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Nr. 132. * 62. Jahrgang.
Montag, 20. flprtl 1914.
Kbenfe-Ausgabe.
Der mm Ltatlhalter.
An demselben Tage, an dem das 99. Regime n t, von der Bevölkerung freudig begrüßt, seinen Einzug in Zabern hielt, dessen Atmosphäre seit der Beseitigung der Kabinettsorder von 1820 einigermaßen gereinigt ist, hat der Kaiser, wie am Lamstagabend in spater Stunde durch das offiziöse öureau bekanntgegeben ist, das Abschiedsgesuch des Statthalters Grafen Wedel genehmigt, während z, gleichzeitig der bisherige preußische Minister des Innern v. Dallwitz zu seinem Nachfolger bestimmt »vurde. Mit allen Ehren wurde Gras Wedel verabschiedet, mit allen, denn der Kaiser hat ihm nicht nur öle Fürstenwürde verliehen, sondern die Elf a ß- j Lothringer haben ihm. worüber wir unten berichten, Abschiedskund-gebungen bereitet, wie sie selten einem scheidenden Manne zuteil geworden sind.
Aber von dem scheidenden wendet sich der Blick dem 'freuen M anne zu. Die Berufung des Herrn von Dallwitz ans den Statthalterposten bedeutet keine Überraschung. Man hatte seit langer Zeit damit gerechnet, und die Besorgnisse, die in den Reichslanden vielfach ! an die Berufung des als „preußischen Junker" verschrienen Ministers geknüpft wurden, haben sich einigermaßen gelegt, seitdem man gesehen hat, daß Graf ' ködern, der mit Herrn v. Dallwitz nah verwandte Und eng befreundete Staatssekretär, der ja die Verant- Mortung für die elsaß-lothringische Politik trägt, alles I eher denn ein Scharfmacher ist.
Die Laufbahn des Herrn v. D a l I w i tz ist eigen- j [ artig genug. Vom K a n a l r e b e l l e n zum Statist h a l te r! ' Es erging ihm wie dem Schillerschen . Taucher, „es war mir zum Heil, es riß mich nach oben", ä nur daß ihm das Glück treuer blieb als dem Taucher.
A'.u 29. September 1856 in Breslau geboren, wandte p sich Johann v. Dallwitz der Verwaltungslaufbahn zu. 1886 wurde ihm die Landratsstelle des Kreises Lüben kommissarisch und 1887 definitiv übertragen. Als er 1893 ins preußische Abgeordnetenhaus als Vertreter bon Mogau-Lüben gewählt wurde, schloß er sich dem !' wchwn Flügel der konservativen Partei an und wurde also, wie erwähnt, im August 1899 wegen seiner Opposition gegen den Mittellandkanal zur Dispost- ' tion gestellt. Die Maßregelung war jedoch nicht von langer Dauer, denn schon im Januar 1900 wurde er 3Um R e gierungsrat beim Oberprasidium in 'Hosen ernannt und im Dezember desselben wahres als Hilfsarbeiter ins Ministerium des Innern berufen, wo er am 1. Juni 1901 zum Vortragenden Rat aufrückte.
! Oktober 1902 wurde er zum Leiter des Dezernats für i Personalien ernannt, also derselben Abteilung, dre ihn drei Jahre vorher gemaßregelt hatte, weil er sich in seinem Verhalten bei der Abstimmung über die Kanal- s dorlage „mit allen Traditionen der Preußischen Verwaltung in Widerspruch gesetzt" hatte! Aber ferne Laufbahn riß ihn schnell weiter nach oben. Am 9 Januar 1903 wurde er zum anhaltrschcn S t a a t s m i n i st e r ernannt, und er war auf diesem kosten 6 Jahre tätig, leistete sehr Tüchtiges ^ind erwarb sich nahezu allgemeine Anerkennung, dsncher 1909 wurde er wieder in den preußischen >., Staatsdienst berufen, und zwar auf den Posteii des Dberpräsidenten der Provinz Schlesien. Wenige Monate später, im Juni 1910. wurde er darin als r Nachfolger des Herrn v. Moltke Minister des „Mnern, ulfo Leiter des Ressorts, das ihn einst als Kanalrebellen ^maßregelt hatte. Als Minister des Innern hat er sich stets' des Beifalls der ä u ß e r st e n R e ch t e n er- \ freut. Aber wenn er schon in Anhalt gezeigt hatte, daß ] 'fr sich anderen Anschauungen anpassen kann, so wird >fran auch in den Reichslanden, wo er sich nicht, wie der Polizeipräsident v. Jagow es meinte, „beinahe wie in Feindesland" fühlen dürfte, seine Taten abwarten »lilssön. Tie Berufung des Herrn v. Dallwitz auf den ; ^tattbalterposten ist ein Werk des Reichskanzlers, Und dieser hat es ja als einen naiven A b e r- y SI a iiB e n bezeichnet, daß, was die Gewalt errungen hat n u r d i e Gewalt behaupten könne.
Eine Überraschung bedeutet die Ernennung des tzsrkl Geh Rates v. Loebell zum Nachfolger des Herrn v. Dallwitz. Friedrich Wilhelm v. Loebell, der letzt 59 Jahre alt ist, wurde 1884 Landrat des Kreises Auhaus in Hannover, nachdem er das Amt schon ein z äabx kommissarisch verwaltet hatte. 1887 wurde er 1 pfrnbrat des Kreises Westhavelland, diesen Posten veraltete er 11 Jahre lang; 1898 wurde er als Vertreter b ort Westhavelland-Brandenburg in den Reichstag gewählt. wo er sich der konservativen Partei an- > chloß' Als er 1900 Generaldirektor der Landfeucr- wzietät der Provinz Brandenburg wurde, schied er aus i fri Reichstag aus, gehörte aber dann von 1901 bis *904 dem Abgeordnetenhause an. In diesem Fahre Mrde er zum Chef der Reichskanzlei ernannt, wo er reckte Hand des dürften Bülow war. Und
so verließ er auch die Wilhelmstraße, als Fürst Bülow von seinem Posten zurücktrat. Zwar wurde Herr von Loebell damals zum Oberpräsidenten der Provinz Brandenburg ernannt, aber er trat diesen Posten aus Gesundheitsrücksichten nicht an. Die jetzige Berufung Herrn v. Loebells ins preußische Ministerium ist ein nicht ungeschickter S ch a ch z u g der Regierung. Herr v. Loebell, an dessen konservativer Gesinnung niemand den geringsten Zweifel hegt, ist nicht destoweniger auch der Linken durchaus sympathisch. Als eifriger Mitarbeiter des Fürsten Bülow, als Chef der Reichskanzlei war er einer der Väter des Blockgedankens, der der bürgerlichen Linken die seit den Tagen Delbrücks und Kamphausens verlorengegangene Regierungsfähigkeit wiederbrachte. Nach der Zertrümmerung des Bülowblocks und dem Abgang des Reichskanzlers schied auch Herr v. Loebell aus dem politischen Leben. Herr v. Loebell ist gewandt, beliebt und kennt den Verwaltungsdienst der preußischen Regierung aus eigener Tätigkeit. In politischen Kreisen deutet man seine Berufung ins Ministerium des Innern dahin, daß nunmehr die W a h l r e f o r m, deren entschiedener Gegner Herr v. Dallwitz war, ernstlicher betrieben werden solle. Inwieweit das zutrifft und wann es zutreffen wird, bleibt natürlich abzuwarten. Jedenfalls zeigt aber diese Personalveränderung, die der Initiative des Herrn v. Bet h mann-Hollweg entspringt, daß die Stellung des fünften Reichskanzlers, welche eine Zeitlang als erschüttert angesehen wurde, wieder als durchaus befestigt gelten kann.
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Der Abschied fees Fürsten Wedel.
* Straßbnrg, 20. April. Der gestrige Tag, der dem Abschied des Fürstenpaares Wedel gewidmet war, nahm einen glänzenden Verlauf. Aus allen Teilen Elsaß-Lothringens hatten Extrazüge Tausende von Einwohnern nach Straßburg gebracht, die bereits in den frühen Nachmittagsstundcn die Straßen belebten. Große Menschenmassen wogten während des ganzen Tages und abends zu beiden Seiten der Straßen auf und ab, während die Hauptstraße von 8 Uhr abends für den Verkehr gesperrt wurde. Zahlreiche private und amtliche Gebäude trugen reichen Flaggenschmuck und erstrahlten abends im Scheine prächtigster Illumination. Punkt 8i/ 2 Uhr setzte sich von der Pioniergasse aus die erste Marschsäule des Fackelzuges in Bewegung, den Lezah- Marnesia-Staden entlang am Statthalterpalats, der alten Präfektur vorbei, wo von der Ballustrade des Gartens aus Fürst und Fürstin Wedel die imposante Huldigung entgegen- nahmen. Der Zug, der größte Fackelzug, den Straßburg wohl gesehen hat, wurde eröffnet von einer Gruppe Altstraßburger Pompiers, Feuerwehrleute mit Raupenhelm und Steinschloßflinten, dahinter die Feuerwehrveteranen von 1870, an welche sich die populäre Pompierkapelle anschloß. Eine hübsche Gruppe, zwei Elsässerinnen und zwei Lothringerinnen sowie junge Straßburger Damen in Tracht, folgten. Die nächste Gruppe wurde von den Abordnungen auswärtiger Elsaß- Lothringer-Vereine eröffnet, darunter Vertreter der Berliner, Frankfurter, Münchener und Saarbrückener Landsmannschaften. Bemerkenswert aus der weiteren Folge des Zuges sind die Gruppen der Studentenschaft, diese meist in Wichs und teils beritten, mit Pechfackeln, während die übrigen Teilnehmer des Zuges Lampions in den Landes- und den Stadtsarben, Weiß und Rot, trugen, die Musik-, Gesang- und .Sportvereine ' der großindustriellen Firmen (Elsässische Maschinenbaugesellschaft Jllkirch - Grafenstaden, Adler und Oppenheimer, Aktiengesellschaft L. Ungemach) und die große Gruppe der Kriegervereine. Den Schluß des Zuges, dessen Vorbeimarsch nahezu 2 Stunden in Anspruch nahm, bildeten 36 Gesangvereine von Straßburg und Umgebung, die sich alsbald gegenüber dem Statthalterpaar zur Serenade formierten. Fürst und Fürstin Wedel der elftere in einfachem schwarzen Gehrock — dankten unermüdlich und sichtlich bewegt mit liebenswürdigem Lächeln und sich verneigend für die ununterbrochene Reihe der Huldigungen, die in kräftigen Hochrufen und Hüteschwenken der vorübergehenden Gruppen sich äußerten. Die sich gegen 10 Uhr anschließende Serenade bestand aus zwei Musikvorträgen und drei Gesangsnummern, darunter das „Elsaßlied bon Wiltberg (Colmar). Die Leitung derselben lag in den Händen des Musikdirektors Fridel, nach deren Schluß der Präsident des elsaß-lothrjngi- schen Sängerbundes, Rechtsanwalt Dr. Zenner, eine Ansprache an das Fürstenpaar
richtete. Er gedachte der sympathischen Persönlichkeiten des Statthalterpaares, die „heute noch einmal ihre versöhnende und einigende Kraft gezeigt und uns, die wir allen Schichten der Bürgerschaft entstammen, in einer bisher noch nie gesehenen großen Zahl zu dieser einmütigen, gern und frei gebotenen Huldigung verbunden. Zum letztenmal grüßen wir Eure Durchlaucht und Ihre Durchlaucht in° Ihrem gastfreundlichen Heim zu Siratzburg in aufrichtiger und dankbarer Verehrung. Wir werden Sie aber nicht vergessen; in unseren Herzen, in der Geschichte des Landes ist Ihren Persönlichkeiten und Ihrem Wirken die ehrenvollste Erinnerung gesichert." Der Redner gab dann der festen Über- zeuguna aller im Lande Ausdruck, daß Graf Wedel „mit uns
empfand, daß er für uns ein Herz gehabt und daß er nach bestem Können stets entschlossen gewesen, alle Interessen des Landes, seine Würde und Freiheit zu wahren". Mit feinem Takt und staatsmännischer Klugheit, betonte der Redner, habe Fürst Wedel gewisse unvermeidliche Konflikte rn diesem Lande zu verringern gewußt und deren Folgen weise und wirkungsvoll auszugleichen verstanden. Auch den schönen Sitten und Gebräuchen der Heimat sei Fürst Wedel in steter Hochachtung begegnet. Redner gelobte in dieser Erinnerung: „In Treue wollen wir festhalten an der Eigenart des Landes, wollen die alten Erinnerungen ehren und die Pflichten der Gegenwart loyal erfüllen im engen festen Anschluß an Kaiser und Reich!" Dann wandte sich Redner der Fürstin Wedel zu und sprach: „Als Fremde kamen Sie, durchlauchtigste Fürstin, vor sieben Jahren in unser Land, als echte LandeS- mutter haben Sie in diesen sieben Jahren an der Seite des Herrn Statthalters gewaltet; als liebe, als geliebte Freundin der Heimat scheiden Sie von hier." Der Redner gedachte noch der vornehmen und liebenswürdigen Gastfreundschaft der Fürstin Wedel, die sie in ihrem Heim gepflegt, und der svm- pathischen und freundlichen Beziehungen, die gleichmäßig die Frau des Beamten wie die des Bürgers umfaßten. Besonders feierte schließlich Dr. Zenner die Fürstin Wedel als die gewandte Veranstalterin der Straßburger Wohltätigkeitsfeste: „Die Armen und Notleidenden der Stadt und des Landes werden ihre stille Wohltäterin in dankbarem Gedächtnis behalten." Die Rede klang in einem Hoch auf das Statthalterpaar aus, das begeistert ausgenommen wurde. Die Töchter des Bürgermeisters in altelsaß-lothringischer Tracht brachten prächtige Blumenspenden dar.
Auf die Ansprache des Rechtsanwalts Dr. Zenner erwiderte der
Statthalter ZKrst Wedel
mit folgenden Worten: „Meine Herren! Im Namen meiner Frau und in meinem eigenen sage ich Ihnen herzlichen Dank für die so freundliche und ehrende Ansprache, die Herr Rechtsanwalt Dr. Zenner als Ihr Wortführer an uns gerichtet hat. und für die hohe und uns innig erfreuende Ehrung, die uns durch den imposanten Fackelzug und durch die großartige Serenade bereitet worden ist. Aus der regen Beteiligung weiter Kreise der Bevölkerung an dieser Ehrung glauben wir den uns mit größter Freude erfüllenden Schluß ziehen zu dürfen, daß unser redliches, immer auf des Landes Bestes gerichtetes Wollen gewürdigt worden ist. Wenn es mir dabei oft n i ch t vergönnt war, auch das Beste zu erreichen, so wollen Sie in der menschlichen Unvollkommenheit und in den oft schwierigen Verhältnissen eine Entschuldigung dafür finden. Wohl habe auch ich im Kampfe gestanden, und — wie ich hier ausdrücklich hervorheben möchte — in voller Einigkeit mit meinen einstigen Mitarbeite rn.
Unser Kampf aber hat sich niemals gegen das Volk gerichtet, das wir als loyal und zuverlässig stets aufrichtig geschätzt und gewertet haben,
sondern lediglich gegen einzelne Elemente, deren Wirksainkeit wir für Reich, Land und Volk als s ch ä d l i ch erachteten.. Meine Frau und ich haben dieses schöne und uns zur zweiten Heimat gewordene Land und ferne kernige und arbeitssamc Bevölkerung wahrhaft lieb gewonnen und werden seine ferneren Geschicke mit lebhaftem Interesse und den wärmsten Wünschen bis an unser Lebensende begleiten. Bringen Sie. meine Herren, der neuen Regierung vollstes Vertrauen entgegen! Tragen Sie die Überzeugung in immer wertere Kreise, daß des Landes Wohlfahrt und Entwicklung bei ungestörter Wahrung seiner berechtigten Stammeseigenart mit dem zielbewußten und festen inneren Anschluß an das große deutsche Vaterland enge verknüpft ist, daß nur der nach vorwärts und nicht der nach rückwärts gewandte Blick den Weg in eine glückliche Zukunft findet. Schaffen Sie damit das sichere nationale Fundament, auf dem einst weitergcbaut werden kann!
Ehren Sie die Armee, welche die Blüte unseres Volkes darstcllt und die der Hort unserer Sicherheit ist
und widerlegen Sie damit am besten die manchmal auftauchende ungerechtfertigte Behauptung, daß die Elsaß-Lothringer, die ja von jeher gerne und dabei tüchtige Soldaten joarcn, dem Militär unfreundlich oder gar feindlich gegenüberständen. Dies, meine Herren, sind die Bitten, die ihr scheidender Statthalter, dem das Wohl des Landes warm am Herzen liegt, an Sie richtet, weil Sie damit den Gegnern, den ehrlichen wenigstens, die Angriffs- w«ffe aus der Hand nehmen werden. Danken Sie herzlich allen Teilnehmern an der heutigen Ehrung und bewahren Sie auch m der Ferne uns ein freundliches Andenken, wie Ihnen ein solches bei uns allezeit gesichert ist. Und nun, meine Herren, fordere ich Sie auf, auch bei diesem Anlaß mit uns desjenigen dankbar zu gedenken, der an höchster Stelle die Geschicke des Landes leitet, der denselben während seiner fast 26jährigen Regierung stets ein gleich warmes Interesse gewidmet hat und auf dessen gnädige und tatkräftige landcs- väterliche Fürsorge das Land auch ferner unbedingt zählen darf: Seine Majestät der Kaiser lebe hoch!"
Nach Schluß der Serenade waren die Vorsitzenden der Verbünde und Vereine, die an dem Fackelzug teilnahmen, sowie die Präsidenten der Kammer des Landtags im Palast zum Empfang gebeten, wobei das Statthalterpaar Gelegenheit
