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Donnerstag. 16. Hpril 1914.
Morgen - Ausgabe.
Hr. 175, * 62. Jahrgang.
Die Zrau
und der Geburtenrückgang.
Von Dr. Gertrud Bäumer.
, In nahezu allen Erwägungen über den Geburtenrückgang wird „der Feminismus" als eine der Ursachen genannt, die zur Erklärung in Betracht gezogen werden müssen. Dabei kommt das Schillernde, ja ausgesprochen Zweideutige dieses Begriffs dem Kritiker zugute. Was wird eigentlich darunter verstanden? Der eine denkt an die erwerbstätige Frau, der andere denkt genau an das Gegenteil: an Frauen, deren Mutterinstinkte durch Bequemlichkeit, Genußsucht und egoistischen Lebensdrang verdorben und gelähmt sind. Aber diese Typen gehören zwei Welten an, wie sie verschiedener kaum gedacht werden können. In jeder dieser beiden Welten ist der Geburtenrückgang ein ganz anderes, sozial, hygienisch, sittlich und wirtschaftlich unvergleichbares Problem.
„ Ist die Zunahme der werblichen Erwerbs- tätigkeit am Geburtenrückgang schuld? Das wird oft ziemlich kritiklos behauptet. Und zwar in verschiedenstem Sinne. Je ungebildeter der Beurteiler in volkswirtschaftlicher Hinsicht ist, eine um so größere Rolle spielen die beiden Behauptungen, 1. daß die werbliche Erwerbstätrgkeit die Frau ehescheu macht, und 2. daß sie den Mann ün der Familiengründung hindere. Beide Vermutungen hätten etwas f ü r sich, wenn der Geburtenrückgang aus einem Rückgang der Eheschließungen zu erklären wäre. Das ist aber nicht der Fall, denn erstens haben wir keinen Rückgang der Heiratsziffer, der dem Geburtenrückgang zahlenmäßig entspräche, zweitens findet sich stellenweise Geburtenrückgang sogar bei Zunahme der Eheschließungen. Im ganzen ist in der Zeit stärkster Entwicklung der weiblichen Erwerbstätigkeit weder die Heiratssrequenz zurück-, noch das Heiratsalter in die Höhe gegangen. In dieser Hinsicht kann also von einer Wirkung der weiblichen Erwerbstätigkeit auf die Ge- bnrtenverminderung nicht gesprochen werden.
Eine andere Möglichkeit wäre die ungünstige Wirkung der Erwerbsarbeit auf die Gebärfähigkeit der Frauen. Selbst wenn sie statistisch im ganzen nicht nachweisbar ist, weil die Untersuchungen fehlen, liegt es auf der Hand, daß bestimmte schwere körperliche Arbeiten die Mutterschaftsleistung der Frau gefährden, sowohl wenn das junge Mädchen vor der Ehe, als wenn die Frau in der Ehe dazu genötigt ist. Diese der Mutterschaft schädlichen Arbeiten sind aber nicht solche, die der „Feminismus" für die Frauen erkämpft und gewollt hat — im Gegenteil, sie finden sich gerade da, wo die Frauenbewegung auf die Gestaltung der weiblichen Berufsverhältniss? keinen Einfluß hat und haben kann: z. B. in der Fabrikarbeit, aber auch, wie gerade noch eben eine große Erhebung in ganz Deutschland gezeigt hat, bei der mit schwerer Arbeit zunehmend überlasteten K l e i n b ä u e r i n. Daß Ar. beiten, bei denen anhaltend gestanden werden muß, den
Nrmtvle France.
Zu seinem 70. Geburtstag, 16. April.
Von Dr. Paul Landau.
Als der bedeutendste Schriftsteller seines Volkes, als der ideale Repräsentant des französischen Geistes in der Gegenwart, von einem Meltruhm umstrahlt, so erscheint Anatole France an seinem 70. Geburtstag. Recht populär geworden aber ist er nur in Frankreich. Bei uns verehren ihn die literarischen Feinschmecker; er ist der Liebling der Wenigen. Seine Landsleute dagegen haben ihm, dem schlichten France Thibaut, der einst kühn seinen Vornamen, zugleich den Namen seines Vaterlandes als Schriftsteller annahm, die vertrauliche Bezeichnung „Ps-re France" zuerkannt, wie sie früher den Patriarchen ihrer Dichtung „Vater Hugo" nannten, und der kleine Mann spricht gar noch familiärer von ihm als von „Monsieur Anatole". Solche Volkstümlichkeit hat hier ein durchaus nicht volkstümlicher Dichter erreicht, ein scharfer, alle Vorurteile vernichtender Denker, ein in seinen tiefsten Absichten schwer zu verstehender Kulturkritiksr und Psychologe, ein aufs höchste verfeinerter und raffinierter Stilist. Instinktiv fühlen auch die Franzosen, die seinen geistvollen Paradoxen nicht ganz folgen können und -seine häufig so wenig spannenden Bücher nicht lesen, daß hier eine ursranzö- sische Persönlichkeit sich äußert, eine Wesensart ausgeprägt ist, wie sie nur uns gallischem Boden sich entwickeln konnte. In ihm leibt jener kühle klare Zweifelssinn, wie er in Montaigne und Voltaire klassischen Ausdruck fand, lebt zugleich jene erdenhaft maßvolle Erzähleranmut, die uns aus den mittelalterlichen Fabliaux, den Geschichten Lafontaines und den Novellen Maupassants entgegenleuchtet.
Eine gewaltige, fast allumfassende Bildung spricht zu uns aus seinen Werken. Besonders ist er im „Irrgarten der Geschichte" zu Hause und hat sich aus seinen Liöblingsepochen einen großen Teil seiner Stoffe LÄolt. Ein feiner Kenner
Körperbau der jugendlichen Arbeiterinnen in einer der Mutterschaft ungünstigen Weise beeinflussen, haben Untersuchungen aus dem sächsischen Textilgebiet gezeigt. Der „Feminismus" wird aber wohl auf dem Kleinbauernhof so wenig eine Rolle spielen wie in der mechanischen Weberei.
Eine andere Frage ist es, ob die Erwerbstätigkeit die Gebärwilligkeit der Frauen hemmt und zu künstlicher Beschränkung der Geburten führt. Es wird unmöglich fein, darüber Genauer festzustellen. Möglich ist nur ein Rückschluß aus den Tatsachen. Ist der Geburtenrückgang in den .Kreisen am stärksten, in denen !>ie_ Eh esrauenarb eit üblich ist? Das G egen- t e i I ift _ der Fall. Die Geburtenzahl — das ist eine der wenigen allgemein anerkannten Gewißheiten in dieser umstrittenen Frage — ist am niedrigsten und sinkt am stärksten in der Mittelschicht, in der E r- werbsarbeit der Frauen zu den Seit euch eiten gehört. Von der Arbeiterschaft kann man beinahe sagen: die Geburtenvermindernng fängt genau da an, wo die Ehefrauenarbeit aufhört, d. h. derselbe gehobene Arbeiter, der seine Frau nicht mehr mit- verdrenen zu lassen_ braucht, hält seine Kinderzahl niedrig, um die soziale Stufe, die er errungen hat, behaupten zu können. Im Beamtentum, wo nach- Weislich die Kinder auch relativ spärlich wachsen, ist die Erwerbsarbeit der Ehefrau fast in allen Bundesstaaten direkt verboten.
Also wenn es auch wahrscheinlich ist, daß hier und da dre Erwerbsarbeit der Frau zum Motiv sür die Beschränkung der Kinderzahl wird, so sind doch die Schichten des stärksten und auffallendsten Geburtenrückganges fast ohne Ehefrauenarbeit. Es ist also zweifellos falsch, in der Erwerbsarbeit der Ehefrau das stärkste Motiv einer gewollten Unfruchtbarkeit zu sehen; die..Tatsachen weisen darauf hin, daß es stärkere Gründe gehen muß.
Nun scheint es zwar charakteristisch, aber darum noch in keiner Weise überzeugend, daß die Theoretiker des -Geburtenrückganges den versagenden Willen immer bei der Frau suchen. Da hier nur subjektive Vermutung und Einzelbeobachtung, nicht aber irgendwelche einwandfreien objektiven Feststellungen dem Urteil zugrunde liegen,, so läßt sich mit demselben Recht aus die in allen Schichten zahlreichen Fälle Hinweisen, in denen der Mann den Familienzuwachs nicht wünscht und die Frau sich vor dem Augenblick fürchtet, wo sie ihm ihre Mutterschaft gestehen muß. In den Schriften über den Geburtenrückgang ist immer wieder zu lesen, daß die Frauen besonders der höheren Klassen immer mehr s e l b st darüber bestimmen wollten, wie oft und wann sie Mntter werden wollten, und daß dies „der größte Hemmschuh sür die Fruchtbarkeit der Zukunft" sei. Der erste Teil dieses Satzes wird richtig sein. Aber mit welchem Recht vermutet man, daß diese selbständigere Entscheidung der Frau ihre Spitze gegen die Mutterschaft richtet?
An dieser Stelle wirkt die Doppelzüngigkeit des Begriffs „Feminismus" am v e r w i r r e n d st -e n .
I und Befeeler der Antike, stellt er -doch mit, Vorliebe nicht die I Reisezeit griechischer Kultur dar, sondern ihren interessanten Verfall, jene grandiose Z-wielichtstimmun-g, dg über dem Abendrot der alten Götter schon die Sonne des neuen Gottes aufgeht. Dann reizt ihn auch das geheimnisvolle Fortleben des Heidnischen im christlichen Mittelalter, und er erzählt von St. Satyr, der den, frommen Abt'begegnet, von der Teufelinne Venus und allerlei antikem Spuk. In der neueren Geschichte ist es die Theologie, deren Probleme ihn cmziehen. So hat er in seinem meisterhaften Roman „Thais" die Bekehrung der schönen Dirne durch den Mönch P-apihnucius geschildert, um den 'Asketen -selbst in die Sünde zurücksinken zu kaffen, har in seiner zweibändigen, von ernster wissenschaftlicher Forschung zeugenden Geschichte der Jeanne d'Arc .ein ebenso streng -kritisches wie psychologisch fein zergliederndes Krank- heits'bild weiblicher Frömmigkeit geboten. In feinem besten Buch aus dem 18. Jahrhundert, der „Bratküche 3Ur ®ö n t 0 hi Pedauque", dem sich aus dem Nachlaß des philosophierenden Haupthelden „die Meinungen,, 'des JHröme Cogngrd" an- .schließen, hat er in alle Abgründe des ancien regime hinabgeleuchtet und doch auch dabei das freie Lachen Rabelais' angeschlagen. Sein letztes Werk „Die Götter üüvsten" enthält ein höchst lebendiges Gemälde aus der Revolution. Trotzdem ist France weder ein Historiker noch ein GeschichtAg-läubiger. Vielmehr, setzt er wie Goethe gewichtige Zweifel in die Möglichkeit, die historische Wahrheit zu ergründen, und hält alle Quellen für unzuverlässig, wie er, das in seiner tiefsinnigen Erzählung „Putois" dargetan. Dieser Putois ist ein wesenloses Phantasiegeschöpf, durch eine Notlüge zufällig entstanden, und doch glaubt die ganze Stadt an sein wirkliches Dasein. Mit einer gestaltenden Kraft, die an Swifts berühmtes Märchen von der Tonne gemahnt, ist hier das Trügerische aller Überlieferung gekennzeichnet. Was wir für Geschichte halten, das ist im besten Falle ein Mythos, höchstens eine „Wahrheit", von Menschen für Menschen erdacht, und im Hirn der Menschen verschiedener Zeiten spiegelt sie sich so
Gewiß, es gibt Frauen, die aus Feigheit, Bequemlichkeit und Genußsucht die „Freiheit" wünschen, sich der Mutterschaftsbürde zu entziehen. (Es gibt aber auch viele Männer, die lieber eine elegante, schöne und lebenslustige, Frau als eine Kinderstube haben wollen!) Aber diese Sorte „Freiheit" hat nicht das Geringste zu tun,,mit der allgemeinen Hebung der Frauenwürde in allen Kulturnationen, kraft deren auch in ihrer Mutterschaftsleistung das eigene Gewis,sen und Verantwortungsgefühl der Frau mitzusprechen verlangt. Diese Frauenwürde wird und kann niemals jener genußsüchtigen Schwächlichkeit Vorschub leisten, die sich der Gattungsbestimmung entzieht.
Ein Vorspiel zu den neuen Handelsverträgen.
Im Januar dieses Jahres hatte Staatssekretär Dr. Delbrück der der Beratung des Etats des Innern die Erklärung abgegeben, es liege für Deutschland keine Veranlassung vor, durch Kündigung der Tarifverträge von 1906 zur Neuregelung der Handelsbeziehungen den Anstoß zu geben. Diese Erklärung war gewissermaßen nur eine platonische und wurde auch so von den verschiedenen wirtschaftlichen Jnteressenverbänden Deutschlands gewertet. Der Deutsche Landwirtschaftsrat, der Bund der Landwirte, der Deutsche Handelstag, der Zentralverband der deutschen Industriellen, der Bund der Industriellen, der Hansabund haben bereits zur Frage der kommenden Handelsverträge Stellung genommen und suchen in ihren Kreisen die Wünsche der einzelnen Interessengruppen zu ermitteln. Wäre es nach den Wünschen unserer Reichsregierung, die sich auf keinen Fall die Gunst der Agrarier verscherzen will, gegangen, so würden wir ans den jetzigen Handelsverträgen ohne weiteres in neue übergleiten, ohne daß an bestehenden Zöllen etwas geändert worden wäre. Selbst die extremsten Agrarier, die jetzt nach dem Rahmzoll rufen und die Einfuhr sämtlicher Bodenerzeugnisse, welche die heimische Erde hervorbringt, durch Prohibitivzölle fernhalten möchten, hätten sich damit — natürlich unter dem üblichen Geschrei — zufriedengegeben.
Aber wenn wir auch allen Ernstes wollten, unsere Nachbarn wollen nicht. Die österreichische Regierung hat bereits ganz unzweideutig erklärt, daß verschiedene Zollpositionen einer Abänderung bedürfen, soll es wieder zu einem Handelsvertrags zwischen Deutschland und der habsburgischen Monarchie kommen. Auch aus Skandinavien vernimmt man allerlei Abänderungswünsche. Aber es kann noch viel Wasser die Spree hinabfließen, bevor man sich in regelrechte Verhandlungen darüber einläßt.
Rußland hat nicht so lange gewartet, bis offiziell die eigentlichen Vorverhandlungen beginnen. In die friedlichen Klänge der Osterglocken kam diesmal ein wirtschaftlicher Mißton. Von Petersburg . her brachte
verschiedenartig, wie etwa die Religion Riquets, des „Hundes von Herrn Bergeret", sich von der seines Herren unterscheidet.
So mischt sich in die geschichtliche Darstellung Frances stets ein -fremdes Etwas, eine ganz persönliche Note, die zu der Objektivität historischer Schilderung ,m schroffsten Gegensatz stcht. Man könnte es jene besondere Form der Ironie nennen. Er hat sie von Renan, dem anmutig weicher, Skeptiker, gekernt; aber sie ist bei ihm schärfer, anschaulicher, dichterischer. Stets klingt heraus, -daß sich alles -ganz anders verhalten hat als man gemeinhin annimmt; stets blickt sein spöttisches Lächeln durch die Seelen seiner Personen hindurch, uttd wenn er auch nicht wie Shaw alles auf den Kopf stellt und^ Napoleon als Dummkops, Caesar als Spießer zeichnet, so ist es doch der unausgesprochene Gegensatz zur heutigen landläufigen Anschauung, der ihn leitet. Die Tat des Pilatus, der den Herrn verurteilte, verleiht dieser Gestalt ihre weltgeschichtliche Tragik; in Frances Novelle „Ju-daeas Pvo- kurator' erinnert sich Pontius garnicht an Jesus; er hat damals so viele Juden kreuzigen lassen; wie soll er sich grade aus den einen besinnen? Auch Maria Magdalena und Paulus sehen wir heute im Heiligenschein der Bibel; bei France wendet sich die anständige Römerin entsetzt von der Dirne ab unld der Prokonsul Gallio stößt sich nicht an der Religion, sondern an dem barbarischen ungepflegten Äußeren des Apostels. Dante steht uns hoch über Vergil; der römische Dichter aber ftelEjt in einer köstlichen Episode der „Insel der Pinguine" in dem Italiener, dem er in der Unterwelt begegnet, nur einen rohen und tollen Phantasten. Indem France all solche welthistorischen Vorgänge im naiven Legendenton, scheinbar ganz unbefangen und treuherzig berichtet, macht er das Ketzerische und Ironische seiner Auffassung noch deutlicher.
Die ewige Zweifelfsfrage „Was weiß ich?" und d-as pikante Lächeln der Paradoxie geben jedem geschichtlichen Bilde Frances ein persönliches Kolorit. Aber Kälte urstr ftn.
