen Wedel schon seit Wochen stattfand, richtete sich das Interesse hauptsächlich auf die Frage, wer ihn im Ministerium des Innern ersetzen sollte. Die Ernennung des Herrn v. Loebell zum Nachfolger des Herrn v. Dallwitz ist von weittragender Wichtig­keit. _ Herr v. Loebell war (worauf wir schon hinwiesen. Schriftl.) als Chef der Reichskanzlei der Freund und der Vertraute des Fürsten Bülow. Er war ein über­zeugter Träger der Blockpolitik des Fürsten, er geriet trotz seiner konservativen Gesinnung um dieser Politik willen in manchen scharfen Gegensatz zu den Führern der Rechten und er nahm, als Bülow zurück- treten mußte, in streng konstitutioneller Weise gleichfalls seinen Abschied. Wenn Herr-v. Loebell-jetzt, nach dreieinhalb Jahren der frei­lich notgedrungenen Ruhe (denn seine Gesundheit war erschüttert) wieder ein hohes Amt übernimmt, so bringt er damit ein materielles Opfer. Die Deutsche Bank und die Elektrizitätsgesellschaft Bergmann hatten sich seinen organisatorischen Weit­blick zu sichern gewußt; in beiden Gesellschaften hatte Herr v. Loebell A u s s i ch t s r a t s st e 11 e n übertragen erhalten, dies er nunmehr selbstverständlich ausgibt. Einen seiner Söhne hat der neue Minister des Innern, ganz abweichend von den ostelbischen Überlieferungen, Kaufmann werden lassen, er ist als solcher in Poko- hama tätig; ein zweiter Sohn ist Bürgermeister des märkischen Städtchens Oranienburg. Man sieht, daß der neue Minister zu Welt und Leben, zum Wesen und zu den Bedürfnissen der Gegenwart etwas anders steht als die meisten Mitglieder seiner Gesellschaftschicht.

sünder. Am gesündesten aber ist, auch dann zu arbeiten, wenn die Arlbeit nicht mehr schmecken soll. Dann gerade extra. Kächchen."

Kächchen wurde rot. . r

„Aha, ich schc, du verstehst mich. Käihchen. Ja, ,ch will offen sein zu dir, Käihchen, ganz offen. Gestern abend, zum Beis-prell, hast du um halb neun Uhr plötzlich ausgchSrt, zu bügeln. Und warum? Weil du -müde warst, wirst du sagen, Kind. Ja, ja, weil du müde warst. Stehst du, da ist gerade dieser Punkt, wo bei einem Mädchen, wre du, der Wille ein- setzen müßte. Der Wille: nein, jetzt will ich gerade noch

weiter bügeln, bis alles fertig Yt. Ich ai, deiner Stelle, Kächchen, hätte das getan. Ja, i a > frer JEtttc. Käihchen — der verlängert auch da? Leben —. Schon der berühmte Hufeland —"

Käihchen wurde blaß. Käthchen suchte nach einem Taschentuch.

„Aber Kind, was hast du plötzlich? Doch nicht etwa weinen? Das wäre noch schöner. Schau, ich meine es so gut mit dir. Oder weißt du jemand auf der Welt, der's besser meint? Na, sichst du, Käihchen. Und es ist ja nichts ver­loren, wenn du —- wenn du heute abend dann das nachholst, Kächchen, was du gestern . .

Und Kächchen holte es am Abend nach. Sogar gründlich hollte es Kächchen nach. Es war knapp vor Wölf als das Bügeleisen nicht mühr über die weiße Wäsche dampfte.

Dafür kargte aber auch die Tante Mina nicht mit An­erkennung am anderen Morgen. „Stehist du, Kächchen", sagte sie, »ich hah' es ja gewußt, du bist ein prächtiges Mäd­chen. Rein, nein, Käihchen, ich lasse auch nichts über dich kommen.^ Und wenn die Nechnungsrätin neulich auch gesagt hat, ich sollte acht geben' auf dich ^— du kämst jetzt in das Alter, wo auch eine Nichte von ihr so dumme Streiche gemacht hat — weißt du, so allerhand machen — nun, du verstehst mich schon, mein Käihchen —"

Käihchen stand da mit blanken Angen und verstand es nicht.

„Nun, um so beffer, Kathchen — wie gesagt, ich lasse absolut nichts auf dich kommen. Ich kenne doch mein Käth-

chen viel zu gut und — richtig — was ich noch sagen wollte, hast du jetzt die Stickereien fertig? Noch nicht? Hm, ich dachte allerdings — nun, du wirft sie ckben morgen fertig machen, morgen ist ja Sonntag, morgen ist ja Zeit dazu — und am Montag bringst du sie zu Hage u. Ko. — erst wenn's dunköl wird, Käthchen, und durch den Hinteren Eingang — es brauchen ja nicht alle Leute zu sohen, daß —"

Tante Mina stockte. Tante Mina stockte sonst nicht oft. Aber hier stockte sie doch. Und fragend blickte Käthchen auf.

„Nun ja, Käthchen, ich will offen sein — du weißt ja, ich bin immer offen — man kommt am weitesten damit — und siehst du, Käthchen, es gibt Leute, böse Leute, die gleich sagen würden, wir hätten es nicht nötig, Stickereien an Geschäfte zu verkaufen — ich, deine Tante, hätte genug Geld. Aber nicht wahr, Käthchen,. so töricht bist du nicht? Du weißt sehr gut, daß Arbeit niemals schändet. Schon der alte Hufe­land ..."

„Hufeland,. Die Kunst, das menschliche Leben, zu ver­längern", „Davidis, Das praktische Kochbuch", und „Marlitt, Die Geheimniste der alten Mamsell", waren die einzigen Micher, welche Tante Mina hatte. „Siehst du, Kind", sagte sie, „was brauch' ich viele Bücher? Uh kenne ja das Leiben, wie es ist. Und du, was brauchst du viele Bücher? Du

lernst ja auch das Leben kennen — durch mich, jawohl, durch

mich. Deine Schule ha-st du ja durchgemacht, wie fich's ge­hört. Du hast die Bildung, die dir zukommt — die einem

gutgösitteten Mädchen zukommt — und die dich einmal fähig machen wird, einem Haushalt — ja, ja, Käthchen, etnem Haushalt vorzustehen. Oder willst du s!wa immer bei deiner Tante Mina bleiben, wie?"

Kächchen sagte nichts, sie senkte nur den Kopf.

„Nun, ich wußte eS ja, daß du ein braves Mädchen bist. Ich wußte ja, daß du es einsiehst; es ist einfach deine Pflicht, jawohl, Käthchen, deine Pflicht, dir einen Haushalt zu schaffen, wenn es Zeit ist. Und mir scheint, Käthchen, es ist jetzt Zeit —“

Kächchen sah erschrocken die Tante Mina an.

„Sieh, Käthchen, ich will offen sein mit dir — ich bin immer offen, das weißt du ja — daß meine Renten all die