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greilag. 17. Slpril 1914.

Morgen, klusgabe.

Nr. 177. 62. Jahrgang.

Wahlrechtsreform in dicht!

tVon unserer Berliner Redaktion,.)

Die allernächsten Tage schon werden endlich die Entscheidung darüber fallen lassen, wer als der Nach­folger des Grafen Wedel in das Straßburger Statt­halterpalais einziehen wird. Damit wird auch die Frage ihrer Lösung etwas näher gebracht werden, ob .man in Preußen damit rechnen darf, daß endlich ein besseres, weil gerechteres Wahlrecht das bisherige Drei­klassensystem ablöst. Sollte Herr v. Dallwitz wirklich der Nachfolger des Grafen Wedel werden, so wird man mit Bestimmtheit daraus rechnen können, daß ein n e u e r Minister des Innern sich nicht mit dieser Bestimmtheit auf das alte Wahlrecht festlegt, wie es der jetzige Minister mehr als einmal getan. Ja, man wird in seinen Hoffnungen weiter gehen können, ohne sich den Vorwurf utopistischer Neigungen zuziehen zu müssen.

Herr v. Zedlitz, der alte sreikonservative Politiker, hat in den letzten Sitzungstagen des preußischen Abge­ordnetenhauses die Äußerung getan, daß noch in dieser Session eine neue Wahlrechtsvorlage gemacht werden würde. Wer den edlen Octavio kennt, weiß, daß er gern einmal solch einen Satz apodiktisch in die Debatte wirft, ob dessen Kühnheit nachher allgemeine Ver­blüffung herrscht. Und in der Tat war denn auch die­ser Satz E zunächst vollständig untergegangen, bis ihn ein Berliner Blatt aus dem stenographischen Bericht ausgrub. Da zeigte sich denn in konservativen Kreisen allgemeines Schütteln des Kopfes. Hatte Herr von Zedlitz, wie er es auch sonst gern tut, bei der Regierung nur auf den Busch klopfen wollen, oder steckte hinter seiner Ankündigung doch ein Körnchen Wahrheit, hatte ?r nicht bloß etwas läuten hören, sondern wußte er auch, wo die Glocken hingen? Man wollte es nicht glauben und suchte sich hinter den Worten des Herrn 3. Dallwitz zu verschanzen. Der hatte bestimmt ver­sichert, daß das Wahlrecht nicht geändert werden soll. Zo wenigstens suchen die Konservativen es den Leuten im Lande draußen weiß zu machen. Dem ist aber durchaus nicht so. Selbst Herr v. Dallwitz, der Reaktionärsten einer, hat nur gesagt, daß die Regierung jetzt den Zeitpunkt sür die Vorlegung einer neuen Wahlreformvorlage für nicht gekommen erachtet. Nie- m a l s hat er es glatt abgelehnt, niemals behauptet, daß nun das jetzige Wahlrecht für alle Zeiten, wenig­stens so lange er am Ruder ist, stabiliert fern soll.

Aber die Hoffnungen seiner Freunde, daß er damals im Abgeordnetenhause nur so hin geredet, sich vielleicht inzwischen eines Besseren besonnen, macht Herr von Zedlitz in seinem Leibblatt, dem rotenTag , selbst zu­nichte. Von den Userp des Gardasees schreibt er einen Artikel, in dem er die gesetzgeberischen Aufgaben der Session und der ganzen Legislaturperiode zusammen­stellt und am Schluß heißt es da:So umfangreich und schwierig der Arbeitsstoff sür die dritte Session des Ge­setzgebungsabschnittes sich auch gestalten dürfte, so wird doch auf dessen Bewältigung entscheidender Wert zu legen sein, damit die Bahn freiwird für die zweckmäßig in der letzten Tagung ttt An- -griff zu nehm end e Reform unseres Wahl- rech t s." Hier spricht es Herr v. Zedlitz noch einmal offen aus, daß seine Worte in der Prinz Albrechtstraße mehr, waren als eine bloße p äw l a m e n t a r i s ch e

G e st e. Und wir können aus eigener Kenntnis heraus bestätigen, daß Herr v. Zedlitz diesmal vollkommen recht hat. Es sind nicht bloße Anzeichen dafür vor­handen, daß eine Reform des Wahlrechts in der Tat zu erwarten ist. Die Regierung hat mit der Zeit ein­gesehen, daß die Verhältnisse so sich nicht länger auf­recht erhalten lassen. Es wäre ja auch so unlogisch wie nur irgend etwas, wenn man nun für alle Zeiten auf die selbst als notwendig erkannte Reform verzichten wollte, nur weil der Entwurf des Jahres 1908 im Parlament keine Mehrheit gefunden. Wie wir be­stimmt versichern können, hat man weder in der Wil- helmstratze noch im Palais des Ministers des Innern Unter den Linden die Absicht gehabt, im Schmollwinkel sitzen zu bleiben. Selbst, wenn der Statthalterwechsel Herrn v. Dallwitz nicht der Reichshauptstadt entführen sollte, wird die Wahlreform kommen. Be­gründen wird Herr v. Dallwitz sie freilich nicht mehr. Die Entscheidung des Kaisers aus Korfu mag fallen wie sie will, Herr v. Dallwitz wird die Einbringung einer neuen Wahlreform mit seinem Amt bezahlen, aber die Forderung der Zeit wird über ihn hin­wegschreiten, und die nächsten Wahlen zum preußi­schen Abgeordnetenhaus werden unter einem neuen, hoffentlich besseren Wahlrecht stattfinden, voraus­gesetzt, daß der von der Regierung vorgelegte Entwurf das Plazet der beiden preußischen Kammern findet. Das ist aber sicher, daß die Regierung bestimmt den Versuch machen wird, durch die Vorlegung einer neuen Vorlage eine Verbesserung des Wahlrechts herbeizu­führen.

Berliner.

(Von unserem Petersburger Mitarbeiter.)

-r. St. Petersburg, 13. April.

In Sachen -der drei Berliner Herren, die im Frei­ballon nach Perm geflogen sind und sich dort nunmehr bald drei Monate lang in Haft befinden, ist bereits recht viel geschrieben worden. Die Freunde der Ver­hafteten, der Herren Ingenieur Berliner, Spediteur Nicolai und Architekt Haase, setzten alle Welt in Be­wegung, damit die Verhafteten freigelassen werden, sie wenden sich an die deutsche Botschaft in Petersburg, ans Auswärtiges Amt in Berlin, an Kaiser Wilhelm auf Korfu, damit, wenn die russischen Behörden ver­sagen, der Zar sein Machtwort spreche, kurz, sie wollen den Abschluß der gerichtlichen Prozedur nicht abwarten, die, wie verlautet, Ende Mai zur gerichtlichen Verhand­lung führen wird.

Da muß denn doch gesagt werden, daß es ange­brachter wäre, etwas weniger Nervosität an den Tag zu legen. Die Sache ist nun doch nicht so sonnenklar, wie die Herren und ihre Freunde- sie hinstellen. Außer Zweifel steht natürlich, daß die Herren, sich nicht mit Spionage abgegeben haben und daß die in den Peters­burger deutschen Blättern veröffentlichte Erklärung der Berliner Rechtsvertreter des Herrn Architekten Haast, daß seine Militäruntauglichkeit, gesellschaftliche Stellung

*) Wir geben die Darstellung unseres Petersburger Mit- it«S - NB. eines Deutsche n -. obwohl sie von

ters NB. eines Den t .s ch e nobwohl sie von Beeinflussnna durch die rusnsche Anschmrung des Falles Mnz frei zu sein scheint, doch deshalb wieder oa ganz nützlich erscheint, die Sache auch einmal

... es

bnrt

und Wohlhabenheit die Ausübung des gefährlichen Ge­schäfts der Spionage ausschließe, auch auf die beiden anderen Herren zutrisft. Andererseits würde man es in Deutschland deutschen Behörden sehr verargen, die unter verdächtigen Umständen über die Grenze ge- konrmene russische Flieger ohne weiteres laufen ließen. Sehr dubiöser Art aber sind die Umstände, unter denen der Flug der drei Herren erfolgt ist.

Präzisieren wir diese Umstände nach der russischen halbamtlichen Darlegung, so ergibt sich folgendes: Die Herren behaupten, sie seien vom Schneesturm nach Rußland verschlagen worden. Also force majeure. Sie sind auch leicht gekleidet, somit für die russische Kälte nicht vorbereitet. Aber sind die Herren wirklich so unerfahrene Flieger gewesen, daß sie es gar nicht bemerkten, daß sie über die Grenze geflogen waren? Perm liegt am äußersten Ostrande des europäischen Rußland. So stark kann kein Schneesturm sein, daß er einen Ballon durch ganz Rußland hinfegt. War er wirklich stark, so hätten die Balloninsassen sich mit er­starrten Händen an die Gondel klammern müssen, hätten also nicht sorgfältig ein Tagebuch führen können, das die Luftströmungen genau verzeichnet und als schwer­stes Belastungsmaterial vorliegt. In diesem Tagebuch steht, daß,als wir an der russischen Grenze waren", an der Ostseeküste, der Ballast über Bord geworfen wurde und der Ballon in die Höhe ging. Die Über­schreitung der Grenze war also bemerkt worden. Da die Flieger dem Deutschen Luftschiffahrtsverbande an­gehören, muß es ausgeschlossen sein, daß sie vom Ver­bot des russischen Kriegsministers, die Grenze zu über­fliegen, nichts wußten. Wären die Herren gleich nach Feststellung der Grenzüberschreitung gelandet und im Kownoschen oder gar Wilnaschen niedergestiegen, so hätten sie ihren guten Willen jedenfalls bekundet, und die Sache hätte sich glatt erledigen lasten. Doch die Herren verzeichnen im Tagebuch, daß sie die Festung Dünaburg überflogen haben und von der Festung aus beschossen worden sind. Auf die Schüsse hin hätten sie laut Vorschrift niedergehen müssen, sie aber flogen lustig weiter, als wollten sie Verfolgern nach Osten ent­gehen. Trotz des bösen Wetters machten sie noch photographische Aufnahmen, und zudem hatten sie ein militärisches Briestaubenpost-Reglement an Bord, als ob sie auch über Brieftauben verfügten.

Liegt keine force majeure vor und ist die Spionageabisicht ausgeschlossen, so kann nur von einem sträflichen Leichtsinn die Rede sein, vorausgesetzt, daß die russischen Angaben richtig sind. Dann haben sich die Herren in lustiger Laune über alle Verbote des russischen Kriegsministers und alle sonstigen Bedenken leicht hinweggesetzt und haben einmal eine Spazierfahrt nach Rußland unternommen. Für Ingenieur Berliner aber kommt noch der besonders erschwerende Umstand hinzu, daß er bereits einmal nach Rußland verschlagen und nur auf sein Wort, diewissenschaftlichen Studien­fahrten" nach Rußland nie zu wiederholen, nach Hause gelassen worden war, daß er aber ein Gesuch an den russischen Minister des Innern um die Erlaubnis zum Besuche Rußlands eingereicht hatte, daß btefe§ Gesuch abgeschlagen worden war da Ingenieur Berliner ein Jude ist und daß er trotzdem nach Rußland gekom­men ist. Die Untersuchungsbeamten glauben an die Unfreiwilligkeit der Landung in Rußland nicht. Aber auch jedem anderen drängt sich die Frage auf: konnte

Nachdruck verboten.

Heimisches Naturleben.

Skizzen von Walther Schulte vom Brühl.

il.

Schwalben.

Wir waren immer gute Nachbarn. Wenn ich a }& 3unge den Kopf zu meinem Fenster hinansstreckte, waren sie nur so nahe, daß ich. sie fast greifen konnte, aber sie hatten gar keine Angst. Unermüdlich holten sie an feuchten Stellen der Band­straße den grauen Schmutz, mischten ihn mit dem ausgezeich- neten Mörtel ihres Speichels und mauerten darauf los, ent­weder ein frisches Nest bauend oder ein altes ausbessernd. Die Spatzen, die während des Winters in den alten Schwalbennestern eine warme Zuflucht suchten und aufs Früh­jahr Miene machten, sich dort einen Hausstand zu gründen, hatte ich vermittelst des Blaserohrs vertrieben. Sonst hätte es wohl einen heißen Kampf um die Festung gegeben. Es ist keineswegs nur eine Sage, daß sich die Schwalben vereinigen und den frechen Eroberer einfach einmauern, wenn sie ihn sonst nicht vertreiben können. So harmlos diese Kinder der Luft sind, deren schwache Klammevsützchen einen Aufenthalt auf der Erde fast zu einem Abenteuer machen, in Rot und Gefahr tun sie sich zusammen, verjagen kühn und unter lau­tem Kriegsgeschrei eine Katze vom Dachfirst oder beunruhigen gar einen herumstrolchenden Sperber dermaßen, daß er sich oor ihnen davon wacht. Und kommt eins von ihnen in Gefahr, so suchen sie ihm zu Holsen, so gut es geht. Ich erinnere mich, wie einst eine Rauchschwalbe, die in einem Mauerloch genistet

und sich mit dem Füßchen in einem Pferdehaar gefangen hatte, sofort Beistand von Dutzenden von Genossinnen er­hielt; leider vergeblich, so daß ich ste schließlich, nm ihre . Qualen zu enden, an dem unzugänglichen Ort durch einen Deschingschuß töten muhte. .. r ..

Es sind rechte Geselligkeitsvogeh die Schwalben. Welche Lust, wenn sie sich in toller Hatz jubelnd um Firsten und Türme jagen, oder wenn sie nach dem Flügg.ewerden der Kleinen in großen Masstnverbänden diesen. Flngunterricht er­teilen, oder sich vor der Abreise zu zwitschernden Volksver­sammlungen auf den Telegraphendrähten zusammentun.

Etwas Wunderbares ist es, wenn man im Vorfrühling den waldfüllenden Jubel der Singdrossel zuerst wieder hört und wenn sechs Wochen später der Sang der Nachtigall aus den Tälern erschallt, .aber ich weiß nicht, ab das Herz des Naturfreundes nicht doch noch höher schlägt, wenn er der ersten Schwalbe ansichtig wird.

Nun schau ich wieder wie tags zuvor Zum Frühlingshimmel empor und empor Und harre voll Sehnen von Stund zu Stund,

Und schaue und späh' mir die Augen fast wund.

Hei, jetzo im Süden aus .Wolken und Duft,

Was schießt wie ein Pfeil so geschwind durch die Luft? Und was zirpt und was zwitschert mit fröhlichem Schall?

Es blitzt in der Sonne wie blaues Metall.

Fetzt schwebi's um den Hügel, nun feh ich cs nah:

Heisa, juchheisa! Die Schwalben sind da!

Wenn sie kommen, im Laufe des April oder in den höheren Breiten denn selbst in den Tundren Lapplands

sind sie heimisch evst im Mai, dann ist es wirklich Früh­ling, dann muß die Luft von Infekten erfüllt fein. Die Schwalben können ja nicht im feuchten Laube wurmen oder die Bäume nach Geziefer absuchen. Nur im Fluge erhaschen sie die Beute, fangen sie uns die Quälgeister und Schädlinge fort, die Fliegen in den Viehställen, die Schnaken über dem Wasser und all das taumelnde, flatternde, schwirrende Zeug zwischen Himmel und Erde. Sie leben ausschließlich von Infekten. und verzehren ihrer unendliche Mengen. Wenn sie ihre im Juni auskommende erste Brut oft gibt's noch eine zweite atzen, macht jedes Schwälbchen bet löstün'diger Arbeitsge.it in jeder Stunde bei gutem Wetter durchschnittlich 30 Streifzüge und jeder trägt mindestens 10 Insekten als Beute ein. Das macht täglich etwa 5000 Insekten. Man kann annehmen, daß jede Schwalbe uns in einer Sommer­saison von einer halben Million Insekten befteit. Die Ver­dauungskraft der Schwalben ist ungeheuer, aber das Unver­dauliche der Kerfe, zumal die Chitinpanzer, geben sie als Gewölle wieder von sich. Nützlichen Insekten, zumal den Bienen, tun sie keinen Abbruch. Sie zählen zu den wenigen gefiederten Freunden, die ausschließlich nur Nutzen bringen. Daß sie dem unglücklichen Tobiasvater das Augenlicht kosteten, ist historisch nicht zu erweisen. Ich zweifle sogar daran, daß dasjenige, welches" eine so stark ätzende Wirkung besitzt. Doch der Aberglaube macht sich ja an jedes Tierchen heran. So gibt es der Landleu?" genug, die meinen, im Herbste stürze sich die ganze Schwalbenschar auf den Grund der Seen und verschliefe, wie die Frösche, die Wintersunbilden im Schlamme. Biologie schwach! Auch erzählt man sich von ge­fällten Bäumen im Winter, die beim Zersägen bluteten, weil