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Verlag Langgaffe 21

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Berliner Redaktion des Wiesbadener Tagbiatts: Berlin-Wilmersdorf. Giintzelstr. 66. Fernspr.: Amt Uhland 450 u. 451. Sw™

Dienstag, 21. Hpril 1914.

Morgen »Ausgabe.

Hr. 183. ♦ 62- Jahrgang.

Der neue Minister des Innern

er- Berlin. 19. April.

In fast allen politischen Lagern hat sich die Meinung zur Uoerzeugung verdichtet, daß Herr v. Bethmann- HoIlweg im Hinblick auf kommende Dinge in st r e u ß e n den Rücktritt des bisherigen Ministers des Innern selbst um den Preis seiner Beförde­rn n g zum Straßburger Statthalter betrieben habe, j Herr v. Dallwitz hat entschiedener wie irgend ein an­derer Minister an dem bestehenden preußischen Wahl- } an dem herrschenden Verwaltungssystem

festgehalten. Am Horizonte aber erscheint, wenn auch noch als ganz kleines Wölkchen, die Möglichkeit einer : neuert Wahlreformvorlage, und die Arbeiten der Kom- ■ Mission zur Vorbereitung einer Verwaltungs­reform haben so viel Bausteine vor dem Tore der' Regierung angehäust, daß man doch endlich einmal daran denken muß, mit dem Bauen anzusangen. Die , Folge dieses Gedankenganges war, daß man einen neuen Minister des Innern brauchte, der zwar konservativ und altpreußisch geschult, doch für die Re­formen die nötigen Fähigkeiten lind den guten Willen mitbringt. Herr v. Loebell hat sich seinerzeit als Ver­teidiger der Zuchth-ausvorlage durchaus für die politi­schen Grundlagen der konservativen Weltanschauung ausgesprochen, aber er hat als Reichstagsabgeordneter \ wahrend sein Mandat wegen grober Wahlunregel­mäßigkeiten rasch kassiert wurde, die ganze Schwierig­keit und Bitterkeit des Kampfes zwischen Parlamen­tarismus und preußischem Verwaltungssystem kennen ! gelernt, wie er auch vom Referendar ab über den Landrat und Generaldirektor der Landesfeuersozietät der Provinz Brandenburg bis zum Oberpräsidenten

> der Berliner Provinz die ganze Verwaltungskarricre ' durchlaufen und Gelegenheit in Hülle und Fülle ge­habt hat, zu erkennen, in welchem Punkte alle politi- Ichen Schmerzen in Preußen mit einem Schlage zu kurieren wären. Endlich: Herr v. Loebell ist im Äus-

- gleich und in den Verhandlungen zwischen Konser­vativ und Liberal als ehemaliger Blockpoliti k- i Gehilfe Bülows sehr erfahren lind geschickt, er hat auch als Mitarbeiter großer Bank- und Industrie- \ Unternehmungen (der Deutschen Bank, der Bergmann- ! Elektrizitätsgesellschaft und der Sir-Ernest-Cassel- j Stiftung) unterdessen sehr viel Neues und Modernes j in 'Organisationsfragen hinzugelernt.

Warum sollte Herr v. Loebell also nicht der Mann sein, der, wenn die Stunde schlägt (und. sie schlägt bald) das preußische Innere um einen tüchtigen Ruck vor­wärts reißen kann? Mag es nun Herr v. Bethmann- Hollweg oder semand anders gewesen sein, der einge- j sehen hat, daß es so nicht weiter geben darf, daß Preußen die Gesamtentwicklung des Reiches a u shält, daß es im Bnndesrat dominiert und so oft Gesetze durchdrückt, die den übrigen Bundesstaaten Wider den Strich gehen, das? cs allen gesetzgeberischen Anregun- ' gen, die aus den Reichsämtern hervorgehen, seinen ( Stempel aufdrückt, Herr v. Loebell ist jedenfalls die Persönlichkeit, die diese Entwicklung der Dinge nicht

Liebesromgntik im Hause Savoyen.

(Von unserem römischen Korrespondenten.)

Nicht immer -ging es im italienischen Königspalast so brav hausmütterlich zu wie jetzt zu den Zeiten König Viktor Emanuels III-, dessen Ehe- und Familienleben unantastbar Und für seine Untertanenschaft vorbildlich ist. Der dieser i Tage gemeldete Tod der einst - als die schönste Frau Italiens gefeierten Herzogin Eugenia Bolognina Litta weckt die Er­innerung an eine Fülle denkwürdigster Vorgänge vor, Während und unmittelbar nach der Einigung Italiens, die . vieles, ach so vieles erklären, was über die Hofkreise Italiens ! hinaus bisher unbekannt geblieben ist. Wie wenige wissen, in wie hohem Maße die verstorbene Herzogin Litta das Hof­leben des neuen Italiens nahezu ein halbes Jahrhundert lang I beeinflußt, um nicht zu sagen, -beherrscht hat! Manches mag seltsam erscheinen in dem Leben dieser faszinierend schönen Frau, der zwei Könige, Vater und Sahn, zu Füßen gelegen halben. Am seltsamsten unter allen Seltsamkeiten jedenfalls die Tatsache, daß diese auch vom Volke vergötterte Frau die ihr gern in die Hände -gelegten wahrhaft königlichen Macht- j befugnisse niemals mißbraucht und — keine Feinde hinter.

> lassen -hat. Selbst die Frau, die am -schwersten unter dem grauenvollen Zwiespalt der Verhältnisse -gelitten hat, die Königin Margherita, die in ihrer Gattenliebe nicht einen Augenblick wankend wurde, war, wenigstens in den letzten zwanzig Jahren, der -glücklicheren Ri-valin nicht -gram gewor.

: den. Am Anfang ihrer Ehe freilich mußten einige angesehene i J Hof- und vatikanische Kräfte ihr Äußerstes tun, um den endgültigen Bruch zu verhüten. Damals hinderte die Wurzel- i teste tiefe Religiosität die jugendschöne Königin, den ihr durch z den Printer angetranten Gatten zu verlassen. Ihr war die

fördern, sondern wahrscheinlich ändern wird. Daß er sowohl seinerzeit am Schreibtisch im Reichskanzler-amt. wie auch seitdem im Schlachtgetümmel des privaten Wirtschaftskampfes zu der Anschauung gekommen ist, daß Preußen von innen heraus reformiert werden muß, daß es ein neues Wahlrecht braucht un-d eine modernere V-er-w-a.ItungsMaschinerie, das wissen wir von einer -Seite, die den neuen Minister des Innern -amtlich und persönlich sehr gut kennt.

Bei den Verwaltungsreformen, die man von Herrn v. Loebell erwartet, handelt es sich nicht nur um die Zustände in den preußischen Provinzen, auf dem Lande und in den kleinen Städten, sondern vor allem auch um das Verhältnis der Großstädte zur Staats­regierung. Wie oft klagt z. B. die Reichshauptstadt Berlin über Eingriffe in ihr -Selbstb-estimmungsrecht, . über die Einschränkungen und Bedrängungen ihrer Selbstverwaltung. Wie verknöchert ist diese Selbst­verwaltung der Städte in vielen Dingen. Wieviel wäre also auf dem Gebiete der kommunalen Reformen zu tun, um an die Stelle des bestehenden Wahlrechts ein besseres zu setzen, wie notwendig wäre eine Aus­gestaltung des kommunalen Steuerwesens, wie drin­gend erforderlich wäre es, auf dem Gebiete des Wohnungswesens neue Bahnen zu suchen! Wie drängt heute alles darauf hin, nicht bloß die Verkehrs­anstalten, sondern auch die mannigfaltigsten gewerb­lichen Unternehmungen, die untrennbar mit dem städti­schen Gemeinwesen zusammenhängen, zu verstadtlichen, wie zahllose Aufgaben treten uns auf dem Gebiete der sozialen Hilfstätigkeit in dem Nachweis von Arbeit, in der Versicherung gegen Arbeitslosigkeit, in der Be­schaffung von Arbeitsgelegenheit und an so manchen anderen Punkten entgegen! Die Städte allein kön­nen das nicht machen, wenn der Staat nicht die Schran­ken öffnet, statt durch nörgelnde Einmischung die sch 8 p ferische Freudigkeit zu unterdrücken. Schon ein kleiner Schritt, die Vereinfachung des G e - sch ä f t s g a n g e s, um der entsetzlichen Vielschreiberei der Behörden Abbruch zu tun, würde reichen Segen stiften. Fürst Bülow hat wie an so manche andere Re­form, auch daran gedacht, die Kräfte der großen Städte zu entfesseln und den alten, veralteten Geist der preu­ßischen Verwaltung zu ändern. Aber es ist bei den Gedanken geblieben. Jetzt, da die Reformkommission mittlerweile doch manches Mehl gemahlen hat, erwar­tet man von dem B ü l o w s ch ü l e r, daß er als preu­ßischer Minister ans Brotbacken geht.

Österreich und Italien.

(Von unserem Wiener Mitarbeiter.)

K.W. Wien, 19. April.

Die Ministerzusammenkunft in Abbazia ist vorüber. Nach den offiziellen Berichten ist alles in schönster Ordnung; beide Teile sind zufrieden. Das Bündnis zwischen Österreich- Ungarn und Italien hat stets den Mangel innerer Herzlichkeit gehabt, die das Bündnis mit Deutschland weit über eine bloße politische Interessengemeinschaft emporhebt. Das ist auch in der letzten Zeit nicht besser geworden, obwohl Italien durch

Ehe ein Sakrament, das unauflöslich bleibt.^ König Humbert aber war der Atheist, der Spötter, der in seiner Abneigung gegen alles Kirchliche nur von seinem Schwager, dem Prinzen Jerome Bonaparte (Vater des mit . der Tochter Leopolds von Belgien vermählten Prinzen Viktor Bonaparte) über» tröffen wurde. Auch Jöromc ^ hatte^eine womöglich „och frommere -Gattin, des „Kirchenräubors" Viktor Emanuel erst­geborene Tochter Klothilde, die nur ein ernzigesmal ihr Rom, das Roni -ihres Papstes, betrat, -nämlich dann, als ihr Gatte auf dem Sterbebette lag, der ihr von -da aus in seinem nimmer totzukriegenden Zynismus zur.ief: „Ich glaube, die

Klerisei bekommt es fertig, dich -selig zu sprechen." Den Quirinal hatte Prinzessin Klothilde auch bei dieser Gelegen­heit nicht betreten wollen, wie sie auch dreizehn Jahre vorher ihre Reise, die sie unternommen hatte, um ihren Vater zum letzten Male zu sehen, kurz vor Rom unterbrach, als ihr die Meldung wurde, daß der König schon gestorben wäre.

Auch -die Herzogin Litta war eine gläubige Katholikin zeitlebens -gewesen. Die Haltung eines Hauskaplans war bei ihr genau so zur ständigen Institution geworden wie bei den weiblichen Mitgliedern des königlichen HofeS. Und dem Vati­kan war diese Einrichtung aus mehr als einem Grunde sym­pathisch. Er hatte zwar mehrfach gegen König Viktor Emanuel II. den großen Bannfluch ausg-sstoßen. Aber als der evste Hofkaplan unmittelbar nach dem Tode des Königs zu Pius IX. kam un-d diesem bekannte, daß -er trotz des Fluches dem Monarchen -die letzte Ölung gereicht habe, be­schwichtigte ihn der Papst mit den Worten: „Hai fatto bene, hai fatto bene!" (Das hast du brav -gemacht!) Das rein persönliche Verhältnis zwischen König Viktor Emanuel II. und dem Papst Pius IX. -war kaum je getrübt. Beide glichen sich in ihrer Wesensart zu sehr, als daß sie sich nicht auch in ihren Motiven hätten verstehen können. Der König hatte dem Papst „unter der Hand" allerlei Gefälligkeiten bei der Ordnung vatikangeschäftlicher Angelegenheiten erwiesen, Schwierig­

seine Mittelmeerpolitik gegenwärtig fester an den Dreibund gedrängt wird denn je und durch seine Interessen in Albanien einen gemeinsamen Weg mit Österreich einschlagen mutz. Italien hat stets eine sehr nüchterne praktische Politik ge­trieben. Seine Zugehörigkeit zum Dreibund hat es nicht ge­hindert, seinerzeit mit Frankreich und England das Mittel- meerabkommen zu treffen. Jetzt ist dieses Abkommen kon­sumiert, die weitere Mittelmeerpolitik Italiens ist nur mit der vollen Unterstützung der Dreibundmächte durchzuführen. Die Weltfremdheit Goluchowskis hat Italien auch am Balkan eine Interessensphäre eingeräumt. Ein großer Teil der zag­haften Politik des Grafen Berchtold während des Balkan­krieges ist aus diesen Hemmschuh zurückzuführen. Österreich hat während der Krise für Albanien die Kastanien aus dem Feuer geholt, hat 300 Millionen für Kriegsrüstungen aus­gegeben, sich den Hatz Serbiens zugezogen und seinen einzigen Freund am Balkan, Rumänien, abgestotzen. Italien hat sich in dieser Zeit sehr vorsichtig im Hintergrund gehalten. Ihm hat die ganze Balkankrise nicht eine Lire Kosten verursacht und sein Verhältnis zu Serbien ist' eher besser als schlechter ge­worden. In Albanien aber ist heute der italienische Einfluß ausschlaggebend. Italien arbeitet fieberhaft, um sich in Albanien die wirtschaftliche Vormachtstellung zu sichern. Italienische Ansiedler überfluten das Land. Nach Skutari allein sind im März gegen 200 italienische Familien überge­siedelt. Die italienischen Bewohner Albaniens erhalten reich­liche Geldunterstützungen, Grund und Boden, und das italie­nische Konsulat ist beauftragt, ihnen nach allen Richtungen hin die Wege zu ebnen. Der Nachrichtendienst bei den albani­schen Postämtern ist durchaus italienisch, Telegrammgebühren nach Italien sind über die Hälfte billiger als nach Österreich, selbstverständlich werden alle Telegramme über Italien auf­gegeben. Am der albanischen Küste ist die italienische Sprache vorherrschend. Die italienischen Händler beziehen ihre Waren vielfach zollfrei, -da sie unter dem Deckmantel „für das italie­nische Militär" ankommen. Die Schiffahrtsverbindung mit Italien ist eine bei weitem bessere als die mit Triest. Der Kandidatur des Fürsten zu Wied ist Italien anfangs mit sehr gemischten Gefühlen gegenübergestanden. Es zeigt sich jedoch jetzt schon, daß der italienische iZinfluß auch unter diesem Herrscher der tonangebende ist. Das Kabinett Turkhan- Pascha ist in seiner überwiegenden Mehrheit aus Männern zusammengesetzt, die ihre Direktiven aus Rom beziehen. Der leitende Mann des Kabinetts ist Essad-Pascha, -der aus seinen Sympathien für Italien kein Hehl macht, so weit ihm seine Intrigen gegen seinen eigenen Fürsten dazu Zeit lassen. Österreich vermag sich weder politisch noch wirtschaftlich in dem neuen Albanien durchzusetzen. Italien beschränkt seinen Ein­fluß keineswegs auf die ihm zugewiesene südalbanische Zone, sondern ist am besten Wege, Albanien zu einer italienischen Kolonie umzuwandeln. Zunächst natürlich wirtschaftlich. Das sind Tatsachen, die durch Ministerbesprechungen nicht aus der Welt zu schaffen sind und die sämtlich -darauf Hin­weisen, daß Albanien in der Zukunft einen gefährlichen Kon­fliktstoff in sich trägt. Österreich hat sich in Albanien allem Anschein nach so etwas wie ein zweites Schleswig-Holstein geschaffen.

Der italienische Minister des Äußern mußte auf seiner Reise nach Abbazia in den italienischen Grenzstationen öster­reichfeindliche Demonstrationen über sich ergehen lassen, und die italienische Presse benützte in wenig taktvoller Weise gerade den Anlaß der Ministerbesprechung, um sich über die Behand-

k-eiten aus dem Wege geräumt, die -die Regierung nicht hätte 'beseitigen können, ohne das Volk vor den Kopf zu stoßen. Und der Papst wußte die Lage des Königs zu würdigen. Einem on dit zufolge soll Pius IX. auch über die unterschiedlichen Liaisons des Königs, die ja allenthalben -bekannt waren, nicht allzu scharf geurteilt haben. Es machte im Vatikan immerhin großen Eindruck, daß der Regalantuomo es rat Jahre 1869 es für ang-ezeigt hielt, seine langjährige Freundin, die schöne Rosalia, die Tochter eines Feldwebels aus dem Piemont, nicht nur -zur Gräfin Mi-rafiori zu erheben, sondern sie auch in Florenz zur linken Hand zu ehelichen. Diese neue Königin zur Linken hatte nach der Trauung nichts Eiligeres zu tun, als nach dem Rom des Papstes zu fahren und ihm dort ihr« Söhne, die Kinder des Königs, vMzuftellen. Bon jenen Visiten weiß man allerlei Drolliges zu berichten. Mit der Bildung der KöniyHgräfin im allgemeinen und mit den Ge» schichtskenntnissen der Dame war es nicht weit her. Und so konnte cs nicht ausbleiben, daß sie in ihrer Unterhaltung mit dem Papste vielfach daneben hieb, jeidenfalls hat der letztere nach seinem eigenen Geständnis viele Jahre nicht so herzhaft gülacht als in den Stunden, da er die Freundin des „Kirchen» räwbers" persönlich kennen lernte.

Man hatte damals lange nach den Gründen geforscht, die es dem König eingegeben, die nicht mehr in ihrem Jugendreiz prangende^ Rosalia zur Gattin zu machen. Ob die Annahme gerechtfertigt -ist, paß er lediglich der Herzogin Litta zum Tort die eheliche Bindung vorgenommen, muß -dahingestellt bleiben. Um die schöne Bolognina, wie Eugenia Litta ge­nannt wurde, hatte er schon in den Jahren geworben, wo er ihr noch nicht das -geeinigte Königreich Italien hätte zu Füßen legen können. Als er im Jahre 1869 Rosalia zum Altar -führte, stand die Herzogin im 33. Lebensjahre und war der Abgott der italienischen Gesellschaft. Nur der papstergebene römische Adel wollte von ihr nichts wissen. Ihm erschien sie zu patriotisch — ungläubig. Mit ihrem Gatten war sie wogen