Verlag Langgaffe S1
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Sonntag, 19* Hpvil 1914.
Morgen - Ausgabe.
Nv. 181. » S2. Jahrgang«
NehrNücksicht unöTeilnahme!
Von Pfarrer Encke in Sinn.
»/Herr Pfarrer, womit habe ich Sie eigentlich beleidigt?" So fragte mich einst ein alter Mann meiner Gemeinde auf dem Westerwald, an dessen Haus ich fast täglich vorbeikam. Aufs höchste erstaunt über diese Frage, die ich mir gar nicht erklären konnte, bat ich ihn um Auskunft darüber, wie er eigentlich zu dieser sonderbaren Annahme komme, und hielt ihm vor, daß ich nie ohne freundlichen Gruß an ihm vorübergegangen sei, wenn er an der Haustür stand oder in seinem Hof beschäftigt gewesen sei. „Ja, gegrüßt haben Sie mich stets, aber schon öfter in der letzten Zeit haben Sie nicht mit rnir gesprochen." Meine Versicherung, daß ich nicht das geringste gegen ihn habe, wohl aber von meinen eignen Gedanken so erfüllt gewesen sei, daß ich nicht daran hätte denken können, ein paar Worte mit ihm zu wechseln oder gar ein kleines Schwätzchen mit ihm zu halten, machte keinen Eindruck aus ihn. Obwohl ich selbst auf dem Land ausgewachsen bin, habe ich doch erst auf dem Westerwald lernen müssen, daß es da zum guten Ton gehört, daß man beim Vorübevgehen nicht bloß grüßt, sondern teilnehmend fragt: „No, Hannes, was ärbste?" (Was arbeitest du?l oder auch die Arbeit nennt, mit der der andere gerade beschäftigt ist: „Seid Ihr am Holzhacken?" „Seid Ihr am Waschen?" „Wollt Ihr ins Feld fahren?" usw. Je nach Zeit und Um- ständen und nach der Persönlichkeit des Fragers oder des Gefragten wird die Frage mit einem kurzen Ja oder einer ausführlicheren Auskunft beantwortet, die sich hier und da zu einem kurzen Gespräch auswächst. Dem Städter konrmt das lächerlich vor. Ich sehe ja, Was der andere arbeitet; wozu ihn noch danach fragen? Und doch liegt ein tiefer Sinn in dieser ländlichen Art der Höflichkeit. Es ist die persönliche Teilnahme am andern, das Interesse an seiner Arbeit, an seinen-:Freuden und Leiden. Jeder weiß sich in die Lebenslage des andern zu versetzen, weil sie der seinigen ähnlich ist; er selbst hat ähnliche Arbeit zu-verrichten, mit denselben Hindernissen zu kämpfen und hofft auf dieselben Erfolge. Das ist etwas Wertvolles für den Menschen selbst und für feine Stellung zu seinen Mitmenschen. Ich bin weit davon entfernt, den Bauer für besser zu halten als den Städter. Ich neige vielleicht eher dazu, die Vorzüge der Stadt in zu günstigem Licht zu erblicken, da ich nie längere Zeit in der Stadt gelebt habe; ich gebe sogar zu, daß der Bauer rm allgemeinen vielleicht häßlichere Charakterfehler aufzuweisen hat als der Städter, aber in einem Stück hat das Leben auf dem Land unzweifelhafte Vorzüge vor dem Stadtleben: die Menschen stehen einander näher in ihren Lebensund Arbeitsbeziehungen und werden so durch die Macht der Verhältnisse immer wieder darauf hingewiesen, das Wichtigste und Wertvollste, was es in der Welt gibt, zu beachten: den Menschen.- Darin liegt etwas Erziehliches. Vielleicht sind die Bauern deshalb noch etwas neidischer und hochmütiger _ als andere Leute, weil jeder den anderen mit all seinen Vorzügen und
Nachdruck verboten.
Nieder mit dem Kino!
Humoreske von Walter Heise.
Wir, einige Journalisten, Literalen und .Schauspieler, saßen eines Abends einmal wieder an unserem Stammtisch zusammen. Plötzlich fragte einer aus der Runde: „Doktor- chen, ich glaube gelesen und gehört zu haben, daß Sie die Kientövpe ganz besonders hassen."
Der Redakteur nickte. Dann sagte er: ,,^ch habe eben eine recht unangenehme Erinnerung an den Kientopp. Wenn es Ihnen recht ist, will ich sie Ihnen erzählen: Bor etwa
zwei Jahren saß ich in Wien als freier Schriftsteller. Durch eine Fülle von Schicksalsschlägen war ich damals ziemlich abgebrannt und suchte jede Gelegenheit wahrzunchmen, mir aus rechtschaffene Weise schnöden Mammon zu verschaffen. Eines TageS las ich ein Inserat: Zur Aufnahme eines Sensationsfilmes werden noch einige bessere Herren gegen Vergütung als Mitwirkende gesucht." Und da ich mich immerhin noch als „besserer Herr" fühlte, beschloß ich, mitzu- Machen.
Ich ging also nach der näher bezeichneten Zentrale, wo mich ein elegant gekleideter glattrasierter Herr sehr freundlich empfing. Es hätten sich zwar schon mehrere Herren gemeldet, aber ich schiene ihm besonders geeignet, sagü er. Als ich einwarf, daß ich schon an Lie'bihäberbühnen mitgewirkt, nähm er mich an. Dann zog er fünf Gulden Vorschuß auf ein noch zu zahlendes Honorar von 18 Kronen aus der- -Tasche. Schon. wollte; ich sie einstreichen. Da sagte er mit überlegenem Lächeln: „Wir müssen ganz sicher gehen, mein Herr. Die Konkurrenz ist uns furchtbar aus den Fersen, und wenn sie etwas von unserm Plane erführe, wäre alle Müh? und pekuniäre Anstrengung vergeblich. Wollen Sie daher diesen Revers unterschreiben?" Und damit schob er mir einen Zettel hin. Da stand zu lesen, daß der Unterzeichnete unver-
Schwächen so genau kennt und auf dem dunklen Hintergrund der letzteren den eigenen Wert um so heller kann ausleuchten lassen. Neid und Hochmut sind -gewiß recht häßliche Dinge, die den Menschen innerlich verderben, aber dennoch sind sie vielleicht weniger schlimm und gefährlich als jene kalte Gleichgültigkeit, die den andern gar nicht sieht oder ihn wie Luft behandelt. Führt das nichts geradezu zum Tod alles wirklich Wertvollen im Menschen? Bedeutet es nicht ein Herabsinken auf eine recht tiefe Stufe des Lebens, wenn der Mensch mir an sich denkt und gar nicht an andere und infolgedessen auch nicht an das große Ganze, dessen Teil er nur ist? In diese Gefahr kann das Leben in der großen Stadt den einzelnen nur allzuleicht bringen. Man kennt einander nicht, man rennt eilig aneinander vorüber, denn niemand hat Zeit, selbst Freunde und Bekannte nicht, die einander begegnen. Das läßt sich nicht ändern; die Verhältnisse bringen es so mit sich und wird wohl immer so bleiben müssen. Aber schön ist's nicht und gut erst recht nicht. Wer sicht überhaupt noch die Menschen, die einem aus der Straße begegnen? Höchstens wirst man einen Blick auf ihre Kleider und auf ihre Hüte, im günstigsten Fall wohl einmal aus ein schönes Gesicht oder eine schöne Gestalt. Wenn man aber die Menschen gar nicht mehr, sieht, wie kann man sich dann innerlich mit ihnen beschäftigen und Anteil an ihnen nehmen? Auch wer im raschesten Schritt durch die Straßen eilt, vollauf beschäftigt mit feinen, eigenen Angelegenheiten und Sorgen, kann doch mit einem einzigen Blick die Menschen umfassen, die an ihm vorübergehen, mit einem Blick, der in den andern einzudringen sucht und allerlei Fragen weckt, die wie Funken auf ihn selbst zurückspringen und in seinem eigenen Innern jene Lebensflamme aufflackern lassen, welche die nötige Wärme Hervorrust, unter deren Einwirkung das Wachstum der eigenen Persönlichkeit gedeihen kann und auch andern Menschen sich wohltuend fühlbar macht. Im Rennen und Jagen der großen Stadt können wir nicht wie der Bauer auf dem Land jedem Vorübergehenden Gruß und teilnehmende Fragen entgegenrufen, wohl aber können wir die Gesinnung hegen, die im letzten Grund den Boden bildet, aus dem jene ländliche Sitte hervorgewachsen ist. Was der Bauer, der bekanntlich immer Zeit hat, sagt und tut, kann der Städter, der nie Zeit hat, wenigstens denken, denn bekanntlich geht das. Denken so blitzschnell vor sich, daß es so gut wie gar keine Zeit erfordert. Lernt der Mensch erst seine Augen, auf- machen, sieht er erst einmal, daß die Menschen, die an ihm vorübereilen, etwas anderes sind . als bloß Luft oder wandelnde Kleidergestelle oder im besten Fall „andere Leute", die einem nichts angehen, daß sie Menschen sind, wie er auch, mit demselben Hunger nach Glück, Freude, Liebe, mitten hineingestellt in denselben Kampf gegen die zahllosen Lebenshemmungen, gegen äußere und innere Not, dann erwacht rn seinem Herzen das Interesse und die Teilnahme und er überschaut die vielen fremden Gesichter mit der blitzschnellen Frage: Was mag dahinter verborgen fern? Was mag diesen
brüchliches Stillschweigen gelobe, andernfalls er 200 Kronen Strafe an .!>te Nene Fi!nigL! ?^scha ft zu zaylen Jjätte.
Meine Herrschaften, wissen Sre, was ein knurrender Magen ist? Sie wissen es, und. ich wußte es damals auch. Darum unterschrieb ich ohne Besinnen und steckte schnell die fünf Kronen zu mir aus Furcht, daß dieser Schatz noch im letzten Augenblick entschwinden konnte. .Der andere sah dies mit Befriedigung, steckte den Reveiw in seine Tasche und sagte weiter: „Sie werden sdhen, daß di-eus Geld leicht verdient ist. Kommen Sie also bitte heute abend gegen 11 Uhr wieder hierher. Ziehen Sie bitte Ihre schlechteste Kleidung an, und dann gehe ich mit Ihnen zur Zentralbank, wo der groß» Semationsfilm ausgenommen werden trnrd."
„Hat denn die Kinogesellschaft keine Versuchsbühne?" bemerkte ich schüchtern. Er lachte geringschätzig. „Mit so abgebrauchten Mitteln arbeiten wir nicht. Wir pflegen den realistischen Film. Und da einer der Aussichtsvatmitglieder der Bank zugleich unserem Vorstand angehört, sparen wir ja auch Kosten."
„Ich möchte aber — —"
„Sie möchten zurücktreten,-nicht .wahr? Dann bitte ich um die 200 Kronen Reugeld... Wir müssen uns, wie gesagt« gegen die Konkurrenz sichern. Und damit schob ex mir den Revers wieder hin.
Erschreckt hielt ich meine fünf Kronen feist und sagte fast flöhend: „Verzeihen Sie, bitte. Selbstverständlich wirke ich mit!"
„Schon gut!" lächelte er wieder. „Also kommen Sie pünktlich. Iw übrigen: ein Mann, ein Wort!" Cr leigte vielsagend den Finger auf seine Lippen und ich -ging.
- Ich will ehrlich sagen, daß ich mich über die schroffe Art des Menschen geärgert hatte. Doch dann restaurierte, ich mich ein wenig. Da zerstoben auch meine letzten Bedenken. Und als der Abend gekommen war, zog ich meine schlechteste Garderobe an, um noch die anderen zehn Kronen zu-verdienen, und ging wieder zur Kinozentrale.
und jenen drücken? Was mag er alles schon hinter sich haben? Was steht ihm bevor? Und die eigenen Nöte und Sorgen erscheinen dann manchmal lange nicht so groß und schwer wie vorher, als man nur geradeaus vor sich in die Luft sah oder gar nur auf seine Fußspitzen, ohne die Menschen zu sehen, die -an uns vorübergingen. Die sonnigen Stellen aus dem eignen Lebensweg, die wir oft genug undankbar übersehen, weil das dunkle Gewölk,' das am Horizont aufsteigt, unfern Blick abzieht und trübt, erscheinen uns wieder beachtenswert und wecken nicht bloß neue Stimmungen — Zufriedenheit, Dankbarkeit —, sondern auch neue Tatkraft. Hat man erst einmal gelernt, in den Leuten wirklich Menschen zu sehen, und d-as Leben bringt uns dann in seinem tollen Wirbel, wo die einzelnen Menschen wie Atome oder Staubteilchen durcheinan-dergeworsen. werden, mit dem einen oder andern in nähere Berührung, mag dieselbe nun geschäftlicher oder mehr persönlicher Art sein, dann wird man ganz von selbst dazu kommenden oben erwähnten Westerwälder Höflichkeitskommeni zur Anwendung zu bringen, wenn auch nicht wörtlich, so doch dem Sinn und Geist nach. In einzelnen Fällen kann sich dann auch einmal ein näheres Eingehen auf die Lebens-Verhältnisse des andern ergeben und es entsteht dann eine Zwiesprache zwischen Mensch und Mensch, die für beide Teile ein Gewinn ist. Sobald man jedoch zu den Menschen von derartiger Teilnahme redet, die wir einander entgegenbringen sollen, denken die meisten gleich an Almosen und Unterstützungen, zu denen man sie veranlassen wolle. So notwendig sie im einzelnen Fall sein mögen, im großen und ganzen schaden sie vielleicht mehr, als sie nützen; jedenfalls gibt's Menschen genug, denen damit überhaupt nicht gedient ist, ja von denen sie vielleicht gar als eine Demütigung empfunden würden. Nach einem aber sehnt sich jeder Mensch und nimmt es mit herzlichem Dank an, wo's ihm geboten wird: Das ist die innere persönliche A n t ei l n a h me an seinem Ergehen, seinem Glück und seinem Leid. Das ist auch in den Augen von vielen armen und geringen Leuten 'viel mehr wert als Geld und Gut. Im rasch dahinflutenden Strom des Großstadtlebens, im heißen Kampf ums Dasein hat man oft wirklich keine Zeit, sich so eingehend um seine Mitmenschen zu kümmern, wie es der Bauer kann, der stets Herr ist über seine Zeit, aber die warmherzige Gesinnung, die den andern mit innerer Anteilnahme beachtet, kann und sollte jedermann haben. Sie kostet keine Zeit und bringt inneren Gewinn, weil sie den Menschen sittlich hebt. Freilich wächst solche Gesinnung nicht ohne weiteres von selbst, trotzdem die Menschennatur darauf angelegt ist; sie will geweckt und gepflegt sein. Je früher dies geschieht, um so besser ist's. Das Familienleben ist das Paradies, in dem diese zarten Keime geweckt und immer neu gehegt und gepflegt werden müssen. Je größer der Geschwi.ster- kreis ist, um so reicher bieten sich die Gelegenheiten, Verständnis und Teilnahme sür fremde Persönlichkeit zu Wecken. Die Schule soll dann das angefangene Werk sortsetzen, erweitern und vertiefen. Da kann dem Kind
Mein Gönner empfing mich schon am Eingang. Neben ihm stand noch jemand. Beide Herren^ batten ebenfalls Proletariertoilette angelegt. Eine gegenseitige Vorstellung er- fölgte nicht. Dann gingen wir zusammen zur Zentravbank. Mein Gönner flüsterte mir zu: „Also nicht zu viel reden, Mimik Ast ja die Hauptsache." Ich nickte. Dann waren wir da.- Jetzt zog mein Gönner einige Blendlaternen aus der Manteltasche, zündete sie an und gab mir eine. „Sie warten hier -am Hanpiiporial. während wir zum Tresorzimmer gehen. Der Operateur mit de-ni Ausnahme-Apparat muß gleich kommen", flüsterte er.
„Aber?" fragte ich leise.
„Was, schon wieder aber?"
„Wenn ein Wachmann kommt?"
^ „Natürlich kommt einer! Er muß mit auf den Film, sonst fehlt ja die Realistik. Aber es ist immerhin gut, daß Sie mich daran erinnern. Er heißt Schönmayer, und wenn er kommt, flüstern Sie ihm zu, daß er hier warten soll für den zweiten Akt des Films. Doch ich muß jetzt drinnen arbeiten. Geiben Sie mir ein leises Zeichen, wenn Sie Schönmaher sehen."
Ich wollte ihn noch etwas fragen, doch schon war er mit seinem Begleiter im KassengowiAbe verschwunden. Ich war allein und lauschte in die Nacht hinaus. Stille ringsum. Da hörte ich, wie drinnen im Kassengeiwölbe leise Eisen gegen Stahl klang. Und der Operateur war noch nicht da und Schönmaher auch nicht! Doch richtig, da kam er leise an. Aber nicht allein. Anscheinend waren im letzten Augenblick noch mehr Darsteller engagiert worden, denn er hatte drei uniformierte Begleiter. — „Schönmaher!" flüsterte ich. Die Wachleute stutzten, flüsterten miteinander und sprangen aus mich los. Einer packte mich am Halse, während nnch die anderen zu Boden warfen. „Schönmaher, der Direktor arbeitet drinnen!" ächzte ich, um mich der Umklammerung zu -entwinden. „Hailt's Maul, du Narr! Du stehst hier Schmiere! Wie viel seid ihr?" brüllte mich der eine Wach-
